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2 Thesen: Kritik des letzten Satzes von „Walter Nowak bleibt liegen“ von Julia Wolf

Normalerweise geht es ja immer um den ersten Satz, der alles eröffnet, der nicht falsch sein soll, sonst liest keiner weiter, ist alles versaut, vornherein, sagt in Gesprächen über den ersten Satz auch immer einer und dass die ganze Mühe umsonst ist, ist die Angst. Aber noch nie hat einer an den letzten Satz gedacht, also natürlich doch, aber nicht in dem Modus, in dem man an den ersten denkt, nicht in der Form der totalen Fokussierung, nicht im Sinne einer Ausstrahlung von einem Punkt, der eigentlich immer ein Start- und nie ein Schlusspunkt ist, auf alles.

Eine Klammer bilden oder einen Kreis schließen

Aber Walter Nowak zwingt dazu, an den letzten Satz zu denken, nachdem er seinen gesamten Hundertachtundfünfzigseiten-Stream offengelegt hat und dem dann einen letzten Absatz, der eigentlich ein Satz ist, nur durch Punkte gegliedert, hintanstellt, als sollte der eine Klammer bilden oder einen Kreis schließen, als würde er, Walter, ganz am Ende dem Leser nicht mehr, was er hundertachtundfünfzig Seiten lang durchhält, zutrauen, zu verstehen und deshalb erklären müssen, womit der Leser bis dahin, bis kurz vor Schluss, allein gelassen wurde.

These 1: Den Leser retten

Der letzte Satz zerstört nicht alles, macht die Illusion nicht kaputt, es ist ja nie eine und Du weißt das, die andauernden News zu, Walter, im Facebook-Thread, Longlist, sagen ja ständig, dass es ein Buch ist, ein Roman, Fiktion. Aber wenn Du drin bist, die Stufen der Treppe auch Dir entgegenkommen (S. 139), wenn Du drin bist, tripp trapp, und auf das Ende zusteuerst und schon weißt, bald ist es vorbei, bald bist Du wieder raus aus dem Buch, weil es ein Ende findet, es rückt näher in der rechten Hand, wenn Du drin bist, dann willst Du nicht auch noch rausgeworfen werden, von dem Buch, wie mit einem Tritt versehen, Sieh hin, Leser, ließ diesen letzten Satz, ich bin ein Buch, falls Du es nicht wusstest. Aber soll der letzte Satz trotzdem genau das machen? Ja, das ist die erste These, das ist die Funktion, die diese letzte Seite hat. Den Leser retten, aus seinem, Walter, aus dem Kopf des anderen raus in den eigenen zurückholen. Wenn er das soll, dieser letzte Satz, das kann er.

These 2: An die Größe des Textes zurückholen

Noch deutlicher Achso sagen würde man, wenn einer sagte, dass der letzte Satz erst den Kontrast herstellt. Wie an die Sonne im Sommer gewöhnt man sich an alles Gute ja viel zu schnell und nennt es normal, behandelt es so, würdigt es nicht mehr. Eine Fahrt in der U-Bahn im Sommer, Gänsehaut, nur ein bißchen kalt, das hilft, den Sommer wieder herbeizusehnen, das Licht, lässt die Sonne umso wärmer strahlen, sagt Dir, dass es eben nicht normal ist, dass alles gut ist. Und dieser Satz, nicht meiner, Walter, der letzte Satz in diesem Buch macht klar, dass Du, Leser, die Gewöhnung nicht verhindert hast und holt Dich wie die Kälte im Schacht in den Sommer, an die Größe des Textes zurück, den Du einen Satz vor dem letzten schon zu Ende gelesen hast.

Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen, 158 Seiten (und ein Satz), Frankfurter Verlagsanstalt 2017

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