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Kategorie: Blog-Prosa

Jesko ist

Jesko ist einer dieser Menschen, die sich über die ständige Verwendung des Wortes Manufaktur aufregen. Jesko mag Männer nicht, die der vermeintlichen Klasse wegen Zigarillos rauchen anstatt Zigaretten. Jesko mag es auch nicht, selbst die Rolles eines sogenannten echten Mannes zu übernehmen. Denn das bedeutet, dass er nur auf der Seite der Badewanne mit dem Metallding sitzen kann, sobald er in einer festen Beziehung ist. Jesko stellt den Wecker so, dass die einzelnen Zahlen in der Quersumme sieben ergeben aber das ist keineswegs ein Zwang, würde er sagen, würde ihn jemand danach fragen, sieben ist vielmehr nur eine harmonische Zahl. Manchmal kann sich Jesko nur noch an die Eselsbrücke erinnern aber nicht mehr an das, woran sie ihn erinnern soll. Jesko gibt immer alles und nie auf. Jesko ist auch schwul. Aber das ist für ihn kein Thema.

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Grillwalker am Alex explodiert

Tommi brauchte eine Story. Ohne Story keine Reportage. Ohne Reportage kein Platz an der Axel-Springer-Akademie. „Eine dunkle, bitte.“ Seit Tagen stand Tommi am Alex, stopfte Bratwürste in sich hinein und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts. In ganz Berlin nicht. Und die Bewerbungsfrist lief. „Kann ich lieber das andere Brötchen?“ Die Geschichte musste Lokalkolorit haben. Das war Tommis Riesenvorteil gegenüber den unzähligen anderen Bewerbern. Den musste er ausschöpfen. „Noch ein bisschen mehr Senf, bitte.“ Es war seine Stadt. Er wurde in Berlin geboren. Er kannte die Ecken und Winkel. Er hatte Zugang zu den wirklich wichtigen Geschichten. Undercover die Probleme kleiner Leute aufdecken wie Peter Zwegert. Oder Günther Wallraff. Das ist es doch, dachte Tommi. „Sag mal,“ Tommi hob die Stimme wieder an, „ist das nicht super heiß da den ganzen Tag mit dem Grill vorm Bauch und der Gasflasche auf dem Rücken?“ Der Grillwalker zuckte mit den Schultern. Man dürfe eben nicht in der prallen Sonne stehen.

Am nächsten Tag stand Tommi selbst auf dem Alex mit einem Grill vor dem Bauch und einer Gasflasche auf dem Rücken. Es könnte doch sein, dachte Tommi, dass alle Grillwalker auf dem Alex in Wahrheit investigative Journalisten sind. Man sieht doch, wie sie durch die Gegend starren und auf eine Geschichte warten. Tommi trat in den Schatten. Grillwalker am Alex explodiert, die Überschrift stand. Unachtsamkeit, ultraorthodox. Bis auf ein U enthielt die Überschrift bereits alle Vokale. Tommis Suche nach einer sprachlich ausgewogenen Ursache war beschränkt.
„Pass uff.“ Tommi spürte einen festen Griff auf seiner Schulter. „Hör zu, Zarter. Das ist ne ziemlich unsichere Gegend hier. Und Sicherheit kostet. Stunde ein Pfund.“ Ein Pfund? Tommi verstand nicht. „Zwanzig Euro, Du Spezialist. Spezialtarif, weilde neu bist. Ick komm in vier Stunden wieder. Dann krieg ick von dir hundert Steine.“ Hundert? „Wegen Aufnahmegebühr. Und jetzt Attacke. Sonst knallts.“

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Der Publizist Chris Wolf war von dieser Geschichte inspiriert und hat aus ihr ein schönes Bild gemacht. (Dankeschön!)

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Teil einer Kategorie

Wann kennt man jemanden nicht mehr? Es gab eine Zeit, da kannte uns niemand so gut wie wir. Wir waren mal ein Paar, liefen fast jede Nacht zusammen die Schönhauser runter. Oft war einer von uns, mal Du, mal ich, so besoffen, dass der andere ihn  halten musste. Wir arbeiteten von mittags bis nachts an unserem Traum. Und dann hast Du diese Kopfentscheidung getroffen, so hast Du sie damals genannt. Einen Monat lang hatte ich Bauchschmerzen, wenn ich an Dich dachte, dann traf ich meinen Mann.

Und irgendwann begann ich, von Dir zu lesen. Erst Berliner Woche dann Tagesspiegel dann Tagesschau. Schauspieler des Jahres. Bekannt dafür, seine Rollen umzuschreiben.

Einmal fragte mein Mann, ob wir in einen Deiner Filme gehen. Er mag den Hauptdarsteller, findet den irgendwie cool. Im Friedrichstadt Palast war neulich eine Premiere und Du liefst über den roten Teppich und ich auf der anderen Straßenseite von der Arbeit nach Hause. Ich wohne immer noch hier. Du mal hier mal da, steht auf Wikipedia. Wie würdest Du mich finden, wenn Du das wolltest? Und warum stellen sich alle Fragen nur in Deine Richtung? Nur-ich-und-Du, nie Du-und-ich.

Ich denke an Dich als entgangene Chance. Wenn man nicht mehr zusammen ist und vom anderen nichts mehr hört, dann vergisst man auch die Eventualitäten. Aber das erlaubst Du mir nicht, wenn Du mich von dem Poster über dem Bett meiner Tochter aus ansiehst. Die Zeit in Berlin habe Dich geprägt, zitiert Dich Spiegel Online. „Damals ist viel Wichtiges passiert.“ Viel Wichtiges. Zum ersten Mal bin ich Teil einer Kategorie. Damals. Sprichst schon von mir aus dem Danach. Würde das auch gerne können. Ab wann kennt man jemanden nicht mehr?

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High Heels und glänzende Leggings

Halb sieben aufstehen. Ich denke mir immer was dabei, wenn ich mich morgens anziehe. Das hängt natürlich von der Stimmung ab. Und oft spüre ich diese latente Morgengeilheit. Und dann will ich, dass man das sieht, erkennt, sich seinen Teil über mich denkt. Halb acht nackt, und dann glänzende Leggings und High Heels, yeah, und ich schaue die Typen an und erst eine Sekunde zu spät wieder an ihnen vorbei. Und dann wird die Frau vor dem Büro von der Straßenbahn überfahren. Und dann stehst Du da. Weißt nicht wohin, kannst nicht zurück, zitterst am Tisch und verdrückst die Tränen vor den Kollegen nicht, lässt sie raus, aus Dir heraus, von innen kommen sie, aus dem Inneren, fallen auf das Äußere, fallen drauf, prallen von der Leggings ab, von der Leggings und ihrem Glanz, der halb neun mit Dir nichts mehr zu tun hat.

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Disintegration

Ich will mich seit ich es kenne so fühlen wie dieses Mädchen, dieses eine, in Philo kommt es immer zu spät. Ich will so sein wie sie, will diesen Lebensstil, diese Herangehensweise an alle Dinge, das Tragische im Blick und den Gedanken, ihren Gedanken, hier irgendwie falsch zu sein. Ich find das so cool, ich merke, wie sehr das so ist wie ich und endlich habe ich herausgefunden, wie es geht. Ich muss dafür baden gehen, möglichst oft, muss Kippen rauchen, in der Wanne, und Weintrinken, auch oft, muss Musik hören, vor allem das muss ich mir angewöhnen, und muss beim Musikhören dann starren: an die Wand aus Fliesen, und muss dem Rauch beim Wallen zuschauen: erst auf, die Wand hoch, dann hinab, die Wand hinunter, in die Wanne rein, ungebremst vom Schaum, das muss ich machen, dann werde ich mich so fühlen wie sie. Falsch in dieser Welt und irgendwie the-cure-disintegration-mäßig.

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Bettenturm

Die Klingel des Aufzugs macht keinen Klang. Einen Ton schon. Aber der ist so hell, dass er eher ein Leuchten ist.

Ich bin seit fast fünf Jahren im Bettenturm der Charité. Ich laufe viel, denn zwischen der Information und der Lieferantenauffahrt gibt es keinen Aufzug. Nur eine halbe Treppe nach unten.

Ich wasche mir oft die Hände. Denn mir kommt hier mit der Zeit alles immer schmutziger vor. Keinen Türgriff kann ich anfassen ohne Ekel. Und wenn ich mal auf die Publikumstoilette gehe, weil unsere wieder kaputt ist, dann spüle ich die Pisse der Besucher aus dem Pinkelbecken, damit sich meine eigene nicht mit ihr vermischt.

Unsere Intensivstationen sind nicht nach Krankheiten sortiert. – Falsch: Nicht unsere. Es sind die Intensivstationen der Charité, die nicht nach Krankheiten sortiert sind. Immer wieder mache ich diesen Fehler. Und manchmal, wenn ich mit dem Gefühl, kein externer Dienstleister zu sein, sondern dazu zugehören, den Satz wie aus der Pistole auf einen Besucher abschieße, dann lachen die umstehenden Ärzte und Schwestern mich aus. Nicht laut. Aber ich sehe es um den Mund.

Vorhin nickte der Bezirksleiter Nord-Ost mir vom Aufzug aus zu, bevor er nach oben fuhr. Unser Auftrag wurde neu ausgeschrieben. Ob Securitas ihn noch mal bekommt ist unklar. Aber in einem Technikpark in Weißensee ist eine Nachtschicht frei geworden.

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Clärchens Ballhaus (H 4)

Heimkehr
in fünf Szenen.

< Personen

FRANZ
ANDRES
HANDWERKSBURSCH
CHINUKKIN
LOCKIGE FRAU
BLACKY-OLLE
MILF >*

* Personenverzeichnis vom Herausgeber. Der Dramentext folgt der letzten überlieferten Handschrift H 4. Namen sowie Figurenbezeichnungen wurden nach Maßgabe von H 4 vereinheitlicht. Veröffentlichung des fragmentarisch gebliebenen Manuskripts auf Anregung Georg Böhms:

***

1. Szene

Der Zapfenstreich geht vorbei, Andres voran.

ANDRES. Siehst Du die Chinukkin dahinten? Auf 17:00 Uhr. (…) Von mir aus gesehen. Alter. Nicht 19, sondern 17, Junge.
FRANZ (nach einer Pause). Krass. Optik Alter.
ANDRES (geheimnisvoll). Hammer Fahrgestell. Wie bei Youporn.
FRANZ. Ich sag dir, die Asia-Weiber gehen richtig ab.
(Arbeitslücke von ein bis zwei Leerzeilen)
HANDWERKSBURSCH. Aber da weißt Du auch nicht, was Du dir einfängst.

2. Szene

Buden. Lichter. Volk.

HANDWERKSBURSCH (starrt in die Gegend). Alter, die mit den Locken dahinten.
ANDRES. Lecker, Orient-Style.
FRANZ. Alter, vergiss es Mann. (Ihn ansehend mit Ausdruck.) Wer hat schon Bock auf Achsel.
HANDWERKSBURSCH. Was?
FRANZ (keck). Na wegen Jungfrau bei der Hochzeit.

3. Szene

Es kommen Leute.

FRANZ. Guck mal da, die Blacky-Olle.
HANDWERKSBURSCH (tritt vor ihn). Das ist ein Arsch.
ANDRES. Und wie die tanzen kann.
HANDWERKSBURSCH. Ja aber Du musst sehen: Die hatte definitiv schon mal einen Schwarzen.
ANDRES (verschüchtert). Stimmt.
FRANZ (verstimmt). Definitiv gesperrt, die Alte.

4. Szene

Wirtshaus.
Die Fenster offen, Tanz.
Bänke vor dem Haus.

HANDWERKSBURSCH. Ey, die Milf da hat mich gerade krass angestarrt.
FRANZ. Ist die geil. (Mit Würde.) Solche Weiber gibt’s nur in Clärchens Ballhaus, sagt auch mein Cousin.
ANDRES. Ja Mann. Aber sie ist deutsch.
HANDWERKSBURSCH (pfiffig). Milfs sind immer deutsch.
FRANZ (fährt fort). Dafür schieben sie dir direkt den Finger rein.
ANDRES. Bist Du schwul im Gesicht?

5. Szene

Nacht.

HANDWERKSBURSCH. Das Wichtigste bei den Weibern ist, dass sie mir nicht auf die Air Max treten.
ANDRES (nach einer Pause). Ja Mann, Tanzfläche ist mir auch zu gefährlich.
HANDWERKSBURSCH. Was sagt die Uhr?
FRANZ (Zieht großartig und gemessen eine Uhr aus der Tasche). Dreiviertel. Ich hab krass Hunger.
ANDRES. Lass mal zu McDonalds, die Weiber sind eh scheiße (ab).

 

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Lieber Zwischenmieter (Sommerpause)

Hola, lieber Zwischenmieter! Ich freue mich, dass Du während meines Praktikums in Barcelona meine Wohnung hütest. Ins Festnetz ist das Telefonieren kostenlos. Ich schlage vor, wir machen das auf Vertrauensbasis, denn ich sehe ja online die Verbindungsübersicht. Der Schlüssel für das Buffet ist weg. Deshalb musst Du die Tür nicht ganz zu machen, wenn Du Dir Teller oder Besteck rausnimmst. Wenn die Tür zu sehr zu ist, kannst Du sie mit einem spitzen Gegenstand einfach aufhebeln. Aber pass bitte auf wegen dem Lack. Wenn man die oberen Fenster hinten- und vorneraus auflässt, hat man einen total schönen Durchzug. Wie am Mittelmeer! Aber wenn sich Wolken am Himmel abzeichnen, wärs cool, wenn Du zu machst. Achtung, die Wasserhähne tropfen, wenn man sie nicht ganz fest zu dreht. Wenn Post kommt von der Uni oder vom BAföG-Amt, dann mach sie bitte umgehend auf und schreib mir, was die geantwortet haben. Lass die übrige Post bitte zu und lege sie einfach auf einen Stapel, sodass sie chronologisch geordnet ist. Falls Du Fleischesser sein solltest: Bitte achte darauf, dass mein Kühlschrank für sowas nicht gedacht ist. Die Nachbarn oben stressen manchmal ein bisschen. Da kannst Du einfach die Polizei rufen. Die wissen schon Bescheid, wenn sie die Nummer sehen. Ansonsten wünsche ich Dir eine total spannende Zeit in Berlin. Seit ich hier hergezogen bin, bin ich echt ein vollkommen anderer Mensch. Ich sage immer, die Stadt hat zwei Gesichter. Eins im Winter, eins im Sommer. Whatever, have fun und ruf mich sofort an, wenn was ist – Mareike

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Überall hören die Sommerpausen auf. Ich hatte in der Zwischenzeit noch etwas zu erledigen, deshalb fängt meine Sommerpause heute erst an, am Bahnhof, Richtung Süden, ein paar Wochen lang.

Der nächste Text erscheint, kurz nachdem ich wieder zurück bin. Nämlich am Sonntag, den 22. September 2013, 09:00 Uhr. Und zwar hier.

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Dass Du Thema bist (3, 2, 1 Deins)

Du kommst an und sie wirkt beschäftigt, fast so, als wärst Du unerwartet gekommen; wirkt noch mitten in einer Sache, fast so, als hättest Du nicht fünf Minuten zu spät, sondern zehn zu früh geklingelt; wirkt nicht ganz fixiert auf Dich, fast so, als gäbe es noch andere Dinge, als Dich. Alles anders, als erhofft aber eben nur fast.
Denn dann trittst Du in ihr Zimmer und siehst: das Bett ist schon gemacht. Und Du erkennst, dass Du nicht erst seit Deiner Ankunft Thema bist und erinnerst Dich: wie Du beim letzten Mal Dein Bett bezogen hast. Und Du erinnerst Dich an die Gedanken, die Dir dabei kamen, die Gedanken an sie, erinnerst Dich, an Dich: wie Du vor der Decke stehst, mit den Zipfeln in der Hand, schon drei Stunden, bevor sie kam, erinnerst Dich, wie Du schüttelst und den gerade rechtzeitig getrockneten Bezug riechst und dabei lächelst, denn von Deinem Geruch war auch noch was drin und der ist wichtig, wusstest Du, auf den kommt es ihr an, hat sie geschrieben, Whatsapp, als sie in die U-Bahn stieg bei sich, und dass sie fast nicht mehr warten kann, auf Dich.
An all das erinnerst Du Dich: wenn Du jetzt vor ihrem Bett stehst und die frisch bezogenen Kissen siehst und weißt, dass Du nicht erst seit Du fünf Minuten zu spät geklingelt hast, bei ihr bist, da, nein, drei Stunden vorher schon: als sie Dir ein Bier kalt stellte, zwei Stunden vorher schon: als sie den kleinen Pickel abdeckte, eine Stunde vorher schon: als sie die Playlist sortierte, ganz und gar.

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Maximal Mokka

„Schultze, ich brauche zehn heiße Frauen.“
„Herr Ministerialdirigent, Verzeihung, ich fürchte, ich verstehe nicht.“
„Was gibt’s da nicht zu verstehen, Schultze? Besorgen Sie mir einfach zehn heiße Frauen auf mein Zimmer. Blond, braun, rot, schwarz, stopp: vergessen Sie braun. Ich brauche je dreimal schwarz, rot und blond. Neun müssen reichen.“
„Aber Herr Ministerialdirigent. Morgen ist doch der Pressetermin im Adlon. Da müssen Sie fit sein.“
„Wieso aber, Schultze? Also machen Sie einfach dreimal schwarz, dreimal rot und dreimal blond. Hebt den Finger und macht eine Pause. Aber machen Sie bei den Schwarzen nicht so richtig schwarz. Also Hautmäßig. Maximal Mokka, so dass man die Schrift noch lesen kann.“
„Herr Ministerialdirigent …“ Wird unterbrochen.
„Was denn noch, Sie Idiot?“
„Verzeihung, welche Schrift?“
„Keine Ahnung, Schultze. Denken Sie sich was aus. Fuck Politics oder so, Free Tiere, No Atomstrom. Gucken Sie einfach in unser Wahlprogramm, Mann, und schreiben Sie das Gegenteil!“
„Ich verstehe. Aber, Herr Ministerialdirigent, der Pressetermin, Sie müssen fit sein morgen, denken Sie doch an Ihre Kandidatur.“
„Schultze, kümmern Sie sich einfach um die Frauen.“
„Sehr wohl, Herr Ministerialdirigent. Zu wann darf ich die Damen denn auf ihr Zimmer bestellen?“
„Was ist denn das für eine Frage, Schultze. Sobald die Kameras laufen, Sie Idiot!“
„Herr Ministerialdirigent, aber wenn die Videos an die Öffentlichkeit geraten …“ Wird unterbrochen.
„Sind Sie bescheuert, Schultze? Darum geht es doch. Kennen Sie einen Mann mit Macht, der im letzten Jahr nicht von Frauen mit Sprüchen überfallen wurde? Putin, Berlusconi, Strauss-Kahn. Alle haben diese Frauen. Das ist sowas wie ein Markenzeichen. Ein Code. Wir müssen diese Sache mit den Frauen auch machen.“
„Herr Ministerialdirigent …“ Wird unterbrochen.
„Schultze, sobald die Weiber ins Bild rennen, weiß der Wähler, der Typ in der Mitte hat Macht, der ist ein Macher. Sie Idiot. Das ist Psychologie!“

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Dann

Wenn Du lügst, eine Zigarette genügt Dir, und dann hat sie doch zwei auf Deinem Wohnzimmertisch liegen lassen. Wenn Du den Namen liest und ahnst, das ist wieder einer dieser Widerstandskämpfer, die kurz vor Kriegsende im KZ gestorben sind. Wenn Du Kings of Convenience hörst und bei jedem Lied denkst, das ist das, an das Du immer denken musst. Wenn schwarz auf weiß verschwimmt zu grau. Wenn der Himmel über dem Dach hellblau wird und Dich an Vergangenheit erinnert. Wenn es sich dreht in Deinem Kopf und Du unsicher bist, ob nicht ein Buchstabe fehlt. Wenn Whatsapp wieder abstürzt und Du weißt, da ist eine Nachricht aber Du kannst sie nicht sehen. Wenn Du was schreibst, was Du nicht sagen darfst. Wenn ihr Foto still vor Dir und Dein Fenster in der Sommernacht offen steht. Wenn das Mädchen, das Du als Kind schon kanntest, in die Schweiz fährt, um sich das Leben zu nehmen. Wenn es keine Alternativen mehr gibt. Wenn das Dann keine Rolle mehr spielt.

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Schweinemensa

„Ich habe mit ihm geschlafen.“
„Was, bist Du jetzt schwul oder was?“, meine Freunde lachten und ich erklärte:
„Es heißt das Mädchen, also habe ich mit ihm geschlafen.“

*

Wenn ich vor meinen Kommilitonen von der Fachschaft Germanistik der HU die Gespräche mit meinen Freunden von zu Hause nachspreche, dann sage ich oft, dass die meisten meiner Freunde sicher nicht mehr meine Freunde werden würden, wenn ich sie heute kennenlernte.

Ich benutze diesen Gedanken seit Jahren in Gesprächen, um zugleich von meinen Wurzeln in Zwickau und meinem aktuellen Stand zu erzählen. Und meine Kommilitonen verstehen das. Wir reden dann über die Entwicklung von Menschen und von dem guten Gefühl, das einem die alten Freunde immer noch vermitteln, wenn man sie sieht. Rückkoppelung. Bodenhaftung. Dass man sich bei ihnen wohlfühlt, nicht viel reden und argumentieren muss, sondern auch mal nur fernsehen kann oder kiffen. Dass man ihnen die Doofheit verzeiht und sie einem die oberlehrerhafte Agitation. Dass es gut ist, alte Freunde nicht zu verleugnen und zu ihnen zu stehen.

Aber das tue ich gar nicht. Was wir bei alledem übersehen ist, wie illoyal ich bin. Als ich neulich mal wieder in der Schweinemensa sitzend kokettierte, dass meine alten Freunden heute alle nicht mehr meine Freunde werden würden, fiel es mir auf.

Wir analysierten: Indem ich so etwas sage, stehe ich nicht zu ihnen, sondern erkläre, dass sie stehengeblieben sind und dass nur ich mich weiter entwickelte. Schlimmer noch: ich stelle es auch als einen Akt meiner Großherzigkeit, meiner Toleranz und meiner Offenheit dar, dass wir immer noch befreundet sind. Dass ich mich vor den Kommilitonen schäme für die Freunde, schlug Lena von der Fachschaft Psychologie als Begründung vor und sie hat Recht, es ist wahr. Warum ich die Freunde nicht einfach unerwähnt lasse, fragte Lena. Aber so edel bin ich nicht, gestand ich. Ich schlage zugleich Profit für mich aus dem Zufall, die Freunde zu kennen. Ich rücke sie immer wieder neben mich und in ein schlechtes Licht, nur um mich, meinen Gang nach Berlin und den Aufstieg zu den coolen Menschen noch deutlicher strahlen zu lassen. Und Lena übersetzte: Ich schiebe mich damit nach außen, aus dem Kreis meiner alten Freunde heraus auf die Metaebene unserer gemeinsamen Zeit.

Dass ich mich nicht mehr ihr Freund nennen darf, seit ich nicht mehr unter ihnen bin, sondern nur noch daneben, dass ich nicht mehr wiederkommen darf, habe ich bei meinem letzten Besuch in Zwickau erklärt. Mann was laberst Du und: wer baut, der haut, hat mich Danny dann belehrt.

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Autor gesucht Ausrufezeichen

Ich brauche eure Hilfe! Dieses Blog wird heute ein Jahr alt und zum Jubiläum soll kein Text von mir hier stehen, sondern einer, der seit über einem Jahr in meiner Küche hängt. Ich habe den Text in einer Disko gefunden, die sich in einer flachen Platte hinter dem Rathaus Mitte befindet und an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Der Text hing schwarz und in Times New Roman gedruckt auf einem weißen A4 Blatt an einer braunen Wand in der Nähe der Toilette (der Rest der Erinnerung ist noch diffuser). Ich machte ihn ab und nahm ihn mit und ich hoffe, mit seiner Veröffentlichung hier an den Autor zu kommen, nicht, um sein Freund zu werden oder über Seelenverwandtschaft oder anderen Quatsch zu reden, sondern um das zu machen, worauf es in Literatur ankommt, das, was mir auf diesem Blog im vergangenen Jahr ab und zu passiert ist und mich jedes Mal lächeln machte, das, was mein Schreibgrund ist, ich will: den Autor wissen lassen, dass sein Text krass cool ist und dass ich diesen Text mindestens einmal in der Woche lese, meistens beim Rauchen, und dass ich immer etwas anderes darin finde, weil der Text nicht viel vor-, sondern Raum gibt, dass er zwar nicht von mir ist aber es mir vorkommt, als sei er über mich. Hier ist er, der Text:

 

rumkurven

unerlöst schneller
drehe ich im kreis

falle atemlos zurück
und überrunde mich selbst

wie lange steht die zeit schon still?
weiterrasend

warte ich darauf,
dass es mich endlich aus der kurve trägt

 

Ps.: Ich dachte bis vorgestern, dass das Jahr 56 Kalenderwochen hat. Hat es aber nicht. Es sind nur 52. Ich habe da was verpeilt und das hängt mit einer Eselbrücke zusammen: Ich merke mir schon seit der Kindheit, dass das Jahr 365 Tage hat, indem ich mich daran erinnere, dass der Fernsehturm in Berlin 356 Meter hoch ist. Die letzte Zahl stimmt heute nicht mehr, weil die Antenne verlängert wurde aber dass man die letzten zwei Ziffern vertauschen muss, hat immer ausgereicht, um jedenfalls die Zahl der Tage im Jahr zu behalten. Jedenfalls schloss ich dann, ich weiß nicht wie und seit wann, hiervon auch darauf, dass das Jahr 56 Wochen hat. Erst als ich vorgestern einem Freund davon erzählte, wurde das Missverständnis aufgeklärt. Dieser Dieses-Blog-wird-ein-Jahr-alt-Jubiläumstext kommt deshalb exakt vier Wochen zu spät, sorry, Prost nachträglich, und jetzt: bitte helft mir, ruft einmal laut zum Mithelfen auf und teilt das auf allen möglichen Wegen, damit der Autor von rumkurven endlich an sein Lob kommt. Zur Not noch zwei-, dreimal lesen. Tausend Dank!

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Ex-Berliner (Darum)

Wie lange ich weg sein würde, hatte Max mich am Flughafen Tegel gefragt und ich konnte nur lächeln, nicht nach außen, so dass er es sah, sondern nur nach innen, sodass ihn mein Blick in Ruhe lies in dem Glauben, wir hätten uns in den letzten vier Jahren kennengelernt. Es war der falsche Weg, der nach Deutschland, das ist mir heute klar, aber was ist der richtige? Der zurück nach Astana? Ich war zwei Jahre lang die Vorsitzende der Informatik-Fachschaft an der TU-Berlin. Einmal war mein Gesicht sogar auf dem Titel unseres Unimagazins. Knallrote Lippen und Regelstudienzeit, das gefiel den Verantwortlichen. Meine Freunde und ich, wir tranken Vodka im Puro, kauften Kettchen auf dem Kudamm, standen, rauchten saufend, laut und tanzend und dann verliebten wir uns. Max und ich. Oder so. Einmal im Jahr zum Ausländeramt, einmal im Jahr sagen, dass wir auch vorhaben, zu heiraten, einmal im Jahr ach, sie können aber gut Deutsch, einmal im Jahr Danke-sagen und durchatmen, noch mal verlängert, einmal im Jahr kein Rausschmiss. Und dann bin ich doch gegangen. Zwei Jahre ist das her und in Kasachstan, da machen wir keine langen und kleinen Schritte wie die Deutschen mit Abitur, Studium, erste Liebe, Job, zweite Liebe, zweiter Job und so weiter, nein, in Kasachstan sind die Schritte groß und kurz, Heirat, Baby. Ich hatte Jurij noch als Kind auf einer Hochzeit kennengelernt.
Wie lange ich weg sein würde, wollte er damals am Flughafen in Almaty wissen und als ich zurückkam, sah er immer noch ganz okay aus und seiner Familie, der geht es gut und ich bin auch in dem Alter, also finde ich, und dass er seine Eltern zu uns geholt hat, damit ich tagsüber nicht allein bin, hat er sicher gut gemeint und das Kopftuch, das trage ich nicht, um mich vor anderen Männern zu verstecken, sondern darum, weil wir das hier so machen.
Von der Pergola Richtung Feld kann ich es sehen, das Schütteln der Köpfe meiner Freunde in Berlin, wenn sie von meinem Leben hier erfahren würden und das Schütteln der Köpfe meiner Freunde hier in Kasachstan, wenn sie von der Zeit in Berlin wüssten. Aber was weder die Deutschen noch die Kasachen beim Schütteln ihrer Köpfe sehen, das bin ich.
Wie lange ich weg sein würde, habe ich mich gestern Nacht gefragt. Wohin noch mal zurück?

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Fussi, Schlesi, Görli, Kotti, Taxi

Also: ich hab den ganzen Tag gepennt. Und abends war ich erst beim Fußballtraining in Spandau und wusste schon, dass ich deshalb zu dem Geburtstag von Thao am Schlesi nicht pünktlich kommen würde aber ich war echt lange nicht mehr beim Fussi und ich wollte Präsenz zeigen, das Problem war nur, dass ich vorher noch eine Seite ausdrucken musste aber beim Drucker war der Druckschlitten blockiert, sodass ich am Ende erst halb acht beim Training war. Aber war alles okay und Rashid hat mich danach mit zum S-Bahnhof genommen und die S-Bahn kam auch gleich, zehn nach zehn war ich bei Thao in der Bar und Hakim sprach mich mit Namen an, ich kannte ihn noch aus der C-Jugend, also: er war damals B-Jugend und gehörte zu den Großen, ich hätte nie gedacht, dass der sich an mich erinnert, ihm gehört jetzt die Bar, ich war so von Spandau nach Kreuzberg? und er so ja, wegen Geld. Ich kannte auf dem Geburtstag dann eigentlich keinen weiter, da waren nur Kiffer mit breitem Grinsen, sone Leute, die so wackeln, wenn sie lachen und die die Schultern dabei hochziehen, mit solchen Leuten kann man ja nicht reden, obwohl das zu wissen natürlich das Gute ist an denen, denn bei anderen Gesprächen bleibt das ja manchmal stundenlang verborgen, dass sie umsonst sind. Ein Mädel mit abrasierten Haaren war ganz geil, die hat mich die ganze Zeit angeguckt aber ich wollte halt auch echt nicht so einen intense talk und was anderes wäre bei der nicht drin gewesen, also bin ich nach ein paar Zigaretten und zwei Bier kurz vor zwölf weiter. Von den fünf Leuten, denen ich geschrieben hatte, antwortete nur Manon, sie war in einer Bar am Görli, also ging ich die Skalitzer runter und dann guck ich in sone Tür rein von sonem Club und da seh ich plötzlich Joao, den hatte ich seit Jahren nicht gesehen und ich ging so rein und war so Hey Joao und dann dreht sich der Typ neben ihm um und das war Holger und ich kam gar nicht klar, die beiden haben gerade ein Brett an die Wand geschraubt und dann sagte Holger, dass das sein neuer Club ist und Joao die Tür macht, dann führte mich Holger noch rum, gab mir ein Bier, das aus Bayern kam, und dann rauchten wir noch, es war gerade halb eins und als wir uns über Körperspannung und Bänderrisse unterhielten rief Manon an und warf mir vor, dass man ja wohl keine dreiviertel Stunde vom Schlesi zum Görli bräuchte, also ging ich weiter und dann hingen wir da in dieser Bar am Görli ab aber die haben bald zugemacht, die lesbische Freundin von Manon war auch da, die ist ganz nett aber die hat nicht besonders viel mit mir geredet. Ich hatte auf Rosi’s dann keinen Bock mehr und dann ging ich zur Sparkasse am Kotti vor, wollte Geld holen fürs Taxi aber dann fiel mir vor dem Automaten stehend ein, dass Isaak neulich sagte, dass er jetzt in einer WG am Kotti wohnt und dann rief ich ihn an und die Bude war genau gegenüber von der Sparkasse, ein Junkie lag auf der Treppe zum ersten Stock und drinnen war der Teppich rausgerissen, Nektarios, den ich vorher noch nicht kannte, fing irgendwann an mit seinem Akkordeon und der Bruder von Isaak, also der kleine, spielte Oboe dazu, Isaak kam am Ende mit Gitarre und Gesang und die anderen und ich, wir schlossen den Kreis um die Kugellampe und ohne Kiffen kommst Du aus soner Nummer ja nie raus und Isaak so: you were here last night, you were driving circles around me und auf einmal funktionierte das nicht mehr mit dem Ablenken und sie war doch wieder da, die Erinnerung an Özlem und ihre behinderten fake-Argumente gestern Nacht und dann war ich froh, dass das Taxigeld schon im Portemonnaie war, hab auf 14 Euro aufgerundet, weil Ümmet siebzig gefahren ist.

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Startup-Amt

„Herr Kaminski, bitte.“ Kaminski war aufgeregt. Nach dem Umzug von Köpenick nach Mitte wechselte die zuständige Arbeitsagentur und mit ihr die zuständige Sachbearbeiterin.
„Tach-schön.“ Kaminski trat ein.
„Guten Morgen, Herr Kaminski, setzen Sie sich.“ Die Sachbearbeiterin schien Kaminski wohlgesonnen. „Herr Kaminski, mein Kompliment zunächst. Nicht viele Langzeitarbeitslose trauen sich, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ich habe ihren Brief erhalten. Erzählen Sie mal.“
Kaminski räusperte sich. „Also. Ich habe nach der Schule eine Ausbildung zum Elektriker gemacht. Dit war noch zu DDR-Zeiten. Aber da gibt’s heutzutage keine Anstellung mehr. Und da habick mir jetzt jedacht, nimmste dein Schicksal selbst in die Hand und machst dich selbstständé, wa. Ick sag ma Elektroinstallation oder sowat.“
Die Sachbearbeiterin lächelte. „Verstehe, Herr Kaminski. Sie wollen ein Tech-Startup gründen.“
„Ein wat?“
„Da sind Sie bei uns genau an der richtigen Adresse, Herr Kaminski. Die Arbeitsagentur-Berlin-Mitte ist auf Startups spezialisiert.“
Kaminski nickte.
„Also!“ Euphorisch band sich die Sachbearbeiterin die Haare zusammen. Sie nahm ein Blatt zur Hand. „Schauen Sie mich an.“ Die Sachbearbeiterin fokussierte Kaminski. „Scharf?“ Kaminski stockte. „Ich frage nur. Unsere Gutscheine für Hornbrillen sind fast alle. Die gehen unter den Gründern weg wie warme Semmeln.“
Kaminski flüsterte. „Ne danke, allet scharf.“
Die Sachbearbeiterin lehnte sich nach hinten zum Regal. „Hier, Karo-Pullis hat man nie genug.“ Kaminski steckte den Pulli in seinen Eastpak.
„Herr Kaminski, haben Sie sich schon eine Social-Media-Strategie überlegt?“
„Eine Strategie?“
„Ja, Facebook, Twitter. Sind Sie schon dabei?“
„Also …“ Kaminski verschob sein Gewicht von der rechten auf die linke Pobacke. „Waren da auch Formulare in dem Ständer?”
Die Sachbearbeiterin verdrehte die Augen. „Herr Kaminski, ich sehe schon, da fangen wir ganz von vorne an. Aber keine Sorge …“ Sie lächelte mütterlich. „Dafür heißt das ja Startup.“ Kaminski lächelte zurück. „Gleich morgen beginnt unser A1-Kurs WordPress-Bloggen für Late-Adopters.“
„Für wat?“
„Für Sie!“
„Dit is aber nett!“
„Gern, Herr Kaminski. Willkommen in Mitte!“

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Roter Iro – Die Zeit nach den Haaren

Geht das auf Kasse? Okay. Hören Sie zu: Ich bin so … kann man das sagen: inkonsistent? Ich glaube, das ist es. Deshalb brauche ich Ihre Hilfe. Ich bin da in irgendwas reingeraten und komme nicht mehr raus. Nicht dass ich das wollte. Das weiß ich gar nicht, ob ich das will, also raus, und zum Wollen gehört ja Wissen und, sehen Sie, da fängt es schon an: Diese schlauen Sätze von mir. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass ich Akzente setze und das baut einen Druck auf. Warten Sie, ich muss das nur kurz twittern. –
Also: Als ich mit meinem roten Iro in den Zeiten der Internetblase anfing, da war alles noch einseitig und klar: Internet-Punk. Booom. Aber das hat sich geändert. Die Dinge sind mehrseitig geworden, multikausal, verstehen Sie? Und dann ist mir die Scheiße irgendwie entglitten, ich komme da nicht mehr hinterher. Mein Straight-in-eine-Richtung-Konzept, also, das passt in dieses veränderte Internet seit Jahren nicht mehr rein und das habe ich begriffen und mich angepasst. Aber nur so halb, nur nach innen, verstehen Sie? Nach außen sieht es immer noch so straight-in-eine-Richtung aus. Auf den ersten Blick, meine ich. Roter Iro. Sehen Sie nicht? Aber sobald man dieses Konzept hinterfragt, sieht man: es geht nicht mehr auf. Und davor habe ich Angst: Stellen Sie sich vor, die Menschen fangen an, mich zu hinterfragen. Inkonsistenz, das nehmen einem die Menschen doch übel, oder? Und ich habe die Fährte ja selbst gelegt: Neulich habe ich die Texte auf meiner Internetseite gelesen. Wissen Sie, wie bescheuert ich mir dabei vorkomme, meine Vita jedes Mal in der dritten Person zu ergänzen? Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Internet auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur.“ Ich bin doch ich und nicht irgendeiner, der mich kennt. Warten Sie, das muss ich kurz twittern. –
Oder das hier, ziehen Sie sich das mal rein, ich habs extra ausgedruckt: „Es ist für mich selbstverständlich, sowohl den Inhalt wie auch den Stil des Vortrags (…) anzupassen.“ Finden Sie das noch punk? Ein Punk biedert sich doch nicht an. Für gewöhnliche Menschen ist das an sich ja okay. Wer was verkaufen will, der muss das an den Mann bringen. Wer sich verkaufen will, der muss sich an den Mann bringen. Das macht jeder so, das muss jeder so machen. Aber ich, ich bin nicht jeder, ich habe die Dinge nie wie jeder gemacht, ich habe sie immer anders gemacht, das war mein USP, immer, ich habe einen roten Iro, Mensch! Dafür sind die Menschen zu mir gekommen. Und nicht ich auf sie zu. Aber dann bin ich älter geworden und, wissen Sie: Der Mensch muss doch von irgendwas leben. Warten Sie, das muss ich kurz … –
Und als Freiberufler, da kommt die Kohle nicht einfach so jeden Monat. Das muss ich Ihnen nicht erklären. Das ist bei Ärzten nicht anders, als wenn man sein Geld mit Vorträgen verdient. Und da musst Du Kompromisse eingehen. Aber das meine ich mit inkonsistent, verstehen Sie? Ich bin nicht Kompromiss. Warten Sie … –
Ich weiß nicht, was mich da geritten hat. Irgendwann dachte ich, die Krux ist: um diese Kompromisslosigkeit zu verkaufen, musst Du mit dieser Kompromissscheiße für dich werben. Das klingt nach einem Widerspruch und ich dachte, das passt zu mir, Widersprüche sind doch punk. Aber dann hab ich reflektiert: Das war natürlich nur eine Ausrede, um diese Anpassung vor mir selbst zu rechtfertigen. Natürlich könnte ich mich auch einfach zurücklehnen: Telekom, VW. Das sind mittlerweile meine Kunden. Und davon kann ich leben. Aber was mein Gehirn fickt ist, dass hinter diesen ganzen Konzernen irgendwelche Team-Building-HR-Spastis stehen, die sich einfach den lustigen Punk-Affen in die Mitarbeiterversammlung holen. Die benutzen mich. Und in der Afterhour machen sie einen auf Streetcredibility, weil sie es gewagt haben, mich einzuladen. Voll cool, wie der plötzlich einen auf Ernst gemacht hat. Und der Irokesenschnitt, schön! Ich könnte kotzen. Ja, die finanzieren mein Leben. Aber ich hab doch auch was zu sagen.
An diesem ganzen Schlamassel bin ich doch selbst Schuld. Ich bin ein Punk mit Existenzangst. Ja, ich weiß selbst: man kann alles immer auf Angst zurückführen. Das ist Küchenpsychologie, sagen die Kids von der Meta-Ebene. Warten Sie, ich muss das kurz … –
Aber nur weil etwas oft und auch von dummen Menschen gesagt wird, ist es doch nicht per se falsch. Sehen Sie, schon wieder so ein Satz! Warten Sie … –
Neulich dachte ich: Einfach Iro ab! Aber wie soll ich mich dann über Wasser halten? Stellen Sie sich mal vor, die Leute gucken nicht mehr mich an, sondern das, was ich sage. Überlegen Sie mal, einer kriegt mit, dass in meinen Büchern seit zehn Jahren dasselbe steht. Noch krieg ich das hin. Ich hole mir einfach Co-Autoren. Aber was ist, wenn das auffliegt? Es gibt ja schon erste Anzeichen. Meine Followerzahl stagniert seit Monaten. Selbst meine Frau twittert mittlerweile über andere Dinge als mich. Und dann wirst Du schweißgebadet wach, stehst auf, gehst ins Bad, guckst in den Spiegel und siehst: diese Haare! Und alles geht wieder von vorne los. Wie ein Korsett. Ein roter Iro mit 38! Steht da, geht nicht ab, schnürt mir die Luft weg. Aber ich darf mich nicht von ihm trennen. Und dann kam der Zusammenbruch. –
Neulich wache ich auf und es schießt mir durch den Kopf: Was ist, wenn Dir eines Tages die Haare ausfallen? Das kann ich doch nicht ausblenden. Damit muss man sich doch konfrontieren, wenn das ganze Geschäftsmodell an ein paar dünnen, roten Fäden hängt. Und dann saß ich da und habe wieder reflektiert: Ich werde mich absichern. Endgültig. Mit Hand und Fuß. Meine Fake-Identity als Teeny-Modebloggerin habe ich aufgegeben. Die Sachen, die mir die Modefirmen schicken, haben eh nie gepasst und den Scheiß bei eBay zu verticken, das reicht nicht zum Überleben. Auf der re:publica habe ich dem Volk dann den Schulterschluss mit Merkel verkauft. Ich plane da sowas wie einen soften Übergang. Ich werde mich in irgendwas reinwählen lassen. Verstehen Sie? Man muss doch auch an die Zeit nach den Haaren denken. Warten Sie …

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Von der Versehrung meines Körpers

Ich war unversehrt
Dann wurde ich geboren
Bald kam die Pockenimpfung und mit ihr die zwei Kreise auf meinem Oberarm
Dann kam das Bein von Sven in meinen Lauf und mit ihm die Narbe auf meinem Knie
Dann kamen die Pickel und mit denen lauter Löcher
Es folgten die Jahre und mit ihnen der Schatten unter den Augen
Dann kamen eine andere Narbe am Bauch und die Enge in der Brust vom Rauchen
Der Belag auf der Stimme vom Saufen
Und dann kam Bosnien
Und wir kamen auf engen Wegen
Und wie wir so fuhren, in Schleifen, die Berge hinauf, sahen wir Steine
Und sahen sie nicht
Und stürzten hinab, in unseren Wägen
Ich kam früher nach Haus, als gedacht
Zwei Beine ab
Ich saß, als ich dich zum ersten Mal da liegen sah
Wurdest in der Zwischenzeit geboren
Da bin ich verwundbar geworden.

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Spiegel-Lesen

Du kaufst dir doch kein iPhone, sondern ein Android, weil das System offen ist.
Und dann nimmst Du weniger Waschmittel, weil die Wäsche ja auch gar nicht so richtig schmutzig wird.
Dann fängst Du an mit Drehtabak, weil das viel echter schmeckt, als Gekaufte.
Du fährst Fahrrad und nicht Bahn, denn das geht in der Stadt viel schneller.
Im Görli wird man auch braun, sagst Du und Surfen in Marokko ist für Spießer.
Second-hand ist cool und originale Chucks sinds nicht.
Dass deine Mitbewohner in den großen Zimmern ständig laut ficken, ist kein Argument mehr gegen eine WG, denn Du magst es, wenn was los ist.
Nach dem Bauen bist Du nicht der, der haut, weil Du nichts dabei hast von dem,
was man zum Bauen braucht, denn das ist ja schädlich, okay, einmal ziehen wird schon gehen.
Wedding ist dein neues Neukölln.
OBEY ist Kommerz.
Drinks schmuggelst Du ins Kater Holzig, weil das ne mega witzige challenge ist.
Du bist ne Jute und your other bag is Chanel.
Hast nur noch Wasser in der Club Mate Flasche, denn … Zucken mit den Schultern und ein Lächeln.
Nimmst eine Pappstiege, weil Plastiktüten die Umwelt verpesten.
Bist nicht verschwenderisch, entscheidest global, ganzheitlich, nachhaltig.
Stimmst für das bedingungslose Grundeinkommen, denn nur dann kann sich der Mensch frei entfalten.
Widersprichst nicht mehr reflexhaft, wenn dich einer auf was einlädt, weil Widersprechen unhöflich ist.
Und beim Spiegel-Lesen im Supermarkt wird dir plötzlich klar, dass du nicht Künstler in Berlin, sondern arm geworden bist.

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Manfred Krug

Und dann sprengt dieser Satz alles in deinem Kopf und es bleibt nur er zurück, weil er das ganze Hickhack zusammenfasst, auf einen Punkt bringt, den Punkt an seinem Ende, und weil Du nicht mehr die Fäden verlierst, wie das beim Denken im Zusammenhang mit Liebe ja immer so ist, nicht nach vorn und nicht zurückspringen musst, weil Du es gar nicht mehr kannst, sondern stehen bleibst, weil dieser Satz es dir endlich erlaubt, durchatmest, weil Du es nach Wochen zum ersten Mal darfst, lachen kannst, weil Du es zum ersten Mal kapierst. Das, was abgeht. Das mit Dir. Das, was der Satz einfach sagt. Das wird ganz schlimm für mich, wenn Du mich mal verlierst.

Und ich hab kapiert, dass ich es sein werde, der geht und der dir, wenn Du nach deiner Flucht vor mir irgendwann zurückkommst, die Tür nicht mehr aufmacht, sondern dahinter steht und weint. Ich hab es verstanden. Der Satz hat es mir erklärt, obwohl er da, wo ich ihn herhabe, gar nicht zu dem gehört, was gesagt werden sollte. Er steht für sich und steht für mich und sagt mir, dass ich es sein werde, der Dich versteht und der dann Schlüsse und dann den Schlussstrich zieht. Mein Schluss, das wirst Du dann sehen, wird endgültig sein, das erkennt der Satz auch, kann es mir immer wieder von ihm erklären lassen. Und Du wirst dir Schuld dafür geben und es mir schreiben und ich werde es lesen und meinen Satz und mich wird jeder deiner vielen Sätze bestätigen darin, dass ich nicht mehr zurückkann zu dir, weil Du mich kaputt machst, weil Du mich verloren hast. Du, deren Kinder ich mich schon Papa rufen hörte.

Danke für den Satz, Lisa Rank.

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