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Kategorie: Lesezeit: < 1 Min.

Lieber Zwischenmieter (Sommerpause)

Hola, lieber Zwischenmieter! Ich freue mich, dass Du während meines Praktikums in Barcelona meine Wohnung hütest. Ins Festnetz ist das Telefonieren kostenlos. Ich schlage vor, wir machen das auf Vertrauensbasis, denn ich sehe ja online die Verbindungsübersicht. Der Schlüssel für das Buffet ist weg. Deshalb musst Du die Tür nicht ganz zu machen, wenn Du Dir Teller oder Besteck rausnimmst. Wenn die Tür zu sehr zu ist, kannst Du sie mit einem spitzen Gegenstand einfach aufhebeln. Aber pass bitte auf wegen dem Lack. Wenn man die oberen Fenster hinten- und vorneraus auflässt, hat man einen total schönen Durchzug. Wie am Mittelmeer! Aber wenn sich Wolken am Himmel abzeichnen, wärs cool, wenn Du zu machst. Achtung, die Wasserhähne tropfen, wenn man sie nicht ganz fest zu dreht. Wenn Post kommt von der Uni oder vom BAföG-Amt, dann mach sie bitte umgehend auf und schreib mir, was die geantwortet haben. Lass die übrige Post bitte zu und lege sie einfach auf einen Stapel, sodass sie chronologisch geordnet ist. Falls Du Fleischesser sein solltest: Bitte achte darauf, dass mein Kühlschrank für sowas nicht gedacht ist. Die Nachbarn oben stressen manchmal ein bisschen. Da kannst Du einfach die Polizei rufen. Die wissen schon Bescheid, wenn sie die Nummer sehen. Ansonsten wünsche ich Dir eine total spannende Zeit in Berlin. Seit ich hier hergezogen bin, bin ich echt ein vollkommen anderer Mensch. Ich sage immer, die Stadt hat zwei Gesichter. Eins im Winter, eins im Sommer. Whatever, have fun und ruf mich sofort an, wenn was ist – Mareike

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Überall hören die Sommerpausen auf. Ich hatte in der Zwischenzeit noch etwas zu erledigen, deshalb fängt meine Sommerpause heute erst an, am Bahnhof, Richtung Süden, ein paar Wochen lang.

Der nächste Text erscheint, kurz nachdem ich wieder zurück bin. Nämlich am Sonntag, den 22. September 2013, 09:00 Uhr. Und zwar hier.

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Dass Du Thema bist (3, 2, 1 Deins)

Du kommst an und sie wirkt beschäftigt, fast so, als wärst Du unerwartet gekommen; wirkt noch mitten in einer Sache, fast so, als hättest Du nicht fünf Minuten zu spät, sondern zehn zu früh geklingelt; wirkt nicht ganz fixiert auf Dich, fast so, als gäbe es noch andere Dinge, als Dich. Alles anders, als erhofft aber eben nur fast.
Denn dann trittst Du in ihr Zimmer und siehst: das Bett ist schon gemacht. Und Du erkennst, dass Du nicht erst seit Deiner Ankunft Thema bist und erinnerst Dich: wie Du beim letzten Mal Dein Bett bezogen hast. Und Du erinnerst Dich an die Gedanken, die Dir dabei kamen, die Gedanken an sie, erinnerst Dich, an Dich: wie Du vor der Decke stehst, mit den Zipfeln in der Hand, schon drei Stunden, bevor sie kam, erinnerst Dich, wie Du schüttelst und den gerade rechtzeitig getrockneten Bezug riechst und dabei lächelst, denn von Deinem Geruch war auch noch was drin und der ist wichtig, wusstest Du, auf den kommt es ihr an, hat sie geschrieben, Whatsapp, als sie in die U-Bahn stieg bei sich, und dass sie fast nicht mehr warten kann, auf Dich.
An all das erinnerst Du Dich: wenn Du jetzt vor ihrem Bett stehst und die frisch bezogenen Kissen siehst und weißt, dass Du nicht erst seit Du fünf Minuten zu spät geklingelt hast, bei ihr bist, da, nein, drei Stunden vorher schon: als sie Dir ein Bier kalt stellte, zwei Stunden vorher schon: als sie den kleinen Pickel abdeckte, eine Stunde vorher schon: als sie die Playlist sortierte, ganz und gar.

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Dann

Wenn Du lügst, eine Zigarette genügt Dir, und dann hat sie doch zwei auf Deinem Wohnzimmertisch liegen lassen. Wenn Du den Namen liest und ahnst, das ist wieder einer dieser Widerstandskämpfer, die kurz vor Kriegsende im KZ gestorben sind. Wenn Du Kings of Convenience hörst und bei jedem Lied denkst, das ist das, an das Du immer denken musst. Wenn schwarz auf weiß verschwimmt zu grau. Wenn der Himmel über dem Dach hellblau wird und Dich an Vergangenheit erinnert. Wenn es sich dreht in Deinem Kopf und Du unsicher bist, ob nicht ein Buchstabe fehlt. Wenn Whatsapp wieder abstürzt und Du weißt, da ist eine Nachricht aber Du kannst sie nicht sehen. Wenn Du was schreibst, was Du nicht sagen darfst. Wenn ihr Foto still vor Dir und Dein Fenster in der Sommernacht offen steht. Wenn das Mädchen, das Du als Kind schon kanntest, in die Schweiz fährt, um sich das Leben zu nehmen. Wenn es keine Alternativen mehr gibt. Wenn das Dann keine Rolle mehr spielt.

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Quasi gar nicht da

Anderes Land, andere Zeitzone, quasi gar nicht da, könnte man sagen. Sagt er. Hat er gesagt, irgendwie jedenfalls, als er mir erklärte, dass ich das alles nicht falsch verstehen dürfe, nicht überreagieren solle, aufs Überreagieren ohnehin keinen Anspruch habe, weil wir doch von Anfang an nicht ein einziges Mal über Verbindlichkeit gesprochen haben, Verbindlichkeit nie angesprochen haben, sagte er, Verbindlichkeit nie ausgesprochen haben, dachte ich. Zweieinhalb Jahren lang nicht. Nicht als wir uns monatlich, nicht als wir uns wöchentlich, nicht als wir uns irgendwann fast täglich sahen, sprachen wir sie aus. Aber taten doch so, warf ich ihm vor. Dass Ansprüche, wenn überhaupt, nur eine, nämlich seine Frau und nicht ich stellen dürfe, gab er zurück und dass er deshalb jetzt zu ihr ziehe, Amerika. Deshalb war er sooft da. Ganz viel wurde mir auf einmal klar. Kinder Fragezeichen, vier Antwort. War noch nie drüben. Und zu keiner Zeit bei ihm.

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Startup-Amt

„Herr Kaminski, bitte.“ Kaminski war aufgeregt. Nach dem Umzug von Köpenick nach Mitte wechselte die zuständige Arbeitsagentur und mit ihr die zuständige Sachbearbeiterin.
„Tach-schön.“ Kaminski trat ein.
„Guten Morgen, Herr Kaminski, setzen Sie sich.“ Die Sachbearbeiterin schien Kaminski wohlgesonnen. „Herr Kaminski, mein Kompliment zunächst. Nicht viele Langzeitarbeitslose trauen sich, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ich habe ihren Brief erhalten. Erzählen Sie mal.“
Kaminski räusperte sich. „Also. Ich habe nach der Schule eine Ausbildung zum Elektriker gemacht. Dit war noch zu DDR-Zeiten. Aber da gibt’s heutzutage keine Anstellung mehr. Und da habick mir jetzt jedacht, nimmste dein Schicksal selbst in die Hand und machst dich selbstständé, wa. Ick sag ma Elektroinstallation oder sowat.“
Die Sachbearbeiterin lächelte. „Verstehe, Herr Kaminski. Sie wollen ein Tech-Startup gründen.“
„Ein wat?“
„Da sind Sie bei uns genau an der richtigen Adresse, Herr Kaminski. Die Arbeitsagentur-Berlin-Mitte ist auf Startups spezialisiert.“
Kaminski nickte.
„Also!“ Euphorisch band sich die Sachbearbeiterin die Haare zusammen. Sie nahm ein Blatt zur Hand. „Schauen Sie mich an.“ Die Sachbearbeiterin fokussierte Kaminski. „Scharf?“ Kaminski stockte. „Ich frage nur. Unsere Gutscheine für Hornbrillen sind fast alle. Die gehen unter den Gründern weg wie warme Semmeln.“
Kaminski flüsterte. „Ne danke, allet scharf.“
Die Sachbearbeiterin lehnte sich nach hinten zum Regal. „Hier, Karo-Pullis hat man nie genug.“ Kaminski steckte den Pulli in seinen Eastpak.
„Herr Kaminski, haben Sie sich schon eine Social-Media-Strategie überlegt?“
„Eine Strategie?“
„Ja, Facebook, Twitter. Sind Sie schon dabei?“
„Also …“ Kaminski verschob sein Gewicht von der rechten auf die linke Pobacke. „Waren da auch Formulare in dem Ständer?”
Die Sachbearbeiterin verdrehte die Augen. „Herr Kaminski, ich sehe schon, da fangen wir ganz von vorne an. Aber keine Sorge …“ Sie lächelte mütterlich. „Dafür heißt das ja Startup.“ Kaminski lächelte zurück. „Gleich morgen beginnt unser A1-Kurs WordPress-Bloggen für Late-Adopters.“
„Für wat?“
„Für Sie!“
„Dit is aber nett!“
„Gern, Herr Kaminski. Willkommen in Mitte!“

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Von der Versehrung meines Körpers

Ich war unversehrt
Dann wurde ich geboren
Bald kam die Pockenimpfung und mit ihr die zwei Kreise auf meinem Oberarm
Dann kam das Bein von Sven in meinen Lauf und mit ihm die Narbe auf meinem Knie
Dann kamen die Pickel und mit denen lauter Löcher
Es folgten die Jahre und mit ihnen der Schatten unter den Augen
Dann kamen eine andere Narbe am Bauch und die Enge in der Brust vom Rauchen
Der Belag auf der Stimme vom Saufen
Und dann kam Bosnien
Und wir kamen auf engen Wegen
Und wie wir so fuhren, in Schleifen, die Berge hinauf, sahen wir Steine
Und sahen sie nicht
Und stürzten hinab, in unseren Wägen
Ich kam früher nach Haus, als gedacht
Zwei Beine ab
Ich saß, als ich dich zum ersten Mal da liegen sah
Wurdest in der Zwischenzeit geboren
Da bin ich verwundbar geworden.

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Spiegel-Lesen

Du kaufst dir doch kein iPhone, sondern ein Android, weil das System offen ist.
Und dann nimmst Du weniger Waschmittel, weil die Wäsche ja auch gar nicht so richtig schmutzig wird.
Dann fängst Du an mit Drehtabak, weil das viel echter schmeckt, als Gekaufte.
Du fährst Fahrrad und nicht Bahn, denn das geht in der Stadt viel schneller.
Im Görli wird man auch braun, sagst Du und Surfen in Marokko ist für Spießer.
Second-hand ist cool und originale Chucks sinds nicht.
Dass deine Mitbewohner in den großen Zimmern ständig laut ficken, ist kein Argument mehr gegen eine WG, denn Du magst es, wenn was los ist.
Nach dem Bauen bist Du nicht der, der haut, weil Du nichts dabei hast von dem,
was man zum Bauen braucht, denn das ist ja schädlich, okay, einmal ziehen wird schon gehen.
Wedding ist dein neues Neukölln.
OBEY ist Kommerz.
Drinks schmuggelst Du ins Kater Holzig, weil das ne mega witzige challenge ist.
Du bist ne Jute und your other bag is Chanel.
Hast nur noch Wasser in der Club Mate Flasche, denn … Zucken mit den Schultern und ein Lächeln.
Nimmst eine Pappstiege, weil Plastiktüten die Umwelt verpesten.
Bist nicht verschwenderisch, entscheidest global, ganzheitlich, nachhaltig.
Stimmst für das bedingungslose Grundeinkommen, denn nur dann kann sich der Mensch frei entfalten.
Widersprichst nicht mehr reflexhaft, wenn dich einer auf was einlädt, weil Widersprechen unhöflich ist.
Und beim Spiegel-Lesen im Supermarkt wird dir plötzlich klar, dass du nicht Künstler in Berlin, sondern arm geworden bist.

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Es lag

Es lag nicht an der Packung Tageslinsen, die auf dem Waschbeckenrand lag. Es lag nicht an der Farbe der Kondompackung, die sie im Papiermüll zwischen den Zeitungen leuchten sah. Es lag nicht an der Haarspange unter dem Kleidersack, nicht an dem Haar auf ihrem Küchenstuhl, nicht daran, dass er das Handy nicht mehr auf dem Tisch liegen ließ, es lag nicht daran, dass er frisch geduscht war mitten am Nachmittag, es lag allein an seinem Blick. Der wich ihrem aus. Da hat sie es gewusst.

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Das Arschloch mit Tiefsinn fisten

Ich bin ein Mädchen und ich wohne in Charlottenburg-Nord aber darauf kommt es nicht an, es kommt nie darauf an, wer Du bist, sondern auf das, was Du machst, sagen die, die solche Sachen über das Leben gerne sagen, denn sie stehen drauf, das Arschloch mit Tiefsinn zu fisten, sagen andere, aber auch auf die kommt es nicht an, das ist das Backend, die Rückseite, but I don’t give a shit, denn ich versende nur Postkarten und zwar an jeden, dessen Adresse ich bekomme und was anderes schreibe ich auch nicht drauf, nur die, die Adresse, und ich erzähle auch niemandem außer Dir, dass ich das tue aber auch das ist alles noch egal, die Vorderseite entscheidet, auf die kommt es an.

Denn auf die Vorderseite klebe ich postenkartengroß das Bild, das Google Street View anzeigt, wenn ich die Adresse des Adressaten eingebe, da wird dein Gehirn gefickt, wenn Du eine Postkarte mit deinem Haus drauf im Briefkasten findest und nicht weißt, wer sie geschrieben hat, wer sich da zu Dir in ein Verhältnis gesetzt hat; an Tresen von Bars und neben Lautsprechern von Clubs um den Savignyplatz herum hab ich das schon von vielen Leuten gehört, die kein anderes Thema mehr haben als dieses Projekt eines unbekannten Künstlers, also: hätte ich gehört, wenn ich nach 19:00 Uhr raus dürfte.

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Ronny

Komm Ronny, wir machen los, Mutti ist schon drüben.
Ronnys Papa hatte Nachtschicht gehabt und sich am Morgen noch hingelegt. Ronny hatte den Vormittag ohne Beobachtung genutzt und ferngesehen. Am Abend zuvor war die Mauer gefallen.

15 Jahre später schrieb Ronny sich für das Wirtschaftsrechtsseminar in der HU ein. Ich bin Karl und komme aus Münster. Ich bin Sophia und komme aus München. Ich bin Ronny und komme aus Marzahn, schloss Ronny die Einführungsrunde und keiner sagte was, so wie wenn einer aus Versehen pupst.

Als Ronny dann Ende zwanzig war, hörten die meisten Leute auf zu denken, dass alle aus Marzahn Nazis sind. Da konnte Ronny endlich aufhören, Ayran zu trinken.

In Frankreich sind anonyme Bewerbungen schon seit Jahren üblich, dachte Ronny, als im Sommer nach dem Examen die Absage von Freshfields kam. Leider müsse er ihm mitteilen, dass derzeit keine Position in dem Geschäftsbereich frei sei, für den Ronny sich beworben hatte, schrieb Karl.

Was da eigentlich mit ihm los gewesen sei, begann der Staatsanwalt im Winter darauf sein Plädoyer. Er habe doch alle Chancen gehabt, fasste Sophia zusammen und erteilte Ronny das letzte Wort.

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Chrom-Schwarz

Es ist so geil, wenn Du am nächsten Tag mit dem Bus dran vorbei fährst. Dein Herz schlägt immer noch. Und Du bist der einzige, der einfach mal weiß, was da letzte Nacht abging. Das ist wie so eine Tatort-Tour durch LA. Nur dass Du der Täter bist.

Ob einer gut ist, erkennst Du beim Bomben. Wildstyle, Schnörkel, Schatten, Fadings, Highlight, Outline, Secondline, Thirdline, Fill-In mit vier Farben: Das kann jeder.

Aber Chrom-Schwarz, Mann, da musst Du Gefühl für haben. Proportionen entscheiden da über alles. Das ist noch mal was anderes. Unsere Maximen sind: Schnell, Effizient, Groß. SEG-Crew, Mann. Die Buchstaben sind nicht optimal, da musst Du was können. Das E in der Mitte, das ist hart, Du musst dem Balken einen Flow geben, damit er zu den anderen passt. Du musst immer in Balken denken. Balken sind alles. Maximal ein rotes Highlight kannst Du setzen.

Wir machen nur Straße. Das ist sone Typsache, ob Du eher Straße machst oder Trains. Für mich ist das nichts. Ein Throw-Up, wenn Du gerade am Aussteigen bist, okay. Aber kein komplettes Piece, Mann. T-to-B, E-to-E und so ist schon geil. Aber halben Tag fährt er und dann wird er gebufft. Auf der Straße hängt dein Piece manchmal Jahre. Jetzt nur Rooftops, so wie 1UP am Anfang oder INC früher, das ist auch nicht unser Ding. Da achten die normalen Menschen kaum drauf. Aber das ist nicht nur für Writer. Das ist Kunst Mann, jedes einzelne Tag. Egal, was die Nazis sagen.

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Plem Plem

Donnerstag, 10:51 Uhr auf einer Kreuzung im Stadtzentrum.

„Ey Du Vogel, mit Handy ist verboten. Komm runter da.“
Bei uns von der Motorradstaffel zählen nur Ergebnisse. Das ist ganz einfach: Wenn die Straße frei ist, ist die Straße frei. Wenn sie nicht frei ist, musst Du dir überlegen, ob Du besser Streife fährst.
„Na samma! Hier ist zu.“
Das kann nicht jeder machen. Da musst Du präzise arbeiten. Den Überblick behalten.
„Verfatz Dich, Junge.“
Die Gäste, die sie uns anvertrauen, sind Ziele. Die müssen in Bewegung bleiben. Für uns ist überall Mogadischu.
„Mit dem Rollstuhl jetzt über die Schienen. Ick gloob ick spinne. Gas, Gas, Gas, komm!“
Black Hawk Down kennen Sie, nehme ich an.
„Ey hast Du Tomaten uff den Ohren? Bewege Dich!“
Bürgernähe, Polizei-als-Dienstleister und son Quatsch. Da hatten wir erst neulich eine Schulung. Von so einem Herrn Rechtsanwalt.
„Dit sindse. – Ey!“
Egal. Ich hab da keine Manschetten. Ich kann hier nicht jedes Mal Bitte sagen. Die Straße muss frei sein. Alles pi-pa-po. Dass sich da ab und zu einer auf den Schlips getreten fühlt, kann passieren. Also wenn uns auf diesen Gurken von Moto Guzzi überhaupt noch einer ernst nimmt.
„Samma bist Dun bißchen plem plem oder was?“
Arm aber sexy. Ich kann das Geseier von der Grinsekatze nicht mehr hören. Wer bei der Motorradstaffel spart, brauch sich nicht wundern. So, gleich müsste er kommen.
„Ey Keule, ich hab gesagt mit Handy ist verboten!“
Wie viel Mann wir sind, kommt immer auf den Besuch an. Wir schnüren da für jeden ein individuelles Paket.
„Quatsch ick Schinesé? Du sollst stehen bleiben.“

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Traveller Flieh

Als gäbe es einen Anspruch. So hört er sich an. Als könnte er quasi per Gesetz verlangen, dass sich die Dinge, die Menschen, ihre Leben und alle Umstände verändert haben, nur weil Monsieur mal ein Jahr weg war. Es ist alles noch genauso wie früher hier. Früher! Das war da, wo noch Krieg war und nicht vor einem Jahr. Wie stehen geblieben. Ja, genau. Alle stehen geblieben hier. Wollte man dem Ton in seiner Stimme glauben, könnte man denken, er meint: zurückgeblieben. Alles klar. Du bist der einzige, der vorangekommen ist. Mit deinem Around-The-World-Ticket dem Fortschritt entgegen, hast Du die Welt und nebenbei auch noch Dich selbst entdeckt und bist um diese zwei Erkenntnisse dem Rest von uns voraus. Alles klar. Und nu? Warte mal auf das nächste Jahr, bis Dir klar wird, dass Du diese Tretmühle-Berlin nicht mehr erträgst. Warte auf deine nächste sogenannte Reise und erkenne dann irgendwo, dass Du uns alle nicht mehr kennst. Warte, bis Du irgendwann Sehnsucht bekommst. Beim Alleinsein in der Mitte deiner Bekanntschaften. Warte, bis Du zurück nach Berlin und alle mit Dir (!) überraschen willst. Warte auf den Moment, in dem Du dann vor unsere Türen trittst und in unseren Gesichtern die Freude erkennst. Die Freude nicht darüber, Dich wieder zu sehen. Sondern die Freude für Dich, weil deine Flucht beendet ist.

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Regen von oben, Sonne von vorn

Es ist wie jedes Jahr. Ich bin da. Nur diesjahr schreibe ich es auf. Denn ich will mich das ganze kommende Jahr daran erinnern. Bis es endlich wieder soweit ist.

Die Zeit bevor der Herbst beginnt. Das ist die Zwischenzeit. Wenn gelbe Blätter schon am Boden liegen, die Bäume aber noch grün sind. Wenn man von oben nass wird vom Nieselregen, der Regen einen aber noch nicht frieren lässt, weil von vorn noch die tief stehende Sonne scheint. Wenn man die Fenster schon zu aber die Heizung noch aus hat.

Die Zwischenzeit ist die einzige, die Dir die Zeit in das Bewusstsein ruft. Du wirst ihr gewahr, der Zeit, wenn die Zwischenzeit Dir anzeigt, dass das eine noch nicht ganz vorbei und das andere noch nicht ganz da ist.

Und als wäre das Bewusstsein allein dafür da Lücken zu füllen, füllst Du sie plötzlich aus. Die Zwischenzeit. Wenn Du sie erkennst. Und dann Dich selbst darin.

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Kotze mag doch auch keiner

Ich habe doch so große Probleme mit dem Endzustand von Kunst. Denn das ist der, der mich am wenigsten interessiert. Ich finde nichts, was mich in einer Galerie interessiert, wenn da nichts passiert. Und die Bilder und Figuren, die tun ja nichts. Deshalb wurde ich erst kürzlich für einen Kunstbanausen gehalten, von einem, der sich auskannte, denn der hatte Kunst studiert und trug Lederschuhe. Der wusste Dies und mit Nachdruck dann auch noch Das über das Foto zu sagen, das da vor uns hing und ich fands so, wie man Dinge findet, wenn man die Schultern hochzieht und die Lippen zusammen und Luft hindurch presst. Dass man so einem wie mir auch keinen Vorwurf machen könnte, sagte er dann und führte als Beweis einen langen Blick auf meine Air Max an. – In der Galerie, da gibt’s keine gelben Schlieren an den Fingern und da gibt’s kein Schwindelgefühl von der Verdünnung, da gibt’s keine Bleichflecken auf dem T-Shirt vom Entwickler und keine Brandblasen von zu heißen Ausleuchtlampen. Es gibt keine Schnitte im Finger vom Schneiden durch das Papier und es gibt keine Berührungen der Ellenbogen und Hüften im Rotlicht, während das Foto nach und nach und oft dann zu schnell kommt. – Man kann den Endzustand von Kunst in der Galerie vielleicht nur mögen, wenn man nicht weiß, was alles vor ihm lag, wenn man nicht weiß, dass der Endzustand von Kunst in der Galerie gerade einmal Abfallprodukt ist von Nachmittagen, an denen die Sonne durch das Fenster auf die Leinwand scheint und man die Linie, die die Sonne auf der Leinwand zieht, mit einem Pinsel nachzuziehen versucht, um auch am Abend noch zu sehen, wo die Sonne mal war oder Abfallprodukt von Nächten, in denen sich Eiskristalle auf dem Skizzenblock bilden, mit dem man das Fenster abdichtet oder Abfallprodukt von Lieben, die einen um den Verstand gebracht hätten, wenn sie nicht auf ein Papier gekotzt worden wären. Kotze, Kotze mag doch auch keiner. Ich habe ein Problem mit dem Endzustand von Kunst.

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Mit der Ringbahn unter der Seine hoch nach Istanbul rein

Als ich vorhin ganz und gar fertig war, als ich mich sogar in die Ringbahn setzte, und nicht mehr mit dem Fahrrad weiter fuhr, als ich geblendet vom Sonnenlicht im Fahrradabteil fast einschlief und gerade so noch meine Augen aufhielt, da schärften sich plötzlich meine Sinne und ich roch die Bremsen, spürte die Federn in den Füßen und den Wind der durch die offenen Fenster nach innen blies, hörte das Rattern beim Fahren über die Weichen, nahm also alles ganz und gar wahr, als ich ganz und gar fertig war, nahm alles wahr, so wie, wenn man im Ausland ist, wenn man etwa in Paris zum ersten Mal mit der U-Bahn unter der Seine hoch kommt oder wenn man eine Stunde lang durch die Vororte nach Istanbul rein fährt oder wenn man vor Porto über eine Brücke tuckert, so hab ich die Bahn gehört, gerochen, gespürt, in der Sonne, als ich vorhin gerade so noch meine Augen aufhielt.­

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