Lange-Hausstein

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Ich bin alt genug geworden, um junger Mann genannt zu werden

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
Nicht die erste große Liebe, nein, die vierte zog mir gerade die Beine weg
Schwach geworden
Blieb ich auf dem jump seat sitzen
Noch mal los
Wieder nicht angekommen.

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
In einem fremden Land der einzige, beim zehnten Mal nicht mehr so schlimm
Und ganz ohne Kulturschock krieg ichs hin
Beim Geburtstag noch an den letzten erinnern, oder wars der davor, ich komme durcheinander
Kommt man ja
Sehe den Himmel über Amerika
Und erkenne mal wieder, ja, er ist anders hier, als drüben
Aber noch bevor ich den Gedanken benenne, ist das Taxi da, das ich mittlerweile bezahlen kann
Zum Hotel bitte, ja, und zwar in das, in dem ich nicht mehr darüber staune, dass ich seit irgendwann mit Respekt behandelt und dann gesiezt und dann mit Doktor angesprochen wurde
Das Hotel, in dem ich irgendwann erkannte:
Ich bin alt genug geworden, um junger Mann genannt zu werden.

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
Ich bin nicht mehr auf dem Weg, erwachsen zu werden, nein, bins längst geworden
Unbemerkt, vom Schein, den das Leben um mich auf mich wirft beim Sein
Während das noch läuft, alles, irgendwie funky fresh den Kalender entlang
Ohne Klang, den man hören könnte, der einen aufhorchen lassen würde, auf das Ende zu, mit Gesang, und mit Wein zum x-ten Mal ohne Überraschung nun
Und dafür mit Routine, fuck, ist zu Ende
In dem Moment, in dem man begreift, nein
Man begreift, wenn es zu Ende ist, ich greife vor, hoffe ich, denn sonst wäre jetzt Schluss
Könnte ich auch machen
Gestalten
Wie man das mit dem Leben machen soll, nein muss
Mit einem Schuss, irgendwo
Hotel in Amerika, wo keiner bei einem Knall erschrickt, wär ich weg
Oder so
Aber dafür fehlt mir der Mut, nicht zum ersten Mal
Lege mir ein Argument zu Recht, das, und den Grund
Drück nicht ab, sondern auf repeat, spiel noch mal mit, noch mal weiter, rewind, re-rewind, neues Glück, auf in die Heimat, ab nach Berlin zurück.

Zum Türken

Komödie
in drei Aufzügen

In moderner Übersetzung
von Ch. Knappe

ERSTER AUFZUG

Mendelssohn-Bartholdy-Park

BÉLINE (tritt als letzte in den Waggon). Wo geht ihr jetzt, hey, wo geht ihr?
ANGÉLIQUE. Wo steigen wir jetzt aus?
LOUISON. Zoologischer.
CLÉANTE. Wo gehen wir dann?
BÉLINE. Ich geh schon Nollendorf.
ANGÉLIQUE. Wieso?
BÉLINE. Na ich geh zu den.
LOUISON (bewegt die Lippen, als spräche sie). Wieso?
BÉLINE. Na ich geh nicht zu den nach Haus, nur mit.
ANGÉLIQUE. Wer ist er überhaupt?
BÉLINE . Ist doch egal. (Béline steht auf.)
CLÉANTE. Geh ma, geh ma.
BÉLINE. Tschüß, wir sehen uns morgen. (ab.)
ANGÉLIQUE. Geh ma.
BÉLINE (ruft hinter der Szene). Laba.

ZWEITER AUFZUG

Nollendorfplatz

ANGÉLIQUE. Wo seid ihr morgen?
CLÉANTE. Ich geh Schule.
BÉLINE. Haha.
ANGÉLIQUE (blickt sie schmachtenden Auges an und sagt verständnisinnig zu ihr). Bist Du behindert? Morgen ist Opferfest.
BÉLINE. Nein Freitag.
ANGÉLIQUE. Nein Donnerstag.
CLÉANTE. Ist doch egal.
ANGÉLIQUE (spottet sie aus). Haha stimmt. Na geh ma. Bist eh kein Moslem.
CLÉANTE. Nein, dann komm ich nicht. Was soll ich alleine machen in Schule? (ab.)

DRITTER AUFZUG

Deutsche Oper

ANGÉLIQUE. Also sie ham so ein Haus, weißt Du? Und ich sag so zu mein Cousin, sie kann doch voll mit den Arbeiter dort rum machen, wenn er die Sachen nicht selbst installiert.
BÉLINE (unterbricht sie). Walla?
ANGÉLIQUE. Walla. Und sie ist sowieso komisch, guck, mit 20 will sie heiraten. (holt das Handy hervor.)
BÉLINE. Ja, wann willst Du sonst heiraten. Mit 32 oder was? (Geigenspiel ertönt.)
ANGÉLIQUE. Guck, sie macht voll Zigeunerhochzeit. (wischt von rechts nach links auf dem Touchdisplay.)
BÉLINE. Mach noch mal andere Foto.
ANGÉLIQUE (packt sie am Arm). Man ist sie hässlich.
BÉLINE. Ja aber Bildschirm ist auch schlecht. (Die Geigen spielen weiter.)
ANGÉLIQUE (höhnisch). Wo ist dein iPhone?
BÉLINE. Meiner? Is in Werkstatt, is hinten voll kaputt.
ANGÉLIQUE. Ich hab jetzt neuen. Aber ist alles auf Chinesisch, ey voll behindert.
BÉLINE (leise). Geh einfach zum Türken. Er macht dir alles auf Deutsch.

Verhandlungssicher

„Ich grüße Sie! Haben Sie vielen Dank für die Einladung!“
„…“
„Klar, sehr gerne. Ich fange mal vorn an: Ich war drei Jahre lang Mitglied der Schulkonferenz. Dass das das höchste Gremium im Schulbetrieb ist, muss ich Ihnen nicht sagen. Ich habe in dieser Zeit ein Symposium mit dem regierenden Bürgermeister Wowereit erstens vorbereitet, zweitens durchgeführt und drittens moderiert. Dann habe ich den Vorsitz der Gesamtschülervertretung übernommen. Aus der JU bin ich nach einem Jahr ausgetreten und zwar wegen unüberbrückbarer politischer Differenzen mit dem Vorstand. Das möchte ich betonen. Den nächsten Höhepunkt in meiner Auseinandersetzung mit Politik, dem Staat und seiner Steuerung bildete die Gastvorlesung von Prof. Dr. Joseph Isensee an der Freien Universität Berlin, an der ich mit Erfolg teilgenommen habe. Das hat mein Staatsverständnis in vielerlei Hinsicht mitgeprägt. Schließlich habe ich das Grundstudium der Politikwissenschaften in zwei statt der vorgesehenen drei Semester absolviert. Ich spreche Englisch verhandlungssicher und ich habe Grundkenntnisse in Französisch. Das heißt, ich kann das grundsätzlich auch fließend sprechen, es ist sozusagen nur etwas eingerostet aber ich mag den Klang der Sprache sehr und ich habe großes Interesse an Land und Kultur. “
„…“
„So viele Bewerber?“
„…“
„Frauenquote. Ja. Das verstehe ich. Selbstverständlich. Gleichberechtigung ist ein hohes Gut in unserem Staat.“
„…“
„Ja, die Termine, an manchen Tagen … soll ich zumachen?“

Dieser Moment

Dieser Moment, wenn Du dich an einem Sonntag nach dem Telefonat wieder auf deinen Platz in der Bibliothek zurück setzt und Dir die bescheuerte Frage des Anrufers nach dem Warum nicht mehr bescheuert vorkommt.

*

Dieser Moment, wenn Du deinem Freund in der U-Bahn zu früh Tschüß gesagt hast und die Station nicht kommt und nicht kommt und nicht kommt und Du dich eigentlich noch mal umdrehen könntest und Du es doch nicht tust, weil Du unsicher bist, obwohl ihr euch für Unsicherheit eigentlich viel zu sehr mögt.

*

Dieser Moment, wenn Dir der Grund, aus dem Du es ihr damals nicht einfach gesagt hast, nicht mehr einfällt.

*

Dieser Moment, wenn Du merkst, dass diese ganzen Dieser-Moment-Sätze nur auf halber Strecke stecken gebliebene Reflexionen sind und Du alles beim Eigentlich-müsste-man belässt, weil zu erkennen, was falsch läuft, allein Dir eben doch nicht ausreicht, um mit dem Arsch an die Wand zu kommen und einfach zu machen, was Du willst.

Die Rosen der Bibliothekarin

Es war schon lange niemand mehr durch den Lesesaal gegangen. Ich saß allein an meinem viereckigen Tisch zwischen den Regalen und lernte Auge. Bei Auge traute ich mich nicht auf Lücke zu setzen.

Durch das Fenster sah ich nur noch mich und die Gänge hinter mir. Denn es war bereits dunkel.

Etwas weiter rechts von mir, vier, fünf Bücherreihen vielleicht, stand die schöne Bibliothekarin auf dem runden Hocker, der nicht mehr rollt, sobald man sich darauf stellt. Leise hörte ich sie. Irgendwann am Nachmittag hatte ich sie gesehen. Ein paar Schritte lief sie vor mir. In ihren roten Pumps, die Beine nicht so ganz in die schwarzen Netzstrümpfe, also wie man so sagt, gehüllt, also nicht so ganz, also wie gesagt.

Ich bin nicht besonders groß, vor allem im Sitzen nicht. Die Lücke zwischen dem dritten und dem vierten Regalboden der Regale neben mir befand sich auf Augenhöhe. Und irgendwann zwischen Photorezeptor und Pigmentfleck schaute ich nach rechts. Und sah sie da stehen. Ihre Beine. Eben nicht so ganz gehüllt in die Netzstrümpfe, die sie an diesem Tag zum ersten Mal trug. Von etwas weiter oben quietschten die Metallschienen, die die Bücher hielten. In der Spätschicht räumte im gesamten letzten Jahr niemand Bücher ein. In der Spätschicht, die sie an diesem Tag zum ersten Mal machte. Sie rückte näher. Schlemm-Kanal, drei Reihen weg. Irisfortsätze, zwei Reihen weg. Pupille, die Reihe neben mir.

Ich hörte wieder, wie sie auf den runden Hocker stieg. Und ich drehte mich, würde ich sagen, wenn man mich fragte, nach dem Geräusch um. Ich erkannte das Muster auf den Strümpfen, Rosen, und genoss es, sie minutenlang zu betrachten, ungesehen, gewogen in die Sicherheit, geschützt zu sein: Keine 30 Zentimeter zwar. Aber 100 Bände zwischen uns. Ein Buch nach dem nächsten holte sie heraus, verschob ein paar, zog und rückte andere. Einmal beugte sie sich leicht nach vorn. Da spannte ihr Rock. Ein anderes Mal stellte sie sich auf die Zehenspitzen und reichte, ein Bein angewinkelt, ganz nach oben. Und ich sah derweil den Rosen zu und der Genuss war minutenlang fast ununterbrochen von den Gedanken an die Dinge, die Menschen denken, wenn sie von jemandem wie mir nur hören.

Dann stiegen die Rosen vom Hocker herab und ich drehte mich noch im selben Moment zurück nach vorn, zur Sicherheit, sah geradeaus in das Fenster und in mein Gesicht, zur Sicherheit, und knallte direkt gegen ihn: ihren Blick. Auf mich gerichtet aus der Reihe neben mir sprang er mich aus dem Fenster an. Augenbraue hochgezogen. Ganz und gar nicht überrascht. Und erst ihr Lächeln.

Einfach so

Ich habe immer gesagt, ich will vom Schreiben leben können und dann haben sie irgendwann alle angefangen, mir zu gratulieren. Verlagsvertrag, ja das war schon was. Und dann der Vorschuss für das neue Buch. Dass ich es geschafft und mein Ziel erreicht habe, dass ich endlich angekommen sei, wo ich immer hin wollte, das bekam ich von nun an zu hören.
Leute: Wenn ihr wüsstet.

In Paris wollte ich schreiben und das tue ich jetzt ja auch. Und dass der Lektor mir eine Wohnung besorgt hat, die der Verlag bezahlt, ja, das ist eine glückliche Fügung. Und dass das Schreiben läuft und die Manuskripte fast unverändert bleiben, ja, ja, ja, ich sehe das doch auch.
Aber Leute: Wenn ihr wüsstet.

Das ist doch kein Leben. Was ist denn, wenn das morgen nicht mehr läuft, wenn nichts mehr aus mir kommt. Ich weiß doch nicht warum es geht, warum es funktioniert, kanns doch nicht ein- und ausschalten, vor allem nicht einschalten, wenns mal ausgeht. Was ist, wenn: Schreibblockade lebenslang? Wie lange werde ich dann hier wohnen, na? Drei Monate, ein Jahr?

Da kommt doch nichts zu mir wenn nichts mehr von mir kommt.

Es muss nachgelegt, es darf nicht aufgehört werden. Es gibt noch längst kein Werk, das mich von allein ernährt und ohne Nahrung kann doch keiner leben.

Leute: Nirgendwo bin ich. Das ist kein Ort, der einer ist. Und leben kann man nur an Orten. Da wo alle Menschen leben und eben: atmen. Aber ich bin nicht an einem Ort. Ich muss die Luft anhalten. Bin längst über der Zeit. Muss wieder zurück an diesen Ort, an dem ich als Kind schon einmal war. Muss zurück, um Sauerstoff zu bekommen, der da ist und der, ohne dass ich ihn mit der eigenen Hände Arbeit noch in meinen Mund schieben muss: bleibt. Nur so kann ein Leben vom Schreiben doch funktionieren. Das ist das, was ich Leben nenne: Atmen. Einfach so.

MOABIT-TRANSKRIB

„Dann sind Sie jetzt dran, Herr A. Erzählen Sie mal, was sich da abgespielt hat.“
„Soll ich von Anfang, also ich mein von vorne oder nur Ende?“
„Ganz von Anfang an, bitte. Möglichst umfassend.“
„Okay. Also wir haben da halt gesessen wie immer eigentlich.“
„Verzeihung, wo?“
„Na Leo. Hab ich ja bei Gesa schon gesagt. Also wo wir immer sind.
So. Und na das wars eigentlich schon.
So. Und ich sag so zu B., B. ist mein Freund, also nicht schwul oder so, ist ja klar, also ich sag zu ihm, komm mach mal lauter. Ich mein Handy.
So. Und genau dann kam er an. Der Herr C. Und ich sag noch so zu ihm guck mich nicht so an sag ich. Also nicht so. Ich sag mal bisschen freundlicher. Normal halt. Aber er hat nicht aufgehört. Er wollte uns provozieren. Na und dann ich hab ihm Box gegeben. War ja auch nicht doll, schwör, war nur Warnung sag ich mal. Ich meine das tut echt nicht weh, schwör!“
„Darauf kommt es hier nicht an. Fahren Sie fort.“
„Wenn Sie schon mal Bombe gekriegt haben wüssten Sie. Aber okay. B. meint noch so aber ich hab gesagt das ist zu krass. Also der Herr C. wusste ja Bescheid. Also haben wir gedacht.
So. Und dann er steht halt wieder auf und ich dachte ist er behindert oder so und wir waren so gönn Dir, wenn er Lektion in Respekt braucht okay. Wie er schon aussah, na sie sehen ja, mit den Haaren und so voll ungepflegt er hatte sogar Löcher in den Schuhen. Aber dann kam Polizei. Ich hab erstmal Hände gewaschen in Gesa.
So. Und wie ich wieder kam in Warteraum, er saß plötzlich da und grinst mich an. Ich hab noch Beleidigung gesagt und so und ihn angeguckt halt normal. Normalerweise die Deutschen sie kacken sich da immer gleich voll ein, denken immer gibt gleich Messerstress, ist voll lustig. Okay. Aber er nicht.
So. Wie er geguckt hat. Da wusste ich schon er kommt nicht klar. Ist auch egal. Jedenfalls er springt auf und gibt mir direkt Kaffa mit sein Rastas. Ich dachte ich sterbe. Über unhygienisch.
Der Hund. Hier, mein Poloshirt, war ganz neu von Ralph Lauren, ich hab extra zum Beweis mitgebracht, geht nicht mehr raus, kann ich nicht mehr anziehen. Deshalb ich hab Anzeige gemacht.“

Ungleichgewicht

Da ist so ein Ungleichgewicht. Nachdem wir uns sehen. Nachdem wir telefonieren. Immer nach Dir. Ich sitze dann da und denke an das Sehen oder das Telefonieren und ich frage mich dann immer, welchen Satz ich von Dir wie zu verstehen habe und welcher Satz von mir anders hätte formuliert werden müssen, um mich endlich mal verständlich zu machen.

Und dann denke ich währenddessen immer eben auch an deine Kinder, deine Frau und daran, dass Du dich um so viele verschiedene Aufgaben zu kümmern hast, während ich immer nur male.

Was das bedeutet, wenn ich sage, dass Du mir fehlst, willst Du wissen. Typen, die anderen Menschen fehlen, die wissen das ja nie. Und dass solche SMS nur Zeit und Ablenkung machen sollen, das wissen Typen wie ich umso genauer. Und dennoch antworten wir. Denn es ist so einfach.
Dass deine Klamotten nicht mehr überall rumliegen.
Dass dein Geruch noch immer im Bad steht.
Dass deine Haare sich noch durch die Kissen ziehen.
Dass ich um den Schmutz, den Du mit deinen Schuhen hereingetragen hast, herum sauge.
Dass ich dein seit dem Morgen vertrocknetes Baguette aufesse und dass ich deine halbvolle Tasse Kaffee mit Lactosemilch drin austrinke.
Dass ich wieder stark sein muss, und nicht die Frau, die ich sein will, sein kann.
Dass ich mich mit deinem Handtuch abtrockne. Ne Woche lang.

Seit ich von der Kunst leben kann, hat mein Leben ja nichts mehr mit dem Leben zu tun. Allein in meiner Wohnung,  wo soll ich da die Motive hernehmen. In die Kneipe sind sie von allein gekommen.

Es gibt nur Dich. Nur Du reißt mich da raus. Und schickst mich doch jedes Mal zurück, indem Du auflegst oder indem Du die Tür hinter Dir zuziehst oder indem Du um die Ecke biegst.

Und alles, was sich hinter dem Hörer, der Tür und der Ecke verbirgt, will dann was von Dir. Deine Kinder wollen spielen, deine Frau will reden und ab und zu Sex. Deine Freunde wollen Biertrinken und Du willst das alles auch; ich sehe Dich mir ja jedes Mal mit einem Lächeln davon erzählen (und auf dieselbe Weise den Sex mit deiner Frau verschweigen).

Und ich ahne, wie Du teilnimmst, also: ganz und gar nicht nur dabei, sondern Teil davon bist. Und nicht an mich denkst, so wie ich an Dich. Ungleichgewicht. Zieh mich doch mal rüber; bezieh mich doch mal ein: in dein Leben, wie ich das mit Dir machen will. Ganztags, alles betreffend. Fällt Dir schwer? Ist auch nicht leicht.

Wiederwahl

Bin geduscht, die Zähne sind geputzt. Die Haare habe ich nicht gewaschen, denn sie haben mir heute gefallen und ich wollte sie so lassen. Hab eine geraucht, um nicht zu sauber zu sein. Rauche aber keine zweite, um nachher nicht schwer zu atmen. Warte darauf, dass das Handy klingelt. Oder gleich die Tür. Habe gegessen, um nicht zu schwach zu sein, habe noch Hunger, kann aber nicht noch mehr essen, will auch schlank sein. Lasse Radio Fritz laufen im Hintergrund, damit alles locker wirkt. Wenn Du kommst. Ziehe das Höschen erst an, wenn Du auf der Treppe bist, damit es gut riecht. Will nichts mehr lesen, um nicht abgelenkt zu sein von anderen Themen, will nichts trinken, okay, nicht noch ein Bier trinken, um nicht betrunken zu sein. Jedenfalls nicht vor Dir. Dass wir zusammen Bier trinken können, findest Du cool, hast Du gesagt, damals, als wir noch zusammen waren. Nur noch ein paar Minuten, dann … sollte es soweit sein, nur noch ein paar Minuten, dann mache ich Dir auf. Könnte später werden, hast Du gesagt. Dass das nicht schlimm ist, weil ich das und das und das noch zu tun hatte, hab ich mir bereitgelegt. Display hell, Licht aus. Kurz klingeln lassen; wegdrücken. Ein bisschen warten, nicht zu schnell zur Tür. Irgendwie-überraschte Stimme anstellen und zum Hallo-sagen einrichten, okay, und los: hallo? Der Summer überträgt nicht, wenn keiner geklingelt hat. Fenster nicht aufmachen und nicht runter rufen. Wiederwahl. Klingel mal.

Kippenpaare im Aschenbecher

Die Kippen, die sind bei mir im Aschenbecher immer in Zweierpaaren angeordnet mit der zu den zwei Kippen gehörenden Asche entweder links oder rechts jedenfalls aber gesammelt und nicht getrennt von dem Kippenpaar, sondern mit einer Berührung neben ihm. Das wird oft belächelt. Von Unwissenden. Von Leuten, die das für einen Tick halten, von solchen, die meinen, dass das einer dieser Spleens wäre, die ich habe.

Ha! Weit gefehlt. Halten Sie sich doch bitte die symbolische Kraft dieser zwei Kippen nur einmal vor Augen und Sie werden plötzlich erkennen, welche Realitätsnähe sich auftut und welche Notwendigkeit sich dann erschließt: Stellen Sie sich vor, die Kippen sind ein Paar, zwei Menschen, die eine Beziehung haben, vielleicht auch hatten. Stellen Sie sich nun vor, die Kippen sind ein Paar, zu dem Sie einmal gehörten, eine Beziehung, die Sie einmal hatten. Stellen Sie sich vor, es handelt sich dabei um Ihre erste richtige Beziehung, die mit der großen Liebe, die, die Sie in der Zwischenzeit so verklärt haben und sich wenigstens immer dann ins Gedächtnis rufen, wenn es mal wieder scheiße läuft in der aktuellen Beziehung, wenn Sie von Ihrem Partner mal wieder gezeigt bekommen, dass er eigentlich nicht der richtige ist und wenn Sie sich dann überlegen, dass mit der ersten, mit der wahren Liebe alles besser war und es eigentlich immer nur im gesamten Leben darum gehen müsste, diese eine Liebe zurück zu gewinnen, den Fehler der Trennung wieder gut zu machen, das Leben zu führen, das sie eigentlich hätten führen können, wenn sie damals nicht diesen Fehler gemacht hätten, der zum Auseinanderbrechen der Beziehung führte, dieser Fehler, den sie gerne rückgängig machen würden.

Stellen Sie sich das, diesen einfachen kleinen Gedanken, nur einmal vor, und sagen Sie mir dann, dass Sie diesen Fehler noch einmal wiederholen wollen, dass Sie noch einmal eine Trennung hinnehmen, noch einmal denselben Fehler machen wollen, wie damals. Stellen Sie sich das vor und sagen Sie mir dann ruhigen Gewissens, dass Sie das können, dass Sie das wollen und die Kippen, die ja nicht nur Symbol sind, die ja vielmehr Abbild Ihres Versagens und allen Unglücks in Ihrem Leben sind, dass Sie diese Kippen noch auseinander legen, lose und ungeordnet, wie Sie es heute ja sind, in den Ascher werfen wollen. Dass Sie diesem Abbild Ihrer selbst, dieselbe Trennlinie zuführen wollen, den Fehler, den Sie einmal gemacht haben, jetzt hundert-, nein tausendfach, so viel rauchen Sie ja, tausendfach, diesen Fehler wiederholen wollen und auch noch die Asche lose verstreuen wollen, einfach so, in den Aschenbecher hinein, weg von den beiden Kippen, die ja die Eltern der Asche sind. Sie könnte doch Ihre Kinder sein, die Asche, stellen Sie sich das vor und sagen Sie mir, dass Sie das wirklich alles auf einen Tick reduzieren wollen, sagen Sie es, dass Sie so naiv sind; das ist doch wirklich niemand.

(für Samuel)

 

Mit Zu ist Schluss

Vielleicht liegt es daran, ja das klingt doch ganz plausibel: Vielleicht liegt es daran, dass das Bild des Fotografen, also: die Fotografie, dass die Fotografie ein Teil eines Momentes ist. Sie ist der Moment; anders als ein gemaltes Bild immer und ein geschriebenes Bild in den allermeisten Fällen. Im Gegensatz zu diesen beiden nimmt die Fotografie den Moment nicht nur mit zu ihrem Betrachter. Sie kommt dem Moment im Vergleich zu Malen und Schreiben auch nicht nur näher. Und sie ist auch nicht nur am ehesten der Moment und zeigt ihn, den Moment, erst Recht auch nicht nur ohne Interpretation, nein: das alles genügt nicht, um das Besondere zu zeigen, vielmehr: die Fotografie eines Momentes ist Teil des Moments. Und zwar der Teil, der bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Sie ist echt. Die Fotografie. Er kann freilich auch inszenieren. Der Fotograf. Ja, er kann schminken und Licht machen und posieren lassen. Aber er kann ihn bei alledem nicht verhindern, den Moment, den Moment an sich. Das Künstliche und das Abbildende sind machtlos. Denn sie sind selbst Teil des Momentes, der eben bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Der Film des Fotografen ist anders als der des Malers und des Schreibers auch ganz und gar rückspulbar. Verfolgt man die einzelnen Schritte von dem an der Trockenleine hängenden Abzug des Moments zurück zu dem Moment, dann kommt man im Moment an. Ganz physisch. Beim gemalten und beim geschriebenen Bild kommt man indes sonst wo an: nämlich in vielen Momenten, die Maler und Schriftsteller im Bild zu Gleichzeitigkeiten kombinieren. Das Foto ist Teil eines einzelnen Moments.

Vielleicht liegt es daran. Schaffensmäßig ist das Foto im Verhältnis zum Fotografen stets unrein. Denn der Fotograf macht sein Bild – anders als Maler und Schreiber – nicht allein. Das Machtlose und die Unterwerfung unter den Zufall sind Beiwerk zum Bild, das nur Maler und Schreiber ausmerzen können. Zugegeben: es gibt vieles an einer Fotografie, das gar nicht zufällig ist oder momentmäßig-offen oder unplanbar. Der Fotograf weiß etwa ganz genau, wie lang er war, dieser Moment. Aber der Moment ist nicht nur die Zeit, in der Licht auf den Film fällt. Dem Technischen und dem unbewertet Abbildenden ist es auch egal, wie viel Wertung und Schischi im Abgebildeten stecken. Ein Moment schafft sich selbst, egal in wie viele Determinanten der Fotograf den Zufall zu zwingen versucht. Und das Instrument des Moments ist der Apparat. Denn der lässt nur eines zu, lässt nur Licht auf einen Film, mal kürzer und mal länger, mal durch ein größeres, mal durch ein kleineres Loch. Das allein lässt er den Fotografen bestimmen: die Öffnung eines Lochs und ihre Dauer. Mit Zu ist Schluss und es ist da; nicht im Sinne von eben geschaffen, sondern im Sinne von jetzt bleiben: das Bild und mit ihm der Teil des Moments, den Maler und Schreiber niemals schaffen können, weil nach dem Auge und vor dem Festhalten in der Erinnerung an den Moment erst noch das Gehirn kommt, ein Filter, der auf kein Objektiv passt.

Soziale Netzwerke: nur noch ein Ich; nicht mehr viele

Das Credo sei Du selbst, das in der analogen Welt schon schwer zu verwirklichen war, sieht sich im Internet herausgefordert.

Weil alle alles gleichzeitig von einem Menschen mitbekommen, ist der Mensch in dem, was er sendet, beschränkt. Denn er kann nur noch die Schnittmenge dessen senden, was allen verträglich ist. Dieses neue, vereinheitlichte Selbst ist deshalb zwangsläufig ein anderes, als das alte: Während das Selbst-Sein einmal bedeutete, hier so und da so zu sein, macht es die Beschränkung der Technik heute nötig, überall gleich zu sein. Sie macht es nötig, das Selbst auf ein einziges zu beschränken und ihm seine Zerklüftung zu nehmen. Das Selbst zu formen, je nach dem, wer vor einem steht, das war Wesensmerkmal von Kommunikation. Aber das ist es nicht mehr, seit der Mensch den physisch vorhandenen Raum zum Interagieren verlassen hat und in die virtuell genannte Realität überwechselte. Damit geht das Wichtigste am Selbst-Sein verloren: Das Anpassen ans fremde Umfeld, das Nicht-Selbst-Sein.

Ein bisschen leer und dabei offen

Dieses Lachen auf ihrem Foto, das war ganz nah am Weinen. Kein Widerspruch. Sie verzog darauf die Mundwinkel auf dieselbe Weise, wie man es tut, wenn man dabei ist, das Weinen zu unterdrücken. Wenn man unterdrückt, noch einmal zu weinen, nach dem man schon zu viel geweint hat. Wenn man langsam anfängt, eine Sache einzusehen und nur lächelt, weil man will und nur will, weil man denkt, man muss das jetzt.

Ihre Augen waren ein bisschen leer und dabei offen, wie Augen sind, wenn alles erfasst werden soll, was vor ihnen ist. Wenn nichts vergessen, nichts übersehen werden soll. Falten um den Mund, also: bald. Noch waren es nur Fältchen. Links drei und rechts vier. Sie deuteten sich mehr an, als sie sich zeigten, sahen aus, als seien sie nicht zu sehen, wenn sie nicht lacht und als grüben sie sich tief in sie, wenn sie doch lacht. Mögen kann sie diese Fältchen doch nicht. Schwarz-weiß ist das Foto von ihr. Und diese trübe Färbung, die stellte einen Widerspruch her zu der offenen und eindeutigen Mähne, die ihre Haare waren. Derselbe Widerspruch war das, wie er sich in ihrem Lachen fand.

Ich sah sie an und vergaß, dass sie online war. Und dann bemerkte sie, dass ich online war und das Chatfenster popte auf und im Dialekt ihres Ortes sprach sie mich an. Nichts Beziehungsmäßiges war in ihrer Stimme. Aber Unterwerfung, das gefiel mir nicht. Ich musste mich kümmern, musste sie lenken, musste ihr ein Gefühl dafür geben, sicher zu werden. Aber ich wollte mich nicht kümmern. Kümmern ist stark und schwach, oben und unten. Jedenfalls: eindeutig. Einer hier, einer da. Ich wollte aber nebeneinander, wollte unvorhersehbares Hin-und-her. Wollte diffus und trübe, wie ihr Foto das versprach.

Lila in den Nasenflügeln

Und ich sitze vor dem Spiegel. Von der Decke bis zum Boden reicht er hinab. Und je länger ich da sitze und mir ins Gesicht sehe, desto mehr Flecken erkenne ich auf dem Spiegel. Diesem Spiegel, der jeden Tag so sauber aussieht. Seit ich ihn gekauft habe, hat ihn niemand berührt. Und doch: Spritzer, wo meine Schulter ist, Schlieren über meinem Knie. Eine fleckenlose Stelle vor meinem Gesicht doch gleich darüber, da ist ein Fleckchen, ein ovales. Wie eine Amöbe sieht es aus, nur viel, viel größer.

In diesem Spiegel sehe ich mich, wie ich glaube auszusehen. Sonst und in anderen Spiegeln, da erkenne ich mich von Zeit zu Zeit nicht. Dann rechne ich die sogenannte Entwicklung und andere Faktoren, die zur Unkenntlichkeit eines Gesichts führen können hinzu, verrechne mich und komme: nie zu einem eindeutigen Ergebnis. Hier indes stimmt alles. Rote Lippen, vom Rotwein rot. Blau unterlaufene Augen, die dazu passen. Lila in den Nasenflügeln, die den Übergang zu bilden üben, bis die Augenringe es eines Tages schaffen, tief genug zu kommen.

Satz, Punkt. Schnell aber nur von links. Kalt kommt es von hinten, obwohl da die warme Stube ist. Der Muskelkater vom Pumpen ist schon da. Das Blut pumpt in den Armen; dicke, dicke Arme. Sieht aus wie ein Foto. Es ist vielleicht das wichtigste Foto: das direkt von vorn, das mit Zeit geschossen wurde.

Wenn das Auge sich ins Auge blickt, dann kneift es sich zusammen, ein Grummeln aus dem Radio stört es dabei nicht. Ich sehe auf und das Aufsehen schiebt die Amöbe direkt in die Pupille. Nein, es ist doch kein Zusammenkneifen. Das Auge stellt sich schärfer. Wie soll das anders auch gehen? Vor dem Spiegel.