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Kategorie: < 2 Min.

Ex-Berliner (Darum)

Wie lange ich weg sein würde, hatte Max mich am Flughafen Tegel gefragt und ich konnte nur lächeln, nicht nach außen, so dass er es sah, sondern nur nach innen, sodass ihn mein Blick in Ruhe lies in dem Glauben, wir hätten uns in den letzten vier Jahren kennengelernt. Es war der falsche Weg, der nach Deutschland, das ist mir heute klar, aber was ist der richtige? Der zurück nach Astana? Ich war zwei Jahre lang die Vorsitzende der Informatik-Fachschaft an der TU-Berlin. Einmal war mein Gesicht sogar auf dem Titel unseres Unimagazins. Knallrote Lippen und Regelstudienzeit, das gefiel den Verantwortlichen. Meine Freunde und ich, wir tranken Vodka im Puro, kauften Kettchen auf dem Kudamm, standen, rauchten saufend, laut und tanzend und dann verliebten wir uns. Max und ich. Oder so. Einmal im Jahr zum Ausländeramt, einmal im Jahr sagen, dass wir auch vorhaben, zu heiraten, einmal im Jahr ach, sie können aber gut Deutsch, einmal im Jahr Danke-sagen und durchatmen, noch mal verlängert, einmal im Jahr kein Rausschmiss. Und dann bin ich doch gegangen. Zwei Jahre ist das her und in Kasachstan, da machen wir keine langen und kleinen Schritte wie die Deutschen mit Abitur, Studium, erste Liebe, Job, zweite Liebe, zweiter Job und so weiter, nein, in Kasachstan sind die Schritte groß und kurz, Heirat, Baby. Ich hatte Jurij noch als Kind auf einer Hochzeit kennengelernt.
Wie lange ich weg sein würde, wollte er damals am Flughafen in Almaty wissen und als ich zurückkam, sah er immer noch ganz okay aus und seiner Familie, der geht es gut und ich bin auch in dem Alter, also finde ich, und dass er seine Eltern zu uns geholt hat, damit ich tagsüber nicht allein bin, hat er sicher gut gemeint und das Kopftuch, das trage ich nicht, um mich vor anderen Männern zu verstecken, sondern darum, weil wir das hier so machen.
Von der Pergola Richtung Feld kann ich es sehen, das Schütteln der Köpfe meiner Freunde in Berlin, wenn sie von meinem Leben hier erfahren würden und das Schütteln der Köpfe meiner Freunde hier in Kasachstan, wenn sie von der Zeit in Berlin wüssten. Aber was weder die Deutschen noch die Kasachen beim Schütteln ihrer Köpfe sehen, das bin ich.
Wie lange ich weg sein würde, habe ich mich gestern Nacht gefragt. Wohin noch mal zurück?

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Fussi, Schlesi, Görli, Kotti, Taxi

Also: ich hab den ganzen Tag gepennt. Und abends war ich erst beim Fußballtraining in Spandau und wusste schon, dass ich deshalb zu dem Geburtstag von Thao am Schlesi nicht pünktlich kommen würde aber ich war echt lange nicht mehr beim Fussi und ich wollte Präsenz zeigen, das Problem war nur, dass ich vorher noch eine Seite ausdrucken musste aber beim Drucker war der Druckschlitten blockiert, sodass ich am Ende erst halb acht beim Training war. Aber war alles okay und Rashid hat mich danach mit zum S-Bahnhof genommen und die S-Bahn kam auch gleich, zehn nach zehn war ich bei Thao in der Bar und Hakim sprach mich mit Namen an, ich kannte ihn noch aus der C-Jugend, also: er war damals B-Jugend und gehörte zu den Großen, ich hätte nie gedacht, dass der sich an mich erinnert, ihm gehört jetzt die Bar, ich war so von Spandau nach Kreuzberg? und er so ja, wegen Geld. Ich kannte auf dem Geburtstag dann eigentlich keinen weiter, da waren nur Kiffer mit breitem Grinsen, sone Leute, die so wackeln, wenn sie lachen und die die Schultern dabei hochziehen, mit solchen Leuten kann man ja nicht reden, obwohl das zu wissen natürlich das Gute ist an denen, denn bei anderen Gesprächen bleibt das ja manchmal stundenlang verborgen, dass sie umsonst sind. Ein Mädel mit abrasierten Haaren war ganz geil, die hat mich die ganze Zeit angeguckt aber ich wollte halt auch echt nicht so einen intense talk und was anderes wäre bei der nicht drin gewesen, also bin ich nach ein paar Zigaretten und zwei Bier kurz vor zwölf weiter. Von den fünf Leuten, denen ich geschrieben hatte, antwortete nur Manon, sie war in einer Bar am Görli, also ging ich die Skalitzer runter und dann guck ich in sone Tür rein von sonem Club und da seh ich plötzlich Joao, den hatte ich seit Jahren nicht gesehen und ich ging so rein und war so Hey Joao und dann dreht sich der Typ neben ihm um und das war Holger und ich kam gar nicht klar, die beiden haben gerade ein Brett an die Wand geschraubt und dann sagte Holger, dass das sein neuer Club ist und Joao die Tür macht, dann führte mich Holger noch rum, gab mir ein Bier, das aus Bayern kam, und dann rauchten wir noch, es war gerade halb eins und als wir uns über Körperspannung und Bänderrisse unterhielten rief Manon an und warf mir vor, dass man ja wohl keine dreiviertel Stunde vom Schlesi zum Görli bräuchte, also ging ich weiter und dann hingen wir da in dieser Bar am Görli ab aber die haben bald zugemacht, die lesbische Freundin von Manon war auch da, die ist ganz nett aber die hat nicht besonders viel mit mir geredet. Ich hatte auf Rosi’s dann keinen Bock mehr und dann ging ich zur Sparkasse am Kotti vor, wollte Geld holen fürs Taxi aber dann fiel mir vor dem Automaten stehend ein, dass Isaak neulich sagte, dass er jetzt in einer WG am Kotti wohnt und dann rief ich ihn an und die Bude war genau gegenüber von der Sparkasse, ein Junkie lag auf der Treppe zum ersten Stock und drinnen war der Teppich rausgerissen, Nektarios, den ich vorher noch nicht kannte, fing irgendwann an mit seinem Akkordeon und der Bruder von Isaak, also der kleine, spielte Oboe dazu, Isaak kam am Ende mit Gitarre und Gesang und die anderen und ich, wir schlossen den Kreis um die Kugellampe und ohne Kiffen kommst Du aus soner Nummer ja nie raus und Isaak so: you were here last night, you were driving circles around me und auf einmal funktionierte das nicht mehr mit dem Ablenken und sie war doch wieder da, die Erinnerung an Özlem und ihre behinderten fake-Argumente gestern Nacht und dann war ich froh, dass das Taxigeld schon im Portemonnaie war, hab auf 14 Euro aufgerundet, weil Ümmet siebzig gefahren ist.

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NSA OKAY

Ich will Dir einfach sagen, dass es okay ist. Dass Du dir nicht alles zu Herzen nehmen musst, was die Menschen im Internet sagen. Das sind nur die lauten, die, die wir hören, weil sie schreien. Aber die anderen sind auch da. Die leisen, die bei Dir sind.

Du bist nicht allein. Dass man da so reinrutschen kann und dass dem Ganzen eine Idee zugrunde liegt, die mit Schutz, mit Sicherheit, mit Leben und Sorge um die Schwachen zu tun hat, das wissen diese Menschen, die leisen, und dass sie das wissen, sollst Du wissen. Und dass Du deine Familie ernähren musst, dass man so einfach selbst in Amerika keinen neuen Job mehr findet, das wissen sie auch. Dass nicht jeder ein Revoluzzer sein kann, dass nicht jeder ausbrechen, ins Exil nach Moskau gehen, seine Frau für eine Idee verlassen, auf seine Heimat, seine Straße, den Mann im Supermarkt, der einen mit Namen anspricht, den Himmel, den man seit der Kindheit kennt, die eigene Sprache einfach verzichten will, das wissen diese Menschen und das sollst Du wissen und deshalb will ich Dir das sagen.

Denn Du sollst die Zweifel aufgeben, die Dich quälen, seit Dein ehemaliger Kollege alles öffentlich gemacht hat und Du sollst weiterleben aber: Wie komme ich an Dich ran? Wie bringe ich diese Nachricht zu Dir? Dein Schreibtisch steht im Verborgenen, hinter einer Tür, vor der ein Computer steht. PRISM prangert auf seiner stählernen Brust und dass ich das richtige Codewort eingeben muss, um reinzudürfen, zu Dir, um ausgedruckt, in eine Akte mit braunem Deckel geheftet Dir vorgelegt zu werden, damit Du mich siehst, von meinen warmen Worten für Dich liest. Aber was soll das Codewort sein? Der Türsteher verrät es mir nicht. Ich beginne zu tippen, hab unendlich Versuche frei, flüstert seine metallene Stimme mir wireless ins Headset:

Anschlag, Ungläubige, Hauptbahnhof, Mujaheddin, Freiheit, Landweg nach Peschawar, Autobombe, Sprengfalle, Israel, Autobus, Kino, weiches Ziel, Düngemittel, Kopfschuss, USA, Atta, Militärstützpunkt in Süddeutschland, U-Bahnhof, Feindesland, Explosion, Attentat, Besatzer, besetztes Palästina, Burger King, Gaddafi und sein Buch. 

Ich probiere alles. Aber Deine Tür bleibt zu. Wie hieß Gaddafis Buch noch mal, ich komme nicht drauf. Ein letzter Versuch, ich suche mit Google, dann mit Yahoo, nichts. Ich mache die Facebook-App im Handy auf, starte den Chat und Micha weiß was, schreibt er mir. Guck bei Wikipedia nach, tippt er, hat irgendwas mit Islam zu tun, ich tippe zurück, Islam? Bing, und PRISM springt auf grün.

So einfach? Brauner Deckel, nicht gläsern, nein, gedruckt auf recycletem Papier lieg ich vor Dir, und Du blätterst in mir, gibst, was Du nicht kennst, weil Du kein Deutscher bist und eure Übersetzer gerade Donuts essen, bei Google-Translate ein und bekommst mit, was ich Dir sagen will. Du seufzt. Weil das Verfahren gegen mich einzustellen mehr Begründung erfordert, als es auf Wiedervorlage zu legen, holst den Stempel raus, den roten. Machst heut früher Schluss und Barbecue zu Haus, rufst Frau und Kinder rein und ihr betet vor dem Mahl, angefasst, Augen zu, Kopf runter, flüstern verboten, nichts soll jemals anders sein.

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Und ich sehe den Toten beim Leben zu

Schauspielerin Hildegard Krekel an Krebs gestorben, las ich letzte Woche und las schon fast woanders weiter, weil ich nicht weiß, wer das ist, dachte ich, und sah dann noch im Augenwinkel Ein Herz und eine Seele da stehen, den Titel dieser Serie, die wir immer sahen, und dann kamen sie mit einem Schlag hervor, aus der Erinnerung, die Bilder von unserem Sofa in Karow, auf dem ich hockte, saß und lag, das Sofa, das erst ausgewechselt wurde, als ich nicht mehr mit meinen Eltern Fernsehen guckte und die Erinnerung wurde stärker: Diether-mit-H Krebs, an einem Krebsleiden gestorben, Krebs-Krebs, ha-ha, haben wir damals auf dem Basketballplatz in Lichtenberg gelacht, als wir noch nicht wussten, was man zu dem Gefühl, das man dann hat, sagt. Schwarz-weiß und später bunt und: Dann sehe ich den Toten beim Leben zu. Mit dem nächsten Blick in die Erinnerung. Sehe mich hocken, sitzen, liegen und zusehen, wie sie über Ekel Alfred lachen, über Ekel Alfred resignieren, über Ekel Alfred schimpfen, mit Ekel Alfred kochen, neben Ekel Alfred Fernsehen gucken und neben Ekel Alfred selbst auf Sofas sitzen, die Toten, schwarz-weiß, später bunt. Erinnerung. Und ich sehe sie leben. Und wie sie spielen. Fernseher an, Best-of-Ekel-Alfred, wieder mal dran, ein neuer Tod, ein neuer Anlass für den Sender, mir noch mehr Bilder von den Toten zu geben, als die Erinnerung das kann, ich gucke genau hin, sehe ein Schmunzeln, das nicht zum Spiel gehört, höre ein Stocken in der Stimme, das nicht rausgeschnitten wurde, sehe sie Fehler machen und lachen. Die Toten. Und dann les ich ihre Namen im Abspann. Von unten nach oben ziehen sie den Fernseher rauf, repeat, lese noch mal nach, die Toten, Wikipedia schreibt mit und nennt das Nekrolog, zählt sie auf, die Toten, schließt die Leben mit einem Bulletpoint ab, das Update schon bereit für den nächsten, wird online gestellt, sobald die Röhre ausgeht, bei Nacht. Und ich schalte wieder an und als wäre es jetzt, sehe ich den Toten noch einmal beim Leben zu aber dieses Gefühl, um das es geht, kommt nur bei denen, die nicht vom Tod überrascht wurden:

Sie spielen da, in den Filmen, alten Filmen, und sie spielen unbefangen von der Gefahr, die in ihnen schlummerte, damals schon, und ich sehe sie schmunzeln, stocken, Fehler machen in dem Schatten, den ihre Körper über sie legen, von Anfang an, der Schatten, den sie nicht sehen, wie man Wolken am Tag oft nicht sieht, weil es trotzdem hell ist und sehe sie nicht wissen, was ich weiß, wenn ich zugucke: Sie lauert in ihnen. Die lange schwere Krankheit ohne Komma getrennt. Nicht auf einmal vom Zufall als Unglück gebracht wird er plötzlich da sein, ihr Tod, nein, er wird aus ihnen kommen, von den Genen geschickt, und Du wirst fast verrückt, schwarz-weiß, dann bunt, spüre ich so etwas wie Schuld daran, sie nicht zu warnen vor dem, was kommt, vor dem, was jetzt gekommen war, spüre so etwas wie Schuld daran, sie nicht zu warnen vor ihren Körpern und der Gefahr, die in ihnen lauert, die Gefahr, die während sie schmunzeln, stocken, Fehler machen sich schon ausbreitet, spüre den Tod in ihrem Lachen, spüre ihn da lauern, mit einem Grinsen vom linken bis zum rechten Mundwinkel, bevor sie sich küssen, vor dem Schlafengehen. Wenn die Folge zu Ende ist.

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Update vom 27. Mai 2015: Und jetzt ist auch noch Ekel Alfreds Frau gestorben.

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Roter Iro – Die Zeit nach den Haaren

Geht das auf Kasse? Okay. Hören Sie zu: Ich bin so … kann man das sagen: inkonsistent? Ich glaube, das ist es. Deshalb brauche ich Ihre Hilfe. Ich bin da in irgendwas reingeraten und komme nicht mehr raus. Nicht dass ich das wollte. Das weiß ich gar nicht, ob ich das will, also raus, und zum Wollen gehört ja Wissen und, sehen Sie, da fängt es schon an: Diese schlauen Sätze von mir. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass ich Akzente setze und das baut einen Druck auf. Warten Sie, ich muss das nur kurz twittern. –
Also: Als ich mit meinem roten Iro in den Zeiten der Internetblase anfing, da war alles noch einseitig und klar: Internet-Punk. Booom. Aber das hat sich geändert. Die Dinge sind mehrseitig geworden, multikausal, verstehen Sie? Und dann ist mir die Scheiße irgendwie entglitten, ich komme da nicht mehr hinterher. Mein Straight-in-eine-Richtung-Konzept, also, das passt in dieses veränderte Internet seit Jahren nicht mehr rein und das habe ich begriffen und mich angepasst. Aber nur so halb, nur nach innen, verstehen Sie? Nach außen sieht es immer noch so straight-in-eine-Richtung aus. Auf den ersten Blick, meine ich. Roter Iro. Sehen Sie nicht? Aber sobald man dieses Konzept hinterfragt, sieht man: es geht nicht mehr auf. Und davor habe ich Angst: Stellen Sie sich vor, die Menschen fangen an, mich zu hinterfragen. Inkonsistenz, das nehmen einem die Menschen doch übel, oder? Und ich habe die Fährte ja selbst gelegt: Neulich habe ich die Texte auf meiner Internetseite gelesen. Wissen Sie, wie bescheuert ich mir dabei vorkomme, meine Vita jedes Mal in der dritten Person zu ergänzen? Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Internet auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur.“ Ich bin doch ich und nicht irgendeiner, der mich kennt. Warten Sie, das muss ich kurz twittern. –
Oder das hier, ziehen Sie sich das mal rein, ich habs extra ausgedruckt: „Es ist für mich selbstverständlich, sowohl den Inhalt wie auch den Stil des Vortrags (…) anzupassen.“ Finden Sie das noch punk? Ein Punk biedert sich doch nicht an. Für gewöhnliche Menschen ist das an sich ja okay. Wer was verkaufen will, der muss das an den Mann bringen. Wer sich verkaufen will, der muss sich an den Mann bringen. Das macht jeder so, das muss jeder so machen. Aber ich, ich bin nicht jeder, ich habe die Dinge nie wie jeder gemacht, ich habe sie immer anders gemacht, das war mein USP, immer, ich habe einen roten Iro, Mensch! Dafür sind die Menschen zu mir gekommen. Und nicht ich auf sie zu. Aber dann bin ich älter geworden und, wissen Sie: Der Mensch muss doch von irgendwas leben. Warten Sie, das muss ich kurz … –
Und als Freiberufler, da kommt die Kohle nicht einfach so jeden Monat. Das muss ich Ihnen nicht erklären. Das ist bei Ärzten nicht anders, als wenn man sein Geld mit Vorträgen verdient. Und da musst Du Kompromisse eingehen. Aber das meine ich mit inkonsistent, verstehen Sie? Ich bin nicht Kompromiss. Warten Sie … –
Ich weiß nicht, was mich da geritten hat. Irgendwann dachte ich, die Krux ist: um diese Kompromisslosigkeit zu verkaufen, musst Du mit dieser Kompromissscheiße für dich werben. Das klingt nach einem Widerspruch und ich dachte, das passt zu mir, Widersprüche sind doch punk. Aber dann hab ich reflektiert: Das war natürlich nur eine Ausrede, um diese Anpassung vor mir selbst zu rechtfertigen. Natürlich könnte ich mich auch einfach zurücklehnen: Telekom, VW. Das sind mittlerweile meine Kunden. Und davon kann ich leben. Aber was mein Gehirn fickt ist, dass hinter diesen ganzen Konzernen irgendwelche Team-Building-HR-Spastis stehen, die sich einfach den lustigen Punk-Affen in die Mitarbeiterversammlung holen. Die benutzen mich. Und in der Afterhour machen sie einen auf Streetcredibility, weil sie es gewagt haben, mich einzuladen. Voll cool, wie der plötzlich einen auf Ernst gemacht hat. Und der Irokesenschnitt, schön! Ich könnte kotzen. Ja, die finanzieren mein Leben. Aber ich hab doch auch was zu sagen.
An diesem ganzen Schlamassel bin ich doch selbst Schuld. Ich bin ein Punk mit Existenzangst. Ja, ich weiß selbst: man kann alles immer auf Angst zurückführen. Das ist Küchenpsychologie, sagen die Kids von der Meta-Ebene. Warten Sie, ich muss das kurz … –
Aber nur weil etwas oft und auch von dummen Menschen gesagt wird, ist es doch nicht per se falsch. Sehen Sie, schon wieder so ein Satz! Warten Sie … –
Neulich dachte ich: Einfach Iro ab! Aber wie soll ich mich dann über Wasser halten? Stellen Sie sich mal vor, die Leute gucken nicht mehr mich an, sondern das, was ich sage. Überlegen Sie mal, einer kriegt mit, dass in meinen Büchern seit zehn Jahren dasselbe steht. Noch krieg ich das hin. Ich hole mir einfach Co-Autoren. Aber was ist, wenn das auffliegt? Es gibt ja schon erste Anzeichen. Meine Followerzahl stagniert seit Monaten. Selbst meine Frau twittert mittlerweile über andere Dinge als mich. Und dann wirst Du schweißgebadet wach, stehst auf, gehst ins Bad, guckst in den Spiegel und siehst: diese Haare! Und alles geht wieder von vorne los. Wie ein Korsett. Ein roter Iro mit 38! Steht da, geht nicht ab, schnürt mir die Luft weg. Aber ich darf mich nicht von ihm trennen. Und dann kam der Zusammenbruch. –
Neulich wache ich auf und es schießt mir durch den Kopf: Was ist, wenn Dir eines Tages die Haare ausfallen? Das kann ich doch nicht ausblenden. Damit muss man sich doch konfrontieren, wenn das ganze Geschäftsmodell an ein paar dünnen, roten Fäden hängt. Und dann saß ich da und habe wieder reflektiert: Ich werde mich absichern. Endgültig. Mit Hand und Fuß. Meine Fake-Identity als Teeny-Modebloggerin habe ich aufgegeben. Die Sachen, die mir die Modefirmen schicken, haben eh nie gepasst und den Scheiß bei eBay zu verticken, das reicht nicht zum Überleben. Auf der re:publica habe ich dem Volk dann den Schulterschluss mit Merkel verkauft. Ich plane da sowas wie einen soften Übergang. Ich werde mich in irgendwas reinwählen lassen. Verstehen Sie? Man muss doch auch an die Zeit nach den Haaren denken. Warten Sie …

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Manfred Krug

Und dann sprengt dieser Satz alles in deinem Kopf und es bleibt nur er zurück, weil er das ganze Hickhack zusammenfasst, auf einen Punkt bringt, den Punkt an seinem Ende, und weil Du nicht mehr die Fäden verlierst, wie das beim Denken im Zusammenhang mit Liebe ja immer so ist, nicht nach vorn und nicht zurückspringen musst, weil Du es gar nicht mehr kannst, sondern stehen bleibst, weil dieser Satz es dir endlich erlaubt, durchatmest, weil Du es nach Wochen zum ersten Mal darfst, lachen kannst, weil Du es zum ersten Mal kapierst. Das, was abgeht. Das mit Dir. Das, was der Satz einfach sagt. Das wird ganz schlimm für mich, wenn Du mich mal verlierst.

Und ich hab kapiert, dass ich es sein werde, der geht und der dir, wenn Du nach deiner Flucht vor mir irgendwann zurückkommst, die Tür nicht mehr aufmacht, sondern dahinter steht und weint. Ich hab es verstanden. Der Satz hat es mir erklärt, obwohl er da, wo ich ihn herhabe, gar nicht zu dem gehört, was gesagt werden sollte. Er steht für sich und steht für mich und sagt mir, dass ich es sein werde, der Dich versteht und der dann Schlüsse und dann den Schlussstrich zieht. Mein Schluss, das wirst Du dann sehen, wird endgültig sein, das erkennt der Satz auch, kann es mir immer wieder von ihm erklären lassen. Und Du wirst dir Schuld dafür geben und es mir schreiben und ich werde es lesen und meinen Satz und mich wird jeder deiner vielen Sätze bestätigen darin, dass ich nicht mehr zurückkann zu dir, weil Du mich kaputt machst, weil Du mich verloren hast. Du, deren Kinder ich mich schon Papa rufen hörte.

Danke für den Satz, Lisa Rank.

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Venture Capital Berlin

„Berlin ist die Venture Capital of Europe.“ Theodor unterbrach sich. „Haha, kleiner Scherz von mir. Startupmäßig ist die Stadt natürlich vollkommen overrated.“ Theodor verlor seinen Gewinnerblick für keine Sekunde. Ich lachte mit. „Sorry.“ Theodor lächelte und hielt dem Kellner einen Fünfziger hin. „Prost.“ Theodor knallte sein Bier gegen meines und trank. „Und was machst Du?“ Ich erzählte Theodor von meiner Idee und dass ich die Startup Lounge nutzen wollte, um Leute kennen zu lernen, die mir bei der Umsetzung helfen. „Das ist gut. Seed Camp, Startup-Bootcamp, Hackathon, Next Berlin: Networking ist das A und O.“ Theodor richtete seinen Zeigefinger auf mich. „Alpha bis Omega, sage ich immer.“ Ich nickte. „Aber verschwende Deine Zeit nicht mit den kleinen Fischen. Wir haben jedes Jahr 700 Investments.“ fuhr Theodor fort, „Mit unserer Hilfe sind 100 Gründer zu paper millionairs und zehn zu richtigen geworden.“ Theodor ließ mir eine Lücke, um etwas zu sagen aber ich wusste nicht, was. „Sowas schafft man nicht alleine. Kaum ein Startup hat den richtigen Fokus fürs business. Die Idee ist 30 Prozent des Erfolgs. Deine ist gut. Aber nur wir bringen Dich zu den core issues. Lacking market orientation? Wir orientieren Dein Produkt am Markt. Know your margin! Wir sorgen dafür, dass der Gründer sich nicht zu sehr auf die Technologie konzentriert. Cost base too high? Wir senken Kosten and build your team. Wir haben Schulungsvideos im Internet. Auf Englisch!“ Theodor unterbrach sich, nahm einen Schluck von seinem Bier und ich gab zu, dass mein Englisch nicht besonders gut ist. „Mein advice for you ist: do it anyway. Do it with us. Sicher, es gibt auch andere VCs. Sitar Teli zeigt Dir, how to play the VC game.“ Theodor zog ein Blatt Papier hervor. „Wir zeigen Dir, wie Du es gewinnst. Aber: wenn Du was von uns haben willst, dann musst Du uns auch was geben. Input drives the output. 50 Euro monatlich für iDB, unsere exklusive Info-Data-Base inklusive Newsletter, ist quasi nichts.“ Theodor zog den Montblanc Füller mit blauer Tinte aus dem Montblanc Etui mit weißem Stern. „Einfach hier unterschreiben. Das kannst Du quasi als Geschenk von uns betrachten.“ Ich nahm einen Schluck von meinem Bier und zündete mir eine Zigarette an. Was heißt eigentlich Venture?

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Deutsche Bank Kunsthalle – Die Schlange und der rote Faden

Die Schlange war so lang, sie reichte bis zum Eingang. Die Schlange stand. Und in ihrer Mitte begann ein Gespräch über Kunst.

„Ist das Lady Gaga?“
„Ja, Acryl und Aquarellmix. Diese Technik habe ich selbst entwickelt.“
„Was machen die eigentlich mit unseren Bildern?“
„Die verkaufen die Bilder auf dem Schwarzmarkt. Und dann bringen sie das Geld zur Bank und die parkt das auf …, wie heißt das, na, hier, der Schäuble nennt das immer Schlupfloch.“
„Ja, ich weiß schon. Um rauszufinden, wo das Geld hinfließt, brauchst Du schon einen ganzen Geheimdienst.“
„Wie der BND hier vorne an der Chausseestraße.“
„Die sind ja immer noch nicht fertig, weil die Pläne geleakt wurden. Jetzt müssen die alles neu bauen.“
„So, wie beim Flughafen.“
„Genau. Desaster. Das muss man sich mal vorstellen. Da hängen ja auch Arbeitsplätze dran.“
„Ich war selber mal eine Weile lang arbeitslos.“
„Ein Bekannter von mir auch. Der musste dann zum Arbeitsamt nach Lichtenberg oder so. Das sah aus da, sagt er. Mit Paternoster und so. Direkt wie bei der Stasi. Und das hat man bei den Mitarbeitern auch gemerkt.“
„Mich haben die damals erst mal eine Stunde warten lassen.“
„Da können Sie sich sicher sein, da stecken noch ganz viele von der Stasi drin. Das sind genau diese Methoden. Aushungern lassen.“

Die Schlange bewegte sich ein Stück nach vorn.

„Der Fischer hat aber auch abgenommen.“
„Als der noch Außenminister war, hat der direkt bei mir im Kiez gewohnt. Der ist dann auch immer in meinem Supermarkt einkaufen gewesen. Der hat massiv abgebaut.“
„Naja, schlecht wird’s dem nicht gehen.“
„Wer sich einen Steuerberater leisten kann, dem geht’s nicht schlecht. Heutzutage. Deshalb geht’s den Banken ja auch so gut. Die haben da zig von. Außerdem haben die so viele Tochterfirmen oder wie das heißt in dem Jargon von den Unternehmern. Da sieht einer alleine gar nicht mehr durch. Verbrecher.“
„Ja, gut. Aber das ist auch deren Job. Wenn der Staat das nicht unterbindet, dann ist er ja schuld.“
„Wir sind der Staat.“
„Das sag ich auch.“
„Aber leider nicht der einzige. Amerika, China, Russland. Die haben ja alle auch Computer. Und die hacken sich da ein und dann holen sie sich die ganzen Daten raus.“
„Ja, und dann stellen sie Fahrzeuge her, die sehen aus, wie unsere. Die Chinesen!“
„Die Chinesen! Die muss man im Auge behalten. Amerika ist verschuldet, Europa ist verschuldet. Aber die Chinesen haben Geld. Und wer Geld hat, der kann bestimmen.“
„Bestimmen ist so scheiße. Deshalb hab ich mich als Fotograf selbstständig gemacht.“
„Was fotografieren Sie?“
„Ich mache Portraitfotografie, Werbung, Image, Schauspieler. Ich hab Christian Friedel fotografiert, den kennt man aus Das Weiße Band, aber auch viele, die sind noch nicht so bekannt. Ich bin auch erst so seit zwei, drei Jahren dabei. Schauspieler sind schwer.“
„Ich habe neulich gelesen, dass die Tochter von dem Joop jetzt auch Schauspielerin ist.“
„Der hat zwei.“
„Henriette.“
„Die ist ganz schlecht.“

Die Schlange bewegte sich ein Stück nach vorn.

„Aber die Florentine.“
„Die ist was Besonderes.“
„Bei diesem Vater.“
„Ich kenne den! Ein Freund von mir hat seine Wohnung gestaltet. Aber Joop ist ja nicht gut. Der hat halt eine gute PR-Strategie. Anders der Lagerfeld. Das Wunderkind.“
„Der ist doch gaga.“
„Dann haben er und die Aktion hier ja was gemeinsam.“

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Junger Mann (Repeat Rewind)

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
Nicht die erste große Liebe, nein, die vierte zog mir gerade die Beine weg
Schwach geworden
Blieb ich auf dem jump seat sitzen
Noch mal los
Wieder nicht angekommen.

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
In einem fremden Land der einzige, beim zehnten Mal nicht mehr so schlimm
Und ganz ohne Kulturschock krieg ichs hin
Beim Geburtstag noch an den letzten erinnern, oder wars der davor, ich komme durcheinander
Kommt man ja
Sehe den Himmel über Amerika
Und erkenne mal wieder, ja, er ist anders hier, als drüben
Aber noch bevor ich den Gedanken benenne, ist das Taxi da, das ich mittlerweile bezahlen kann
Zum Hotel bitte, ja, und zwar in das, in dem ich nicht mehr darüber staune, dass ich seit irgendwann mit Respekt behandelt und dann gesiezt und dann mit Doktor angesprochen wurde
Das Hotel, in dem ich irgendwann erkannte:
Ich bin alt genug geworden, um junger Mann genannt zu werden.

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
Ich bin nicht mehr auf dem Weg, erwachsen zu werden, nein, bins längst geworden
Unbemerkt, vom Schein, den das Leben um mich auf mich wirft beim Sein
Während das noch läuft, alles, irgendwie funky fresh den Kalender entlang
Ohne Klang, den man hören könnte, der einen aufhorchen lassen würde, auf das Ende zu, mit Gesang, und mit Wein zum x-ten Mal ohne Überraschung nun
Und dafür mit Routine, fuck, ist zu Ende
In dem Moment, in dem man begreift, nein
Man begreift, wenn es zu Ende ist, ich greife vor, hoffe ich, denn sonst wäre jetzt Schluss
Könnte ich auch machen
Gestalten
Wie man das mit dem Leben machen soll, nein muss
Mit einem Schuss, irgendwo
Hotel in Amerika, wo keiner bei einem Knall erschrickt, wär ich weg
Oder so
Aber dafür fehlt mir der Mut, nicht zum ersten Mal
Lege mir ein Argument zu Recht, das, und den Grund
Drück nicht ab, sondern auf repeat, spiel noch mal mit, noch mal weiter, rewind, re-rewind, neues Glück, auf in die Heimat, ab nach Berlin zurück.

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Zum Türken

Komödie
in drei Aufzügen

In moderner Übersetzung
von Ch. Knappe

ERSTER AUFZUG

Mendelssohn-Bartholdy-Park

BÉLINE (tritt als letzte in den Waggon). Wo geht ihr jetzt, hey, wo geht ihr?
ANGÉLIQUE. Wo steigen wir jetzt aus?
LOUISON. Zoologischer.
CLÉANTE. Wo gehen wir dann?
BÉLINE. Ich geh schon Nollendorf.
ANGÉLIQUE. Wieso?
BÉLINE. Na ich geh zu den.
LOUISON (bewegt die Lippen, als spräche sie). Wieso?
BÉLINE. Na ich geh nicht zu den nach Haus, nur mit.
ANGÉLIQUE. Wer ist er überhaupt?
BÉLINE . Ist doch egal. (Béline steht auf.)
CLÉANTE. Geh ma, geh ma.
BÉLINE. Tschüß, wir sehen uns morgen. (ab.)
ANGÉLIQUE. Geh ma.
BÉLINE (ruft hinter der Szene). Laba.

ZWEITER AUFZUG

Nollendorfplatz

ANGÉLIQUE. Wo seid ihr morgen?
CLÉANTE. Ich geh Schule.
BÉLINE. Haha.
ANGÉLIQUE (blickt sie schmachtenden Auges an und sagt verständnisinnig zu ihr). Bist Du behindert? Morgen ist Opferfest.
BÉLINE. Nein Freitag.
ANGÉLIQUE. Nein Donnerstag.
CLÉANTE. Ist doch egal.
ANGÉLIQUE (spottet sie aus). Haha stimmt. Na geh ma. Bist eh kein Moslem.
CLÉANTE. Nein, dann komm ich nicht. Was soll ich alleine machen in Schule? (ab.)

DRITTER AUFZUG

Deutsche Oper

ANGÉLIQUE. Also sie ham so ein Haus, weißt Du? Und ich sag so zu mein Cousin, sie kann doch voll mit den Arbeiter dort rum machen, wenn er die Sachen nicht selbst installiert.
BÉLINE (unterbricht sie). Walla?
ANGÉLIQUE. Walla. Und sie ist sowieso komisch, guck, mit 20 will sie heiraten. (holt das Handy hervor.)
BÉLINE. Ja, wann willst Du sonst heiraten. Mit 32 oder was? (Geigenspiel ertönt.)
ANGÉLIQUE. Guck, sie macht voll Zigeunerhochzeit. (wischt von rechts nach links auf dem Touchdisplay.)
BÉLINE. Mach noch mal andere Foto.
ANGÉLIQUE (packt sie am Arm). Man ist sie hässlich.
BÉLINE. Ja aber Bildschirm ist auch schlecht. (Die Geigen spielen weiter.)
ANGÉLIQUE (höhnisch). Wo ist dein iPhone?
BÉLINE. Meiner? Is in Werkstatt, is hinten voll kaputt.
ANGÉLIQUE. Ich hab jetzt neuen. Aber ist alles auf Chinesisch, ey voll behindert.
BÉLINE (leise). Gehst Du einfach zum Türken. Er macht dir alles auf Deutsch.

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Verhandlungssicher

„Ich grüße Sie! Haben Sie vielen Dank für die Einladung!“
„…“
„Klar, sehr gerne. Ich fange mal vorn an: Ich war drei Jahre lang Mitglied der Schulkonferenz. Dass das das höchste Gremium im Schuldbetrieb ist, muss ich Ihnen nicht sagen. Ich habe in dieser Zeit ein Symposium mit dem regierenden Bürgermeister Wowereit erstens vorbereitet, zweitens durchgeführt und drittens moderiert. Dann habe ich den Vorsitz der Gesamtschülervertretung übernommen. Aus der JU bin ich nach einem Jahr ausgetreten und zwar wegen unüberbrückbarer politischer Differenzen mit dem Vorstand. Das möchte ich betonen. Den nächsten Höhepunkt in meiner Auseinandersetzung mit Politik, dem Staat und seiner Steuerung bildete die Gastvorlesung von Prof. Dr. Joseph Isensee an der Freien Universität Berlin, an der ich mit Erfolg teilgenommen habe. Das hat mein Staatsverständnis in vielerlei Hinsicht mitgeprägt. Schließlich habe ich das Grundstudium der Politikwissenschaften in zwei statt der vorgesehenen drei Semester absolviert. Ich spreche Englisch verhandlungssicher und ich habe Grundkenntnisse in Französisch. Das heißt, ich kann das grundsätzlich auch fließend sprechen, es ist sozusagen nur etwas eingerostet aber ich mag den Klang der Sprache sehr und ich habe großes Interesse an Land und Kultur. “
„…“
„So viele Bewerber?“
„…“
„Frauenquote. Ja. Das verstehe ich. Selbstverständlich. Gleichberechtigung ist ein hohes Gut in unserem Staat.“
„…“
„Ja, die Termine, an manchen Tagen … soll ich zumachen?“

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Ohne Fragezeichen

Du bist da gestern Abend vielleicht in einem Zustand gewesen, in dem es Dir nicht auf die Probleme mit Dir ankam und in dem die Flucht vor Dir, die Du so hasst, vielleicht nicht mehr beendet war, vielleicht nicht mehr unterbrochen war, gewiss: keine Rolle spielte.

Als Du zu Dir gefunden hattest, vor ein paar Wochen, da warst Du plötzlich weg von mir.

Das war der Grund. Habs eben noch mal nachgelesen, kannte ihn eh auswendig. Hattest keine Zeit mehr für mich, als Du sie für dich brauchtest.

Und gestern Abend, da hast Du mir viermal geschrieben.

Warst Du da wieder weg von Dir, bist Du wieder geflohen.

Warum zu mir.

Das war nicht, als hätte mich der Schlag getroffen, das war auch nicht, als hätte alles um mich herum angefangen, sich zu drehen, das war nicht, als rutschte mir das Herz in die Hose, es war ganz normal. Ich hab geschmunzelt, so wenig, dass die anderen es nicht einmal sahen. Ich dachte, hab versucht nicht zu fühlen, ich dachte, hab dann doch gefühlt, weiß nur nicht was, ich dachte jedenfalls, dass es Dir besser gehen würde in diesem Moment, gestern Abend, in diesen vier Momenten, in denen alles so war wie vor ein paar Wochen. Gegenseitig anmachen, miteinander spielen und nie genau wissen: ists ein Spiel.

So war es, bevor es gleich wieder endete. Nein sogar noch beim Ende und während das Ende anhielt war es so. Vielleicht war, nein ist, denn das Schweigen hält wieder an, vielleicht ist das ja noch Teil unseres Spiels. Mach mich nicht verrückt. Das ist kein Appell. Eigentlich kann dieser Satz auch wieder weg. Du machst mich verrückt, nein auch das ist falsch, ich bin verrückt, ich bins ja längst. – Und: War das nicht der Grund, aus dem wir zusammen gefunden haben. Damals, wie das klingt, also vor ein paar Wochen. Und: War das nicht auch der Grund, aus dem wir ein Paar geworden wären, in Lissabon, wenn ich hätte bleiben wollen, nicht können, man kann doch immer alles.

Hast mir kein fünftes Mal geschrieben. Hab mein Handy noch auf laut. Bist wieder geflohen. Wieder vor mir. Wieder zu dir?

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Aus dem Danach

Es ist, als wäre nichts mehr da, ich glaube, das war schon mal so, jetzt ist es wieder da: nichts. Zumindest weniger, ich merke das, ganz deutlich, wie es weniger geworden ist, das mit Dir. Ich fahre natürlich noch zusammen darüber wie schade es ist, dass ich nicht mit Dir Hand in Hand gehen kann, wenn ich daran denke, dass wir das hätten machen können. Aber es ist keine unendliche Traurigkeit, die sich dann unter meinen Alltagsgeschäften verborgen in solchen Momenten offenbart, nein, es ist dann auch wieder vorbei.

Und am Morgen merke ich es auch. Natürlich denke ich noch jeden Morgen beim Aufwachen an Dich. Aber auch hier ist keine Schwere da und kein Leid. Es kommt mir vor, als würde sich mein Körper daran erinnern, wozu er in den letzten Wochen morgens immer gezwungen war: Denk an sie, sei dann traurig. Und als würde er, mein Körper, hierzu in der Routine der letzten Wochen auch jetzt noch jeden Morgen ansetzen, so kommt es mir vor, aber eben nur so: ansetzen. Am Abend dasselbe und am Tag dazwischen, da ist es neuerdings anders. Da sehe ich andere Mädchen, vor allem dieses eine, das hat auch etwas im Blick, etwas Verstörtes und in der zierlichen Zeichnung, schau, wie bei Dir, in der zierlichen Zeichnung des Gesichts auch etwas Herausforderndes, sieh hin, genauso zurückhaltend, wie bei Dir. Ihre Haare sind auch dunkel, nicht schwarz, wie Deine aber ihre Brüste, die sind groß, nicht klein, wie Deine. Aber auf all das kommt es ja nicht an, verzeih, ich habe mich in der anderen verloren, es kommt darauf an, dass die da ist, sie ist nichts besonderes, mit der wird nichts sein. Was ich sagen wollte ist, dass sie da ist, dass sie mir aufgefallen ist, allein das, das ist ja schon mal was, das war vor Kurzem noch nicht selbstverständlich.

Und ganz ehrlich: Ich habe nicht das Gefühl, dass dieser Text hier zu denen der letzten vier Monate passt. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass er geschrieben werden oder in einen Zusammenhang mit den alten Texten gesetzt werden müsste, überhaupt: da ist kein Müssen. Merkst Du, was ich meine: Die Notwendigkeit ist weg, die Notwendigkeit, Dir zu schreiben. Zum Schreibtisch bin ich jetzt allein gegangen, das Brötchen habe ich jetzt allein deshalb in der Küche liegen lassen, weil ein Interesse in Bezug auf mich mich drängte. Das allein war eben in meinem Kopf: halt Deine Entwicklung fest, das aufgeschrieben zu haben und nachlesen zu können wird Dir bald wichtig sein, mir! Nicht Dir. Denn bald ist nichts mehr da.

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Ein Test

Ich habe zwei oder drei Monate nach Deiner Geburt einen Test machen lassen.

Ich habe ihr nichts von dem Ergebnis gesagt, weil ich mich vor den Konsequenzen gefürchtet habe. Verstehst Du? Wir waren uns einig darüber, dass das ein Neuanfang werden sollte. Ich habe deiner Mutter endlich vertraut. Ich wollte das nicht zerstören, nicht schon wieder alles einreißen, nicht schon wieder in die Vergangenheit. Ich wollte nach vorn. Zusammen mit euch.
300 Euro oder so Unterhalt von irgendeinem Typen dafür, dass der sich in unser Leben einmischt? Ich mein… ist doch alles okay. Du warst gesund, krank schien der nicht gewesen zu sein. Und ich wollte auch nicht, dass Mama noch mal Kontakt mit ihm hat, vielleicht irgendwas wieder aufreißt oder so. Verstehst Du nicht. Ich wollte nach vorn. Sowas passiert halt. Also ich meine nicht Du. Sondern dass man eben Sachen macht.

Und, also ob ich glaube, dass sie bis zum Ende dachte, Du bist von mir?
Ich habe sie nie gefragt. Wir haben nie darüber gesprochen. Offiziell, wenn man so will, war in der Auszeit ja nicht viel passiert. Ich weiß nicht, keine Ahnung, wir haben uns oft angesehen, wenns um Dich ging und dann geschwiegen, keine Ahnung, was dann in ihrem Kopf vorging, wir haben uns doch vertraut.
Ich wünsche es mir jedenfalls, dass sie das dachte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es für mich war, mein Wissen all die Jahre vor ihr geheim zu halten. Ich hoffe halt einfach, dass sie nicht diesselbe Last getragen hat. Ich hab sie so geliebt.

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Assiziationen

Du kannst das Wort Assi auf so warme Weise sagen. Mit weichem S und nicht mit scharfem. Vorhin habe ich mich wieder daran erinnert. Am Kotti hat ein Junge seinen Kumpel so begrüßt. Und ich war sogleich bei Dir, in Gedanken, bei Dir also und bei dem Gespräch von gestern Nacht. Erinnerst Du dich? Als es um deine Arbeitskollegen ging.

Aber das ist nicht das Einzige.

Ebenfalls vorhin, ein bisschen früher noch war das, da klingelte mein Telefon und ein Bekannter sagte ab und ich sagte ist okay und musste meine Freude unterdrücken, nicht darüber, nicht über ihn, nicht über das Telefon, nein, ich war noch beim Klingeln, denn ich dachte ja an Dich, als das Telefon das tat und das wirkte noch nach.

Muss viel mehr Klopapier kaufen, seit Du immer kommst, denn Mädchen brauchen mehr, als ein Mann alleine und so stehe ich zum ersten Mal im Leben mit den Rollen unterm Arm an der Kasse, ohne Scham, denn für die müsste ich ja an die Menschen um mich denken. Kann ich nicht, kann mich doch nicht von Dir ablenken.

Assis, Klingeln, Klopapier, all das war schon vor Dir da. Aber jetzt nehm ich es wahr. Seit es erweitert ist um Dich. Mit Erweiterung, Ineinanderaufgehen, Assoziation und so werde ich heute Abend versuchen, es zu beschreiben aber laber nicht, wirst Du dann sagen und mich küssen und dann bleiben.

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Dieser Moment

Dieser Moment, wenn Du dich an einem Sonntag nach dem Telefonat wieder auf deinen Platz in der Bibliothek zurück setzt und Dir die bescheuerte Frage des Anrufers nach dem Warum nicht mehr bescheuert vorkommt.

*

Dieser Moment, wenn Du deinem Freund in der U-Bahn zu früh Tschüß gesagt hast und die Station nicht kommt und nicht kommt und nicht kommt und Du dich eigentlich noch mal umdrehen könntest und Du es doch nicht tust, weil Du unsicher bist, obwohl ihr euch für Unsicherheit eigentlich viel zu sehr mögt.

*

Dieser Moment, wenn Dir der Grund, aus dem Du es ihr damals nicht einfach gesagt hast, nicht mehr einfällt.

*

Dieser Moment, wenn Du merkst, dass diese ganzen Dieser-Moment-Sätze nur auf halber Strecke stecken gebliebene Reflexionen sind und Du alles beim Eigentlich-müsste-man belässt, weil zu erkennen, was falsch läuft, allein Dir eben doch nicht ausreicht, um mit dem Arsch an die Wand zu kommen und einfach zu machen, was Du willst.

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Die Rosen der Bibliothekarin

Es war schon lange niemand mehr durch den Lesesaal gegangen. Ich saß allein an meinem viereckigen Tisch zwischen den Regalen und lernte Auge. Bei Auge traute ich mich nicht auf Lücke zu setzen.

Durch das Fenster sah ich nur noch mich und die Gänge hinter mir. Denn es war bereits dunkel.

Etwas weiter rechts von mir, vier, fünf Bücherreihen vielleicht, stand die schöne Bibliothekarin auf dem runden Hocker, der nicht mehr rollt, sobald man sich darauf stellt. Leise hörte ich sie. Irgendwann am Nachmittag hatte ich sie gesehen. Ein paar Schritte lief sie vor mir. In ihren roten Pumps, die Beine nicht so ganz in die schwarzen Netzstrümpfe, also wie man so sagt, gehüllt, also nicht so ganz, also wie gesagt.

Ich bin nicht besonders groß, vor allem im Sitzen nicht. Die Lücke zwischen dem dritten und dem vierten Regalboden der Regale neben mir befand sich auf Augenhöhe. Und irgendwann zwischen Photorezeptor und Pigmentfleck schaute ich nach rechts. Und sah sie da stehen. Ihre Beine. Eben nicht so ganz gehüllt in die Netzstrümpfe, die sie an diesem Tag zum ersten Mal trug. Von etwas weiter oben quietschten die Metallschienen, die die Bücher hielten. In der Spätschicht räumte im gesamten letzten Jahr niemand Bücher ein. In der Spätschicht, die sie an diesem Tag zum ersten Mal machte. Sie rückte näher. Schlemm-Kanal, drei Reihen weg. Irisfortsätze, zwei Reihen weg. Pupille, die Reihe neben mir.

Ich hörte wieder, wie sie auf den runden Hocker stieg. Und ich drehte mich, würde ich sagen, wenn man mich fragte, nach dem Geräusch um. Ich erkannte das Muster auf den Strümpfen, Rosen, und genoss es, sie minutenlang zu betrachten, ungesehen, gewogen in die Sicherheit, geschützt zu sein: Keine 30 Zentimeter zwar. Aber 100 Bände zwischen uns. Ein Buch nach dem nächsten holte sie heraus, verschob ein paar, zog und rückte andere. Einmal beugte sie sich leicht nach vorn. Da spannte ihr Rock. Ein anderes Mal stellte sie sich auf die Zehenspitzen und reichte, ein Bein angewinkelt, ganz nach oben. Und ich sah derweil den Rosen zu und der Genuss war minutenlang fast ununterbrochen von den Gedanken an die Dinge, die Menschen denken, wenn sie von jemandem wie mir nur hören.

Dann stiegen die Rosen vom Hocker herab und ich drehte mich noch im selben Moment zurück nach vorn, zur Sicherheit, sah geradeaus in das Fenster und in mein Gesicht, zur Sicherheit, und knallte direkt gegen ihn: ihren Blick. Auf mich gerichtet aus der Reihe neben mir sprang er mich aus dem Fenster an. Augenbraue hochgezogen. Ganz und gar nicht überrascht. Und erst ihr Lächeln.

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Einfach so

Ich habe immer gesagt, ich will vom Schreiben leben können und dann haben sie irgendwann alle angefangen, mir zu gratulieren. Verlagsvertrag, ja das war schon was. Und dann der Vorschuss für das neue Buch. Dass ich es geschafft und mein Ziel erreicht habe, dass ich endlich angekommen sei, wo ich immer hin wollte, das bekam ich von nun an zu hören.
Leute: Wenn ihr wüsstet.

In Paris wollte ich schreiben und das tue ich jetzt ja auch. Und dass der Lektor mir eine Wohnung besorgt hat, die der Verlag bezahlt, ja, das ist eine glückliche Fügung. Und dass das Schreiben läuft und die Manuskripte fast unverändert bleiben, ja, ja, ja, ich sehe das doch auch.
Aber Leute: Wenn ihr wüsstet.

Das ist doch kein Leben. Was ist denn, wenn das morgen nicht mehr läuft, wenn nichts mehr aus mir kommt. Ich weiß doch nicht warum es geht, warum es funktioniert, kanns doch nicht ein- und ausschalten, vor allem nicht einschalten, wenns mal ausgeht. Was ist, wenn: Schreibblockade lebenslang? Wie lange werde ich dann hier wohnen, na? Drei Monate, ein Jahr?

Da kommt doch nichts zu mir wenn nichts mehr von mir kommt.

Es muss nachgelegt, es darf nicht aufgehört werden. Es gibt noch längst kein Werk, das mich von allein ernährt und ohne Nahrung kann doch keiner leben.

Leute: Nirgendwo bin ich. Das ist kein Ort, der einer ist. Und leben kann man nur an Orten. Da wo alle Menschen leben und eben: atmen. Aber ich bin nicht an einem Ort. Ich muss die Luft anhalten. Bin längst über der Zeit. Muss wieder zurück an diesen Ort, an dem ich als Kind schon einmal war. Muss zurück, um Sauerstoff zu bekommen, der da ist und der, ohne dass ich ihn mit der eigenen Hände Arbeit noch in meinen Mund schieben muss: bleibt. Nur so kann ein Leben vom Schreiben doch funktionieren. Das ist das, was ich Leben nenne: Atmen. Einfach so.

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MOABIT-TRANSKRIB

„Dann sind Sie jetzt dran, Herr A. Erzählen Sie mal, was sich da abgespielt hat.“
„Soll ich von Anfang, also ich mein von vorne oder nur Ende?“
„Ganz von Anfang an, bitte. Möglichst umfassend.“
„Okay. Also wir haben da halt gesessen wie immer eigentlich.“
„Verzeihung, wo?“
„Na Leo. Hab ich ja bei Gesa schon gesagt. Also wo wir immer sind.
So. Und na das wars eigentlich schon.
So. Und ich sag so zu B., B. ist mein Freund, also nicht schwul oder so, ist ja klar, also ich sag zu ihm, komm mach mal lauter. Ich mein Handy.
So. Und genau dann kam er an. Der Herr C. Und ich sag noch so zu ihm guck mich nicht so an sag ich. Also nicht so. Ich sag mal bisschen freundlicher. Normal halt. Aber er hat nicht aufgehört. Er wollte uns provozieren. Na und dann ich hab ihm Box gegeben. War ja auch nicht doll, schwör, war nur Warnung sag ich mal. Ich meine das tut echt nicht weh, schwör!“
„Darauf kommt es hier nicht an. Fahren Sie fort.“
„Wenn Sie schon mal Bombe gekriegt haben wüssten Sie. Aber okay. B. meint noch so aber ich hab gesagt das ist zu krass. Also der Herr C. wusste ja Bescheid. Also haben wir gedacht.
So. Und dann er steht halt wieder auf und ich dachte ist er behindert oder so und wir waren so gönn Dir, wenn er Lektion in Respekt braucht okay. Wie er schon aussah, na sie sehen ja, mit den Haaren und so voll ungepflegt er hatte sogar Löcher in den Schuhen. Aber dann kam Polizei. Ich hab erstmal Hände gewaschen in Gesa.
So. Und wie ich wieder kam in Warteraum, er saß plötzlich da und grinst mich an. Ich hab noch Beleidigung gesagt und so und ihn angeguckt halt normal. Normalerweise die Deutschen sie kacken sich da immer gleich voll ein, denken immer gibt gleich Messerstress, ist voll lustig. Okay. Aber er nicht.
So. Wie er geguckt hat. Da wusste ich schon er kommt nicht klar. Ist auch egal. Jedenfalls er springt auf und gibt mir direkt Kaffa mit sein Rastas. Ich dachte ich sterbe. Über unhygienisch.
Der Hund. Hier, mein Poloshirt, war ganz neu von Ralph Lauren, ich hab extra zum Beweis mitgebracht, geht nicht mehr raus, kann ich nicht mehr anziehen. Deshalb ich hab Anzeige gemacht.“

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Ungleichgewicht

Da ist so ein Ungleichgewicht. Nachdem wir uns sehen. Nachdem wir telefonieren. Immer nach Dir. Ich sitze dann da und denke an das Sehen oder das Telefonieren und ich frage mich dann immer, welchen Satz ich von Dir wie zu verstehen habe und welcher Satz von mir anders hätte formuliert werden müssen, um mich endlich mal verständlich zu machen.

Und dann denke ich währenddessen immer eben auch an deine Kinder, deine Frau und daran, dass Du dich um so viele verschiedene Aufgaben zu kümmern hast, während ich immer nur male.

Was das bedeutet, wenn ich sage, dass Du mir fehlst, willst Du wissen. Typen, die anderen Menschen fehlen, die wissen das ja nie. Und dass solche SMS nur Zeit und Ablenkung machen sollen, das wissen Typen wie ich umso genauer. Und dennoch antworten wir. Denn es ist so einfach.
Dass deine Klamotten nicht mehr überall rumliegen.
Dass dein Geruch noch immer im Bad steht.
Dass deine Haare sich noch durch die Kissen ziehen.
Dass ich um den Schmutz, den Du mit deinen Schuhen hereingetragen hast, herum sauge.
Dass ich dein seit dem Morgen vertrocknetes Baguette aufesse und dass ich deine halbvolle Tasse Kaffee mit Lactosemilch drin austrinke.
Dass ich wieder stark sein muss, und nicht die Frau, die ich sein will, sein kann.
Dass ich mich mit deinem Handtuch abtrockne. Ne Woche lang.

Seit ich von der Kunst leben kann, hat mein Leben ja nichts mehr mit dem Leben zu tun. Allein in meiner Wohnung,  wo soll ich da die Motive hernehmen. In die Kneipe sind sie von allein gekommen.

Es gibt nur Dich. Nur Du reißt mich da raus. Und schickst mich doch jedes Mal zurück, indem Du auflegst oder indem Du die Tür hinter Dir zuziehst oder indem Du um die Ecke biegst.

Und alles, was sich hinter dem Hörer, der Tür und der Ecke verbirgt, will dann was von Dir. Deine Kinder wollen spielen, deine Frau will reden und ab und zu Sex. Deine Freunde wollen Biertrinken und Du willst das alles auch; ich sehe Dich mir ja jedes Mal mit einem Lächeln davon erzählen (und auf dieselbe Weise den Sex mit deiner Frau verschweigen).

Und ich ahne, wie Du teilnimmst, also: ganz und gar nicht nur dabei, sondern Teil davon bist. Und nicht an mich denkst, so wie ich an Dich. Ungleichgewicht. Zieh mich doch mal rüber; bezieh mich doch mal ein: in dein Leben, wie ich das mit Dir machen will. Ganztags, alles betreffend. Fällt Dir schwer? Ist auch nicht leicht.

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