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Stop Edu-Hedonism (U-Bahnfahren!)

Das iPad erweitert das Lernerlebnis. Stopp! Das ist Schrott. Glaubt das nicht. Denn das ist falsch. Das hedonistische Kalkül ist tot. Es gibt kein Lernerlebnis. Ein Erlebnis ist die unbedingte Wahrnehmung dessen, was man gerade tut. Immer ohne Meta-Ebene; ohne Denken nur im Fühlen sogar: ohne alles. Beim Lernen geht es nicht um ein Erlebnis, also nicht darum, das Lernen als das, was es ist, zu erleben. Das Lernen, das hat ein Ziel, das über das Lernen hinausgeht: Wissen sammeln.

Die Existenz eines hinter dem Lernen stehenden Zieles unterscheidet das Lernen also vom Erlebnis, wie der Vergleich zu den beiden Standarderlebnissen, dem Achterbahnfahren und dem Orgasmus, beweist.

Lernen ist nicht das einzige, was eines dahinter liegenden Zieles wegen getan wird. Und es ist auch nicht das erste Angriffsziel der Hedonisten. Schon das Laufen wurde vom Walkman seiner wichtigsten Eigenschaft beraubt: Dabei denken zu können. Bald darauf fiel das U-Bahnfahren (U-Bahnfahren!).

Jetzt also soll das Lernen dran sein. Aber Erlebnis und Denken (das mit dem Lernen ja untrennbar in Verbindung steht) sind Antagonisten, die nicht zusammengeführt werden können. Die anderen sagen: Das Erlebnis kann das, was man tut, intensiver machen. Das Lernen würde, wenn man more into it und so ist, effektiver und deshalb besser sein. Aber das Argument geht ins Leere. Denn beim Lernen mit Geräten gibt es überall Auswege, die wegführen: vom Wissen; beim Verfolgen eines unbedingten Dranges. Sagen wir mal zu Zalando. In der Bibliothek ist mehr als die Hälfte aller Studenten mit iPhone und iPad ausgestattet. Und schaut man auf die Retina-Displays, könnte man denken, sie promovieren alle über Facebook. Zurückbleiben, bitte.

Also stoppt den Bildungs-Hedonismus and spread the word worldwide: STOP Edu-Hedonism, occupy your Gehirn! Verfolgt beim Lernen wieder dessen Zweck. Und hört auf, euch diese Fragen über Geschlechtskrankheiten zu stellen. Dip-dip Dip-dip. U-Bahnfahren.

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Zwischenzeit

Mit wem habe ich heute Nacht eigentlich geschlafen? Ich habe mich wohl gefühlt, denn wir waren bei mir und ich war auch bald nicht mehr angespannt, als ich merkte, dass ich Dir genügte und ich fing ganz von allein und ohne Steuerung an, auf mich zu achten, als ich nämlich merkte, dass Dir das gefällt. Und ich überließ Dich erst uns beiden und vergaß dann schließlich ganz und gar, mich um Dich zu kümmern.

Ich fühlte mich sicher. Denn mein Bauch war flach.

Dann kribbelte es mal in meinen Fingern und mal in den Nippeln und ein Druck begann sich in mir anzustauen, wie ich ihn lange nicht mehr gespürt hatte. Ein Druck, der mich nämlich zugleich versicherte, dass er diesmal nicht bleiben oder sich schleichend verflüchtigen, sondern dass er sich sehr bald in einen Knall entladen würde. Und als ich meine Augen öffnete, da sah ich mich in dem Spiegel, der an der noch offenen Tür des Kleiderschranks in Richtung Bett meinen Blick so deutlich auf mich freigab, dass ich mir fast selbst unterstellen wollte, ich hätte mit Absicht vergessen, den Schrank zuzumachen. Ich gefiel mir. Obenauf, mit roten Wangen. Und dem sicheren Wissen, Muskelkater zu bekommen. Das sah elegant aus, wie ich mich bewegte, dafür war ich langsam genug, und es sah etwas verrucht aus, als ich anfing das Tempo zu erhöhen. Und ich fand es geil, wie plötzlich der Schweiß aus meinem Gesicht von mir herunter tropfte und wie er von meinem Rücken aus abwärts zwischen meinen Pobacken kitzelte. Und ich fand es umso geiler, als sich immer mehr Haut unter meinen Fingernägeln sammelte. Dann sah ich meine Arme noch zittern und vergaß zugleich den Schmerz. Und dann alles andere.

Irgendwann fielst Du mir noch mal ein und als mein Atmen wieder leiser wurde, da sah ich auch, dass Du da bist. Irgendwann kam ich wieder auf Dich und, keine Sorge, ich hab Dich seit dem auch nicht mehr vergessen. Aber, sorry, wo warst Du in der Zwischenzeit?

 

(Anmerkung: Sex ist ab einem bestimmten Punkt keineswegs mehr der Moment der Vereinigung, für den er gehalten wird, sondern der Moment der größten Distanz. Umso näher ist man dann indes sich selbst. Zur Konkretisierung dieses [ausgelatschten] Gedankens: Badiou, Lob der Liebe, 2011, Wien, S. 25 ff.)

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Wiederwahl

Bin geduscht, die Zähne sind geputzt. Die Haare habe ich nicht gewaschen, denn sie haben mir heute gefallen und ich wollte sie so lassen. Hab eine geraucht, um nicht zu sauber zu sein. Rauche aber keine zweite, um nachher nicht schwer zu atmen. Warte darauf, dass das Handy klingelt. Oder gleich die Tür. Habe gegessen, um nicht zu schwach zu sein, habe noch Hunger, kann aber nicht noch mehr essen, will auch schlank sein. Lasse Radio Fritz laufen im Hintergrund, damit alles locker wirkt. Wenn Du kommst. Ziehe das Höschen erst an, wenn Du auf der Treppe bist, damit es gut riecht. Will nichts mehr lesen, um nicht abgelenkt zu sein von anderen Themen, will nichts trinken, okay, nicht noch ein Bier trinken, um nicht betrunken zu sein. Jedenfalls nicht vor Dir. Dass wir zusammen Bier trinken können, findest Du cool, hast Du gesagt, damals, als wir noch zusammen waren. Nur noch ein paar Minuten, dann … sollte es soweit sein, nur noch ein paar Minuten, dann mache ich Dir auf. Könnte später werden, hast Du gesagt. Dass das nicht schlimm ist, weil ich das und das und das noch zu tun hatte, hab ich mir bereitgelegt. Display hell, Licht aus. Kurz klingeln lassen; wegdrücken. Ein bisschen warten, nicht zu schnell zur Tür. Irgendwie-überraschte Stimme anstellen und zum Hallo-sagen einrichten, okay, und los: hallo? Der Summer überträgt nicht, wenn keiner geklingelt hat. Fenster nicht aufmachen und nicht runter rufen. Wiederwahl. Klingel mal.

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Kippenpaare im Aschenbecher

Die Kippen, die sind bei mir im Aschenbecher immer in Zweierpaaren angeordnet mit der zu den zwei Kippen gehörenden Asche entweder links oder rechts jedenfalls aber gesammelt und nicht getrennt von dem Kippenpaar, sondern mit einer Berührung neben ihm. Das wird oft belächelt. Von Unwissenden. Von Leuten, die das für einen Tick halten, von solchen, die meinen, dass das einer dieser Spleens wäre, die ich habe.

Ha! Weit gefehlt. Halten Sie sich doch bitte die symbolische Kraft dieser zwei Kippen nur einmal vor Augen und Sie werden plötzlich erkennen, welche Realitätsnähe sich auftut und welche Notwendigkeit sich dann erschließt: Stellen Sie sich vor, die Kippen sind ein Paar, zwei Menschen, die eine Beziehung haben, vielleicht auch hatten. Stellen Sie sich nun vor, die Kippen sind ein Paar, zu dem Sie einmal gehörten, eine Beziehung, die Sie einmal hatten. Stellen Sie sich vor, es handelt sich dabei um Ihre erste richtige Beziehung, die mit der großen Liebe, die, die Sie in der Zwischenzeit so verklärt haben und sich wenigstens immer dann ins Gedächtnis rufen, wenn es mal wieder scheiße läuft in der aktuellen Beziehung, wenn Sie von Ihrem Partner mal wieder gezeigt bekommen, dass er eigentlich nicht der richtige ist und wenn Sie sich dann überlegen, dass mit der ersten, mit der wahren Liebe alles besser war und es eigentlich immer nur im gesamten Leben darum gehen müsste, diese eine Liebe zurück zu gewinnen, den Fehler der Trennung wieder gut zu machen, das Leben zu führen, das sie eigentlich hätten führen können, wenn sie damals nicht diesen Fehler gemacht hätten, der zum Auseinanderbrechen der Beziehung führte, dieser Fehler, den sie gerne rückgängig machen würden.

Stellen Sie sich das, diesen einfachen kleinen Gedanken, nur einmal vor, und sagen Sie mir dann, dass Sie diesen Fehler noch einmal wiederholen wollen, dass Sie noch einmal eine Trennung hinnehmen, noch einmal denselben Fehler machen wollen, wie damals. Stellen Sie sich das vor und sagen Sie mir dann ruhigen Gewissens, dass Sie das können, dass Sie das wollen und die Kippen, die ja nicht nur Symbol sind, die ja vielmehr Abbild Ihres Versagens und allen Unglücks in Ihrem Leben sind, dass Sie diese Kippen noch auseinander legen, lose und ungeordnet, wie Sie es heute ja sind, in den Ascher werfen wollen. Dass Sie diesem Abbild Ihrer selbst, dieselbe Trennlinie zuführen wollen, den Fehler, den Sie einmal gemacht haben, jetzt hundert-, nein tausendfach, so viel rauchen Sie ja, tausendfach, diesen Fehler wiederholen wollen und auch noch die Asche lose verstreuen wollen, einfach so, in den Aschenbecher hinein, weg von den beiden Kippen, die ja die Eltern der Asche sind. Sie könnte doch Ihre Kinder sein, die Asche, stellen Sie sich das vor und sagen Sie mir, dass Sie das wirklich alles auf einen Tick reduzieren wollen, sagen Sie es, dass Sie so naiv sind; das ist doch wirklich niemand.

(für Samuel)

 

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Wie es Dir geht

Es ist schade, so geht es mir in letzter Zeit oft durch den Kopf, es ist schade, dass wir uns nicht mehr schreiben, uns dabei, keinen Kontakt mehr aufzunehmen, zeigen, dass wir kein Interesse mehr aneinander haben. Es ist schade, das zu sehen und dabei im Hinterkopf zu haben, wie sehr wir uns für einander interessiert haben, wie liebevoll wir miteinander umgegangen sind, wie wir, eingeschüchtert von uns selbst und von anderem Mist, Mist gebaut haben und damit doch immer bewiesen haben: Dass wir uns wichtig sind.

Vor diesem Hintergrund ist das schade, das Wort trifft es am besten, dass wir vorgeben, uns nicht mehr wahrzunehmen und das ist schade, obwohl es ja die besten Gründe dafür gibt, so zu handeln, besser: auf unsere Weise nicht zu handeln, eben so, wie wir es tun: Nichtstun. Es ist mal wieder, das Gefühl hatte ich schon mal, als würden wir etwas wegwerfen, jetzt, da wir so handeln und unterlassen und es ist natürlich wie beim letzten Mal auch, nicht ganz klar, was das ist, das wir da wegwerfen. Immerhin, es gibt Ideen davon, was es ist, und diese Ideen, die haben gar nicht mehr zwanghaft etwas mit der großen Liebe zu tun, es genügt ja schon eine Freundschaft wegzuwerfen zu jemandem, zu dem man, wie man sagt, einen Draht hat, mit dem man, wie man sagt, dieselbe Wellenlänge hat, eine Freundschaft zu so jemandem wegzuwerfen, in dem man sie nicht mehr unterhält, das ist ja schade genug, genügt also, um schade gefunden zu werden. Oder so. Und das ist auch deshalb schade, weil es mir vorkommt, als wollten wir das beide nicht.

Wie können denn zwei, die den Draht zwischen sich und die Wellenlänge entdeckt haben, sich nicht mehr füreinander interessieren. Das können ja nur Gründe sein, die keine wichtigen sind gemessen an dem Verlust, den sie bereiten. Und das kann kein Wille sein, der so etwas verlangt. Denn ein Wille verlangt doch nicht, was man nicht wollen kann. Ich würde gerne wissen, wie es Dir geht, würde Dich das gerne fragen und zwar so, wie es gemeint ist, ohne, dass die Frage cool klingt, in dem sie besonders knapp und unmittelbar formuliert wird, ohne dass sie besonders säuselig klingt, in dem sie auf alte Zeiten rekurriert, einfach so, wie es gemeint ist, würde ich Dich gerne fragen, wie es Dir geht und: eine Antwort bekommen, die von Dir erzählt.

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Ein Kommentar

Ich bin Wachmann in einem Elektronikpark und ich habe nichts gegen die Nachtschicht. Ich habe in Moskau Physik studiert und war im Anschluss daran Assistent an der Humboldt Universität zu Berlin. Als die Mauer fiel, konnte ich meine Stelle nicht behalten. Ich habe sie nicht verloren, wie viele das nennen. Ich sage es gerade raus. Ich konnte sie nicht behalten. Denn im öffentlichen Dienst, also in diesem, in ihrem öffentlichen Dienst, wollten sie Menschen wie uns nicht behalten. Menschen, die mal in einem anderen öffentlichen Dienst Dinge machten, die jedes Land der Welt in seinem öffentlichen Dienst nur eine bestimmte Auswahl an Menschen machen lässt, die wollten sie nicht behalten. Für ihre eigene Auswahl an solchen Menschen zieht die BRD an der Chausseestraße in Berlin gerade Deutschlands größte Baustelle auf. Das wäre was gewesen. Aber sei es drum. Als es für uns keine Verwendung mehr gab, da sind wir sozusagen alle in die Privatwirtschaft emigriert. Aber ich will mich gar nicht beschweren. Ich habe heute mehr als früher möglich gewesen wäre und ich sage Ihnen eines: Wäre es andersrum gekommen, hätten wir damals Sie übernommen, dann hätten wir es doch genauso gemacht. Da bin ich übrigens nicht der einzige, der so was denkt. Aber warum sage ich das. Das traut uns ohnehin keiner zu. Das Denken, meine ich.

Wissen Sie, komisch ist, dass sich keiner unter den jungen Leuten heutzutage fragt, warum da diese ganzen alten Opas auf Baustellen Wache schieben oder in Garderoben mit den Abzeichen privater Sicherheitsdienste am Arm Jacken entgegennehmen oder unter einem lächerlichen Barett in den S-Bahnen Sicherheit simulieren. Man sieht sie doch, diese überlegenen und nur selten vollständig resignierten Blicke dieser Opas. Und man hört sie doch, diese strukturierten Sätze mit Fremdwörtern, die diese Opas sagen. Einer der Dinge tut, für die man nichts gelernt haben muss, warum kann der antworten, als hätte er etwas gelernt? Das fragt aber keiner. Und keinen interessiert mehr der Grund. – Gut, vielleicht würde ich mir diese Frage auch nicht stellen. Für eine Frage braucht man ja einen Zweifel und wo soll der Zweifel herkommen, heutzutage, wenn man nichts weiß und die wissen ja heutzutage alle nichts mehr. Noch ein paar Jahre, dann wissen alle eins:

Nach den Nazis gab es im Osten Deutschlands für ein paar Jahre noch mal so was Ähnliches aber am Ende wurde alles gut.

Wir werden dann alle nicht mehr da sein und korrigieren können wir dann auch nichts mehr, ach, als könnten wir das heute noch, sei es drum. Wenn der Mindestlohn durchgesetzt ist, wird alles endgültig gut sein. Solange schlag ich mir Tag für Tag die Nacht um die Ohren, Zwölfstundenschicht, und am Wochenende fahr ich raus, wir haben da einen Garten im Norden von Pankow, ein bisschen außerhalb. Vielleicht nur das: Wenn Sie vielleicht kommentieren könnten? Ich habe jetzt einen Facebook-Account und bei Twitter bin ich auch aber dieser Blog, das ist sozusagen das, was meiner Stimme einen Laut gibt, dachte ich, als ich neulich begann. Aber gibt es denn überhaupt einen Laut, wenn keiner da ist, der ihn hört? In der Nachtschicht gestern hat sich Lisa Simpson diese Frage gestellt und seit dem lässt mich die Frage nicht mehr los. Anfang nächsten Jahres soll die Lohnuntergrenze bei 7,50 Euro liegen. Soll ich solange noch umsonst hier sitzen? Schreibt man überhaupt, wenn keiner liest? Helfen Sie mir doch beim Schreiben. Machen Sie doch bitte, dass ich da bin. Wieder da. Nach über zwanzig Jahren zurück.

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Mit Zu ist Schluss

Vielleicht liegt es daran, ja das klingt doch ganz plausibel: Vielleicht liegt es daran, dass das Bild des Fotografen, also: die Fotografie, dass die Fotografie ein Teil eines Momentes ist. Sie ist der Moment; anders als ein gemaltes Bild immer und ein geschriebenes Bild in den allermeisten Fällen. Im Gegensatz zu diesen beiden nimmt die Fotografie den Moment nicht nur mit zu ihrem Betrachter. Sie kommt dem Moment im Vergleich zu Malen und Schreiben auch nicht nur näher. Und sie ist auch nicht nur am ehesten der Moment und zeigt ihn, den Moment, erst Recht auch nicht nur ohne Interpretation, nein: das alles genügt nicht, um das Besondere zu zeigen, vielmehr: die Fotografie eines Momentes ist Teil des Moments. Und zwar der Teil, der bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Sie ist echt. Die Fotografie. Er kann freilich auch inszenieren. Der Fotograf. Ja, er kann schminken und Licht machen und posieren lassen. Aber er kann ihn bei alledem nicht verhindern, den Moment, den Moment an sich. Das Künstliche und das Abbildende sind machtlos. Denn sie sind selbst Teil des Momentes, der eben bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Der Film des Fotografen ist anders als der des Malers und des Schreibers auch ganz und gar rückspulbar. Verfolgt man die einzelnen Schritte von dem an der Trockenleine hängenden Abzug des Moments zurück zu dem Moment, dann kommt man im Moment an. Ganz physisch. Beim gemalten und beim geschriebenen Bild kommt man indes sonst wo an: nämlich in vielen Momenten, die Maler und Schriftsteller im Bild zu Gleichzeitigkeiten kombinieren. Das Foto ist Teil eines einzelnen Moments.

Vielleicht liegt es daran. Schaffensmäßig ist das Foto im Verhältnis zum Fotografen stets unrein. Denn der Fotograf macht sein Bild – anders als Maler und Schreiber – nicht allein. Das Machtlose und die Unterwerfung unter den Zufall sind Beiwerk zum Bild, das nur Maler und Schreiber ausmerzen können. Zugegeben: es gibt vieles an einer Fotografie, das gar nicht zufällig ist oder momentmäßig-offen oder unplanbar. Der Fotograf weiß etwa ganz genau, wie lang er war, dieser Moment. Aber der Moment ist nicht nur die Zeit, in der Licht auf den Film fällt. Dem Technischen und dem unbewertet Abbildenden ist es auch egal, wie viel Wertung und Schischi im Abgebildeten stecken. Ein Moment schafft sich selbst, egal in wie viele Determinanten der Fotograf den Zufall zu zwingen versucht. Und das Instrument des Moments ist der Apparat. Denn der lässt nur eines zu, lässt nur Licht auf einen Film, mal kürzer und mal länger, mal durch ein größeres, mal durch ein kleineres Loch. Das allein lässt er den Fotografen bestimmen: die Öffnung eines Lochs und ihre Dauer. Mit Zu ist Schluss und es ist da; nicht im Sinne von eben geschaffen, sondern im Sinne von jetzt bleiben: das Bild und mit ihm der Teil des Moments, den Maler und Schreiber niemals schaffen können, weil nach dem Auge und vor dem Festhalten in der Erinnerung an den Moment erst noch das Gehirn kommt, ein Filter, der auf kein Objektiv passt.

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Soziale Netzwerke: nur noch ein Ich; nicht mehr viele

Das Credo sei Du selbst, das in der analogen Welt schon schwer zu verwirklichen war, sieht sich im Internet herausgefordert.

Weil alle alles gleichzeitig von einem Menschen mitbekommen, ist der Mensch in dem, was er sendet, beschränkt. Denn er kann nur noch die Schnittmenge dessen senden, was allen verträglich ist. Dieses neue, vereinheitlichte Selbst ist deshalb zwangsläufig ein anderes, als das alte: Während das Selbst-Sein einmal bedeutete, hier so und da so zu sein, macht es die Beschränkung der Technik heute nötig, überall gleich zu sein. Sie macht es nötig, das Selbst auf ein einziges zu beschränken und ihm seine Zerklüftung zu nehmen. Das Selbst zu formen, je nach dem, wer vor einem steht, das war Wesensmerkmal von Kommunikation. Aber das ist es nicht mehr, seit der Mensch den physisch vorhandenen Raum zum Interagieren verlassen hat und in die virtuell genannte Realität überwechselte. Damit geht das Wichtigste am Selbst-Sein verloren: Das Anpassen ans fremde Umfeld, das Nicht-Selbst-Sein.

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Ein bisschen leer und dabei offen

Dieses Lachen auf ihrem Foto, das war ganz nah am Weinen. Kein Widerspruch. Sie verzog darauf die Mundwinkel auf dieselbe Weise, wie man es tut, wenn man dabei ist, das Weinen zu unterdrücken. Wenn man unterdrückt, noch einmal zu weinen, nach dem man schon zu viel geweint hat. Wenn man langsam anfängt, eine Sache einzusehen und nur lächelt, weil man will und nur will, weil man denkt, man muss das jetzt.

Ihre Augen waren ein bisschen leer und dabei offen, wie Augen sind, wenn alles erfasst werden soll, was vor ihnen ist. Wenn nichts vergessen, nichts übersehen werden soll. Falten um den Mund, also: bald. Noch waren es nur Fältchen. Links drei und rechts vier. Sie deuteten sich mehr an, als sie sich zeigten, sahen aus, als seien sie nicht zu sehen, wenn sie nicht lacht und als grüben sie sich tief in sie, wenn sie doch lacht. Mögen kann sie diese Fältchen doch nicht. Schwarz-weiß ist das Foto von ihr. Und diese trübe Färbung, die stellte einen Widerspruch her zu der offenen und eindeutigen Mähne, die ihre Haare waren. Derselbe Widerspruch war das, wie er sich in ihrem Lachen fand.

Ich sah sie an und vergaß, dass sie online war. Und dann bemerkte sie, dass ich online war und das Chatfenster popte auf und im Dialekt ihres Ortes sprach sie mich an. Nichts Beziehungsmäßiges war in ihrer Stimme. Aber Unterwerfung, das gefiel mir nicht. Ich musste mich kümmern, musste sie lenken, musste ihr ein Gefühl dafür geben, sicher zu werden. Aber ich wollte mich nicht kümmern. Kümmern ist stark und schwach, oben und unten. Jedenfalls: eindeutig. Einer hier, einer da. Ich wollte aber nebeneinander, wollte unvorhersehbares Hin-und-her. Wollte diffus und trübe, wie ihr Foto das versprach.

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Lila in den Nasenflügeln

Und ich sitze vor dem Spiegel. Von der Decke bis zum Boden reicht er hinab. Und je länger ich da sitze und mir ins Gesicht sehe, desto mehr Flecken erkenne ich auf dem Spiegel. Diesem Spiegel, der jeden Tag so sauber aussieht. Seit ich ihn gekauft habe, hat ihn niemand berührt. Und doch: Spritzer, wo meine Schulter ist, Schlieren über meinem Knie. Eine fleckenlose Stelle vor meinem Gesicht doch gleich darüber, da ist ein Fleckchen, ein ovales. Wie eine Amöbe sieht es aus, nur viel, viel größer.

In diesem Spiegel sehe ich mich, wie ich glaube auszusehen. Sonst und in anderen Spiegeln, da erkenne ich mich von Zeit zu Zeit nicht. Dann rechne ich die sogenannte Entwicklung und andere Faktoren, die zur Unkenntlichkeit eines Gesichts führen können hinzu, verrechne mich und komme: nie zu einem eindeutigen Ergebnis. Hier indes stimmt alles. Rote Lippen, vom Rotwein rot. Blau unterlaufene Augen, die dazu passen. Lila in den Nasenflügeln, die den Übergang zu bilden üben, bis die Augenringe es eines Tages schaffen, tief genug zu kommen.

Satz, Punkt. Schnell aber nur von links. Kalt kommt es von hinten, obwohl da die warme Stube ist. Der Muskelkater vom Pumpen ist schon da. Das Blut pumpt in den Armen; dicke, dicke Arme. Sieht aus wie ein Foto. Es ist vielleicht das wichtigste Foto: das direkt von vorn, das mit Zeit geschossen wurde.

Wenn das Auge sich ins Auge blickt, dann kneift es sich zusammen, ein Grummeln aus dem Radio stört es dabei nicht. Ich sehe auf und das Aufsehen schiebt die Amöbe direkt in die Pupille. Nein, es ist doch kein Zusammenkneifen. Das Auge stellt sich schärfer. Wie soll das anders auch gehen? Vor dem Spiegel.

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