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Ein bisschen leer und dabei offen

Dieses Lachen auf ihrem Foto, das war ganz nah am Weinen. Kein Widerspruch. Sie verzog darauf die Mundwinkel auf dieselbe Weise, wie man es tut, wenn man dabei ist, das Weinen zu unterdrücken. Wenn man unterdrückt, noch einmal zu weinen, nach dem man schon zu viel geweint hat. Wenn man langsam anfängt, eine Sache einzusehen und nur lächelt, weil man will und nur will, weil man denkt, man muss das jetzt.

Ihre Augen waren ein bisschen leer und dabei offen, wie Augen sind, wenn alles erfasst werden soll, was vor ihnen ist. Wenn nichts vergessen, nichts übersehen werden soll. Falten um den Mund, also: bald. Noch waren es nur Fältchen. Links drei und rechts vier. Sie deuteten sich mehr an, als sie sich zeigten, sahen aus, als seien sie nicht zu sehen, wenn sie nicht lacht und als grüben sie sich tief in sie, wenn sie doch lacht. Mögen kann sie diese Fältchen doch nicht. Schwarz-weiß ist das Foto von ihr. Und diese trübe Färbung, die stellte einen Widerspruch her zu der offenen und eindeutigen Mähne, die ihre Haare waren. Derselbe Widerspruch war das, wie er sich in ihrem Lachen fand.

Ich sah sie an und vergaß, dass sie online war. Und dann bemerkte sie, dass ich online war und das Chatfenster popte auf und im Dialekt ihres Ortes sprach sie mich an. Nichts Beziehungsmäßiges war in ihrer Stimme. Aber Unterwerfung, das gefiel mir nicht. Ich musste mich kümmern, musste sie lenken, musste ihr ein Gefühl dafür geben, sicher zu werden. Aber ich wollte mich nicht kümmern. Kümmern ist stark und schwach, oben und unten. Jedenfalls: eindeutig. Einer hier, einer da. Ich wollte aber nebeneinander, wollte unvorhersehbares Hin-und-her. Wollte diffus und trübe, wie ihr Foto das versprach.

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