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#Fressehalten

Neulich gab es die #Aufschrei-Debatte. Die nahm man hier und da zum Anlass, mal ganz grundsätzlich über das Verhältnis von Männern und Frauen nachzudenken. In ihrem Beitrag in der FAZ schloss die (total tolle) Publizistin und Moderatorin Tina Mendelsohn, dass es um nicht weniger gehe als „einen großen kulturellen Wandel, um ein zivilisatorisches Projekt“. Die SPD-Fraktion im Bundestag meint auf ihrer Facebook-Seite, „handfeste Konsequenzen“ haben nun zu folgen. Der Ex-Familienminister Heiner Geißler forderte bei Anne Will gar, „Männer müssen sich ändern“. Und etwas weniger fundamental fand die aktuelle Familienministerin Christina Schröder (CDU), sexuelle Belästigung solle unabhängig vom Einzelfall als Dauerthema diskutiert werden (Focus). Es genügt bereits, die Mindestforderung Schröders heranzuziehen, um zu erkennen: der #Aufschrei ist verhallt. Die TAZ fasst – einem Nachruf gleich – bereits die Bewältigungsmechanismen der verschiedenen Lager zusammen. Aber nicht nur in der Peripherie, nein, auch an der Quelle von #Aufschrei ist es ruhig geworden: Wer jetzt nach #Aufschrei bei Twitter sucht, erkennt auf den ersten Blick: es wird nur noch Spaß gemacht (Zitat: „Warum gibt es keine Gummibärchen-Schlumpfine? #Aufschrei #Diskriminierung“.

Nun: man könnte gegen die Relevanz dieser Beobachtung einwenden, dass Debatten nie weiter geführt werden, wenn die erste Aufregung zu Ende ist. Organspendenskandal. Noch im Bild? Machtergreifung-re-rewind von Putin. War da nicht was mit Verfassungsänderung? Dass Debatten wie diese nach nie mehr als ein paar Wochen enden, gehört wohl zur politischen Diskussionskultur dazu.

#Aufschrei aber unterschied sich von diesen Debatten. #Aufschrei waren Sprache und Lautsein nicht nur durch den Namen immanent. Es ging von Anfang an nicht nur darum, etwas vorübergehend anzuprangern. Es herrschte vielmehr schon nach Stunden in der politischen Öffentlichkeit und in der Presse ein Bewusstsein dafür vor, dass diskutiert und gehandelt werden müsse. Der #Aufschrei sollte, wie die Zitate zeigen, aus den Niederungen der Aufregung um Hotelbarsprüche emporgehoben werden, hinauf zu einem der edelsten unserer Grundsätze: dem von der Gleichbehandlung von Mann und Frau. Systematisch sollte von nun an über Gleichberechtigung gestritten werden und zwar so, dass sich was ändert.

Deshalb ist das Schweigen von Politik und Presse nach #Aufschrei besonders schamlos. Sie, die Helfer derjenigen, die sich auf Twitter offenbarten, sind wieder weg. Und die Lücke, die sie lassen, legt die Gleichgültigkeit der politischen Diskussion nach #Aufschrei umso deutlicher bloß. Fressehalten: geht gar nicht. Und wenns unbedingt sein muss, dann bitte konsequent von Anfang an. Anderenfalls: weitermachen.

7 Kommentare

  1. chross chross

    ich greife kurz den letzten punkt im text auf: mediale helfer, die verschwinden und nix mehr dazu zu sagen haben. wer leitet sie an? wer bestimmt, was wir in massenmedien – man nennt sie ja zu recht immer noch so – lesen? wer macht da meist chef/in vom dienst? ein mann. ganz genau.

    die quotendebatte ist unmittelbar mit #aufschrei verknüpft. ohne 50/50 teilhabe von männern und frauen (oder mal ganz konsequent im sinne des dritten geschlechts: 30/30/30) ändert sich eben nie was hin zur gerechten repräsentation und teilhabe aller geschlechter in den medien. bei dieser medialen monokultur der männer ist es geradezu banal, sich über einseitige debatten in den medien zu beschweren, die quote unberücksichtigt zu lassen und auf eine natürliche änderung zu hoffen, die wir ohne quote höchstwahrscheinlich erst erleben dürfen, wenn sich unser leben schon wieder dem ende neigt.

    ich nehme abstand von den frauen, die wegen einer quote leistungskomplexe bekommen würden und gehe stark von einem allmählichen, aber im vergleich immer noch schnelleren, gesellschaftlichen wandel und ausgleichende gerechtigkeit durch die quote aus. der anfang ist gemacht. frauen in leitenden positionen: sie sind erfolgreich, stark, selbstbewusst – dank quote. mehr davon.

  2. snow_in_june snow_in_june

    Meines Erachtens liegt diesem Beitrag ein falsches Verständnis von öffentlichen Debatten zugrunde. Es ist doch natürlicher und sinnvoller Weise so, dass derartige Debatten einen Anfang und ein Ende haben. Die Feuilletons können doch jetzt nicht bis in alle Ewigkeit hinein Meinungen zu dieser Debatte drucken. Genauso wenig können Anne Will und Günther Jauch jetzt ewig Sendungen zu diesem Thema machen. Schließlich ist es auch absolut natürlich, dass es auf Twitter ruhiger wird, einfach weil viele von denen, die sich äußern wollten, dieses bereits getan haben.
    Es ist meines Erachtens aber ebenfalls so, dass derartige Debatten mehrere Etappen haben. Nach den großen Medien kommen eben Diskussionen in Betriebsräten, in der Politik, im Privaten.
    Zum Beispiel stimme ich meinem Vorredner/meiner Vorrednerin absolut zu, dass die Frage der Qoute in einem ganz engen Zusammenhang steht. Weiß der Autor des Beitrag denn zum Beispiel, inwieweit gegenwärtig in den Parteien über dieses Thema weiterdiskutiert wird. Vielleicht bekommen die Befürworter der Quote Aufwind. Weiß der Autor, ob in den Unternehmen zu diesem Thema nachgedacht wird, ob über Gegenmaßnahmen entschieden wird.
    Dort könnte und sollte die Debatte weitergehen, das wäre sinnvoll, viel sinnvoller als jetzt bis in alle Ewigkeit zu twittern.

  3. Ich frage mich bei diesen Debatten immer nur: Gibt’s die wirklich oder sind sie mal wieder inszeniert (und deshalb so schnell weg vom Schau-Fenster)? Ich bin nicht bei Twitter, deshalb kann mir sonstwer was erzählen, wie wahnsinnig einflussreich das Netzwerk wäre usw. Außer ein paar Artikeln und Postings im Netz, die ich las, hatte ich immerhin ein konkretes Gespräch mit der Zahnarzthelferin darüber. Aber ob wir beim nächsten Zahnreinigungstermin wieder über dieses Thema reden, bzw. sie, während ich mit offenem Mund zuhöre, wage ich zu bezweifeln… Viele Grüße von Mila

  4. Christoph Knappe Christoph Knappe

    Chross, diesen Aspekt kannte ich bisher noch nicht. Aber der Zusammenhang scheint auf den ersten Blick nahezuliegen. Da gebe ich Ihnen Recht.

    Snow, meines Erachtens liegt diesem Kommentar ein falsches Verständnis meines Beitrags zugrunde: Hier geht es nämlich nicht um eine von vielen öffentlich geführten Debatten, sondern um eine, deren wesentlicher Gegenstand die öffentlich geführte Diskussion sein sollte. Hierin unterscheidet sich #Aufschrei zu den von Ihnen im Allgemeinen angesprochenen Debatten. Hier ist #Aufschrei besonders. Deshalb sollte #Aufschrei auch anderes verlaufen. Und das bedeutet: nicht in der öffentlichen Wahrnehmung mangels Präsenz abebben.

    Mila, ich denke, dass Twitter ein guter Indikator für die Größe einer Debatte ist. Denn Twitter ist dezentral. Viele Tweets in einer Debatte können deshalb kaum inszeniert werden. Es gibt eben keinen unmittelbaren Steuerungsmechanismus. Interesse unter den Usern ist da oder nicht. Anders und zwar ganz in deinem Sinne kritisch, sehe ich die im Anschluss an den eigentlichen #Aufschrei geführte Diskussion. Sie hat sich, und das versuche ich anzusprechen, wie viele andere Diskussionen auch, als Scheindebatte entpuppt.
    Den Brief an Gauck habe ich mir durchgelesen. Danke für den Link. Ich kenne seinen Beitrag im Spiegel nicht aber die wiedergegebenen Passagen und die Antworten darauf in dem Brief machen mich gespannt auf seine Reaktion.

    Viele Grüße (an alle) und alles Gute für Zähne und Zahnfleisch (insbesondere [aber nicht ausschließlich] an Mila)

  5. snow_in_june snow_in_june

    @ Christoph Knappe,

    Sie schreiben in Ihrer Antwort auf meinen Kommentar, dass sich die #Aufschrei Debatte dadurch von anderen öffentlichen Debatten unterscheide, dass ihr „wesentlicher Gegenstand die öffentlich geführte Diskussion sein sollte“.

    Dazu meine Einwände:

    1. Liegt es nicht in der Natur von öffentlichen Debatten, dass ihr wesentlicher Gegenstand die öffentlich geführte Diskussion ist? Denn anderenfalls handelt es sich doch wohl um eine private Debatte.

    2. Sollte die Besonderheit der #Aufschrei Debatte darin liegen, dass der öffentliche Diskurs länger sein sollte, produktiver, dass er nicht so schnell hinter verschlossenen Türen von Parteien, Betriebsräten, Frühstückstischen verschwinden sollte: Dann stellt sich mir die Frage: Wie kommen Sie zu dieser Charakterisierung? Die in dem Beitrag beispielhaft angeführten Kommentare geben das meines Erachtens nicht her (nur der von C. Schröder). Es stellt sich mir überdies die Frage, ob man eine solche Debatte überhaupt in dieser Weise charakterisieren kann. Ich z.B. habe an dieser Debatte auch teilgenommen, aber ich habe z.B. niemals behauptet oder gedacht, dass diese Debatte jetzt aber anders verlaufen sollte als andere.

    3. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die #Aufschrei Debatte (von wem auch immer) anders verlaufen sollte, als andere: Wie stellen Sie sich eine solche „öffentlich geführte Diskussion“ vor. Wie hätte es weitergehen sollen, nachdem es bei Twitter, bei Jauch, in den Zeitungen ruhiger geworden war? Hätten die großen Zeitungen für das nächste Jahr (oder noch länger?) einen Sonderbeitrag zur Sexismus-Debatte machen sollen, wöchentlich, täglich, und damit die Auflage riskieren sollen? Sollte Günther Jauch jetzt einmal im Monat das Thema wieder aufrollen? Das kann ich mir alles nicht vorstellen…

  6. tarka tarka

    Hey, in meinem Bekanntenkreis ist die meinung vertreten, dass es sich bei #aufschrei tatsächlich um einen medienhype handelt. für die spielt die struktur von twitter keine rolle. was ist eigentlich an der behauptung dran, dass die Journalistin Brüderle zuerst beleidigt haben soll? Nunja, aber aufschrei war ja keine hetzkampagne gegen brüderle, immerhin haben da nicht 60 000 leute ihre erfahrungen mit brüderle geschildert.
    kennt ihr schon die neue lieblingsfalle? Solche debatten sind entweder zu abstrakt oder zu nah an der person geführt ;;) soviele zwinker kann ich hier gar nicht hintippen wie absurd diese chinesische fingerfalle ist.

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