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Inselbewohner

Vom widersprüchlichen Umgang der Digital Natives mit den Late Adoptern

Eine seltsame Geschichte: Ein paar Menschen entdecken eine Insel. Bald sind sie sich sicher, dass ihr Umzug auf diese Insel ihre Leben schöner und besser gemacht hat. Deshalb rufen sie laut zum Festland rüber, dass alle Menschen von dort auf die Insel ziehen sollen. Die Menschen vom Festland zögern erst. Doch dann machen sie sich auf den Weg. Schon bald, in tiefen Gewässern, bringen Strömungen und Strudel sie aber in große Gefahr. Einige von ihnen gehen immer wieder unter und kommen nur mit größten Anstrengungen voran. Und jetzt kommt das Seltsame: Anstatt den Menschen zu helfen, das neue Land zu erreichen, stehen die Inselbewohner lachend am Strand und bewerfen sie mit Steinen.

Dass die Inselbewohner die Menschen vom Land dazu auffordern, ihnen nach zu ziehen, um sie bei dem Versuch sodann im Stich zu lassen, ist widersprüchlich. Dieses Verhalten ist jedoch gar nicht so selten. Es begegnet uns fast jeden Tag. Und zwar im Netz.

Es sind vor allem die Lobpreisungen der lauten Stimmen von dort, die immer öfter auch offline Gehör finden. Dieser Tage verkündet Sascha Lobo die Neuerfindung des Buches im Internet. Wenn es nach Apple ginge, würden alle Kinder mit Podcasts unterrichtet. Und die Macher sozialer Netzwerke wie Facebook oder Elitepartner fordern uns auf, alles Zwischenmenschliche in Kabelschächte zu verlegen.

All diesen Ansätzen ist eines gemein, nämlich der Aufruf, von offline Richtung online zu wechseln. Übertragen auf die seltsame Geschichte von oben könnte man sagen, die Anführer der Inselbewohner stehen schon am Rand des Netzes und rufen laut aus ihm heraus: Kommt alle rein!

In der seltsamen Geschichte ging es damit weiter, dass die Menschen vom Land diesem Aufruf folgten. Und das lässt sich außerhalb der Geschichte ebenfalls beobachten. Auch in Zeitungen aus Papier wird über Sascha Lobos digitale Bücher berichtet. Die ersten Lehrer beginnen damit, ihre Kinder an iPads zu unterrichten. Die Digitalisierung schreitet voran. Und die Anführer der Landbewohner verhindern sie nicht, sondern fördern sie. Angela Merkel hat, als Chefin der Landbewohner, dabei im vergangenen Sommer vor den Gefahren gewarnt, die auf dem Weg ins Neuland lauern. Anfang Oktober hatte nun auch der Tatort, ein Gradmesser für die auf dem Land relevanter werdenden Themen, das Netz zum Gegenstand. Dass er vielen Menschen das Thema näherbrachte, die bislang kaum etwas davon wussten, belegt bereits die hohe Einschaltquote. Schließlich haben sogar Offline-Ikonen wie Rainer Brüderle klassische Stammtischtätigkeiten wie den Wahlkampf auf Facebook-Profile ausgelagert.

Aber wie reagiert das Netz darauf, dass die Menschen von draußen sich nun auf den Weg in es hinein machen? Richtig, man erinnere sich nur an die Inselbewohner von oben: Angela Merkel erntete aus allen Ecken nur Hohn und Spott. Dass sie noch nicht angekommen war, dass sie die Sprache der Inselbewohner noch nicht perfekt sprach, dass sie noch kein Digital Native war, sondern als Late Adopter offenbar als nicht integrierbar gelten musste, genügte, um an der Pforte abgewiesen zu werden. Den Tatort-Machern ging es nicht besser. Auch sie ernteten nur Häme für all die kleinen und, glaubte man den Netzbewohnern, unverzeihlichen Fehler. Der Wahlverlierer Rainer Brüderle sah sich schließlich gezwungen, ganz umzukehren auf seinem Weg zur Insel. Er löschte sein Profil, als der Spott strafrechtlich relevant wurde.

Es scheint einen Freibrief auf der Insel zu geben: Wer nicht von Anfang an dabei war, über den darf gelacht, der darf mit Steinen beworfen werden. Dass sein Versuch der Annäherung Kraft kostet und mit den Hürden und Fehlern, die jeder Wechsel birgt, verbunden ist, wird nicht gewürdigt. Wer mit einer Sache neu anfängt, der kann sie nicht so gut wie einer, der sie schon ewig macht. Dies zu ignorieren und sich inzestuös gegen alle Neuankömmlinge zu stellen, ist en vogue und – so scheint es – ein probates Mittel der Inselbewohner, sich ihrer selbst, der eigenen Web-Credibility und der Coolness ihrer Idee zu versichern. Dabei widerspricht dem missionarischen Aufruf aus den eigenen Reihen nichts mehr, als das.

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