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NSA OKAY

Ich will Dir einfach sagen, dass es okay ist. Dass Du dir nicht alles zu Herzen nehmen musst, was die Menschen im Internet sagen. Das sind nur die lauten, die, die wir hören, weil sie schreien. Aber die anderen sind auch da. Die leisen, die bei Dir sind.

Du bist nicht allein. Dass man da so reinrutschen kann und dass dem Ganzen eine Idee zugrunde liegt, die mit Schutz, mit Sicherheit, mit Leben und Sorge um die Schwachen zu tun hat, das wissen diese Menschen, die leisen, und dass sie das wissen, sollst Du wissen. Und dass Du deine Familie ernähren musst, dass man so einfach selbst in Amerika keinen neuen Job mehr findet, das wissen sie auch. Dass nicht jeder ein Revoluzzer sein kann, dass nicht jeder ausbrechen, ins Exil nach Moskau gehen, seine Frau für eine Idee verlassen, auf seine Heimat, seine Straße, den Mann im Supermarkt, der einen mit Namen anspricht, den Himmel, den man seit der Kindheit kennt, die eigene Sprache einfach verzichten will, das wissen diese Menschen und das sollst Du wissen und deshalb will ich Dir das sagen.

Denn Du sollst die Zweifel aufgeben, die Dich quälen, seit Dein ehemaliger Kollege alles öffentlich gemacht hat und Du sollst weiterleben aber: Wie komme ich an Dich ran? Wie bringe ich diese Nachricht zu Dir? Dein Schreibtisch steht im Verborgenen, hinter einer Tür, vor der ein Computer steht. PRISM prangert auf seiner stählernen Brust und dass ich das richtige Codewort eingeben muss, um reinzudürfen, zu Dir, um ausgedruckt, in eine Akte mit braunem Deckel geheftet Dir vorgelegt zu werden, damit Du mich siehst, von meinen warmen Worten für Dich liest. Aber was soll das Codewort sein? Der Türsteher verrät es mir nicht. Ich beginne zu tippen, hab unendlich Versuche frei, flüstert seine metallene Stimme mir wireless ins Headset:

Anschlag, Ungläubige, Hauptbahnhof, Mujaheddin, Freiheit, Landweg nach Peschawar, Autobombe, Sprengfalle, Israel, Autobus, Kino, weiches Ziel, Düngemittel, Kopfschuss, USA, Atta, Militärstützpunkt in Süddeutschland, U-Bahnhof, Feindesland, Explosion, Attentat, Besatzer, besetztes Palästina, Burger King, Gaddafi und sein Buch. 

Ich probiere alles. Aber Deine Tür bleibt zu. Wie hieß Gaddafis Buch noch mal, ich komme nicht drauf. Ein letzter Versuch, ich suche mit Google, dann mit Yahoo, nichts. Ich mache die Facebook-App im Handy auf, starte den Chat und Micha weiß was, schreibt er mir. Guck bei Wikipedia nach, tippt er, hat irgendwas mit Islam zu tun, ich tippe zurück, Islam? Bing, und PRISM springt auf grün.

So einfach? Brauner Deckel, nicht gläsern, nein, gedruckt auf recycletem Papier lieg ich vor Dir, und Du blätterst in mir, gibst, was Du nicht kennst, weil Du kein Deutscher bist und eure Übersetzer gerade Donuts essen, bei Google-Translate ein und bekommst mit, was ich Dir sagen will. Du seufzt. Weil das Verfahren gegen mich einzustellen mehr Begründung erfordert, als es auf Wiedervorlage zu legen, holst den Stempel raus, den roten. Machst heut früher Schluss und Barbecue zu Haus, rufst Frau und Kinder rein und ihr betet vor dem Mahl, angefasst, Augen zu, Kopf runter, flüstern verboten, nichts soll jemals anders sein.

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