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Bananensaft beziehungsweise Wahnvorstellung

Und dann dachte ich, es ist vielleicht besser, wenn ich einfach keinen Bananensaft mehr trinke. Ich meine, den mochte ich früher ja auch nicht. Und wenn das jetzt plötzlich anders ist, also dachte ich, dann bedeutet das ja, dass sich auch mit mir etwas verändert hat und jeder weiß ja, dass man süß als Reiz irgendwie anziehend findet, also sozusagen die geschmacklichen Höhen und Tiefen, wenn man dement ist, dass sich das dann also verstärkt und man das auch daran eben erkennen kann, dass einer krank ist. Aber das geht natürlich nur in eine Richtung, verstehen Sie? Also ich kann natürlich dement werden und dann deshalb Bananensaft trinken. Aber ich kann nicht aufhören, Bananensaft zu trinken und dann weniger dement sein. Aber was soll man dann tun? Womit soll man denn aufhören, um weniger dement zu sein? Das ist ne fucking Einbahnstraße und Du kannst Dich noch nicht mal dagegen entscheiden, in sie einzubiegen, sondern wirst einfach gedrückt, gepusht, to the limit, bis das Opfer wieder stabil ist und dann, die Karriere verbaut, schwere KV und am Ende kommst Du nicht mal Knast, weil so ein Spast was davon faselt, dass Du zwiegespalten bist, so von der personality her und dass Du Wahnvorstellung hast. Hundesohn.

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Schlechte Art

Das war halt so, dass wir erst gesagt haben, ja, wir machen das. Und wir hatten auch nen Plan, also einen, der war vollständig und nicht nur so halb oder so, so waren wir nicht, denn wir wussten ja, davon gibt es genug. Und dann haben wir gesagt okay er macht die Beats und ich schreib die Texte und sie macht die Voice, so halt jeder entsprechend seiner Talente gemäß und sie hatte echt sone bitchy Art Mann das hätte bombe in jeden Video gepasst, naja und seine Beats waren genauso, also ich sag mal von dem her echt schon perfekt und es war jetzt auch nicht so, dass ich nichts schreiben könnte, ja, also ich hab ja gesagt, dass ich das mache und so und ich hätte es auch gemacht, nur ich sag mal auch, das geht halt am besten, also eigentlich nur, wenn die richtige Stimmung da ist, verstehst Du, so vom Mind her und ich sag mal wie sie schon immer geguckt hat, also allein, wenn sie auf Toilette war, sie hat sich aufgeführt, als wäre sie in einen Hotel naja und er, ich schwör, er war verliebt in sie, wie er ihr immer alles durchgehen also erlaubt hat, übertrieben behindert, wenn sie sagt Basecap sorum dann er macht sorum, verstehst Du, also echt so auf die schlechte Art.

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Notiz vom 12. September

Er hat einfach weiter gesprochen. Ich verstand kein Wort von dem, was er in einer Mischung aus 90% Polnisch, 8% Spanisch und 2% Englisch erzählte. Aber er erzählte, 20 Minuten lang, ab und zu warf seine Frau ein englisches oder spanisches Wort ein und so redeten wir immer fort, ich nur Ja und Nicken und I understand und er, bin ich mir am Ende ziemlich sicher, erzählte von der Arbeit, von seiner Küche und dem Essen, von seinem Sohn, der zwei Schürfwunden am Kopf hat und im Krankenhaus ist wegen eines Sturzes in der U-Bahn und vom Krieg und der Narbe unter dem alten BWM-Basecap auf seinem Kopf, die daher rührt und ich fragte nicht ihn, sondern nur mich, warum er so frei weiter plapperte, obwohl ich doch nicht erst nach zwanzig Minuten oder immer mal wieder zwischen durch, sondern von Anfang an die ganze Zeit nichts verstand und verstand ja doch ab und zu was und schüttelte er mir die Hand und gratulierte, als ich lawyer antwortete und wir lachten beide, viel, auch seine Frau manchmal mit, denn man muss ja einfach lachen, wenn einer lacht. Seit 44 sind sie in Amerika und dann kam der Bus. Und dann waren sie weg. Deshalb standen wir auch noch 18 Minuten weiter zusammen unter dem Dach, als der Regen vor 20 Minuten schon nach zwei Minuten wieder aufhörte und ich nur glaubte, dass es keinen Grund gab, jedenfalls nicht mein Verstehen, um hier weiter neben mir zu verharren , Rolltasche und Tüten in der Hand, der Bus lies die Seite hinunter und die zwei waren weg, nur ein ok, kein bye bye, kein Lächeln, zwei Rücken, die von Rolltasche und Tüte vor sich her in den Bus geschoben wurden, eine schöne Erinnerung.

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Kleine Furchen

Wenn die Sonne blendet, dann kneife ich seit einer Weile meine Augen nicht mehr zusammen. Um die Falten nicht noch tiefer um meine Augen zu ziehen. Ich reiße sie auf, die Augen, und trinke viel Wasser, zweieinhalb Liter am Tag, um die kleinen Furchen zu füllen, von innen, sie aufzuschwemmen, nass, denn Falten sind Risse und Risse haben mit Trockenheit zu tun, die es nicht gibt, wo man gießt. Und wenn meine Lehre beginnt, dann kaufe ich mir gute Creme.

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Soljanka-Style: Bolognese im Via Nova

Dass das Foto ein bisschen hässlich geworden ist, ist irgendwie bezeichnend, denn eine Schönheit (wie diese vier) ist sie wirklich nicht, die Bolognese aus dem Via Nova in der Universitätsstraße, gleich um die Ecke vom Bahnhof Friedrichstraße.

Vielleicht ist das ja ein Zeichen für besonders selbstgemachte Kost. Aber es ist auf jeden Fall nicht mein Style. Diese Bolognese wirkte auf mich ein bisschen wie wir-werfen-alles-rein-was-weg-muss. Fleischstückchen? Also wir reden nicht von Hackfleisch-Stückchen. Sondern so Fleisch-Fleisch. Saure Gurke? Kleine Pilzteile? Keine Ahnung. Bei Bolognese kann ja jeder machen, was er will. Aber schön ist was anderes.
Anders der Geschmack. Denn der ist super und vor allem nicht zu tomatig. Das berücksichtigen viele Bolognese-Artists nicht genug. Mittelmäßig, also genau in der Mitte zwischen zu viel und zu wenig gewürzt war sie, sodass ich nicht nachhelfen musste und die Nudeln waren genau so (getrennt geschrieben), dass man sie weder hart noch weich nennen könnte, also perfekt. Der Parmesan frisch (was bei dem Preis nicht selbstverständlich ist) und die Kellnerin, also wirklich, total nett. Der Laden selbst wirkt irgendwie lieblos eingerichtet aber seine Lage ist toll und, wer Bolognese nicht mag: die Pizzen sind, wie ich aus eigener Anschauung weiß, die besten im Umkreis von zwei Kilometern. Nochmal zur Bolognese: € 6,90 auf der Mittagskarte und alles in allem über dem Strich.

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Dass sie das fragen müsse

Dass sie das fragen müsse, hat die Ärztin gesagt und dass sie damit nichts sagen wolle und man das jetzt auch noch gar nicht könne, weil erstmal abzuwarten sei. Wie das und das andere zu verstehen war, fragten wir uns danach. Und ob wir die richtige Antwort gaben. Dann drangen wir nach draußen, vor die Tür auf den Flur, wo keine anderen Besucher waren und Du nicht neben uns lagst wie ein Gegenstand, wie ein Objekt, über das man so verhandelt. Meine Kleine, hab ich Dich am Ende genannt, bevor ich ging. Ich kam noch mal rein, etwas war noch nicht fertig, noch nicht gesagt, noch nicht getan und dann streichelte ich Deine Schläfe und küsste sie dreimal. Ich nahm Deine Hand, als sie am Lacken zog und Deine Finger schlossen sich für ein paar Momente um meinen, ich verstand das als Zeichen von Dir an mich, nein, ich fragte mich, ob ich es als ein Zeichen von Dir an mich verstehen durfte und ich sah Dich an und Deine Augen sahen in die Richtung, aus der der Schlag kam, das sei normal, sagte die Ärztin vorhin, ich hörte Dich atmen, das klang ganz normal und dann piepste das Gerät wieder und dann verstummte es wieder, ich sagte nicht mehr als Tschüß, meine Kleine und dann wollte ich nicht, dass es endgültig klingt, also verabschiedete ich mich auf Morgen und merkte schon, dass ich morgen nicht kann und fügte an, vielleicht auch bis übermorgen und dass ich alles probieren will, was möglich ist, um zu kommen, das werde ich auch, ich versprach es Dir und mir ob es ein Zeichen von Dir an mich war, ich weiß es nicht und das ist auch nicht egal, auch dann nicht, wenn alle behaupten, Du bekämst eh nichts mehr mit, selbst wenn es so wäre, bin ich doch nicht nur für mich da, nein auch für Dich, so wie Du es damals warst, als ich vier, fünf, sechs, sieben Jahre alt war.

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Leerstelle

(…)
Wenn Du nicht leer bist, sondern S-Bahn fährst, Kaffee trinkst, Dich aufregst und wieder runter kommst und dann schlafen gehst und darüber das Schreiben vergisst. Dann hast Du zwar viel gemacht aber bald ist das dann weg, denn man erinnert sich ja nicht mehr dran und eine Sache, an die man nicht mehr denkt: die war ja nie da. Ohne Ohr, das es hört, kein Geräusch. Ohne Mensch keine Welt. Ohne Bewusstsein kein Objekt. Könnte man denken. Dachten schon viele. Und die Dinge würde sagen: Fickt euch doch, ihr Philosophen, wir sind auch ohne Menschen da.

Aber die Dinge sagen ja nichts. Sondern überlassen die Deutung uns.

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Agavendicksaft

„Mama, ich hab Hunger.“
„Finja, magst Du dem Luca von Deiner Reiswaffel abgeben?“
„Die zwei sind so süß zusammen.“
„Total!“
„Mama, ich mag noch bieler.“
„Dass der Luca das B so mit dem V vertauscht, das finde ich irgendwie … total spannend.“
„Ich hab gelesen, das ist wohl typisch.“
„Aha, interessant. Whow, schau mal da links das Feld. Das sieht ja wahnsinn aus. Fast wie ein Desktophintergrund.“
„Whow! Unser Wochenende auf dem Reiterhof fand ich btw echt megaschön.“
„Ja, ne? Und fast drei Tage komplett offline. Das denkt man echt nicht mehr heute, dass sowas noch geht.“
„Total. Stell Dir vor, was die Leute aus der Kita denken, wenn die bei Whatsapp sehen: zuletzt online Freitag 17:30.“
„Stimmt, witzig. Du, sag mal magst Du dann über die Schönhauser Allee fahren? Die Finja und ich, wir brauchen noch Agavendicksaft.“
„Klar, aber wollt ihr den Luca mit rein nehmen? Dann würde ich kurz eine rauchen.“

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Zurückgeblieben

Ich komme nie nach Hause. Denn ich bin von dort nie weggegangen. Auf dem Land, das habe ich von Bekannten gehört, auf dem Land, da lacht man über Menschen wie mich. Ich habe nie die Welt gesehen. Ich kenne nur den Ort, aus dem ich komme. Ich bin nie draußen gewesen, nie um-, nie ein-, nie ausgezogen. Ich bin nie auf dem Weg nach Hause aus einer Regionalbahn gestiegen und ich habe nie an einem Bahnübergang gewartet, an den ich auch denke, wenn ich mich an die Kindheit erinnere. Ich habe niemandem je Rechenschaft darüber abgelegt, warum ich irgendwann weg bin, kenne keinen, der mir sagt, dass ich älter aussehe, als früher und ich verabschiede mich von niemandem bis nächstes Jahr.

Ich wohnte mal in der Wilhelm-Pieck-Straße und nun, seit kurz nach der Wende, in der Torstraße. Und ich fühle mich zurückgeblieben. Jedes Jahr. Wenn die Bekannten aus der Arbeit und aus dem Park und aus dem Café und aus dem Yogakurs und aus dem Späti und aus dem Ausland sich eine Woche später über die leeren Parkplätze hier und all das austauschen, was sie zwischen den Jahren dort, zu Hause, erlebt haben. Wenn sie kurz vor Silvester, denn dann sind sie alle wieder da, lachen und schimpfen und nebenbei von der Welt erzählen und gemeinsam, darauf kommts an, gemeinsam feststellen, dass es nun auch wieder gut ist und auch wieder reicht und dass es schön ist, wieder hier, wieder zurück, wieder in Berlin zu sein, in diesem Moment fühle ich mich zurückgeblieben. Denn ich bin der, der in der Zwischenzeit hier blieb. Mitten in Berlin. Wartend, nur einen Moment. Bis ich für alle wieder der bin, der von hier kommt. Für mindestens ein Jahr.

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Sie sieht so normal aus

Gastbeitrag von meinem guten Freund Carl Winter

Wie jeden Dienstag bin ich auf dem Weg in die Praxis. Die Eingangstür befindet sich gegenüber einer Bushaltestelle und immer, wenn ich die Klingel drücke statt den Schlüssel zu zücken, komme ich mir entlarvt vor. Für die Zeit, in der ich warte bis der Summer ertönt, blinkt ein riesiges Leuchtschild über meinem Kopf: sie hat einen Knall.

Die Praxis liegt in der zweiten Etage in dem Altbauhaus. Das Licht im Hausflur funktioniert bis zur ersten Etage nicht. Es kommt mir vor, als wiese das auf meine Absicht, zu verschleiern, wohin ich muss, erst Recht hin. Ich fühle mich ertappt: erst hierhin zu müssen, dann es verschleiern zu wollen.

Im Flur stehen zwei Stühle und vergilbte Magazine der Süddeutschen Zeitung hängen in einem Drahtgestell an der Wand. Meine Vorgängerin wäscht sich gerade die Hände. Oder die Tränen aus dem Gesicht. Sie kommt aus dem Bad und wir begrüßen uns freundlich. Dabei schauen wir uns kurz in die Augen, um die Gründe für das hiesige Zusammentreffen zu finden. Sie sieht so normal aus. Dann geht sie und ich bin allein in dem Flur, gehe ins Bad, um mir eines der Taschentücher aus dem Zahnputzbecher zu nehmen und in meinen Ärmel zu stecken. Das ist meine Vorbereitung auf den Termin.

Dann setze ich mich auf den Stuhl und ziehe ein Magazin aus dem Drahtgestell. Das Papier ist schon matt, porös und hat die Spannkraft verloren. Ich blättere die gebogenen Seiten um, konzentriere mich aber auf die Geräusche aus dem Zimmer. Sie fasst nun vermutlich die Stunde meiner Vorgängerin zusammen. Mit jedem Geräusch hoffe ich, etwas über sie zu erfahren. Als sie das Fenster schließt, weiß ich, dass ich dran bin.

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Jesko ist

Jesko ist einer dieser Menschen, die sich über die ständige Verwendung des Wortes Manufaktur aufregen. Jesko mag Männer nicht, die der vermeintlichen Klasse wegen Zigarillos rauchen anstatt Zigaretten. Jesko mag es auch nicht, selbst die Rolles eines sogenannten echten Mannes zu übernehmen. Denn das bedeutet, dass er nur auf der Seite der Badewanne mit dem Metallding sitzen kann, sobald er in einer festen Beziehung ist. Jesko stellt den Wecker so, dass die einzelnen Zahlen in der Quersumme sieben ergeben aber das ist keineswegs ein Zwang, würde er sagen, würde ihn jemand danach fragen, sieben ist vielmehr nur eine harmonische Zahl. Manchmal kann sich Jesko nur noch an die Eselsbrücke erinnern aber nicht mehr an das, woran sie ihn erinnern soll. Jesko gibt immer alles und nie auf. Jesko ist auch schwul. Aber das ist für ihn kein Thema.

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# 1 poem – gelesen im Nuyorican Poets Cafe, NYC

Geschrieben Ende August im Bus auf dem Weg von Detroit nach Toronto. Gelesen Anfang September 2013 im Nuyorican Poets Cafe, New York, NY 236 East 3rd Street.

#1 poem

Five minutes eyes closed:
Sky blue, no clouds.

I’m writing down this line,
Head up, grey all around.

Phone rings, “it’s me”,
Who else would it be?

Talking about the weather?
No, I do not agree.

I hang up, just like that,
You call back.

Talking becomes serious,
We’re not used to that.

You come around to rescue,
what we’ve got.

But my eyes tell you
Before I can: That you can’t go for something
That you just pretend.

Five minutes eyes closed:
Sky blue, no clouds.

I’m writing down this line,
Head up, grey all around.

My watch reflects the sunlight
Towards your chair.

It’s pointing at you. Ticking.
But you’re still there.

Coming back from the kitchen,
I see you reading through my phone.

Supposing, who the enemy could be.
Switch it off, Baby.
Our enemy is me.

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Grillwalker am Alex explodiert

Tommi brauchte eine Story. Ohne Story keine Reportage. Ohne Reportage kein Platz an der Axel-Springer-Akademie. „Eine dunkle, bitte.“ Seit Tagen stand Tommi am Alex, stopfte Bratwürste in sich hinein und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts. In ganz Berlin nicht. Und die Bewerbungsfrist lief. „Kann ich lieber das andere Brötchen?“ Die Geschichte musste Lokalkolorit haben. Das war Tommis Riesenvorteil gegenüber den unzähligen anderen Bewerbern. Den musste er ausschöpfen. „Noch ein bisschen mehr Senf, bitte.“ Es war seine Stadt. Er wurde in Berlin geboren. Er kannte die Ecken und Winkel. Er hatte Zugang zu den wirklich wichtigen Geschichten. Undercover die Probleme kleiner Leute aufdecken wie Peter Zwegert. Oder Günther Wallraff. Das ist es doch, dachte Tommi. „Sag mal,“ Tommi hob die Stimme wieder an, „ist das nicht super heiß da den ganzen Tag mit dem Grill vorm Bauch und der Gasflasche auf dem Rücken?“ Der Grillwalker zuckte mit den Schultern. Man dürfe eben nicht in der prallen Sonne stehen.

Am nächsten Tag stand Tommi selbst auf dem Alex mit einem Grill vor dem Bauch und einer Gasflasche auf dem Rücken. Es könnte doch sein, dachte Tommi, dass alle Grillwalker auf dem Alex in Wahrheit investigative Journalisten sind. Man sieht doch, wie sie durch die Gegend starren und auf eine Geschichte warten. Tommi trat in den Schatten. Grillwalker am Alex explodiert, die Überschrift stand. Unachtsamkeit, ultraorthodox. Bis auf ein U enthielt die Überschrift bereits alle Vokale. Tommis Suche nach einer sprachlich ausgewogenen Ursache war beschränkt.
„Pass uff.“ Tommi spürte einen festen Griff auf seiner Schulter. „Hör zu, Zarter. Das ist ne ziemlich unsichere Gegend hier. Und Sicherheit kostet. Stunde ein Pfund.“ Ein Pfund? Tommi verstand nicht. „Zwanzig Euro, Du Spezialist. Spezialtarif, weilde neu bist. Ick komm in vier Stunden wieder. Dann krieg ick von dir hundert Steine.“ Hundert? „Wegen Aufnahmegebühr. Und jetzt Attacke. Sonst knallts.“

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Der Publizist Chris Wolf war von dieser Geschichte inspiriert und hat aus ihr ein schönes Bild gemacht. (Dankeschön!)

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Teil einer Kategorie

Wann kennt man jemanden nicht mehr? Es gab eine Zeit, da kannte uns niemand so gut wie wir. Wir waren mal ein Paar, liefen fast jede Nacht zusammen die Schönhauser runter. Oft war einer von uns, mal Du, mal ich, so besoffen, dass der andere ihn  halten musste. Wir arbeiteten von mittags bis nachts an unserem Traum. Und dann hast Du diese Kopfentscheidung getroffen, so hast Du sie damals genannt. Einen Monat lang hatte ich Bauchschmerzen, wenn ich an Dich dachte, dann traf ich meinen Mann.

Und irgendwann begann ich, von Dir zu lesen. Erst Berliner Woche dann Tagesspiegel dann Tagesschau. Schauspieler des Jahres. Bekannt dafür, seine Rollen umzuschreiben.

Einmal fragte mein Mann, ob wir in einen Deiner Filme gehen. Er mag den Hauptdarsteller, findet den irgendwie cool. Im Friedrichstadt Palast war neulich eine Premiere und Du liefst über den roten Teppich und ich auf der anderen Straßenseite von der Arbeit nach Hause. Ich wohne immer noch hier. Du mal hier mal da, steht auf Wikipedia. Wie würdest Du mich finden, wenn Du das wolltest? Und warum stellen sich alle Fragen nur in Deine Richtung? Nur-ich-und-Du, nie Du-und-ich.

Ich denke an Dich als entgangene Chance. Wenn man nicht mehr zusammen ist und vom anderen nichts mehr hört, dann vergisst man auch die Eventualitäten. Aber das erlaubst Du mir nicht, wenn Du mich von dem Poster über dem Bett meiner Tochter aus ansiehst. Die Zeit in Berlin habe Dich geprägt, zitiert Dich Spiegel Online. „Damals ist viel Wichtiges passiert.“ Viel Wichtiges. Zum ersten Mal bin ich Teil einer Kategorie. Damals. Sprichst schon von mir aus dem Danach. Würde das auch gerne können. Ab wann kennt man jemanden nicht mehr?

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High Heels und glänzende Leggings

Halb sieben aufstehen. Ich denke mir immer was dabei, wenn ich mich morgens anziehe. Das hängt natürlich von der Stimmung ab. Und oft spüre ich diese latente Morgengeilheit. Und dann will ich, dass man das sieht, erkennt, sich seinen Teil über mich denkt. Halb acht nackt, und dann glänzende Leggings und High Heels, yeah, und ich schaue die Typen an und erst eine Sekunde zu spät wieder an ihnen vorbei. Und dann wird die Frau vor dem Büro von der Straßenbahn überfahren. Und dann stehst Du da. Weißt nicht wohin, kannst nicht zurück, zitterst am Tisch und verdrückst die Tränen vor den Kollegen nicht, lässt sie raus, aus Dir heraus, von innen kommen sie, aus dem Inneren, fallen auf das Äußere, fallen drauf, prallen von der Leggings ab, von der Leggings und ihrem Glanz, der halb neun mit Dir nichts mehr zu tun hat.

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