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Venture Capital Berlin

„Berlin ist die Venture Capital of Europe.“ Theodor unterbrach sich. „Haha, kleiner Scherz von mir. Startupmäßig ist die Stadt natürlich vollkommen overrated.“ Theodor verlor seinen Gewinnerblick für keine Sekunde. Ich lachte mit. „Sorry.“ Theodor lächelte und hielt dem Kellner einen Fünfziger hin. „Prost.“ Theodor knallte sein Bier gegen meines und trank. „Und was machst Du?“ Ich erzählte Theodor von meiner Idee und dass ich die Startup Lounge nutzen wollte, um Leute kennen zu lernen, die mir bei der Umsetzung helfen. „Das ist gut. Seed Camp, Startup-Bootcamp, Hackathon, Next Berlin: Networking ist das A und O.“ Theodor richtete seinen Zeigefinger auf mich. „Alpha bis Omega, sage ich immer.“ Ich nickte. „Aber verschwende Deine Zeit nicht mit den kleinen Fischen. Wir haben jedes Jahr 700 Investments.“ fuhr Theodor fort, „Mit unserer Hilfe sind 100 Gründer zu paper millionairs und zehn zu richtigen geworden.“ Theodor ließ mir eine Lücke, um etwas zu sagen aber ich wusste nicht, was. „Sowas schafft man nicht alleine. Kaum ein Startup hat den richtigen Fokus fürs business. Die Idee ist 30 Prozent des Erfolgs. Deine ist gut. Aber nur wir bringen Dich zu den core issues. Lacking market orientation? Wir orientieren Dein Produkt am Markt. Know your margin! Wir sorgen dafür, dass der Gründer sich nicht zu sehr auf die Technologie konzentriert. Cost base too high? Wir senken Kosten and build your team. Wir haben Schulungsvideos im Internet. Auf Englisch!“ Theodor unterbrach sich, nahm einen Schluck von seinem Bier und ich gab zu, dass mein Englisch nicht besonders gut ist. „Mein advice for you ist: do it anyway. Do it with us. Sicher, es gibt auch andere VCs. Sitar Teli zeigt Dir, how to play the VC game.“ Theodor zog ein Blatt Papier hervor. „Wir zeigen Dir, wie Du es gewinnst. Aber: wenn Du was von uns haben willst, dann musst Du uns auch was geben. Input drives the output. 50 Euro monatlich für iDB, unsere exklusive Info-Data-Base inklusive Newsletter, ist quasi nichts.“ Theodor zog den Montblanc Füller mit blauer Tinte aus dem Montblanc Etui mit weißem Stern. „Einfach hier unterschreiben. Das kannst Du quasi als Geschenk von uns betrachten.“ Ich nahm einen Schluck von meinem Bier und zündete mir eine Zigarette an. Was heißt eigentlich Venture?

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Es lag

Es lag nicht an der Packung Tageslinsen, die auf dem Waschbeckenrand lag. Es lag nicht an der Farbe der Kondompackung, die sie im Papiermüll zwischen den Zeitungen leuchten sah. Es lag nicht an der Haarspange unter dem Kleidersack, nicht an dem Haar auf ihrem Küchenstuhl, nicht daran, dass er das Handy nicht mehr auf dem Tisch liegen ließ, es lag nicht daran, dass er frisch geduscht war mitten am Nachmittag, es lag allein an seinem Blick. Der wich ihrem aus. Da hat sie es gewusst.

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Deutsche Bank Kunsthalle – Die Schlange und der rote Faden

Die Schlange war so lang, sie reichte bis zum Eingang. Die Schlange stand. Und in ihrer Mitte begann ein Gespräch über Kunst.

„Ist das Lady Gaga?“
„Ja, Acryl und Aquarellmix. Diese Technik habe ich selbst entwickelt.“
„Was machen die eigentlich mit unseren Bildern?“
„Die verkaufen die Bilder auf dem Schwarzmarkt. Und dann bringen sie das Geld zur Bank und die parkt das auf …, wie heißt das, na, hier, der Schäuble nennt das immer Schlupfloch.“
„Ja, ich weiß schon. Um rauszufinden, wo das Geld hinfließt, brauchst Du schon einen ganzen Geheimdienst.“
„Wie der BND hier vorne an der Chausseestraße.“
„Die sind ja immer noch nicht fertig, weil die Pläne geleakt wurden. Jetzt müssen die alles neu bauen.“
„So, wie beim Flughafen.“
„Genau. Desaster. Das muss man sich mal vorstellen. Da hängen ja auch Arbeitsplätze dran.“
„Ich war selber mal eine Weile lang arbeitslos.“
„Ein Bekannter von mir auch. Der musste dann zum Arbeitsamt nach Lichtenberg oder so. Das sah aus da, sagt er. Mit Paternoster und so. Direkt wie bei der Stasi. Und das hat man bei den Mitarbeitern auch gemerkt.“
„Mich haben die damals erst mal eine Stunde warten lassen.“
„Da können Sie sich sicher sein, da stecken noch ganz viele von der Stasi drin. Das sind genau diese Methoden. Aushungern lassen.“

Die Schlange bewegte sich ein Stück nach vorn.

„Der Fischer hat aber auch abgenommen.“
„Als der noch Außenminister war, hat der direkt bei mir im Kiez gewohnt. Der ist dann auch immer in meinem Supermarkt einkaufen gewesen. Der hat massiv abgebaut.“
„Naja, schlecht wird’s dem nicht gehen.“
„Wer sich einen Steuerberater leisten kann, dem geht’s nicht schlecht. Heutzutage. Deshalb geht’s den Banken ja auch so gut. Die haben da zig von. Außerdem haben die so viele Tochterfirmen oder wie das heißt in dem Jargon von den Unternehmern. Da sieht einer alleine gar nicht mehr durch. Verbrecher.“
„Ja, gut. Aber das ist auch deren Job. Wenn der Staat das nicht unterbindet, dann ist er ja schuld.“
„Wir sind der Staat.“
„Das sag ich auch.“
„Aber leider nicht der einzige. Amerika, China, Russland. Die haben ja alle auch Computer. Und die hacken sich da ein und dann holen sie sich die ganzen Daten raus.“
„Ja, und dann stellen sie Fahrzeuge her, die sehen aus, wie unsere. Die Chinesen!“
„Die Chinesen! Die muss man im Auge behalten. Amerika ist verschuldet, Europa ist verschuldet. Aber die Chinesen haben Geld. Und wer Geld hat, der kann bestimmen.“
„Bestimmen ist so scheiße. Deshalb hab ich mich als Fotograf selbstständig gemacht.“
„Was fotografieren Sie?“
„Ich mache Portraitfotografie, Werbung, Image, Schauspieler. Ich hab Christian Friedel fotografiert, den kennt man aus Das Weiße Band, aber auch viele, die sind noch nicht so bekannt. Ich bin auch erst so seit zwei, drei Jahren dabei. Schauspieler sind schwer.“
„Ich habe neulich gelesen, dass die Tochter von dem Joop jetzt auch Schauspielerin ist.“
„Der hat zwei.“
„Henriette.“
„Die ist ganz schlecht.“

Die Schlange bewegte sich ein Stück nach vorn.

„Aber die Florentine.“
„Die ist was Besonderes.“
„Bei diesem Vater.“
„Ich kenne den! Ein Freund von mir hat seine Wohnung gestaltet. Aber Joop ist ja nicht gut. Der hat halt eine gute PR-Strategie. Anders der Lagerfeld. Das Wunderkind.“
„Der ist doch gaga.“
„Dann haben er und die Aktion hier ja was gemeinsam.“

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Junger Mann (Repeat Rewind)

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
Nicht die erste große Liebe, nein, die vierte zog mir gerade die Beine weg
Schwach geworden
Blieb ich auf dem jump seat sitzen
Noch mal los
Wieder nicht angekommen.

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
In einem fremden Land der einzige, beim zehnten Mal nicht mehr so schlimm
Und ganz ohne Kulturschock krieg ichs hin
Beim Geburtstag noch an den letzten erinnern, oder wars der davor, ich komme durcheinander
Kommt man ja
Sehe den Himmel über Amerika
Und erkenne mal wieder, ja, er ist anders hier, als drüben
Aber noch bevor ich den Gedanken benenne, ist das Taxi da, das ich mittlerweile bezahlen kann
Zum Hotel bitte, ja, und zwar in das, in dem ich nicht mehr darüber staune, dass ich seit irgendwann mit Respekt behandelt und dann gesiezt und dann mit Doktor angesprochen wurde
Das Hotel, in dem ich irgendwann erkannte:
Ich bin alt genug geworden, um junger Mann genannt zu werden.

Die Dinge beginnen, sich zu wiederholen
Sie haben aufgehört, zum ersten Mal zu sein
Ich bin nicht mehr auf dem Weg, erwachsen zu werden, nein, bins längst geworden
Unbemerkt, vom Schein, den das Leben um mich auf mich wirft beim Sein
Während das noch läuft, alles, irgendwie funky fresh den Kalender entlang
Ohne Klang, den man hören könnte, der einen aufhorchen lassen würde, auf das Ende zu, mit Gesang, und mit Wein zum x-ten Mal ohne Überraschung nun
Und dafür mit Routine, fuck, ist zu Ende
In dem Moment, in dem man begreift, nein
Man begreift, wenn es zu Ende ist, ich greife vor, hoffe ich, denn sonst wäre jetzt Schluss
Könnte ich auch machen
Gestalten
Wie man das mit dem Leben machen soll, nein muss
Mit einem Schuss, irgendwo
Hotel in Amerika, wo keiner bei einem Knall erschrickt, wär ich weg
Oder so
Aber dafür fehlt mir der Mut, nicht zum ersten Mal
Lege mir ein Argument zu Recht, das, und den Grund
Drück nicht ab, sondern auf repeat, spiel noch mal mit, noch mal weiter, rewind, re-rewind, neues Glück, auf in die Heimat, ab nach Berlin zurück.

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Case Study Unternehmensberatung, Schwerpunkt: Management Consulting

Der CEO nickte. Dass er sich von nun an nicht mehr Geschäftsführer nennen solle war ein Vorschlag, den er gerne annahm. Nur ein Idiot würde sich den gesellschaftlichen und globalen Entwicklungen verschließen, die ihm der Consultant gerade in einem eindeutigen Chart visualisiert hatte.

„Kommen wir zu den Rauchern: Durchschnittlich fünf Zigaretten pro Tag und Raucher a sieben Minuten zugrunde gelegt, kommen Sie mit der Zeit für das An- und das Ausziehen der Jacke, der Wartezeit für den Aufzug, einmal hoch und einmal runter, und der Gewöhnungsphase von mindestens einer Minute vor dem Computer bei nach unserer Erhebung 14 offiziellen Rauchern, wobei mit einer Dunkelziffer von wenigstens plus zwei Gelegenheitsrauchern zu rechnen ist, auf 196 Minuten zusätzlicher Pausen pro Tag, das sind 16,3 Arbeitsstunden pro Woche und das macht 13.067 verlorene Euro pro Monat. Und davon haben Sie nichts.“

Der CEO schärfte seinen Blick. Die Raucher waren ihm seit Langem ein Dorn im Auge.

„Unser Psychologe PD Dr. Pfeiffer, eine ausgewiesene Instanz auf seinem Gebiet, ist zudem der Auffassung, dass Ihr Controller, Herr Müller, mit der Leiterin der Poststelle, Frau Müller, in einem persönlichen Näheverhältnis steht.“

Der CEO nickte.

„Reden wir über Schultze. Sie erkennen die innere Opposition dieses Mitarbeiters zum Beispiel daran, dass er sein Pad immer in der Kaffeemaschine lässt. Sie müssen sich das übersetzen: Das bedeutet, dass es Schultze egal ist, wer nach ihm kommt und dass derjenige dann den Einschub von Schultzes Pad befreien, wenn das Pad eingetrocknet ist, gar laut ausklopfen muss, also gezwungen ist, Lärm zu machen und sich selbst in eine den anderen Mitarbeitern gegenüber wenigstens störende Position zu versetzen, all das, diese Selbst-Erniedrigung und die dabei empfundene Scham des Mitarbeiters nach sich, nimmt Schultze in Kauf. Sowas kriegen Sie mit Team-Building-Maßnahmen nicht mehr hin.“

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, ging es dem CEO durch den Kopf.

„Außerdem müssen Sie bei den Ossis aufpassen. Die sollten Sie auseinandersetzen. Die sind enorm anfällig für Grüppchenbildung, schon im Allgemeinen. Aber Ihre im Speziellen.“

„Ossis, verstehe.“ Der CEO notierte.

„Schließlich haben wir uns Ihre Weihnachtsfeiern angesehen. Der Standort Berlin ist der absolute USP für ihr Produkt. Dabei geht’s nicht um Berlin. Es geht um das, was die Menschen in der Welt unter Berlin verstehen, was sie damit verbinden, es geht um Träume, Ideen. Und das muss sich in der internen Mitarbeiterkommunikation abbilden. Da kann man nicht zum Bowling nach Rudow fahren. Sie brauchen Soho House, 40Seconds, Tempelhofer Flughafen.“

„Und die Kosten?“, der CEO rümpfte die Nase.

„Die Kosten dürfen da keine Rolle spielen. Wenn Sie das volle Markenpotential der Neuköllner Blutwurst als Lifestyle-Produkt ausschöpfen und monetarisieren wollen, dann dürfen Ihnen solche Fehler nicht mehr passieren!“

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Tina

Die Eheleute Detlef und Anne wollten zusammen mit ihrer Tochter Tina in den Sommerurlaub fahren. Da traf es sich gut, dass es im Reisebüro ein Sonderangebot gab: 50% für Familien. Familien im Sinne der Anzeige seien aber nur solche, die zwei Kinder haben, erläuterte die Mitarbeiterin. Aber das war kein Problem. Denn die Mitarbeiterin und Anne kannten sich aus der Kindheit, die sie gemeinsam in Spandau verbrachten, wo sich diese unglückliche Geschichte zutrug. Anne schlug vor, einfach ein zweites Kind in das Buchungsformular aufzunehmen: Paul, männlich, sieben Jahre alt. Die Mitarbeiterin nickte. Beide lachten.

*

Beim Check-In gaben Detlef und Anne an, dass Paul krank und bei der Oma geblieben sei. Anne war etwas mulmig.
Als sie wieder nach Hause zurückkamen stand das Jugendamt vor der Tür. Man habe einen Hinweis erhalten. Wo Paul sei, wollte die Frau wissen und wo er geboren wurde. Denn im Geburtenregister sei er nicht zu finden. Und Detlef und Anne waren unsicher, was zu sagen war, aber sie versicherten der Frau, dass es Paul gut gehe und die Frau notierte das und ging, denn sie hatte noch viele andere Fälle.
Als Paul auf das Gymnasium hätte gehen müssen, kam ein Brief. Detlef war in der Zwischenzeit zum Richter auf Lebenszeit ernannt worden. Anne hatte eine feste Stelle im Bezirksamt, Tina stand kurz vor dem Abitur. Der Brief kam von der GEZ. Ob wegen Paul, der nun Jugendlicher ist, weitere gebührenpflichtige Geräte hinzugekommen wären. Das wollte sich Detlef nicht gefallen lassen und deshalb schrieb er der GEZ und erklärte, dass es Paul gar nicht gab. Anne sah aus dem Fenster.

*

Wo ihr Bruder Paul sei, fragte der Kommissar mit Nachdruck in der Stimme, als Tina ihm die Tür öffnete. Welcher Bruder und dass sie das nicht wisse, antwortete Tina. Dass sie ihm alles sagen könne und es okay sei, erklärte dann der Kommissar. Da begann Tina zu weinen und hörte nicht mehr auf, bis Detlef aus dem Gericht kam. Und auch Detlef weinte daraufhin und als er Anne den Grund dafür nannte, wurde Anne schwindelig.
Am Sonnabend darauf kam der Staatsanwalt. Totschlag, Kindesentführung u.a. stand auf dem Zettel. Herr Richter, Sie wissen selbst am besten, dass wir bei dieser Verdachtslage gezwungen sind, zu ermitteln. Und Detlef schrie durch den Flur. Dass Paul nie da gewesen, dass das alles Quatsch sei, dass es Paul nicht gebe und Paul nur eine fixe Idee seiner Frau gewesen sei. Da schmunzelte Anne und summte ein Lied.
„Erinnerst Du dich?“, Anne griff nach Detlefs Hand. „Das mochte Paul am liebsten.“

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Zum Türken

Komödie
in drei Aufzügen

In moderner Übersetzung
von Ch. Knappe

ERSTER AUFZUG

Mendelssohn-Bartholdy-Park

BÉLINE (tritt als letzte in den Waggon). Wo geht ihr jetzt, hey, wo geht ihr?
ANGÉLIQUE. Wo steigen wir jetzt aus?
LOUISON. Zoologischer.
CLÉANTE. Wo gehen wir dann?
BÉLINE. Ich geh schon Nollendorf.
ANGÉLIQUE. Wieso?
BÉLINE. Na ich geh zu den.
LOUISON (bewegt die Lippen, als spräche sie). Wieso?
BÉLINE. Na ich geh nicht zu den nach Haus, nur mit.
ANGÉLIQUE. Wer ist er überhaupt?
BÉLINE . Ist doch egal. (Béline steht auf.)
CLÉANTE. Geh ma, geh ma.
BÉLINE. Tschüß, wir sehen uns morgen. (ab.)
ANGÉLIQUE. Geh ma.
BÉLINE (ruft hinter der Szene). Laba.

ZWEITER AUFZUG

Nollendorfplatz

ANGÉLIQUE. Wo seid ihr morgen?
CLÉANTE. Ich geh Schule.
BÉLINE. Haha.
ANGÉLIQUE (blickt sie schmachtenden Auges an und sagt verständnisinnig zu ihr). Bist Du behindert? Morgen ist Opferfest.
BÉLINE. Nein Freitag.
ANGÉLIQUE. Nein Donnerstag.
CLÉANTE. Ist doch egal.
ANGÉLIQUE (spottet sie aus). Haha stimmt. Na geh ma. Bist eh kein Moslem.
CLÉANTE. Nein, dann komm ich nicht. Was soll ich alleine machen in Schule? (ab.)

DRITTER AUFZUG

Deutsche Oper

ANGÉLIQUE. Also sie ham so ein Haus, weißt Du? Und ich sag so zu mein Cousin, sie kann doch voll mit den Arbeiter dort rum machen, wenn er die Sachen nicht selbst installiert.
BÉLINE (unterbricht sie). Walla?
ANGÉLIQUE. Walla. Und sie ist sowieso komisch, guck, mit 20 will sie heiraten. (holt das Handy hervor.)
BÉLINE. Ja, wann willst Du sonst heiraten. Mit 32 oder was? (Geigenspiel ertönt.)
ANGÉLIQUE. Guck, sie macht voll Zigeunerhochzeit. (wischt von rechts nach links auf dem Touchdisplay.)
BÉLINE. Mach noch mal andere Foto.
ANGÉLIQUE (packt sie am Arm). Man ist sie hässlich.
BÉLINE. Ja aber Bildschirm ist auch schlecht. (Die Geigen spielen weiter.)
ANGÉLIQUE (höhnisch). Wo ist dein iPhone?
BÉLINE. Meiner? Is in Werkstatt, is hinten voll kaputt.
ANGÉLIQUE. Ich hab jetzt neuen. Aber ist alles auf Chinesisch, ey voll behindert.
BÉLINE (leise). Gehst Du einfach zum Türken. Er macht dir alles auf Deutsch.

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#Fressehalten

Neulich gab es die #Aufschrei-Debatte. Die nahm man hier und da zum Anlass, mal ganz grundsätzlich über das Verhältnis von Männern und Frauen nachzudenken. In ihrem Beitrag in der FAZ schloss die (total tolle) Publizistin und Moderatorin Tina Mendelsohn, dass es um nicht weniger gehe als „einen großen kulturellen Wandel, um ein zivilisatorisches Projekt“. Die SPD-Fraktion im Bundestag meint auf ihrer Facebook-Seite, „handfeste Konsequenzen“ haben nun zu folgen. Der Ex-Familienminister Heiner Geißler forderte bei Anne Will gar, „Männer müssen sich ändern“. Und etwas weniger fundamental fand die aktuelle Familienministerin Christina Schröder (CDU), sexuelle Belästigung solle unabhängig vom Einzelfall als Dauerthema diskutiert werden (Focus). Es genügt bereits, die Mindestforderung Schröders heranzuziehen, um zu erkennen: der #Aufschrei ist verhallt. Die TAZ fasst – einem Nachruf gleich – bereits die Bewältigungsmechanismen der verschiedenen Lager zusammen. Aber nicht nur in der Peripherie, nein, auch an der Quelle von #Aufschrei ist es ruhig geworden: Wer jetzt nach #Aufschrei bei Twitter sucht, erkennt auf den ersten Blick: es wird nur noch Spaß gemacht (Zitat: „Warum gibt es keine Gummibärchen-Schlumpfine? #Aufschrei #Diskriminierung“.

Nun: man könnte gegen die Relevanz dieser Beobachtung einwenden, dass Debatten nie weiter geführt werden, wenn die erste Aufregung zu Ende ist. Organspendenskandal. Noch im Bild? Machtergreifung-re-rewind von Putin. War da nicht was mit Verfassungsänderung? Dass Debatten wie diese nach nie mehr als ein paar Wochen enden, gehört wohl zur politischen Diskussionskultur dazu.

#Aufschrei aber unterschied sich von diesen Debatten. #Aufschrei waren Sprache und Lautsein nicht nur durch den Namen immanent. Es ging von Anfang an nicht nur darum, etwas vorübergehend anzuprangern. Es herrschte vielmehr schon nach Stunden in der politischen Öffentlichkeit und in der Presse ein Bewusstsein dafür vor, dass diskutiert und gehandelt werden müsse. Der #Aufschrei sollte, wie die Zitate zeigen, aus den Niederungen der Aufregung um Hotelbarsprüche emporgehoben werden, hinauf zu einem der edelsten unserer Grundsätze: dem von der Gleichbehandlung von Mann und Frau. Systematisch sollte von nun an über Gleichberechtigung gestritten werden und zwar so, dass sich was ändert.

Deshalb ist das Schweigen von Politik und Presse nach #Aufschrei besonders schamlos. Sie, die Helfer derjenigen, die sich auf Twitter offenbarten, sind wieder weg. Und die Lücke, die sie lassen, legt die Gleichgültigkeit der politischen Diskussion nach #Aufschrei umso deutlicher bloß. Fressehalten: geht gar nicht. Und wenns unbedingt sein muss, dann bitte konsequent von Anfang an. Anderenfalls: weitermachen.

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Das Arschloch mit Tiefsinn fisten

Ich bin ein Mädchen und ich wohne in Charlottenburg-Nord aber darauf kommt es nicht an, es kommt nie darauf an, wer Du bist, sondern auf das, was Du machst, sagen die, die solche Sachen über das Leben gerne sagen, denn sie stehen drauf, das Arschloch mit Tiefsinn zu fisten, sagen andere, aber auch auf die kommt es nicht an, das ist das Backend, die Rückseite, but I don’t give a shit, denn ich versende nur Postkarten und zwar an jeden, dessen Adresse ich bekomme und was anderes schreibe ich auch nicht drauf, nur die, die Adresse, und ich erzähle auch niemandem außer Dir, dass ich das tue aber auch das ist alles noch egal, die Vorderseite entscheidet, auf die kommt es an.

Denn auf die Vorderseite klebe ich postenkartengroß das Bild, das Google Street View anzeigt, wenn ich die Adresse des Adressaten eingebe, da wird dein Gehirn gefickt, wenn Du eine Postkarte mit deinem Haus drauf im Briefkasten findest und nicht weißt, wer sie geschrieben hat, wer sich da zu Dir in ein Verhältnis gesetzt hat; an Tresen von Bars und neben Lautsprechern von Clubs um den Savignyplatz herum hab ich das schon von vielen Leuten gehört, die kein anderes Thema mehr haben als dieses Projekt eines unbekannten Künstlers, also: hätte ich gehört, wenn ich nach 19:00 Uhr raus dürfte.

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Verhandlungssicher

„Ich grüße Sie! Haben Sie vielen Dank für die Einladung!“
„…“
„Klar, sehr gerne. Ich fange mal vorn an: Ich war drei Jahre lang Mitglied der Schulkonferenz. Dass das das höchste Gremium im Schuldbetrieb ist, muss ich Ihnen nicht sagen. Ich habe in dieser Zeit ein Symposium mit dem regierenden Bürgermeister Wowereit erstens vorbereitet, zweitens durchgeführt und drittens moderiert. Dann habe ich den Vorsitz der Gesamtschülervertretung übernommen. Aus der JU bin ich nach einem Jahr ausgetreten und zwar wegen unüberbrückbarer politischer Differenzen mit dem Vorstand. Das möchte ich betonen. Den nächsten Höhepunkt in meiner Auseinandersetzung mit Politik, dem Staat und seiner Steuerung bildete die Gastvorlesung von Prof. Dr. Joseph Isensee an der Freien Universität Berlin, an der ich mit Erfolg teilgenommen habe. Das hat mein Staatsverständnis in vielerlei Hinsicht mitgeprägt. Schließlich habe ich das Grundstudium der Politikwissenschaften in zwei statt der vorgesehenen drei Semester absolviert. Ich spreche Englisch verhandlungssicher und ich habe Grundkenntnisse in Französisch. Das heißt, ich kann das grundsätzlich auch fließend sprechen, es ist sozusagen nur etwas eingerostet aber ich mag den Klang der Sprache sehr und ich habe großes Interesse an Land und Kultur. “
„…“
„So viele Bewerber?“
„…“
„Frauenquote. Ja. Das verstehe ich. Selbstverständlich. Gleichberechtigung ist ein hohes Gut in unserem Staat.“
„…“
„Ja, die Termine, an manchen Tagen … soll ich zumachen?“

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Ohne Fragezeichen

Du bist da gestern Abend vielleicht in einem Zustand gewesen, in dem es Dir nicht auf die Probleme mit Dir ankam und in dem die Flucht vor Dir, die Du so hasst, vielleicht nicht mehr beendet war, vielleicht nicht mehr unterbrochen war, gewiss: keine Rolle spielte.

Als Du zu Dir gefunden hattest, vor ein paar Wochen, da warst Du plötzlich weg von mir.

Das war der Grund. Habs eben noch mal nachgelesen, kannte ihn eh auswendig. Hattest keine Zeit mehr für mich, als Du sie für dich brauchtest.

Und gestern Abend, da hast Du mir viermal geschrieben.

Warst Du da wieder weg von Dir, bist Du wieder geflohen.

Warum zu mir.

Das war nicht, als hätte mich der Schlag getroffen, das war auch nicht, als hätte alles um mich herum angefangen, sich zu drehen, das war nicht, als rutschte mir das Herz in die Hose, es war ganz normal. Ich hab geschmunzelt, so wenig, dass die anderen es nicht einmal sahen. Ich dachte, hab versucht nicht zu fühlen, ich dachte, hab dann doch gefühlt, weiß nur nicht was, ich dachte jedenfalls, dass es Dir besser gehen würde in diesem Moment, gestern Abend, in diesen vier Momenten, in denen alles so war wie vor ein paar Wochen. Gegenseitig anmachen, miteinander spielen und nie genau wissen: ists ein Spiel.

So war es, bevor es gleich wieder endete. Nein sogar noch beim Ende und während das Ende anhielt war es so. Vielleicht war, nein ist, denn das Schweigen hält wieder an, vielleicht ist das ja noch Teil unseres Spiels. Mach mich nicht verrückt. Das ist kein Appell. Eigentlich kann dieser Satz auch wieder weg. Du machst mich verrückt, nein auch das ist falsch, ich bin verrückt, ich bins ja längst. – Und: War das nicht der Grund, aus dem wir zusammen gefunden haben. Damals, wie das klingt, also vor ein paar Wochen. Und: War das nicht auch der Grund, aus dem wir ein Paar geworden wären, in Lissabon, wenn ich hätte bleiben wollen, nicht können, man kann doch immer alles.

Hast mir kein fünftes Mal geschrieben. Hab mein Handy noch auf laut. Bist wieder geflohen. Wieder vor mir. Wieder zu dir?

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Ronny

Komm Ronny, wir machen los, Mutti ist schon drüben.
Ronnys Papa hatte Nachtschicht gehabt und sich am Morgen noch hingelegt. Ronny hatte den Vormittag ohne Beobachtung genutzt und ferngesehen. Am Abend zuvor war die Mauer gefallen.

15 Jahre später schrieb Ronny sich für das Wirtschaftsrechtsseminar in der HU ein. Ich bin Karl und komme aus Münster. Ich bin Sophia und komme aus München. Ich bin Ronny und komme aus Marzahn, schloss Ronny die Einführungsrunde und keiner sagte was, so wie wenn einer aus Versehen pupst.

Als Ronny dann Ende zwanzig war, hörten die meisten Leute auf zu denken, dass alle aus Marzahn Nazis sind. Da konnte Ronny endlich aufhören, Ayran zu trinken.

In Frankreich sind anonyme Bewerbungen schon seit Jahren üblich, dachte Ronny, als im Sommer nach dem Examen die Absage von Freshfields kam. Leider müsse er ihm mitteilen, dass derzeit keine Position in dem Geschäftsbereich frei sei, für den Ronny sich beworben hatte, schrieb Karl.

Was da eigentlich mit ihm los gewesen sei, begann der Staatsanwalt im Winter darauf sein Plädoyer. Er habe doch alle Chancen gehabt, fasste Sophia zusammen und erteilte Ronny das letzte Wort.

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Chrom-Schwarz

Es ist so geil, wenn Du am nächsten Tag mit dem Bus dran vorbei fährst. Dein Herz schlägt immer noch. Und Du bist der einzige, der einfach mal weiß, was da letzte Nacht abging. Das ist wie so eine Tatort-Tour durch LA. Nur dass Du der Täter bist.

Ob einer gut ist, erkennst Du beim Bomben. Wildstyle, Schnörkel, Schatten, Fadings, Highlight, Outline, Secondline, Thirdline, Fill-In mit vier Farben: Das kann jeder.

Aber Chrom-Schwarz, Mann, da musst Du Gefühl für haben. Proportionen entscheiden da über alles. Das ist noch mal was anderes. Unsere Maximen sind: Schnell, Effizient, Groß. SEG-Crew, Mann. Die Buchstaben sind nicht optimal, da musst Du was können. Das E in der Mitte, das ist hart, Du musst dem Balken einen Flow geben, damit er zu den anderen passt. Du musst immer in Balken denken. Balken sind alles. Maximal ein rotes Highlight kannst Du setzen.

Wir machen nur Straße. Das ist sone Typsache, ob Du eher Straße machst oder Trains. Für mich ist das nichts. Ein Throw-Up, wenn Du gerade am Aussteigen bist, okay. Aber kein komplettes Piece, Mann. T-to-B, E-to-E und so ist schon geil. Aber halben Tag fährt er und dann wird er gebufft. Auf der Straße hängt dein Piece manchmal Jahre. Jetzt nur Rooftops, so wie 1UP am Anfang oder INC früher, das ist auch nicht unser Ding. Da achten die normalen Menschen kaum drauf. Aber das ist nicht nur für Writer. Das ist Kunst Mann, jedes einzelne Tag. Egal, was die Nazis sagen.

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Aus dem Danach

Es ist, als wäre nichts mehr da, ich glaube, das war schon mal so, jetzt ist es wieder da: nichts. Zumindest weniger, ich merke das, ganz deutlich, wie es weniger geworden ist, das mit Dir. Ich fahre natürlich noch zusammen darüber wie schade es ist, dass ich nicht mit Dir Hand in Hand gehen kann, wenn ich daran denke, dass wir das hätten machen können. Aber es ist keine unendliche Traurigkeit, die sich dann unter meinen Alltagsgeschäften verborgen in solchen Momenten offenbart, nein, es ist dann auch wieder vorbei.

Und am Morgen merke ich es auch. Natürlich denke ich noch jeden Morgen beim Aufwachen an Dich. Aber auch hier ist keine Schwere da und kein Leid. Es kommt mir vor, als würde sich mein Körper daran erinnern, wozu er in den letzten Wochen morgens immer gezwungen war: Denk an sie, sei dann traurig. Und als würde er, mein Körper, hierzu in der Routine der letzten Wochen auch jetzt noch jeden Morgen ansetzen, so kommt es mir vor, aber eben nur so: ansetzen. Am Abend dasselbe und am Tag dazwischen, da ist es neuerdings anders. Da sehe ich andere Mädchen, vor allem dieses eine, das hat auch etwas im Blick, etwas Verstörtes und in der zierlichen Zeichnung, schau, wie bei Dir, in der zierlichen Zeichnung des Gesichts auch etwas Herausforderndes, sieh hin, genauso zurückhaltend, wie bei Dir. Ihre Haare sind auch dunkel, nicht schwarz, wie Deine aber ihre Brüste, die sind groß, nicht klein, wie Deine. Aber auf all das kommt es ja nicht an, verzeih, ich habe mich in der anderen verloren, es kommt darauf an, dass die da ist, sie ist nichts besonderes, mit der wird nichts sein. Was ich sagen wollte ist, dass sie da ist, dass sie mir aufgefallen ist, allein das, das ist ja schon mal was, das war vor Kurzem noch nicht selbstverständlich.

Und ganz ehrlich: Ich habe nicht das Gefühl, dass dieser Text hier zu denen der letzten vier Monate passt. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass er geschrieben werden oder in einen Zusammenhang mit den alten Texten gesetzt werden müsste, überhaupt: da ist kein Müssen. Merkst Du, was ich meine: Die Notwendigkeit ist weg, die Notwendigkeit, Dir zu schreiben. Zum Schreibtisch bin ich jetzt allein gegangen, das Brötchen habe ich jetzt allein deshalb in der Küche liegen lassen, weil ein Interesse in Bezug auf mich mich drängte. Das allein war eben in meinem Kopf: halt Deine Entwicklung fest, das aufgeschrieben zu haben und nachlesen zu können wird Dir bald wichtig sein, mir! Nicht Dir. Denn bald ist nichts mehr da.

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Kauft nicht beim Schwaben

Fremdenhass-light: Wolfgang Thierse fordert die Selbstverleugnung von Zugezogenen in Berlin.

In einem Interview in der Berliner Morgenpost nennt Wolfgang Thierse das Zusammenleben mit zugezogenen Schwaben „strapaziös“. Er wünsche sich, so Thierse, „dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind – und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche“. Die Bevölkerung mit Menschen aus einer anderen Gegend sei die „schmerzliche Rückseite“ der Veränderung im Bezirk. Schrippen sollen wieder Schrippen heißen und nicht mehr Wecken und auf dem Pflaumenkuchen solle wieder Pflaumenkuchen stehen und nicht mehr Zwetschgendatschi. Ein offenbar unüberwindliches Bedürfnis Thierses wird dabei deutlich: Er scheint zu wollen, dass man so mit ihm redet, wie das in Berlin üblich ist. Kannste kriegen, Keule.

Hasskultur

Es gibt seit Jahren eine polemische Bewegung gegen die sogenannten Zugezogenen in Berlin, die sich Motiven bedient, die starke Anleihen bei fremdenfeindlichem Gedankengut nehmen. Die Süddeutsche hat diese Bewegung treffend als Hasskultur bezeichnet. Das Kampfwort lautet Gentrifizierung. Die Angst vor Überfremdung schwingt als Motiv überall mit. Selbst Parolen wie „Schwaben töten“ sind vielerorts zu finden. Unter einigen sogenannten Ur-Berlinern, insbesondere jenen aus dem Ostteil, zu denen ich mich in diesem Zusammenhang nur mit Scham zählen kann, ruft diese Entwicklung wenigstens ein verharmlosendes Lächeln, in vielen Fällen aber sogar pauschale Zustimmung hervor. Der Ur-Berliner, das ist immer wieder zu erkennen, geriert sich als Mitglied einer überlegenen Herrenrasse; er lässt seine Begleiter aus den entlegenen Winkeln des Landes gönnerisch strahlen in seinem Glanz; er gibt vor, wie „wir die Dinge sehen“: wie sie also zu sehen sind. „Witze“ wie der in der Überschrift wiedergegebene Satz „Kauft nicht beim Schwaben“, sorgen hinter vorgehaltener Hand auf Partys für Gelächter. Bei alledem ist die Etablierung der fremdenfeindlichen, teilweise sogar rassistischen Motive ganz und gar offenbar. Problematisiert wird das nicht.

Auf diesen Zug springt Thierse auf

Auf den Zug derer, die dieses Vokabular benutzen und in deren Handeln sich die genannten Motive spiegeln, springt Thierse auf, wenngleich seine Formulierungen harmlos anmuten, weil er sich scheinbar auf das Gut des Berliner Dialekts beschränkt. Das ist Fremdenhass-light, der hier präsentiert wird. Und zwar ohne Distanzierung von den gefährlichen Tendenzen, die mitschwingen. Und das ist – zurückhaltend formuliert – ungewöhnlich für einen Mann, der einen Schwerpunkt seines politischen Wirkens bei der Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit gesetzt hat. Thierse ist kein Rassist. Die Muster, die er für seine Äußerungen in Beschlag nimmt, sind aber keineswegs so harmlos wie der alte Mann. Sie sind gefährlich und altbekannt.

Weniger Rechte für die Neuen?

Thierse wohnte, so steht es in der Morgenpost, zu DDR-Zeiten schon im Prenzlauer Berg. Und diese Information scheint Thierses Wort, so breitet es sich im Leser aus, eine besondere Legitimation dafür zu verleihen, die Geschicke in seiner Hood zu bestimmen. Aber woher soll so eine Legitimation noch mal kommen? Dieses stärkere Recht desjenigen, der länger an einem Ort ist, als ein anderer? Warum darf sich der Alte dem Neuen gegenüber noch mal durchsetzen? Gibt es etwa, abgesehen von Nazis, jemanden in Deutschland, der meint, ein Ausländer müsse für einen Deutschen im Bus den Platz räumen, weil der Deutsche schließlich Wurzeln in der Region hat, die länger sind als die des Ausländers? Nein. Die Werteordnung, die sich die Menschen geben, die in Deutschland miteinander wohnen, kennt kein stärkeres Recht des Alteingesessenen gegenüber dem Neuankömmling. Es gibt auch keinen Konsens über Ausnahmen für bestimmte Gruppen. Nicht für Schwarze und nicht für Schwaben. Dieser Wertekonsens schließt es ein, dass Fremde ihre fremde Kultur pflegen können. Bei Asiaten, Arabern und Afrikanern ist das überall in Berlin etabliert und anerkannt. Warum sich Schwaben selbst verleugnen sollen, wird nirgendwo erklärt.

Entwicklung verweigern

Der Prenzlauer Berg (und zusammen mit ihm der Rest des Landes) hat sich entwickelt. Er ist nicht mehr der, der er mal war. Deshalb gelten auch die alten Regeln nicht mehr. Diese Entwicklung ist seit Jahren, das sagt Thierse selbst, an allen Ecken und Enden zu sehen. Warum aber soll man sich so einer Entwicklung verweigern? Was ist schlecht an Entwicklung und wie kann man fordern, die alten Regeln einer fast nicht mehr vorhandenen Minderheit gegenüber den Bedürfnissen der Neuen durchzusetzen? Was Thierse angeht, so lassen sich insbesondere diese zwei Vermutungen (!) anstellen:

Wahlkampf als Motiv

Die eine zielt ab auf den Bundestagswahlkampf, der längst begonnen hat. In einem Wahlkampf ist es immer gut, im Gespräch zu sein. Mit welcher Idee auch immer.

Dem ist voranzuschicken: Das deutsche Grundgesetz erlaubt es jedem, alles zu denken, was er will. Moralische Kategorien stehen dem ebenso nicht entgegen. Komplizierter wird es, wenn es zur Äußerung der Gedanken kommt. Denn dann müssen der Inhalt des Gesagten und der Zweck der Äußerung in die Bewertung einbezogen werden. Fremde und Fremdes nicht zu mögen, das kann niemandem abgesprochen werden. Aber Thierse ist eben nicht nur ein alter Pankower auf einer Couch, der denkt, sondern er ist auch ein Politiker, der sich öffentlich äußert.

Thierses Wahlkreis ist Pankow. Dort wird er nicht mehr selbst kandidieren. Stimmen brauchen auch sein Nachfolger und die Partei selbst aber dringend.
Ich bin in Pankow aufgewachsen. Der Bezirk Pankow ist seiner Fläche und seiner Einwohnerzahl nach wesentlich größer, als seine Bekanntheit. Abgesehen vom Ortskern von Pankow und dem Prenzlauer Berg (der wie Weißensee zu Pankow gehört), wohnen in diesem Bezirk viele Menschen, seit es sie gibt. Hier können öffentlich geäußerte Ressentiments gegen Fremde auf fruchtbaren Boden treffen. Ein Wahlkampfmanöver auf Kosten von Fremden? Das ist gefährlich. Und nicht zum ersten Mal da. Thierse stellte sich, träfe diese Vermutung zu, in eine Ecke, in die er nicht gehört.

Ein alter Mann

Die zweite Vermutung für den Grund der Äußerungen setzt an bei dem alt gewordenen Mann, der sie gemacht hat. Die Entwicklung um sich herum, um seinen Kiez, wie die Neuen sagen, scheint Thierse nicht recht zu wollen. Und das ist verständlich: Entwicklung macht die Dinge anders, als sie früher mal waren. Das mitzuerleben und über sich ergehen zu lassen, kostet Kraft und verletzt Gefühle. Das kann das Denken kurz vergessen machen. Thierse würde vom Dönermann kaum fordern, den Döner in Gemüse-und-Fleisch-Brot-mit-Soße umzubenennen. Aber der Döner, der wie der Zwetschgendatschi von einem Mann zubereitet wird, der später nach Berlin kam, als Thierse, der Döner nun, der war nie Teil von Thierses Vergangenheit. Vielleicht fällt es Thierse deshalb nicht ein, seine Umbenennung zu fordern. Dass Wolfgang Thierse sich auf den Kottbusser Damm stellt und von dem Arabischen Brautmodenverkäufer fordert, er möge seine Werbung auf Deutsch und am besten mit Berliner Dialekt gestalten, erscheint genauso absurd. Warum soll das im Prenzlauer Berg aber mit der Schrippe funktionieren? Weil Schwaben keine schwarzen Locken haben, der Unterschied zum Kritiker deshalb nicht so deutlich ist, und er deshalb nicht auf den ersten Blick als reaktionärer Kauz erscheint?

Die Schrippe war Teil von Thierses Vergangenheit. Jetzt geht sie dahin. Und Abschiednehmen, das fällt schwer. Aber es muss sein. Das nennt man Entwicklung.

Nicht einer für alle

Thierse sorgt mit seinem Beitrag dafür, dass das Gedankengut einer kleinen Gruppe Verwirrter und historisch sowie politisch Ungebildeter allen Berlinern angedichtet wird. Er spricht aber nicht für alle. Eine Vielzahl von uns erfüllt das Gesagte mit Scham. Wir Berliner sind, wie jedes andere deutsche Völkchen auch, nicht von reiner Rasse. Wir sind Schwaben, Türken, Ossis, Wessis und so weiter. Wir haben keine gemeinsame Sprache, die uns einer vorgibt, sondern ein Sprache, die sich im Laufe der Zeit ändert, wie unsere Zusammensetzung das tut. Das wird jedem gewahr, der es einfach mal auf sich nimmt, mit der Straßenbahn M5 von der Endstation in Hohenschönhausen zur Endstation am Hackeschen Markt zu fahren oder mit der Ringbahn einmal im Kreis. Der Berliner ist schließlich kein besonderer Schlag Mensch. Die Menschen hier wollen nicht, dass einer für sie einen festen Sprachgebrauch festlegt. Sie wollen machen, was Menschen machen wollen. Egal, wer sie sind und woher sie kommen. Und einige von ihnen wollen jetzt eine Entschuldigung und eine Richtigstellung von dem, der meint, er könne über sie bestimmen.

Vielleicht ist das eine Sache, die man einem alt gewordenen Mann ins alt gewordene Gedächtnis zurückrufen muss: Die Dinge um Dich verändern sich, Keule. Und das ist, um mit einem neueren und schon wieder ausgelatschten Berliner Wort zu schließen, auch gut so.

(Hinweis: Knapp 150 Kommentare zu diesem Beitrag gibt es auf der Internetseite der Wochenzeitung der Freitag. Einige Anmerkungen der Kommentatoren haben Eingang in die hier gepostete Fassung gefunden.)

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Protokoll 14

Im Prinzip hat er dasselbe wie bisher auch darüber gesagt. Wir haben ihm die alten Manuskripte mal gegeben. Aber keine signifikante Verbesserung. Ich spiels einfach mal ab.

Protokoll 14, systematische Dokumentnummer 121230CK-Stat.4

Eine Frau aus der Zukunft schrieb mir, dass sie mich liebe. 20 Jahre ist das jetzt her. Wir konnten uns nicht im echten Leben treffen, sondern nur über einen Briefkasten miteinander kommunizieren, der gerade noch meiner ist aber später mal ihrer sein wird und der Briefe an sie und an mich durch die Zeit zustellen kann.

Wir haben später herausgefunden, dass das mit der Liebe nichts war. So haben wir es gesagt. Also jeder hatte dem anderen das in einem Brief geschrieben, gleichzeitig dasselbe, in den Briefkasten rein und wieder raus haben wir es gesagt, eben: dass das nichts war, dass es allerdings eine schöne Zeit gewesen ist.

Für mich war es ganz selbstverständlich zu sagen, dass das mit uns nichts war, denn es lag ja hinter mir. Für mich war es auch selbstverständlich, von einer schönen Zeit zu reden, die wir gehabt hatten, denn sie war ja nun vorbei. Aber für sie? Ihr Text an mich war fast wortgleich mit meinem und trotzdem war etwas komisch.

Denn ich begann, nicht mehr nur an uns und unsere Zeit, sondern an die Umstände zu denken. Sie schrieb mir aus dem Jahr 2100 und selbst jetzt, 20 Jahre danach, ist es gerade einmal Ende 2012, da ich darüber nachdenke. Den Jahren und der gewohnten Einteilung der Jahre nach war es also noch gar nicht für sie. Das zwischen uns. Es wird erst noch sein. Jedenfalls aus dem Jetzt besehen. Meinem Jetzt, nicht ihrem. – Gibt es verschiedene? Gibt es für jeden denkbaren Zeitpunkt ein einzelnes Jetzt, sodass sozusagen die gesamte Vergangenheit und Zukunft im selben Moment ablaufen? Wie war das noch mal mit der Zeit, fragte ich mich dann, was hat sie, die Zeit, noch mal mit dem Licht zu tun, was mit mir und ist das nicht alles eben nur relativ und subjektiv, jedenfalls irgendwie–tiv?

Es war eine Weile lang fast wie eine Beziehung, so gut kannten wir uns, wussten jeder, wie wann zu reagieren war, kannten jedes Detail, hatten Ups und Downs, wie das eben so ist in Beziehungen über die man aus dem Danach spricht.

Und es war sicherlich diesem ungewöhnlichen Briefkasten geschuldet, dass ich darauf aufmerksam wurde, dass dieser Maßstab, den wir uns als Zeit geben, sobald wir Uhren oder Kalender mit ihr assoziieren, keiner ist, der wirklich taugt.

Wenn ich diesen Maßstab auf ein Blatt Papier übertrüge und glaubte, was dort schwarz auf weiß dann stünde, wenn ich einen Zeitstrahl zeichnete und die Ereignisse für mich links und die für sie rechts dort notierte, dann wäre die Hälfte von unserer Sache noch gar nicht geschehen, ich müsste sie leugnen, kann das doch aber nicht, diese andere Hälfte, ihre, die auf dem Zeitstrahl ganz am Ende rechts liegende, die ist ja in mir passiert, war in mir da, äußerlich und objektiv zwar nicht zu messen, in mir und subjektiv aber umso mehr klar.

Zeitstrahl untauglich. Maßstab für das Erlebte nicht zu gebrauchen. Zukunft und Vergangenheit als Plus oder Minus von uns wegführend, nein, alles ist in uns, gleichzeitig da.

Morgen ist Silvester und ich habe das erste Mal seit 20 Jahren Zeit, meine Notizen von damals wieder zu lesen.

Morgen kommt also einer dieser Endpunkte, wie wir sie uns immer wieder geben. Und es kommt mir vor, als hätte ich mein ganzes Leben lang nicht kapiert, wozu die da sind. Diese Punkte. Man kann sie auch Momente nennen. Sie, diese Momente, unterscheiden sich ja vom Rest der Zeit.

Momente und die Zeit an sich.

Erst der Briefkasten, der in die Zukunft zustellt, zeigte mir an, dass ich auch bin, einfach da, während es so ist, weil ich der Zeit vor und nach mir, als etwas das schon ist, gewahr wurde. Alles. Ist. Gleichzeitig. So etwas anzeigen, das kann ein Moment, wie Silvester einer ist, auch. Nicht ganz so klar, nicht ganz so deutlich wie es der Moment tat, in dem ich die Erkenntnis von der Funktion des Briefkastens hatte und dennoch: dafür ist es da, Silvester, das soll der Moment anzeigen: Unmittelbarkeit. Jetzt. Kein Dann und Darum, kein Um-zu ist da, wo wir sind.

Heute las ich also, das wollte ich noch sagen, neben meinen Notizen auch unsere Briefe noch mal und merkte, dass das, unsere Sache eben, dass die damals auch schon hinter ihr lag. Zeitstrahl, schwarz-auf-weiß, Objektivität hin oder her. Das war unser Ding. Es war ihrs und meins. Auch wenn es sie noch gar nicht gibt, für mich war sie da, als sie es war. Sie und diese Sache, die wir hatten. Immer ging es um mich im Jetzt. Damals und heute. Ja, um nichts anderes ging es eigentlich mein Leben lang. Memoiren beginnt man ja nicht mit Belanglosigkeiten.

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Ein Test

Ich habe zwei oder drei Monate nach Deiner Geburt einen Test machen lassen.

Ich habe ihr nichts von dem Ergebnis gesagt, weil ich mich vor den Konsequenzen gefürchtet habe. Verstehst Du? Wir waren uns einig darüber, dass das ein Neuanfang werden sollte. Ich habe deiner Mutter endlich vertraut. Ich wollte das nicht zerstören, nicht schon wieder alles einreißen, nicht schon wieder in die Vergangenheit. Ich wollte nach vorn. Zusammen mit euch.
300 Euro oder so Unterhalt von irgendeinem Typen dafür, dass der sich in unser Leben einmischt? Ich mein… ist doch alles okay. Du warst gesund, krank schien der nicht gewesen zu sein. Und ich wollte auch nicht, dass Mama noch mal Kontakt mit ihm hat, vielleicht irgendwas wieder aufreißt oder so. Verstehst Du nicht. Ich wollte nach vorn. Sowas passiert halt. Also ich meine nicht Du. Sondern dass man eben Sachen macht.

Und, also ob ich glaube, dass sie bis zum Ende dachte, Du bist von mir?
Ich habe sie nie gefragt. Wir haben nie darüber gesprochen. Offiziell, wenn man so will, war in der Auszeit ja nicht viel passiert. Ich weiß nicht, keine Ahnung, wir haben uns oft angesehen, wenns um Dich ging und dann geschwiegen, keine Ahnung, was dann in ihrem Kopf vorging, wir haben uns doch vertraut.
Ich wünsche es mir jedenfalls, dass sie das dachte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es für mich war, mein Wissen all die Jahre vor ihr geheim zu halten. Ich hoffe halt einfach, dass sie nicht diesselbe Last getragen hat. Ich hab sie so geliebt.

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Assiziationen

Du kannst das Wort Assi auf so warme Weise sagen. Mit weichem S und nicht mit scharfem. Vorhin habe ich mich wieder daran erinnert. Am Kotti hat ein Junge seinen Kumpel so begrüßt. Und ich war sogleich bei Dir, in Gedanken, bei Dir also und bei dem Gespräch von gestern Nacht. Erinnerst Du dich? Als es um deine Arbeitskollegen ging.

Aber das ist nicht das Einzige.

Ebenfalls vorhin, ein bisschen früher noch war das, da klingelte mein Telefon und ein Bekannter sagte ab und ich sagte ist okay und musste meine Freude unterdrücken, nicht darüber, nicht über ihn, nicht über das Telefon, nein, ich war noch beim Klingeln, denn ich dachte ja an Dich, als das Telefon das tat und das wirkte noch nach.

Muss viel mehr Klopapier kaufen, seit Du immer kommst, denn Mädchen brauchen mehr, als ein Mann alleine und so stehe ich zum ersten Mal im Leben mit den Rollen unterm Arm an der Kasse, ohne Scham, denn für die müsste ich ja an die Menschen um mich denken. Kann ich nicht, kann mich doch nicht von Dir ablenken.

Assis, Klingeln, Klopapier, all das war schon vor Dir da. Aber jetzt nehm ich es wahr. Seit es erweitert ist um Dich. Mit Erweiterung, Ineinanderaufgehen, Assoziation und so werde ich heute Abend versuchen, es zu beschreiben aber laber nicht, wirst Du dann sagen und mich küssen und dann bleiben.

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Beim besten Willen können wir Hitler nicht erkennen

Pixel einer Rede

I. Einführung

Peter Büchler pixelt Bilder.

Technisch gesprochen bedeutet das, dass er die Auflösung der Bilder verringert. Die Auflösung zu verringern bedeutet wiederum, dass von einer bestimmten Fläche nur die wichtigste, hier farbliche, Information verbleibt und die anderen Informationen ersatzlos weggelassen werden. Das noch scharf gestellte Auge des Beobachters muss erst verschwimmen, um zu erkennen, was war. Die beeindruckende Kunst von Peter Büchler ist hier zu sehen.

Auch das gesprochene Wort kann man pixeln. Und zwar indem man hervorstechende Informationen herauspräpariert und die übrigen weglässt.

Es folgt der Versuch der Pixelung der Eröffnungsrede, die auf der letzten Vernissage Peter Büchlers gehalten wurde. Ich nenne diesen Versuch Rede II. Die Rede im Ganzen zurückzubilden (oder sonst was in ihren Pixeln zu erkennen), ist freilich dem noch scharf gestellten Verstand des Lesers überlassen. Möge er verschwimmen.

II. Rede II

„Es entsteht ein untrennbares Amalgam.“ … „Das ist der Dialog aus Abstraktion und Realismus, den ich ansprechen möchte.“ … „Sie sehen hier eine vorgefundene Malerei.“ … „Konterkariert und ins Absurde geführt.“ … „Aus etwas Sichtbarem etwas Unsichtbares machen. Sodass partiell noch etwas sichtbar bleibt.“ … „Der Brautschleier, die arabische Burka sind Attribute einer individuellen Anonymisierung.“ … „Unser kollektives Bildergedächtnis wird angesprochen. Random Hitler. Der zufällige Hitler. Hitler wurde sozusagen in seine digitalen Bestandteile zerlegt. Beim besten Willen können wir Hitler nicht erkennen. Doch nicht Hitler, sondern dessen digital erzeugte Tarnung ist das eigentliche Motiv.“ Klingeln. „Gehen Sie ran.“ Lachen. „Unvergesslich möchte ich erinnern an den französischen Philosophen Maurice.“ … „Er öffnet ein weites Feld des Hineinsehens und der Spekulation.“ … „Dieses Statement war das Ende der Malerei.“ … „In diesem Sinne ist auch Peter Büchler ein Realist.“ … „Die Maskerade wird vorformuliert.“ … „Die digitalen Übermalungen sind keine Auslöschung.“ … „Denn bei aller stilistischen Attitüde spielt er mit unseren Sehgewohnheiten.“ … „Nach unseren modernen Regelurteilen könnte dieser digitale Schleier jederzeit wieder fallen.“ … „Sezanne aus Aix-en-Provence.“ … „Warum macht er Sichtbares unsichtbar. Es wird nicht direkt übermalt. Sondern sein digitales Abbild als Vorlage benutzt.“ … „Es zeigt eine Gruppe von fünf Oppositionellen.“ … „Nichts ist bei Dir wie es scheint und nur der Schein trügt nicht.“ Applaus. Applaus. Dann Schweigen. „Peter.“
„Ja.“
„Komm mal her.“
„Ja.“
„Toll.“

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Plem Plem

Donnerstag, 10:51 Uhr auf einer Kreuzung im Stadtzentrum.

„Ey Du Vogel, mit Handy ist verboten. Komm runter da.“
Bei uns von der Motorradstaffel zählen nur Ergebnisse. Das ist ganz einfach: Wenn die Straße frei ist, ist die Straße frei. Wenn sie nicht frei ist, musst Du dir überlegen, ob Du besser Streife fährst.
„Na samma! Hier ist zu.“
Das kann nicht jeder machen. Da musst Du präzise arbeiten. Den Überblick behalten.
„Verfatz Dich, Junge.“
Die Gäste, die sie uns anvertrauen, sind Ziele. Die müssen in Bewegung bleiben. Für uns ist überall Mogadischu.
„Mit dem Rollstuhl jetzt über die Schienen. Ick gloob ick spinne. Gas, Gas, Gas, komm!“
Black Hawk Down kennen Sie, nehme ich an.
„Ey hast Du Tomaten uff den Ohren? Bewege Dich!“
Bürgernähe, Polizei-als-Dienstleister und son Quatsch. Da hatten wir erst neulich eine Schulung. Von so einem Herrn Rechtsanwalt.
„Dit sindse. – Ey!“
Egal. Ich hab da keine Manschetten. Ich kann hier nicht jedes Mal Bitte sagen. Die Straße muss frei sein. Alles pi-pa-po. Dass sich da ab und zu einer auf den Schlips getreten fühlt, kann passieren. Also wenn uns auf diesen Gurken von Moto Guzzi überhaupt noch einer ernst nimmt.
„Samma bist Dun bißchen plem plem oder was?“
Arm aber sexy. Ich kann das Geseier von der Grinsekatze nicht mehr hören. Wer bei der Motorradstaffel spart, brauch sich nicht wundern. So, gleich müsste er kommen.
„Ey Keule, ich hab gesagt mit Handy ist verboten!“
Wie viel Mann wir sind, kommt immer auf den Besuch an. Wir schnüren da für jeden ein individuelles Paket.
„Quatsch ick Schinesé? Du sollst stehen bleiben.“

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