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Traveller Flieh

Als gäbe es einen Anspruch. So hört er sich an. Als könnte er quasi per Gesetz verlangen, dass sich die Dinge, die Menschen, ihre Leben und alle Umstände verändert haben, nur weil Monsieur mal ein Jahr weg war. Es ist alles noch genauso wie früher hier. Früher! Das war da, wo noch Krieg war und nicht vor einem Jahr. Wie stehen geblieben. Ja, genau. Alle stehen geblieben hier. Wollte man dem Ton in seiner Stimme glauben, könnte man denken, er meint: zurückgeblieben. Alles klar. Du bist der einzige, der vorangekommen ist. Mit deinem Around-The-World-Ticket dem Fortschritt entgegen, hast Du die Welt und nebenbei auch noch Dich selbst entdeckt und bist um diese zwei Erkenntnisse dem Rest von uns voraus. Alles klar. Und nu? Warte mal auf das nächste Jahr, bis Dir klar wird, dass Du diese Tretmühle-Berlin nicht mehr erträgst. Warte auf deine nächste sogenannte Reise und erkenne dann irgendwo, dass Du uns alle nicht mehr kennst. Warte, bis Du irgendwann Sehnsucht bekommst. Beim Alleinsein in der Mitte deiner Bekanntschaften. Warte, bis Du zurück nach Berlin und alle mit Dir (!) überraschen willst. Warte auf den Moment, in dem Du dann vor unsere Türen trittst und in unseren Gesichtern die Freude erkennst. Die Freude nicht darüber, Dich wieder zu sehen. Sondern die Freude für Dich, weil deine Flucht beendet ist.

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Einfach so

Ich habe immer gesagt, ich will vom Schreiben leben können und dann haben sie irgendwann alle angefangen, mir zu gratulieren. Verlagsvertrag, ja das war schon was. Und dann der Vorschuss für das neue Buch. Dass ich es geschafft und mein Ziel erreicht habe, dass ich endlich angekommen sei, wo ich immer hin wollte, das bekam ich von nun an zu hören.
Leute: Wenn ihr wüsstet.

In Paris wollte ich schreiben und das tue ich jetzt ja auch. Und dass der Lektor mir eine Wohnung besorgt hat, die der Verlag bezahlt, ja, das ist eine glückliche Fügung. Und dass das Schreiben läuft und die Manuskripte fast unverändert bleiben, ja, ja, ja, ich sehe das doch auch.
Aber Leute: Wenn ihr wüsstet.

Das ist doch kein Leben. Was ist denn, wenn das morgen nicht mehr läuft, wenn nichts mehr aus mir kommt. Ich weiß doch nicht warum es geht, warum es funktioniert, kanns doch nicht ein- und ausschalten, vor allem nicht einschalten, wenns mal ausgeht. Was ist, wenn: Schreibblockade lebenslang? Wie lange werde ich dann hier wohnen, na? Drei Monate, ein Jahr?

Da kommt doch nichts zu mir wenn nichts mehr von mir kommt.

Es muss nachgelegt, es darf nicht aufgehört werden. Es gibt noch längst kein Werk, das mich von allein ernährt und ohne Nahrung kann doch keiner leben.

Leute: Nirgendwo bin ich. Das ist kein Ort, der einer ist. Und leben kann man nur an Orten. Da wo alle Menschen leben und eben: atmen. Aber ich bin nicht an einem Ort. Ich muss die Luft anhalten. Bin längst über der Zeit. Muss wieder zurück an diesen Ort, an dem ich als Kind schon einmal war. Muss zurück, um Sauerstoff zu bekommen, der da ist und der, ohne dass ich ihn mit der eigenen Hände Arbeit noch in meinen Mund schieben muss: bleibt. Nur so kann ein Leben vom Schreiben doch funktionieren. Das ist das, was ich Leben nenne: Atmen. Einfach so.

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Sprachlos in Mitte (Ich mein hallo?)

Ich bevorzuge ja Vaseline. Für mein Tattoo. Da leuchten die Farben mehr als bei Melkfett. Das geht aber auch. Ich hab einfach ein Foto von meinem alten iPod gemacht und Larry hat das echt wahnsinnig gut hinbekommen, ich war echt so whow das ist echt wahnsinnig gut. Passt auch mega zu meinem Fixie, total absurd.
Ich bin ja ein politischer Mensch. Das mit …, hier, mit diesem Gegner von Obama, hey das geht ja mal gar nicht und, whow: EU und Nobelpreis? Ich mein hallo? Da muss ich unbedingt noch was bei FB posten. Ich sag nur Stellvertreterkrieg. Das ist sooo … whatever.
Vorhin in der Agentur, ne. Ich sag nur Bullshit-Bingo. Mehr sag ich dazu echt nicht. Zum Glück hatte ich mein iPhone mit ins Meeting genommen. Jedenfalls ich les so diesen Artikel über diesen Stasi-Blogger, von dem jetzt alle reden, und ich dachte echt nur so Mann das geht ja mal gar nicht. Ich sag nur Freak.
Als Tom mit seiner Präse durch war, wollten die alle noch rüber zu Luigi Zuckermann. Boh ey, dieses Latte-Ding von den Zugezogenen, da komm ich voll nicht drauf klar.
Endlich Wochenende. Der Ex von Matt macht ne Party. Matt hat echt lange krasse Probleme gehabt wegen der Trennung. Ich war halt so, Matt, das ist halt das Ding. Ich mein hallo? Muss jeder mal durch.
Ist übrigens ne Hausparty. Das mag ich total. Ein Bier und ein paar gute Gespräche. Mehr brauch ich echt nicht.

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MOABIT-TRANSKRIB

„Dann sind Sie jetzt dran, Herr A. Erzählen Sie mal, was sich da abgespielt hat.“
„Soll ich von Anfang, also ich mein von vorne oder nur Ende?“
„Ganz von Anfang an, bitte. Möglichst umfassend.“
„Okay. Also wir haben da halt gesessen wie immer eigentlich.“
„Verzeihung, wo?“
„Na Leo. Hab ich ja bei Gesa schon gesagt. Also wo wir immer sind.
So. Und na das wars eigentlich schon.
So. Und ich sag so zu B., B. ist mein Freund, also nicht schwul oder so, ist ja klar, also ich sag zu ihm, komm mach mal lauter. Ich mein Handy.
So. Und genau dann kam er an. Der Herr C. Und ich sag noch so zu ihm guck mich nicht so an sag ich. Also nicht so. Ich sag mal bisschen freundlicher. Normal halt. Aber er hat nicht aufgehört. Er wollte uns provozieren. Na und dann ich hab ihm Box gegeben. War ja auch nicht doll, schwör, war nur Warnung sag ich mal. Ich meine das tut echt nicht weh, schwör!“
„Darauf kommt es hier nicht an. Fahren Sie fort.“
„Wenn Sie schon mal Bombe gekriegt haben wüssten Sie. Aber okay. B. meint noch so aber ich hab gesagt das ist zu krass. Also der Herr C. wusste ja Bescheid. Also haben wir gedacht.
So. Und dann er steht halt wieder auf und ich dachte ist er behindert oder so und wir waren so gönn Dir, wenn er Lektion in Respekt braucht okay. Wie er schon aussah, na sie sehen ja, mit den Haaren und so voll ungepflegt er hatte sogar Löcher in den Schuhen. Aber dann kam Polizei. Ich hab erstmal Hände gewaschen in Gesa.
So. Und wie ich wieder kam in Warteraum, er saß plötzlich da und grinst mich an. Ich hab noch Beleidigung gesagt und so und ihn angeguckt halt normal. Normalerweise die Deutschen sie kacken sich da immer gleich voll ein, denken immer gibt gleich Messerstress, ist voll lustig. Okay. Aber er nicht.
So. Wie er geguckt hat. Da wusste ich schon er kommt nicht klar. Ist auch egal. Jedenfalls er springt auf und gibt mir direkt Kaffa mit sein Rastas. Ich dachte ich sterbe. Über unhygienisch.
Der Hund. Hier, mein Poloshirt, war ganz neu von Ralph Lauren, ich hab extra zum Beweis mitgebracht, geht nicht mehr raus, kann ich nicht mehr anziehen. Deshalb ich hab Anzeige gemacht.“

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Ungleichgewicht

Da ist so ein Ungleichgewicht. Nachdem wir uns sehen. Nachdem wir telefonieren. Immer nach Dir. Ich sitze dann da und denke an das Sehen oder das Telefonieren und ich frage mich dann immer, welchen Satz ich von Dir wie zu verstehen habe und welcher Satz von mir anders hätte formuliert werden müssen, um mich endlich mal verständlich zu machen.

Und dann denke ich währenddessen immer eben auch an deine Kinder, deine Frau und daran, dass Du dich um so viele verschiedene Aufgaben zu kümmern hast, während ich immer nur male.

Was das bedeutet, wenn ich sage, dass Du mir fehlst, willst Du wissen. Typen, die anderen Menschen fehlen, die wissen das ja nie. Und dass solche SMS nur Zeit und Ablenkung machen sollen, das wissen Typen wie ich umso genauer. Und dennoch antworten wir. Denn es ist so einfach.
Dass deine Klamotten nicht mehr überall rumliegen.
Dass dein Geruch noch immer im Bad steht.
Dass deine Haare sich noch durch die Kissen ziehen.
Dass ich um den Schmutz, den Du mit deinen Schuhen hereingetragen hast, herum sauge.
Dass ich dein seit dem Morgen vertrocknetes Baguette aufesse und dass ich deine halbvolle Tasse Kaffee mit Lactosemilch drin austrinke.
Dass ich wieder stark sein muss, und nicht die Frau, die ich sein will, sein kann.
Dass ich mich mit deinem Handtuch abtrockne. Ne Woche lang.

Seit ich von der Kunst leben kann, hat mein Leben ja nichts mehr mit dem Leben zu tun. Allein in meiner Wohnung,  wo soll ich da die Motive hernehmen. In die Kneipe sind sie von allein gekommen.

Es gibt nur Dich. Nur Du reißt mich da raus. Und schickst mich doch jedes Mal zurück, indem Du auflegst oder indem Du die Tür hinter Dir zuziehst oder indem Du um die Ecke biegst.

Und alles, was sich hinter dem Hörer, der Tür und der Ecke verbirgt, will dann was von Dir. Deine Kinder wollen spielen, deine Frau will reden und ab und zu Sex. Deine Freunde wollen Biertrinken und Du willst das alles auch; ich sehe Dich mir ja jedes Mal mit einem Lächeln davon erzählen (und auf dieselbe Weise den Sex mit deiner Frau verschweigen).

Und ich ahne, wie Du teilnimmst, also: ganz und gar nicht nur dabei, sondern Teil davon bist. Und nicht an mich denkst, so wie ich an Dich. Ungleichgewicht. Zieh mich doch mal rüber; bezieh mich doch mal ein: in dein Leben, wie ich das mit Dir machen will. Ganztags, alles betreffend. Fällt Dir schwer? Ist auch nicht leicht.

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Regen von oben, Sonne von vorn

Es ist wie jedes Jahr. Ich bin da. Nur diesjahr schreibe ich es auf. Denn ich will mich das ganze kommende Jahr daran erinnern. Bis es endlich wieder soweit ist.

Die Zeit bevor der Herbst beginnt. Das ist die Zwischenzeit. Wenn gelbe Blätter schon am Boden liegen, die Bäume aber noch grün sind. Wenn man von oben nass wird vom Nieselregen, der Regen einen aber noch nicht frieren lässt, weil von vorn noch die tief stehende Sonne scheint. Wenn man die Fenster schon zu aber die Heizung noch aus hat.

Die Zwischenzeit ist die einzige, die Dir die Zeit in das Bewusstsein ruft. Du wirst ihr gewahr, der Zeit, wenn die Zwischenzeit Dir anzeigt, dass das eine noch nicht ganz vorbei und das andere noch nicht ganz da ist.

Und als wäre das Bewusstsein allein dafür da Lücken zu füllen, füllst Du sie plötzlich aus. Die Zwischenzeit. Wenn Du sie erkennst. Und dann Dich selbst darin.

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Keine Interessen

Wenn ich doch nur keine Interessen hätte, dann könnte ich endlich Karriere machen. Eben so, wie meine Freunde es tun.

Meine Dissertation, die ich nur schreibe, um mich von x-beliebigen Bewerbern für eine x-beliebige Stelle abzuheben, meine Dissertation wäre längst fertig, wenn ich nicht ständig ein neues Dokument öffnen und die Gedanken, die mich umtreiben, notieren müsste. Denn eines meiner Interessen ist es ja, mich den Fragen über mich hinzugeben. Und das geht am besten aus dem Danach. Und um im Danach das Jetzt meiner selbst noch fassen zu können, muss ich jetzt, und zwar immer, wenn es jetzt ist, alles notieren, um es dann einer späteren Lektüre zugänglich zu machen, der dann die Auseinandersetzung folgt, die dann meinem Interesse dient: Mich selbst zu verstehen. Aber das dauert ja: stundenlang, tagelang, ein Leben lang, wer soll denn da noch promovieren?

Wenn ich keine Interessen hätte, dann könnte ich in dem Beruf, den ich später mal ausüben werde, viel erfolgreicher sein, ich könnte dann zum Beispiel einfach so abends ins Theater gehen und während des Stücks E-Mails auf dem Handy lesen und beantworten. Ich wüsste dann auch immer gleich bescheid, wenn mich einer braucht und könnte dann kurz rausgehen, um ihn anzurufen und neben der Lösung für sein Problem noch kurz erwähnen, dass ich im Theater bin. Das wirkt sich auf geschäftliche Beziehung ja durchaus nicht schlecht aus. Ich wüsste auch insgesamt öfter, dass mich jemand braucht, wenn ich keine Interessen hätte, denn mein Handy wäre öfter an, nein, es wäre immer an. Es läge neben meinem Teller, auf den man ja schaut, wenn man isst. Es läge neben dem Monitor, auf den man ja schaut, wenn man eine Excel-Tabelle erstellt. Es läge im Auto vor der Geschwindigkeitsanzeige und in der Nacht neben dem Bett. Ich könnte das Handy, wenn ich doch nur keine Interessen hätte, ständig sehen, könnte auf jedes Klingeln sofort reagieren, wenn ich es nicht ständig ausschalten müsste, etwa weil ich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen einen Spaziergang machen muss, um mir über etwas klar zu werden oder weil ich am Abend, weil ich sonst nicht einschlafen kann, noch etwas auseinandersetzen muss oder weil ich das Stück, das ich im Theater sehe, ganz und gar durchdringen will, weil ich wissen muss, was die Theatermenschen aus ihm gemacht haben, nachdem ich mir ja das-und-das dazu dachte.

Wenn ich keine Interessen hätte, dann könnte ich auch vielmehr mitreden. Denn ich könnte mich einfach über das informieren, worüber alle um mich herum immer reden. Das ist jedoch das, worüber mich zu informieren mir keine Zeit mehr bleibt. Weil ich doch Interessen habe und also lesen muss, was mich interessiert. Über die Liebe und das Theater redet ja aber keiner. Und die Textmassen, die es dazu gibt, die sind so groß, dass ich sie nicht schaffen und dann auch noch diese anderen Sachen lesen kann, die, über die man spricht. Schuldenkrise-Quatsch, Neues-Restaurant-Quatsch, App-Quatsch. Ich wäre voll dabei, wenn ich doch keine Interessen hätte.

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Stop Edu-Hedonism (U-Bahnfahren!)

Das iPad erweitert das Lernerlebnis. Stopp! Das ist Schrott. Glaubt das nicht. Denn das ist falsch. Das hedonistische Kalkül ist tot. Es gibt kein Lernerlebnis. Ein Erlebnis ist die unbedingte Wahrnehmung dessen, was man gerade tut. Immer ohne Meta-Ebene; ohne Denken nur im Fühlen sogar: ohne alles. Beim Lernen geht es nicht um ein Erlebnis, also nicht darum, das Lernen als das, was es ist, zu erleben. Das Lernen, das hat ein Ziel, das über das Lernen hinausgeht: Wissen sammeln.

Die Existenz eines hinter dem Lernen stehenden Zieles unterscheidet das Lernen also vom Erlebnis, wie der Vergleich zu den beiden Standarderlebnissen, dem Achterbahnfahren und dem Orgasmus, beweist.

Lernen ist nicht das einzige, was eines dahinter liegenden Zieles wegen getan wird. Und es ist auch nicht das erste Angriffsziel der Hedonisten. Schon das Laufen wurde vom Walkman seiner wichtigsten Eigenschaft beraubt: Dabei denken zu können. Bald darauf fiel das U-Bahnfahren (U-Bahnfahren!).

Jetzt also soll das Lernen dran sein. Aber Erlebnis und Denken (das mit dem Lernen ja untrennbar in Verbindung steht) sind Antagonisten, die nicht zusammengeführt werden können. Die anderen sagen: Das Erlebnis kann das, was man tut, intensiver machen. Das Lernen würde, wenn man more into it und so ist, effektiver und deshalb besser sein. Aber das Argument geht ins Leere. Denn beim Lernen mit Geräten gibt es überall Auswege, die wegführen: vom Wissen; beim Verfolgen eines unbedingten Dranges. Sagen wir mal zu Zalando. In der Bibliothek ist mehr als die Hälfte aller Studenten mit iPhone und iPad ausgestattet. Und schaut man auf die Retina-Displays, könnte man denken, sie promovieren alle über Facebook. Zurückbleiben, bitte.

Also stoppt den Bildungs-Hedonismus and spread the word worldwide: STOP Edu-Hedonism, occupy your Gehirn! Verfolgt beim Lernen wieder dessen Zweck. Und hört auf, euch diese Fragen über Geschlechtskrankheiten zu stellen. Dip-dip Dip-dip. U-Bahnfahren.

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Zwischenzeit

Mit wem habe ich heute Nacht eigentlich geschlafen? Ich habe mich wohl gefühlt, denn wir waren bei mir und ich war auch bald nicht mehr angespannt, als ich merkte, dass ich Dir genügte und ich fing ganz von allein und ohne Steuerung an, auf mich zu achten, als ich nämlich merkte, dass Dir das gefällt. Und ich überließ Dich erst uns beiden und vergaß dann schließlich ganz und gar, mich um Dich zu kümmern.

Ich fühlte mich sicher. Denn mein Bauch war flach.

Dann kribbelte es mal in meinen Fingern und mal in den Nippeln und ein Druck begann sich in mir anzustauen, wie ich ihn lange nicht mehr gespürt hatte. Ein Druck, der mich nämlich zugleich versicherte, dass er diesmal nicht bleiben oder sich schleichend verflüchtigen, sondern dass er sich sehr bald in einen Knall entladen würde. Und als ich meine Augen öffnete, da sah ich mich in dem Spiegel, der an der noch offenen Tür des Kleiderschranks in Richtung Bett meinen Blick so deutlich auf mich freigab, dass ich mir fast selbst unterstellen wollte, ich hätte mit Absicht vergessen, den Schrank zuzumachen. Ich gefiel mir. Obenauf, mit roten Wangen. Und dem sicheren Wissen, Muskelkater zu bekommen. Das sah elegant aus, wie ich mich bewegte, dafür war ich langsam genug, und es sah etwas verrucht aus, als ich anfing das Tempo zu erhöhen. Und ich fand es geil, wie plötzlich der Schweiß aus meinem Gesicht von mir herunter tropfte und wie er von meinem Rücken aus abwärts zwischen meinen Pobacken kitzelte. Und ich fand es umso geiler, als sich immer mehr Haut unter meinen Fingernägeln sammelte. Dann sah ich meine Arme noch zittern und vergaß zugleich den Schmerz. Und dann alles andere.

Irgendwann fielst Du mir noch mal ein und als mein Atmen wieder leiser wurde, da sah ich auch, dass Du da bist. Irgendwann kam ich wieder auf Dich und, keine Sorge, ich hab Dich seit dem auch nicht mehr vergessen. Aber, sorry, wo warst Du in der Zwischenzeit?

 

(Anmerkung: Sex ist ab einem bestimmten Punkt keineswegs mehr der Moment der Vereinigung, für den er gehalten wird, sondern der Moment der größten Distanz. Umso näher ist man dann indes sich selbst. Zur Konkretisierung dieses [ausgelatschten] Gedankens: Badiou, Lob der Liebe, 2011, Wien, S. 25 ff.)

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Wiederwahl

Bin geduscht, die Zähne sind geputzt. Die Haare habe ich nicht gewaschen, denn sie haben mir heute gefallen und ich wollte sie so lassen. Hab eine geraucht, um nicht zu sauber zu sein. Rauche aber keine zweite, um nachher nicht schwer zu atmen. Warte darauf, dass das Handy klingelt. Oder gleich die Tür. Habe gegessen, um nicht zu schwach zu sein, habe noch Hunger, kann aber nicht noch mehr essen, will auch schlank sein. Lasse Radio Fritz laufen im Hintergrund, damit alles locker wirkt. Wenn Du kommst. Ziehe das Höschen erst an, wenn Du auf der Treppe bist, damit es gut riecht. Will nichts mehr lesen, um nicht abgelenkt zu sein von anderen Themen, will nichts trinken, okay, nicht noch ein Bier trinken, um nicht betrunken zu sein. Jedenfalls nicht vor Dir. Dass wir zusammen Bier trinken können, findest Du cool, hast Du gesagt, damals, als wir noch zusammen waren. Nur noch ein paar Minuten, dann … sollte es soweit sein, nur noch ein paar Minuten, dann mache ich Dir auf. Könnte später werden, hast Du gesagt. Dass das nicht schlimm ist, weil ich das und das und das noch zu tun hatte, hab ich mir bereitgelegt. Display hell, Licht aus. Kurz klingeln lassen; wegdrücken. Ein bisschen warten, nicht zu schnell zur Tür. Irgendwie-überraschte Stimme anstellen und zum Hallo-sagen einrichten, okay, und los: hallo? Der Summer überträgt nicht, wenn keiner geklingelt hat. Fenster nicht aufmachen und nicht runter rufen. Wiederwahl. Klingel mal.

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Kippenpaare im Aschenbecher

Die Kippen, die sind bei mir im Aschenbecher immer in Zweierpaaren angeordnet mit der zu den zwei Kippen gehörenden Asche entweder links oder rechts jedenfalls aber gesammelt und nicht getrennt von dem Kippenpaar, sondern mit einer Berührung neben ihm. Das wird oft belächelt. Von Unwissenden. Von Leuten, die das für einen Tick halten, von solchen, die meinen, dass das einer dieser Spleens wäre, die ich habe.

Ha! Weit gefehlt. Halten Sie sich doch bitte die symbolische Kraft dieser zwei Kippen nur einmal vor Augen und Sie werden plötzlich erkennen, welche Realitätsnähe sich auftut und welche Notwendigkeit sich dann erschließt: Stellen Sie sich vor, die Kippen sind ein Paar, zwei Menschen, die eine Beziehung haben, vielleicht auch hatten. Stellen Sie sich nun vor, die Kippen sind ein Paar, zu dem Sie einmal gehörten, eine Beziehung, die Sie einmal hatten. Stellen Sie sich vor, es handelt sich dabei um Ihre erste richtige Beziehung, die mit der großen Liebe, die, die Sie in der Zwischenzeit so verklärt haben und sich wenigstens immer dann ins Gedächtnis rufen, wenn es mal wieder scheiße läuft in der aktuellen Beziehung, wenn Sie von Ihrem Partner mal wieder gezeigt bekommen, dass er eigentlich nicht der richtige ist und wenn Sie sich dann überlegen, dass mit der ersten, mit der wahren Liebe alles besser war und es eigentlich immer nur im gesamten Leben darum gehen müsste, diese eine Liebe zurück zu gewinnen, den Fehler der Trennung wieder gut zu machen, das Leben zu führen, das sie eigentlich hätten führen können, wenn sie damals nicht diesen Fehler gemacht hätten, der zum Auseinanderbrechen der Beziehung führte, dieser Fehler, den sie gerne rückgängig machen würden.

Stellen Sie sich das, diesen einfachen kleinen Gedanken, nur einmal vor, und sagen Sie mir dann, dass Sie diesen Fehler noch einmal wiederholen wollen, dass Sie noch einmal eine Trennung hinnehmen, noch einmal denselben Fehler machen wollen, wie damals. Stellen Sie sich das vor und sagen Sie mir dann ruhigen Gewissens, dass Sie das können, dass Sie das wollen und die Kippen, die ja nicht nur Symbol sind, die ja vielmehr Abbild Ihres Versagens und allen Unglücks in Ihrem Leben sind, dass Sie diese Kippen noch auseinander legen, lose und ungeordnet, wie Sie es heute ja sind, in den Ascher werfen wollen. Dass Sie diesem Abbild Ihrer selbst, dieselbe Trennlinie zuführen wollen, den Fehler, den Sie einmal gemacht haben, jetzt hundert-, nein tausendfach, so viel rauchen Sie ja, tausendfach, diesen Fehler wiederholen wollen und auch noch die Asche lose verstreuen wollen, einfach so, in den Aschenbecher hinein, weg von den beiden Kippen, die ja die Eltern der Asche sind. Sie könnte doch Ihre Kinder sein, die Asche, stellen Sie sich das vor und sagen Sie mir, dass Sie das wirklich alles auf einen Tick reduzieren wollen, sagen Sie es, dass Sie so naiv sind; das ist doch wirklich niemand.

(für Samuel)

 

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Wie es Dir geht

Es ist schade, so geht es mir in letzter Zeit oft durch den Kopf, es ist schade, dass wir uns nicht mehr schreiben, uns dabei, keinen Kontakt mehr aufzunehmen, zeigen, dass wir kein Interesse mehr aneinander haben. Es ist schade, das zu sehen und dabei im Hinterkopf zu haben, wie sehr wir uns für einander interessiert haben, wie liebevoll wir miteinander umgegangen sind, wie wir, eingeschüchtert von uns selbst und von anderem Mist, Mist gebaut haben und damit doch immer bewiesen haben: Dass wir uns wichtig sind.

Vor diesem Hintergrund ist das schade, das Wort trifft es am besten, dass wir vorgeben, uns nicht mehr wahrzunehmen und das ist schade, obwohl es ja die besten Gründe dafür gibt, so zu handeln, besser: auf unsere Weise nicht zu handeln, eben so, wie wir es tun: Nichtstun. Es ist mal wieder, das Gefühl hatte ich schon mal, als würden wir etwas wegwerfen, jetzt, da wir so handeln und unterlassen und es ist natürlich wie beim letzten Mal auch, nicht ganz klar, was das ist, das wir da wegwerfen. Immerhin, es gibt Ideen davon, was es ist, und diese Ideen, die haben gar nicht mehr zwanghaft etwas mit der großen Liebe zu tun, es genügt ja schon eine Freundschaft wegzuwerfen zu jemandem, zu dem man, wie man sagt, einen Draht hat, mit dem man, wie man sagt, dieselbe Wellenlänge hat, eine Freundschaft zu so jemandem wegzuwerfen, in dem man sie nicht mehr unterhält, das ist ja schade genug, genügt also, um schade gefunden zu werden. Oder so. Und das ist auch deshalb schade, weil es mir vorkommt, als wollten wir das beide nicht.

Wie können denn zwei, die den Draht zwischen sich und die Wellenlänge entdeckt haben, sich nicht mehr füreinander interessieren. Das können ja nur Gründe sein, die keine wichtigen sind gemessen an dem Verlust, den sie bereiten. Und das kann kein Wille sein, der so etwas verlangt. Denn ein Wille verlangt doch nicht, was man nicht wollen kann. Ich würde gerne wissen, wie es Dir geht, würde Dich das gerne fragen und zwar so, wie es gemeint ist, ohne, dass die Frage cool klingt, in dem sie besonders knapp und unmittelbar formuliert wird, ohne dass sie besonders säuselig klingt, in dem sie auf alte Zeiten rekurriert, einfach so, wie es gemeint ist, würde ich Dich gerne fragen, wie es Dir geht und: eine Antwort bekommen, die von Dir erzählt.

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Ein Kommentar

Ich bin Wachmann in einem Elektronikpark und ich habe nichts gegen die Nachtschicht. Ich habe in Moskau Physik studiert und war im Anschluss daran Assistent an der Humboldt Universität zu Berlin. Als die Mauer fiel, konnte ich meine Stelle nicht behalten. Ich habe sie nicht verloren, wie viele das nennen. Ich sage es gerade raus. Ich konnte sie nicht behalten. Denn im öffentlichen Dienst, also in diesem, in ihrem öffentlichen Dienst, wollten sie Menschen wie uns nicht behalten. Menschen, die mal in einem anderen öffentlichen Dienst Dinge machten, die jedes Land der Welt in seinem öffentlichen Dienst nur eine bestimmte Auswahl an Menschen machen lässt, die wollten sie nicht behalten. Für ihre eigene Auswahl an solchen Menschen zieht die BRD an der Chausseestraße in Berlin gerade Deutschlands größte Baustelle auf. Das wäre was gewesen. Aber sei es drum. Als es für uns keine Verwendung mehr gab, da sind wir sozusagen alle in die Privatwirtschaft emigriert. Aber ich will mich gar nicht beschweren. Ich habe heute mehr als früher möglich gewesen wäre und ich sage Ihnen eines: Wäre es andersrum gekommen, hätten wir damals Sie übernommen, dann hätten wir es doch genauso gemacht. Da bin ich übrigens nicht der einzige, der so was denkt. Aber warum sage ich das. Das traut uns ohnehin keiner zu. Das Denken, meine ich.

Wissen Sie, komisch ist, dass sich keiner unter den jungen Leuten heutzutage fragt, warum da diese ganzen alten Opas auf Baustellen Wache schieben oder in Garderoben mit den Abzeichen privater Sicherheitsdienste am Arm Jacken entgegennehmen oder unter einem lächerlichen Barett in den S-Bahnen Sicherheit simulieren. Man sieht sie doch, diese überlegenen und nur selten vollständig resignierten Blicke dieser Opas. Und man hört sie doch, diese strukturierten Sätze mit Fremdwörtern, die diese Opas sagen. Einer der Dinge tut, für die man nichts gelernt haben muss, warum kann der antworten, als hätte er etwas gelernt? Das fragt aber keiner. Und keinen interessiert mehr der Grund. – Gut, vielleicht würde ich mir diese Frage auch nicht stellen. Für eine Frage braucht man ja einen Zweifel und wo soll der Zweifel herkommen, heutzutage, wenn man nichts weiß und die wissen ja heutzutage alle nichts mehr. Noch ein paar Jahre, dann wissen alle eins:

Nach den Nazis gab es im Osten Deutschlands für ein paar Jahre noch mal so was Ähnliches aber am Ende wurde alles gut.

Wir werden dann alle nicht mehr da sein und korrigieren können wir dann auch nichts mehr, ach, als könnten wir das heute noch, sei es drum. Wenn der Mindestlohn durchgesetzt ist, wird alles endgültig gut sein. Solange schlag ich mir Tag für Tag die Nacht um die Ohren, Zwölfstundenschicht, und am Wochenende fahr ich raus, wir haben da einen Garten im Norden von Pankow, ein bisschen außerhalb. Vielleicht nur das: Wenn Sie vielleicht kommentieren könnten? Ich habe jetzt einen Facebook-Account und bei Twitter bin ich auch aber dieser Blog, das ist sozusagen das, was meiner Stimme einen Laut gibt, dachte ich, als ich neulich begann. Aber gibt es denn überhaupt einen Laut, wenn keiner da ist, der ihn hört? In der Nachtschicht gestern hat sich Lisa Simpson diese Frage gestellt und seit dem lässt mich die Frage nicht mehr los. Anfang nächsten Jahres soll die Lohnuntergrenze bei 7,50 Euro liegen. Soll ich solange noch umsonst hier sitzen? Schreibt man überhaupt, wenn keiner liest? Helfen Sie mir doch beim Schreiben. Machen Sie doch bitte, dass ich da bin. Wieder da. Nach über zwanzig Jahren zurück.

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Kotze mag doch auch keiner

Ich habe doch so große Probleme mit dem Endzustand von Kunst. Denn das ist der, der mich am wenigsten interessiert. Ich finde nichts, was mich in einer Galerie interessiert, wenn da nichts passiert. Und die Bilder und Figuren, die tun ja nichts. Deshalb wurde ich erst kürzlich für einen Kunstbanausen gehalten, von einem, der sich auskannte, denn der hatte Kunst studiert und trug Lederschuhe. Der wusste Dies und mit Nachdruck dann auch noch Das über das Foto zu sagen, das da vor uns hing und ich fands so, wie man Dinge findet, wenn man die Schultern hochzieht und die Lippen zusammen und Luft hindurch presst. Dass man so einem wie mir auch keinen Vorwurf machen könnte, sagte er dann und führte als Beweis einen langen Blick auf meine Air Max an. – In der Galerie, da gibt’s keine gelben Schlieren an den Fingern und da gibt’s kein Schwindelgefühl von der Verdünnung, da gibt’s keine Bleichflecken auf dem T-Shirt vom Entwickler und keine Brandblasen von zu heißen Ausleuchtlampen. Es gibt keine Schnitte im Finger vom Schneiden durch das Papier und es gibt keine Berührungen der Ellenbogen und Hüften im Rotlicht, während das Foto nach und nach und oft dann zu schnell kommt. – Man kann den Endzustand von Kunst in der Galerie vielleicht nur mögen, wenn man nicht weiß, was alles vor ihm lag, wenn man nicht weiß, dass der Endzustand von Kunst in der Galerie gerade einmal Abfallprodukt ist von Nachmittagen, an denen die Sonne durch das Fenster auf die Leinwand scheint und man die Linie, die die Sonne auf der Leinwand zieht, mit einem Pinsel nachzuziehen versucht, um auch am Abend noch zu sehen, wo die Sonne mal war oder Abfallprodukt von Nächten, in denen sich Eiskristalle auf dem Skizzenblock bilden, mit dem man das Fenster abdichtet oder Abfallprodukt von Lieben, die einen um den Verstand gebracht hätten, wenn sie nicht auf ein Papier gekotzt worden wären. Kotze, Kotze mag doch auch keiner. Ich habe ein Problem mit dem Endzustand von Kunst.

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Mit der Ringbahn unter der Seine hoch nach Istanbul rein

Als ich vorhin ganz und gar fertig war, als ich mich sogar in die Ringbahn setzte, und nicht mehr mit dem Fahrrad weiter fuhr, als ich geblendet vom Sonnenlicht im Fahrradabteil fast einschlief und gerade so noch meine Augen aufhielt, da schärften sich plötzlich meine Sinne und ich roch die Bremsen, spürte die Federn in den Füßen und den Wind der durch die offenen Fenster nach innen blies, hörte das Rattern beim Fahren über die Weichen, nahm also alles ganz und gar wahr, als ich ganz und gar fertig war, nahm alles wahr, so wie, wenn man im Ausland ist, wenn man etwa in Paris zum ersten Mal mit der U-Bahn unter der Seine hoch kommt oder wenn man eine Stunde lang durch die Vororte nach Istanbul rein fährt oder wenn man vor Porto über eine Brücke tuckert, so hab ich die Bahn gehört, gerochen, gespürt, in der Sonne, als ich vorhin gerade so noch meine Augen aufhielt.­

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Weil Oma nicht im Widerstand war

Ruf  ohne Stimme –

Wir sind die, die keine Widerstandskämpfer in der Familie haben. Wir sind die, deren Eltern nicht in einer Partei waren, die es danach noch gab. Wir sind die, die weder Flucht noch Vertreibung am eigenen Leib oder am Leib ihrer Familienmitglieder erfuhren.

Das ist unser Geheimnis, von dem wir jetzt erzählen. Ohne Stimme, die es ausspricht.

Und wir haben Angst. Wir gehen mit euch durch die Museen und Gedenkstätten. Und wenn man uns mit euch reden hört, dann muss man unweigerlich denken, dass wir allesamt Kinder eines Volkes sind, das ausschließlich aus Widerstandskämpferfamilien bestand. Zusammen schauen wir uns das Grauen an, für das keiner was kann.

Und wer war das noch mal, der doch dafür war, oder wenigstens nicht dagegen; wer waren die, denen der Typ da vorne vorwirft, sie hätten sein Leben zerstört und denen er vorwirft, sie hätten die Augen verschlossen; wer war der Kreis der Täter? Es muss, schaut man sich unsere Widerstandskämpfernachkommengruppe an, eine winzige, mächtige Clique gewesen sein. Das könnte man jedenfalls denken und wir denken an Opa, wie er uns ab und zu mal anrief, um zu hören, wie es uns geht und wir denken an den Onkel, der uns auf die Kofferraumklappe des neuen Trabant setzte und mit dem ganzen Auto für uns wippte. Und wir sagen nichts, sagen nicht, dass das unsere Erinnerungen sind, nicht die Anrufe, nicht das Auto. Denn wir haben Angst. Denn Onkel und Opa waren nicht im Widerstand. Wir wissen ja gar nicht mehr, was sie waren; sagen wir dann. Denn es gibt eine Zeit und es gibt Menschen, da wissen wir nicht, was war.

Die Geschichte hat uns zu Geheimnisträgern gemacht.

Und wir haben Angst. Denn wir sind allein. Wir sind allein und obwohl es klingt, als würden wir hier mit geschlossener Stimme zu euch sprechen, soll euch klar sein, dass es diese Stimme nicht gibt. Denn wir schweigen nicht nur vor euch. Es gibt in unseren Reihen nämlich zu viele, die sich auf eure Seite schlagen. Um den grauen Schleier der Unklarheit um die Geschichte ihrer Familie dicht zu halten, tun sie das. Oder sie tun das, weil sie den Weg hinein in die eigene Perspektive nicht mehr finden. Das haben wir oft genug gesehen. Sie halten eure Fahne hoch und verbrennen mit dem Feuer ihrer Reden gegen die Familien ohne Widerstandskämpfer die eigene Fahne. Das war unsere. Und sie singen das opportunistische Lied mit dem einfachen Text. Sie singen vom Ja. Ja zu allem, was gerade ist und sei es auch bald etwas anderes. Ihr Ja zu eurer heutigen Sichtweise auf die Dinge ist stabil. Darauf könnt ihr euch verlassen. Denn heute ist doch immer, wenn danach gefragt wird. Und was ist, das ist. Und ihr Ja, das ist da. Und deshalb schweigen wir, sind allein und werden das auch bleiben. Wir sind nicht flexibel genug, um uns von der einen auf die andere Seite zu schlagen, bleiben an der einen Seite stehen, hören zu, ohne Stimme.

Dazu haben wir uns entschlossen, jeder für sich und nur ganz ausnahmsweise auch mal zusammen mit einem anderen. Es sind immer höchstens Runden aus zweien. Nach viel Alkohol und Schwelgen in unverfänglichen Erinnerungen, wenn einer von uns beiden dann einen dieser Sätze von den Alten aus der Familie nachspricht und der andere dann zugibt, dass er diesen Satz so oder so ähnlich kennt und wenn die Augen und die Blicke dann den Rest zugeben und sich beide, Augen und Blicke, dann sogleich beobachtet fühlen und das Gefühl, endlich einmal leicht und unbeschwert damit sein zu können, im selben Moment wieder verschwindet, dann haben wir uns längst darauf geeinigt, auch jetzt nicht darüber zu sprechen und es auch sonst niemals zu tun. Denn wir haben doch diese Angst, die euch versichert: Wir werden niemals mit geschlossener Stimme zu euch sprechen. Das muss euch endgültig klar sein, dass es diese Stimme nicht gibt.

Und wir wissen, dass ihr uns irgendwann trotzdem auf die Schliche kommen werdet. Denn niemand wird uns ewig glauben, dass wir uns nicht mehr daran erinnern können, was unsere Eltern früher machten, dass sie nichts machten, das Offensichtliche nicht gesehen, sich des tödlichen Drucks von oben nicht erwehrt, ihn sogar gar nicht gespürt haben. Irgendwann, lange wird das nicht mehr dauern, wird einer von euch begreifen, was das ständige Schulterzucken und das nicht so ganz vollkommene Betroffengucken bedeuten. Einer wird erkennen, dass wir immer an den falschen Stellen unser Schweigen brechen und dass wir das mit der Diskussionskultur, dem Einnehmen der Perspektive des anderen und der Objektivität ein bisschen zu oft sagen. Dass unser Standpunkt von wegen man könne nicht objektiv eine Sache als falsch vorwegnehmen, Blödsinn ist. Das wird irgendwann einer einfach aussprechen. Ja-ja, wird er sagen und Ist-schon-klar und Verstehe. Und jemand wird dann auch das Glasige in unseren Augen richtig deuten und erkennen, dass es dabei nicht um das Leid der Opfer geht. Dann, in einem dieser Momente, wenn uns eines dieser Opfer, das mit seinen zehn Tagen Stasiknast jetzt den Rest seines Lebens finanziert, und das, wie es immer wieder beteuert, froh sein kann, da heil rausgekommen zu sein und das mittlerweile sogenannte Unrechtsregime überlebt zu haben, wenn uns eines dieser Opfer von den Täterinnen erzählt, von den Wärterinnen erzählt, die gleichgültig auf einem Stuhl vor der zehn Tage lang bewohnten Zelle saßen, dann wird jemand das Glasige in unseren Augen erkennen, das Glasige, das immer kommt, und er wird das Glasige richtig deuten, wenn wir an Oma denken, wie sie Opa angemeckert hat wegen der Kartoffelpuffer, die wir nie mochten, und wie sie Wespen in einem Marmeladenglas fing und wie ihr das Kreuz wehtat, vom Buckeln und wie sie sich immer freute, wenn wir uns gefreut haben; wenn wir an all das denken, wenn wir an Oma denken und wissen, dass wir von Oma nicht mehr erzählen dürfen, weil Oma nicht im Widerstand war, dann werden unsere Augen glasig sein. Und der, der das Glasige in unseren Augen dann sieht, der wird sich irgendwann was dabei denken. Denn irgendwann muss sich doch mal jemand was dabei denken.

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Mit Zu ist Schluss

Vielleicht liegt es daran, ja das klingt doch ganz plausibel: Vielleicht liegt es daran, dass das Bild des Fotografen, also: die Fotografie, dass die Fotografie ein Teil eines Momentes ist. Sie ist der Moment; anders als ein gemaltes Bild immer und ein geschriebenes Bild in den allermeisten Fällen. Im Gegensatz zu diesen beiden nimmt die Fotografie den Moment nicht nur mit zu ihrem Betrachter. Sie kommt dem Moment im Vergleich zu Malen und Schreiben auch nicht nur näher. Und sie ist auch nicht nur am ehesten der Moment und zeigt ihn, den Moment, erst Recht auch nicht nur ohne Interpretation, nein: das alles genügt nicht, um das Besondere zu zeigen, vielmehr: die Fotografie eines Momentes ist Teil des Moments. Und zwar der Teil, der bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Sie ist echt. Die Fotografie. Er kann freilich auch inszenieren. Der Fotograf. Ja, er kann schminken und Licht machen und posieren lassen. Aber er kann ihn bei alledem nicht verhindern, den Moment, den Moment an sich. Das Künstliche und das Abbildende sind machtlos. Denn sie sind selbst Teil des Momentes, der eben bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Der Film des Fotografen ist anders als der des Malers und des Schreibers auch ganz und gar rückspulbar. Verfolgt man die einzelnen Schritte von dem an der Trockenleine hängenden Abzug des Moments zurück zu dem Moment, dann kommt man im Moment an. Ganz physisch. Beim gemalten und beim geschriebenen Bild kommt man indes sonst wo an: nämlich in vielen Momenten, die Maler und Schriftsteller im Bild zu Gleichzeitigkeiten kombinieren. Das Foto ist Teil eines einzelnen Moments.

Vielleicht liegt es daran. Schaffensmäßig ist das Foto im Verhältnis zum Fotografen stets unrein. Denn der Fotograf macht sein Bild – anders als Maler und Schreiber – nicht allein. Das Machtlose und die Unterwerfung unter den Zufall sind Beiwerk zum Bild, das nur Maler und Schreiber ausmerzen können. Zugegeben: es gibt vieles an einer Fotografie, das gar nicht zufällig ist oder momentmäßig-offen oder unplanbar. Der Fotograf weiß etwa ganz genau, wie lang er war, dieser Moment. Aber der Moment ist nicht nur die Zeit, in der Licht auf den Film fällt. Dem Technischen und dem unbewertet Abbildenden ist es auch egal, wie viel Wertung und Schischi im Abgebildeten stecken. Ein Moment schafft sich selbst, egal in wie viele Determinanten der Fotograf den Zufall zu zwingen versucht. Und das Instrument des Moments ist der Apparat. Denn der lässt nur eines zu, lässt nur Licht auf einen Film, mal kürzer und mal länger, mal durch ein größeres, mal durch ein kleineres Loch. Das allein lässt er den Fotografen bestimmen: die Öffnung eines Lochs und ihre Dauer. Mit Zu ist Schluss und es ist da; nicht im Sinne von eben geschaffen, sondern im Sinne von jetzt bleiben: das Bild und mit ihm der Teil des Moments, den Maler und Schreiber niemals schaffen können, weil nach dem Auge und vor dem Festhalten in der Erinnerung an den Moment erst noch das Gehirn kommt, ein Filter, der auf kein Objektiv passt.

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Soziale Netzwerke: nur noch ein Ich; nicht mehr viele

Das Credo sei Du selbst, das in der analogen Welt schon schwer zu verwirklichen war, sieht sich im Internet herausgefordert.

Weil alle alles gleichzeitig von einem Menschen mitbekommen, ist der Mensch in dem, was er sendet, beschränkt. Denn er kann nur noch die Schnittmenge dessen senden, was allen verträglich ist. Dieses neue, vereinheitlichte Selbst ist deshalb zwangsläufig ein anderes, als das alte: Während das Selbst-Sein einmal bedeutete, hier so und da so zu sein, macht es die Beschränkung der Technik heute nötig, überall gleich zu sein. Sie macht es nötig, das Selbst auf ein einziges zu beschränken und ihm seine Zerklüftung zu nehmen. Das Selbst zu formen, je nach dem, wer vor einem steht, das war Wesensmerkmal von Kommunikation. Aber das ist es nicht mehr, seit der Mensch den physisch vorhandenen Raum zum Interagieren verlassen hat und in die virtuell genannte Realität überwechselte. Damit geht das Wichtigste am Selbst-Sein verloren: Das Anpassen ans fremde Umfeld, das Nicht-Selbst-Sein.

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Ein bisschen leer und dabei offen

Dieses Lachen auf ihrem Foto, das war ganz nah am Weinen. Kein Widerspruch. Sie verzog darauf die Mundwinkel auf dieselbe Weise, wie man es tut, wenn man dabei ist, das Weinen zu unterdrücken. Wenn man unterdrückt, noch einmal zu weinen, nach dem man schon zu viel geweint hat. Wenn man langsam anfängt, eine Sache einzusehen und nur lächelt, weil man will und nur will, weil man denkt, man muss das jetzt.

Ihre Augen waren ein bisschen leer und dabei offen, wie Augen sind, wenn alles erfasst werden soll, was vor ihnen ist. Wenn nichts vergessen, nichts übersehen werden soll. Falten um den Mund, also: bald. Noch waren es nur Fältchen. Links drei und rechts vier. Sie deuteten sich mehr an, als sie sich zeigten, sahen aus, als seien sie nicht zu sehen, wenn sie nicht lacht und als grüben sie sich tief in sie, wenn sie doch lacht. Mögen kann sie diese Fältchen doch nicht. Schwarz-weiß ist das Foto von ihr. Und diese trübe Färbung, die stellte einen Widerspruch her zu der offenen und eindeutigen Mähne, die ihre Haare waren. Derselbe Widerspruch war das, wie er sich in ihrem Lachen fand.

Ich sah sie an und vergaß, dass sie online war. Und dann bemerkte sie, dass ich online war und das Chatfenster popte auf und im Dialekt ihres Ortes sprach sie mich an. Nichts Beziehungsmäßiges war in ihrer Stimme. Aber Unterwerfung, das gefiel mir nicht. Ich musste mich kümmern, musste sie lenken, musste ihr ein Gefühl dafür geben, sicher zu werden. Aber ich wollte mich nicht kümmern. Kümmern ist stark und schwach, oben und unten. Jedenfalls: eindeutig. Einer hier, einer da. Ich wollte aber nebeneinander, wollte unvorhersehbares Hin-und-her. Wollte diffus und trübe, wie ihr Foto das versprach.

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Lila in den Nasenflügeln

Und ich sitze vor dem Spiegel. Von der Decke bis zum Boden reicht er hinab. Und je länger ich da sitze und mir ins Gesicht sehe, desto mehr Flecken erkenne ich auf dem Spiegel. Diesem Spiegel, der jeden Tag so sauber aussieht. Seit ich ihn gekauft habe, hat ihn niemand berührt. Und doch: Spritzer, wo meine Schulter ist, Schlieren über meinem Knie. Eine fleckenlose Stelle vor meinem Gesicht doch gleich darüber, da ist ein Fleckchen, ein ovales. Wie eine Amöbe sieht es aus, nur viel, viel größer.

In diesem Spiegel sehe ich mich, wie ich glaube auszusehen. Sonst und in anderen Spiegeln, da erkenne ich mich von Zeit zu Zeit nicht. Dann rechne ich die sogenannte Entwicklung und andere Faktoren, die zur Unkenntlichkeit eines Gesichts führen können hinzu, verrechne mich und komme: nie zu einem eindeutigen Ergebnis. Hier indes stimmt alles. Rote Lippen, vom Rotwein rot. Blau unterlaufene Augen, die dazu passen. Lila in den Nasenflügeln, die den Übergang zu bilden üben, bis die Augenringe es eines Tages schaffen, tief genug zu kommen.

Satz, Punkt. Schnell aber nur von links. Kalt kommt es von hinten, obwohl da die warme Stube ist. Der Muskelkater vom Pumpen ist schon da. Das Blut pumpt in den Armen; dicke, dicke Arme. Sieht aus wie ein Foto. Es ist vielleicht das wichtigste Foto: das direkt von vorn, das mit Zeit geschossen wurde.

Wenn das Auge sich ins Auge blickt, dann kneift es sich zusammen, ein Grummeln aus dem Radio stört es dabei nicht. Ich sehe auf und das Aufsehen schiebt die Amöbe direkt in die Pupille. Nein, es ist doch kein Zusammenkneifen. Das Auge stellt sich schärfer. Wie soll das anders auch gehen? Vor dem Spiegel.

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