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Lila in den Nasenflügeln

Und ich sitze vor dem Spiegel. Von der Decke bis zum Boden reicht er hinab. Und je länger ich da sitze und mir ins Gesicht sehe, desto mehr Flecken erkenne ich auf dem Spiegel. Diesem Spiegel, der jeden Tag so sauber aussieht. Seit ich ihn gekauft habe, hat ihn niemand berührt. Und doch: Spritzer, wo meine Schulter ist, Schlieren über meinem Knie. Eine fleckenlose Stelle vor meinem Gesicht doch gleich darüber, da ist ein Fleckchen, ein ovales. Wie eine Amöbe sieht es aus, nur viel, viel größer.

In diesem Spiegel sehe ich mich, wie ich glaube auszusehen. Sonst und in anderen Spiegeln, da erkenne ich mich von Zeit zu Zeit nicht. Dann rechne ich die sogenannte Entwicklung und andere Faktoren, die zur Unkenntlichkeit eines Gesichts führen können hinzu, verrechne mich und komme: nie zu einem eindeutigen Ergebnis. Hier indes stimmt alles. Rote Lippen, vom Rotwein rot. Blau unterlaufene Augen, die dazu passen. Lila in den Nasenflügeln, die den Übergang zu bilden üben, bis die Augenringe es eines Tages schaffen, tief genug zu kommen.

Satz, Punkt. Schnell aber nur von links. Kalt kommt es von hinten, obwohl da die warme Stube ist. Der Muskelkater vom Pumpen ist schon da. Das Blut pumpt in den Armen; dicke, dicke Arme. Sieht aus wie ein Foto. Es ist vielleicht das wichtigste Foto: das direkt von vorn, das mit Zeit geschossen wurde.

Wenn das Auge sich ins Auge blickt, dann kneift es sich zusammen, ein Grummeln aus dem Radio stört es dabei nicht. Ich sehe auf und das Aufsehen schiebt die Amöbe direkt in die Pupille. Nein, es ist doch kein Zusammenkneifen. Das Auge stellt sich schärfer. Wie soll das anders auch gehen? Vor dem Spiegel.

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