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Weil Oma nicht im Widerstand war

Ruf  ohne Stimme –

Wir sind die, die keine Widerstandskämpfer in der Familie haben. Wir sind die, deren Eltern nicht in einer Partei waren, die es danach noch gab. Wir sind die, die weder Flucht noch Vertreibung am eigenen Leib oder am Leib ihrer Familienmitglieder erfuhren.

Das ist unser Geheimnis, von dem wir jetzt erzählen. Ohne Stimme, die es ausspricht.

Und wir haben Angst. Wir gehen mit euch durch die Museen und Gedenkstätten. Und wenn man uns mit euch reden hört, dann muss man unweigerlich denken, dass wir allesamt Kinder eines Volkes sind, das ausschließlich aus Widerstandskämpferfamilien bestand. Zusammen schauen wir uns das Grauen an, für das keiner was kann.

Und wer war das noch mal, der doch dafür war, oder wenigstens nicht dagegen; wer waren die, denen der Typ da vorne vorwirft, sie hätten sein Leben zerstört und denen er vorwirft, sie hätten die Augen verschlossen; wer war der Kreis der Täter? Es muss, schaut man sich unsere Widerstandskämpfernachkommengruppe an, eine winzige, mächtige Clique gewesen sein. Das könnte man jedenfalls denken und wir denken an Opa, wie er uns ab und zu mal anrief, um zu hören, wie es uns geht und wir denken an den Onkel, der uns auf die Kofferraumklappe des neuen Trabant setzte und mit dem ganzen Auto für uns wippte. Und wir sagen nichts, sagen nicht, dass das unsere Erinnerungen sind, nicht die Anrufe, nicht das Auto. Denn wir haben Angst. Denn Onkel und Opa waren nicht im Widerstand. Wir wissen ja gar nicht mehr, was sie waren; sagen wir dann. Denn es gibt eine Zeit und es gibt Menschen, da wissen wir nicht, was war.

Die Geschichte hat uns zu Geheimnisträgern gemacht.

Und wir haben Angst. Denn wir sind allein. Wir sind allein und obwohl es klingt, als würden wir hier mit geschlossener Stimme zu euch sprechen, soll euch klar sein, dass es diese Stimme nicht gibt. Denn wir schweigen nicht nur vor euch. Es gibt in unseren Reihen nämlich zu viele, die sich auf eure Seite schlagen. Um den grauen Schleier der Unklarheit um die Geschichte ihrer Familie dicht zu halten, tun sie das. Oder sie tun das, weil sie den Weg hinein in die eigene Perspektive nicht mehr finden. Das haben wir oft genug gesehen. Sie halten eure Fahne hoch und verbrennen mit dem Feuer ihrer Reden gegen die Familien ohne Widerstandskämpfer die eigene Fahne. Das war unsere. Und sie singen das opportunistische Lied mit dem einfachen Text. Sie singen vom Ja. Ja zu allem, was gerade ist und sei es auch bald etwas anderes. Ihr Ja zu eurer heutigen Sichtweise auf die Dinge ist stabil. Darauf könnt ihr euch verlassen. Denn heute ist doch immer, wenn danach gefragt wird. Und was ist, das ist. Und ihr Ja, das ist da. Und deshalb schweigen wir, sind allein und werden das auch bleiben. Wir sind nicht flexibel genug, um uns von der einen auf die andere Seite zu schlagen, bleiben an der einen Seite stehen, hören zu, ohne Stimme.

Dazu haben wir uns entschlossen, jeder für sich und nur ganz ausnahmsweise auch mal zusammen mit einem anderen. Es sind immer höchstens Runden aus zweien. Nach viel Alkohol und Schwelgen in unverfänglichen Erinnerungen, wenn einer von uns beiden dann einen dieser Sätze von den Alten aus der Familie nachspricht und der andere dann zugibt, dass er diesen Satz so oder so ähnlich kennt und wenn die Augen und die Blicke dann den Rest zugeben und sich beide, Augen und Blicke, dann sogleich beobachtet fühlen und das Gefühl, endlich einmal leicht und unbeschwert damit sein zu können, im selben Moment wieder verschwindet, dann haben wir uns längst darauf geeinigt, auch jetzt nicht darüber zu sprechen und es auch sonst niemals zu tun. Denn wir haben doch diese Angst, die euch versichert: Wir werden niemals mit geschlossener Stimme zu euch sprechen. Das muss euch endgültig klar sein, dass es diese Stimme nicht gibt.

Und wir wissen, dass ihr uns irgendwann trotzdem auf die Schliche kommen werdet. Denn niemand wird uns ewig glauben, dass wir uns nicht mehr daran erinnern können, was unsere Eltern früher machten, dass sie nichts machten, das Offensichtliche nicht gesehen, sich des tödlichen Drucks von oben nicht erwehrt, ihn sogar gar nicht gespürt haben. Irgendwann, lange wird das nicht mehr dauern, wird einer von euch begreifen, was das ständige Schulterzucken und das nicht so ganz vollkommene Betroffengucken bedeuten. Einer wird erkennen, dass wir immer an den falschen Stellen unser Schweigen brechen und dass wir das mit der Diskussionskultur, dem Einnehmen der Perspektive des anderen und der Objektivität ein bisschen zu oft sagen. Dass unser Standpunkt von wegen man könne nicht objektiv eine Sache als falsch vorwegnehmen, Blödsinn ist. Das wird irgendwann einer einfach aussprechen. Ja-ja, wird er sagen und Ist-schon-klar und Verstehe. Und jemand wird dann auch das Glasige in unseren Augen richtig deuten und erkennen, dass es dabei nicht um das Leid der Opfer geht. Dann, in einem dieser Momente, wenn uns eines dieser Opfer, das mit seinen zehn Tagen Stasiknast jetzt den Rest seines Lebens finanziert, und das, wie es immer wieder beteuert, froh sein kann, da heil rausgekommen zu sein und das mittlerweile sogenannte Unrechtsregime überlebt zu haben, wenn uns eines dieser Opfer von den Täterinnen erzählt, von den Wärterinnen erzählt, die gleichgültig auf einem Stuhl vor der zehn Tage lang bewohnten Zelle saßen, dann wird jemand das Glasige in unseren Augen erkennen, das Glasige, das immer kommt, und er wird das Glasige richtig deuten, wenn wir an Oma denken, wie sie Opa angemeckert hat wegen der Kartoffelpuffer, die wir nie mochten, und wie sie Wespen in einem Marmeladenglas fing und wie ihr das Kreuz wehtat, vom Buckeln und wie sie sich immer freute, wenn wir uns gefreut haben; wenn wir an all das denken, wenn wir an Oma denken und wissen, dass wir von Oma nicht mehr erzählen dürfen, weil Oma nicht im Widerstand war, dann werden unsere Augen glasig sein. Und der, der das Glasige in unseren Augen dann sieht, der wird sich irgendwann was dabei denken. Denn irgendwann muss sich doch mal jemand was dabei denken.

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Mit Zu ist Schluss

Vielleicht liegt es daran, ja das klingt doch ganz plausibel: Vielleicht liegt es daran, dass das Bild des Fotografen, also: die Fotografie, dass die Fotografie ein Teil eines Momentes ist. Sie ist der Moment; anders als ein gemaltes Bild immer und ein geschriebenes Bild in den allermeisten Fällen. Im Gegensatz zu diesen beiden nimmt die Fotografie den Moment nicht nur mit zu ihrem Betrachter. Sie kommt dem Moment im Vergleich zu Malen und Schreiben auch nicht nur näher. Und sie ist auch nicht nur am ehesten der Moment und zeigt ihn, den Moment, erst Recht auch nicht nur ohne Interpretation, nein: das alles genügt nicht, um das Besondere zu zeigen, vielmehr: die Fotografie eines Momentes ist Teil des Moments. Und zwar der Teil, der bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Sie ist echt. Die Fotografie. Er kann freilich auch inszenieren. Der Fotograf. Ja, er kann schminken und Licht machen und posieren lassen. Aber er kann ihn bei alledem nicht verhindern, den Moment, den Moment an sich. Das Künstliche und das Abbildende sind machtlos. Denn sie sind selbst Teil des Momentes, der eben bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Der Film des Fotografen ist anders als der des Malers und des Schreibers auch ganz und gar rückspulbar. Verfolgt man die einzelnen Schritte von dem an der Trockenleine hängenden Abzug des Moments zurück zu dem Moment, dann kommt man im Moment an. Ganz physisch. Beim gemalten und beim geschriebenen Bild kommt man indes sonst wo an: nämlich in vielen Momenten, die Maler und Schriftsteller im Bild zu Gleichzeitigkeiten kombinieren. Das Foto ist Teil eines einzelnen Moments.

Vielleicht liegt es daran. Schaffensmäßig ist das Foto im Verhältnis zum Fotografen stets unrein. Denn der Fotograf macht sein Bild – anders als Maler und Schreiber – nicht allein. Das Machtlose und die Unterwerfung unter den Zufall sind Beiwerk zum Bild, das nur Maler und Schreiber ausmerzen können. Zugegeben: es gibt vieles an einer Fotografie, das gar nicht zufällig ist oder momentmäßig-offen oder unplanbar. Der Fotograf weiß etwa ganz genau, wie lang er war, dieser Moment. Aber der Moment ist nicht nur die Zeit, in der Licht auf den Film fällt. Dem Technischen und dem unbewertet Abbildenden ist es auch egal, wie viel Wertung und Schischi im Abgebildeten stecken. Ein Moment schafft sich selbst, egal in wie viele Determinanten der Fotograf den Zufall zu zwingen versucht. Und das Instrument des Moments ist der Apparat. Denn der lässt nur eines zu, lässt nur Licht auf einen Film, mal kürzer und mal länger, mal durch ein größeres, mal durch ein kleineres Loch. Das allein lässt er den Fotografen bestimmen: die Öffnung eines Lochs und ihre Dauer. Mit Zu ist Schluss und es ist da; nicht im Sinne von eben geschaffen, sondern im Sinne von jetzt bleiben: das Bild und mit ihm der Teil des Moments, den Maler und Schreiber niemals schaffen können, weil nach dem Auge und vor dem Festhalten in der Erinnerung an den Moment erst noch das Gehirn kommt, ein Filter, der auf kein Objektiv passt.

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Soziale Netzwerke: nur noch ein Ich; nicht mehr viele

Das Credo sei Du selbst, das in der analogen Welt schon schwer zu verwirklichen war, sieht sich im Internet herausgefordert.

Weil alle alles gleichzeitig von einem Menschen mitbekommen, ist der Mensch in dem, was er sendet, beschränkt. Denn er kann nur noch die Schnittmenge dessen senden, was allen verträglich ist. Dieses neue, vereinheitlichte Selbst ist deshalb zwangsläufig ein anderes, als das alte: Während das Selbst-Sein einmal bedeutete, hier so und da so zu sein, macht es die Beschränkung der Technik heute nötig, überall gleich zu sein. Sie macht es nötig, das Selbst auf ein einziges zu beschränken und ihm seine Zerklüftung zu nehmen. Das Selbst zu formen, je nach dem, wer vor einem steht, das war Wesensmerkmal von Kommunikation. Aber das ist es nicht mehr, seit der Mensch den physisch vorhandenen Raum zum Interagieren verlassen hat und in die virtuell genannte Realität überwechselte. Damit geht das Wichtigste am Selbst-Sein verloren: Das Anpassen ans fremde Umfeld, das Nicht-Selbst-Sein.

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Ein bisschen leer und dabei offen

Dieses Lachen auf ihrem Foto, das war ganz nah am Weinen. Kein Widerspruch. Sie verzog darauf die Mundwinkel auf dieselbe Weise, wie man es tut, wenn man dabei ist, das Weinen zu unterdrücken. Wenn man unterdrückt, noch einmal zu weinen, nach dem man schon zu viel geweint hat. Wenn man langsam anfängt, eine Sache einzusehen und nur lächelt, weil man will und nur will, weil man denkt, man muss das jetzt.

Ihre Augen waren ein bisschen leer und dabei offen, wie Augen sind, wenn alles erfasst werden soll, was vor ihnen ist. Wenn nichts vergessen, nichts übersehen werden soll. Falten um den Mund, also: bald. Noch waren es nur Fältchen. Links drei und rechts vier. Sie deuteten sich mehr an, als sie sich zeigten, sahen aus, als seien sie nicht zu sehen, wenn sie nicht lacht und als grüben sie sich tief in sie, wenn sie doch lacht. Mögen kann sie diese Fältchen doch nicht. Schwarz-weiß ist das Foto von ihr. Und diese trübe Färbung, die stellte einen Widerspruch her zu der offenen und eindeutigen Mähne, die ihre Haare waren. Derselbe Widerspruch war das, wie er sich in ihrem Lachen fand.

Ich sah sie an und vergaß, dass sie online war. Und dann bemerkte sie, dass ich online war und das Chatfenster popte auf und im Dialekt ihres Ortes sprach sie mich an. Nichts Beziehungsmäßiges war in ihrer Stimme. Aber Unterwerfung, das gefiel mir nicht. Ich musste mich kümmern, musste sie lenken, musste ihr ein Gefühl dafür geben, sicher zu werden. Aber ich wollte mich nicht kümmern. Kümmern ist stark und schwach, oben und unten. Jedenfalls: eindeutig. Einer hier, einer da. Ich wollte aber nebeneinander, wollte unvorhersehbares Hin-und-her. Wollte diffus und trübe, wie ihr Foto das versprach.

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Lila in den Nasenflügeln

Und ich sitze vor dem Spiegel. Von der Decke bis zum Boden reicht er hinab. Und je länger ich da sitze und mir ins Gesicht sehe, desto mehr Flecken erkenne ich auf dem Spiegel. Diesem Spiegel, der jeden Tag so sauber aussieht. Seit ich ihn gekauft habe, hat ihn niemand berührt. Und doch: Spritzer, wo meine Schulter ist, Schlieren über meinem Knie. Eine fleckenlose Stelle vor meinem Gesicht doch gleich darüber, da ist ein Fleckchen, ein ovales. Wie eine Amöbe sieht es aus, nur viel, viel größer.

In diesem Spiegel sehe ich mich, wie ich glaube auszusehen. Sonst und in anderen Spiegeln, da erkenne ich mich von Zeit zu Zeit nicht. Dann rechne ich die sogenannte Entwicklung und andere Faktoren, die zur Unkenntlichkeit eines Gesichts führen können hinzu, verrechne mich und komme: nie zu einem eindeutigen Ergebnis. Hier indes stimmt alles. Rote Lippen, vom Rotwein rot. Blau unterlaufene Augen, die dazu passen. Lila in den Nasenflügeln, die den Übergang zu bilden üben, bis die Augenringe es eines Tages schaffen, tief genug zu kommen.

Satz, Punkt. Schnell aber nur von links. Kalt kommt es von hinten, obwohl da die warme Stube ist. Der Muskelkater vom Pumpen ist schon da. Das Blut pumpt in den Armen; dicke, dicke Arme. Sieht aus wie ein Foto. Es ist vielleicht das wichtigste Foto: das direkt von vorn, das mit Zeit geschossen wurde.

Wenn das Auge sich ins Auge blickt, dann kneift es sich zusammen, ein Grummeln aus dem Radio stört es dabei nicht. Ich sehe auf und das Aufsehen schiebt die Amöbe direkt in die Pupille. Nein, es ist doch kein Zusammenkneifen. Das Auge stellt sich schärfer. Wie soll das anders auch gehen? Vor dem Spiegel.

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Kontakt

Dr. Christian Lange-Hausstein – Kontaktdetails befinden sich hier.

Direkte E-Mail: langehausstein@gmail.com

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Die Meinungen auf diesem Blog sind meine. Sie sind privat. Ich spreche nicht für meinen Arbeitgeber. Außerdem: Prosa bedeutet Prosa. Wenn irgendwas auf diesem Blog Dich verletzen oder Deine Rechte beeinträchtigen sollte, nimm Kontakt zu mir auf. Ich bin sicher, wir kriegen das hin.

 

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