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Protokoll 14

Im Prinzip hat er dasselbe wie bisher auch darüber gesagt. Wir haben ihm die alten Manuskripte mal gegeben. Aber keine signifikante Verbesserung. Ich spiels einfach mal ab.

Protokoll 14, systematische Dokumentnummer 121230CK-Stat.4

Eine Frau aus der Zukunft schrieb mir, dass sie mich liebe. 20 Jahre ist das jetzt her. Wir konnten uns nicht im echten Leben treffen, sondern nur über einen Briefkasten miteinander kommunizieren, der gerade noch meiner ist aber später mal ihrer sein wird und der Briefe an sie und an mich durch die Zeit zustellen kann.

Wir haben später herausgefunden, dass das mit der Liebe nichts war. So haben wir es gesagt. Also jeder hatte dem anderen das in einem Brief geschrieben, gleichzeitig dasselbe, in den Briefkasten rein und wieder raus haben wir es gesagt, eben: dass das nichts war, dass es allerdings eine schöne Zeit gewesen ist.

Für mich war es ganz selbstverständlich zu sagen, dass das mit uns nichts war, denn es lag ja hinter mir. Für mich war es auch selbstverständlich, von einer schönen Zeit zu reden, die wir gehabt hatten, denn sie war ja nun vorbei. Aber für sie? Ihr Text an mich war fast wortgleich mit meinem und trotzdem war etwas komisch.

Denn ich begann, nicht mehr nur an uns und unsere Zeit, sondern an die Umstände zu denken. Sie schrieb mir aus dem Jahr 2100 und selbst jetzt, 20 Jahre danach, ist es gerade einmal Ende 2012, da ich darüber nachdenke. Den Jahren und der gewohnten Einteilung der Jahre nach war es also noch gar nicht für sie. Das zwischen uns. Es wird erst noch sein. Jedenfalls aus dem Jetzt besehen. Meinem Jetzt, nicht ihrem. – Gibt es verschiedene? Gibt es für jeden denkbaren Zeitpunkt ein einzelnes Jetzt, sodass sozusagen die gesamte Vergangenheit und Zukunft im selben Moment ablaufen? Wie war das noch mal mit der Zeit, fragte ich mich dann, was hat sie, die Zeit, noch mal mit dem Licht zu tun, was mit mir und ist das nicht alles eben nur relativ und subjektiv, jedenfalls irgendwie–tiv?

Es war eine Weile lang fast wie eine Beziehung, so gut kannten wir uns, wussten jeder, wie wann zu reagieren war, kannten jedes Detail, hatten Ups und Downs, wie das eben so ist in Beziehungen über die man aus dem Danach spricht.

Und es war sicherlich diesem ungewöhnlichen Briefkasten geschuldet, dass ich darauf aufmerksam wurde, dass dieser Maßstab, den wir uns als Zeit geben, sobald wir Uhren oder Kalender mit ihr assoziieren, keiner ist, der wirklich taugt.

Wenn ich diesen Maßstab auf ein Blatt Papier übertrüge und glaubte, was dort schwarz auf weiß dann stünde, wenn ich einen Zeitstrahl zeichnete und die Ereignisse für mich links und die für sie rechts dort notierte, dann wäre die Hälfte von unserer Sache noch gar nicht geschehen, ich müsste sie leugnen, kann das doch aber nicht, diese andere Hälfte, ihre, die auf dem Zeitstrahl ganz am Ende rechts liegende, die ist ja in mir passiert, war in mir da, äußerlich und objektiv zwar nicht zu messen, in mir und subjektiv aber umso mehr klar.

Zeitstrahl untauglich. Maßstab für das Erlebte nicht zu gebrauchen. Zukunft und Vergangenheit als Plus oder Minus von uns wegführend, nein, alles ist in uns, gleichzeitig da.

Morgen ist Silvester und ich habe das erste Mal seit 20 Jahren Zeit, meine Notizen von damals wieder zu lesen.

Morgen kommt also einer dieser Endpunkte, wie wir sie uns immer wieder geben. Und es kommt mir vor, als hätte ich mein ganzes Leben lang nicht kapiert, wozu die da sind. Diese Punkte. Man kann sie auch Momente nennen. Sie, diese Momente, unterscheiden sich ja vom Rest der Zeit.

Momente und die Zeit an sich.

Erst der Briefkasten, der in die Zukunft zustellt, zeigte mir an, dass ich auch bin, einfach da, während es so ist, weil ich der Zeit vor und nach mir, als etwas das schon ist, gewahr wurde. Alles. Ist. Gleichzeitig. So etwas anzeigen, das kann ein Moment, wie Silvester einer ist, auch. Nicht ganz so klar, nicht ganz so deutlich wie es der Moment tat, in dem ich die Erkenntnis von der Funktion des Briefkastens hatte und dennoch: dafür ist es da, Silvester, das soll der Moment anzeigen: Unmittelbarkeit. Jetzt. Kein Dann und Darum, kein Um-zu ist da, wo wir sind.

Heute las ich also, das wollte ich noch sagen, neben meinen Notizen auch unsere Briefe noch mal und merkte, dass das, unsere Sache eben, dass die damals auch schon hinter ihr lag. Zeitstrahl, schwarz-auf-weiß, Objektivität hin oder her. Das war unser Ding. Es war ihrs und meins. Auch wenn es sie noch gar nicht gibt, für mich war sie da, als sie es war. Sie und diese Sache, die wir hatten. Immer ging es um mich im Jetzt. Damals und heute. Ja, um nichts anderes ging es eigentlich mein Leben lang. Memoiren beginnt man ja nicht mit Belanglosigkeiten.

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