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Roter Iro – Die Zeit nach den Haaren

Geht das auf Kasse? Okay. Hören Sie zu: Ich bin so … kann man das sagen: inkonsistent? Ich glaube, das ist es. Deshalb brauche ich Ihre Hilfe. Ich bin da in irgendwas reingeraten und komme nicht mehr raus. Nicht dass ich das wollte. Das weiß ich gar nicht, ob ich das will, also raus, und zum Wollen gehört ja Wissen und, sehen Sie, da fängt es schon an: Diese schlauen Sätze von mir. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass ich Akzente setze und das baut einen Druck auf. Warten Sie, ich muss das nur kurz twittern. –
Also: Als ich mit meinem roten Iro in den Zeiten der Internetblase anfing, da war alles noch einseitig und klar: Internet-Punk. Booom. Aber das hat sich geändert. Die Dinge sind mehrseitig geworden, multikausal, verstehen Sie? Und dann ist mir die Scheiße irgendwie entglitten, ich komme da nicht mehr hinterher. Mein Straight-in-eine-Richtung-Konzept, also, das passt in dieses veränderte Internet seit Jahren nicht mehr rein und das habe ich begriffen und mich angepasst. Aber nur so halb, nur nach innen, verstehen Sie? Nach außen sieht es immer noch so straight-in-eine-Richtung aus. Auf den ersten Blick, meine ich. Roter Iro. Sehen Sie nicht? Aber sobald man dieses Konzept hinterfragt, sieht man: es geht nicht mehr auf. Und davor habe ich Angst: Stellen Sie sich vor, die Menschen fangen an, mich zu hinterfragen. Inkonsistenz, das nehmen einem die Menschen doch übel, oder? Und ich habe die Fährte ja selbst gelegt: Neulich habe ich die Texte auf meiner Internetseite gelesen. Wissen Sie, wie bescheuert ich mir dabei vorkomme, meine Vita jedes Mal in der dritten Person zu ergänzen? Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Internet auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur.“ Ich bin doch ich und nicht irgendeiner, der mich kennt. Warten Sie, das muss ich kurz twittern. –
Oder das hier, ziehen Sie sich das mal rein, ich habs extra ausgedruckt: „Es ist für mich selbstverständlich, sowohl den Inhalt wie auch den Stil des Vortrags (…) anzupassen.“ Finden Sie das noch punk? Ein Punk biedert sich doch nicht an. Für gewöhnliche Menschen ist das an sich ja okay. Wer was verkaufen will, der muss das an den Mann bringen. Wer sich verkaufen will, der muss sich an den Mann bringen. Das macht jeder so, das muss jeder so machen. Aber ich, ich bin nicht jeder, ich habe die Dinge nie wie jeder gemacht, ich habe sie immer anders gemacht, das war mein USP, immer, ich habe einen roten Iro, Mensch! Dafür sind die Menschen zu mir gekommen. Und nicht ich auf sie zu. Aber dann bin ich älter geworden und, wissen Sie: Der Mensch muss doch von irgendwas leben. Warten Sie, das muss ich kurz … –
Und als Freiberufler, da kommt die Kohle nicht einfach so jeden Monat. Das muss ich Ihnen nicht erklären. Das ist bei Ärzten nicht anders, als wenn man sein Geld mit Vorträgen verdient. Und da musst Du Kompromisse eingehen. Aber das meine ich mit inkonsistent, verstehen Sie? Ich bin nicht Kompromiss. Warten Sie … –
Ich weiß nicht, was mich da geritten hat. Irgendwann dachte ich, die Krux ist: um diese Kompromisslosigkeit zu verkaufen, musst Du mit dieser Kompromissscheiße für dich werben. Das klingt nach einem Widerspruch und ich dachte, das passt zu mir, Widersprüche sind doch punk. Aber dann hab ich reflektiert: Das war natürlich nur eine Ausrede, um diese Anpassung vor mir selbst zu rechtfertigen. Natürlich könnte ich mich auch einfach zurücklehnen: Telekom, VW. Das sind mittlerweile meine Kunden. Und davon kann ich leben. Aber was mein Gehirn fickt ist, dass hinter diesen ganzen Konzernen irgendwelche Team-Building-HR-Spastis stehen, die sich einfach den lustigen Punk-Affen in die Mitarbeiterversammlung holen. Die benutzen mich. Und in der Afterhour machen sie einen auf Streetcredibility, weil sie es gewagt haben, mich einzuladen. Voll cool, wie der plötzlich einen auf Ernst gemacht hat. Und der Irokesenschnitt, schön! Ich könnte kotzen. Ja, die finanzieren mein Leben. Aber ich hab doch auch was zu sagen.
An diesem ganzen Schlamassel bin ich doch selbst Schuld. Ich bin ein Punk mit Existenzangst. Ja, ich weiß selbst: man kann alles immer auf Angst zurückführen. Das ist Küchenpsychologie, sagen die Kids von der Meta-Ebene. Warten Sie, ich muss das kurz … –
Aber nur weil etwas oft und auch von dummen Menschen gesagt wird, ist es doch nicht per se falsch. Sehen Sie, schon wieder so ein Satz! Warten Sie … –
Neulich dachte ich: Einfach Iro ab! Aber wie soll ich mich dann über Wasser halten? Stellen Sie sich mal vor, die Leute gucken nicht mehr mich an, sondern das, was ich sage. Überlegen Sie mal, einer kriegt mit, dass in meinen Büchern seit zehn Jahren dasselbe steht. Noch krieg ich das hin. Ich hole mir einfach Co-Autoren. Aber was ist, wenn das auffliegt? Es gibt ja schon erste Anzeichen. Meine Followerzahl stagniert seit Monaten. Selbst meine Frau twittert mittlerweile über andere Dinge als mich. Und dann wirst Du schweißgebadet wach, stehst auf, gehst ins Bad, guckst in den Spiegel und siehst: diese Haare! Und alles geht wieder von vorne los. Wie ein Korsett. Ein roter Iro mit 38! Steht da, geht nicht ab, schnürt mir die Luft weg. Aber ich darf mich nicht von ihm trennen. Und dann kam der Zusammenbruch. –
Neulich wache ich auf und es schießt mir durch den Kopf: Was ist, wenn Dir eines Tages die Haare ausfallen? Das kann ich doch nicht ausblenden. Damit muss man sich doch konfrontieren, wenn das ganze Geschäftsmodell an ein paar dünnen, roten Fäden hängt. Und dann saß ich da und habe wieder reflektiert: Ich werde mich absichern. Endgültig. Mit Hand und Fuß. Meine Fake-Identity als Teeny-Modebloggerin habe ich aufgegeben. Die Sachen, die mir die Modefirmen schicken, haben eh nie gepasst und den Scheiß bei eBay zu verticken, das reicht nicht zum Überleben. Auf der re:publica habe ich dem Volk dann den Schulterschluss mit Merkel verkauft. Ich plane da sowas wie einen soften Übergang. Ich werde mich in irgendwas reinwählen lassen. Verstehen Sie? Man muss doch auch an die Zeit nach den Haaren denken. Warten Sie …

3 Kommentare

  1. […] hat. Fruchtig, ohne fleischig zu sein und dabei nicht zu tomatig (und trotzdem roter als der Iro von dem Typen, der da um die Ecke wohnt). Krisselig war das Fleisch auch noch ganz besonders  (das ist was […]

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