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Schweinemensa

„Ich habe mit ihm geschlafen.“
„Was, bist Du jetzt schwul oder was?“, meine Freunde lachten und ich erklärte:
„Es heißt das Mädchen, also habe ich mit ihm geschlafen.“

*

Wenn ich vor meinen Kommilitonen von der Fachschaft Germanistik der HU die Gespräche mit meinen Freunden von zu Hause nachspreche, dann sage ich oft, dass die meisten meiner Freunde sicher nicht mehr meine Freunde werden würden, wenn ich sie heute kennenlernte.

Ich benutze diesen Gedanken seit Jahren in Gesprächen, um zugleich von meinen Wurzeln in Zwickau und meinem aktuellen Stand zu erzählen. Und meine Kommilitonen verstehen das. Wir reden dann über die Entwicklung von Menschen und von dem guten Gefühl, das einem die alten Freunde immer noch vermitteln, wenn man sie sieht. Rückkoppelung. Bodenhaftung. Dass man sich bei ihnen wohlfühlt, nicht viel reden und argumentieren muss, sondern auch mal nur fernsehen kann oder kiffen. Dass man ihnen die Doofheit verzeiht und sie einem die oberlehrerhafte Agitation. Dass es gut ist, alte Freunde nicht zu verleugnen und zu ihnen zu stehen.

Aber das tue ich gar nicht. Was wir bei alledem übersehen ist, wie illoyal ich bin. Als ich neulich mal wieder in der Schweinemensa sitzend kokettierte, dass meine alten Freunden heute alle nicht mehr meine Freunde werden würden, fiel es mir auf.

Wir analysierten: Indem ich so etwas sage, stehe ich nicht zu ihnen, sondern erkläre, dass sie stehengeblieben sind und dass nur ich mich weiter entwickelte. Schlimmer noch: ich stelle es auch als einen Akt meiner Großherzigkeit, meiner Toleranz und meiner Offenheit dar, dass wir immer noch befreundet sind. Dass ich mich vor den Kommilitonen schäme für die Freunde, schlug Lena von der Fachschaft Psychologie als Begründung vor und sie hat Recht, es ist wahr. Warum ich die Freunde nicht einfach unerwähnt lasse, fragte Lena. Aber so edel bin ich nicht, gestand ich. Ich schlage zugleich Profit für mich aus dem Zufall, die Freunde zu kennen. Ich rücke sie immer wieder neben mich und in ein schlechtes Licht, nur um mich, meinen Gang nach Berlin und den Aufstieg zu den coolen Menschen noch deutlicher strahlen zu lassen. Und Lena übersetzte: Ich schiebe mich damit nach außen, aus dem Kreis meiner alten Freunde heraus auf die Metaebene unserer gemeinsamen Zeit.

Dass ich mich nicht mehr ihr Freund nennen darf, seit ich nicht mehr unter ihnen bin, sondern nur noch daneben, dass ich nicht mehr wiederkommen darf, habe ich bei meinem letzten Besuch in Zwickau erklärt. Mann was laberst Du und: wer baut, der haut, hat mich Danny dann belehrt.

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