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Sie sieht so normal aus

Gastbeitrag von meinem guten Freund Carl Winter

Wie jeden Dienstag bin ich auf dem Weg in die Praxis. Die Eingangstür befindet sich gegenüber einer Bushaltestelle und immer, wenn ich die Klingel drücke statt den Schlüssel zu zücken, komme ich mir entlarvt vor. Für die Zeit, in der ich warte bis der Summer ertönt, blinkt ein riesiges Leuchtschild über meinem Kopf: sie hat einen Knall.

Die Praxis liegt in der zweiten Etage in dem Altbauhaus. Das Licht im Hausflur funktioniert bis zur ersten Etage nicht. Es kommt mir vor, als wiese das auf meine Absicht, zu verschleiern, wohin ich muss, erst Recht hin. Ich fühle mich ertappt: erst hierhin zu müssen, dann es verschleiern zu wollen.

Im Flur stehen zwei Stühle und vergilbte Magazine der Süddeutschen Zeitung hängen in einem Drahtgestell an der Wand. Meine Vorgängerin wäscht sich gerade die Hände. Oder die Tränen aus dem Gesicht. Sie kommt aus dem Bad und wir begrüßen uns freundlich. Dabei schauen wir uns kurz in die Augen, um die Gründe für das hiesige Zusammentreffen zu finden. Sie sieht so normal aus. Dann geht sie und ich bin allein in dem Flur, gehe ins Bad, um mir eines der Taschentücher aus dem Zahnputzbecher zu nehmen und in meinen Ärmel zu stecken. Das ist meine Vorbereitung auf den Termin.

Dann setze ich mich auf den Stuhl und ziehe ein Magazin aus dem Drahtgestell. Das Papier ist schon matt, porös und hat die Spannkraft verloren. Ich blättere die gebogenen Seiten um, konzentriere mich aber auf die Geräusche aus dem Zimmer. Sie fasst nun vermutlich die Stunde meiner Vorgängerin zusammen. Mit jedem Geräusch hoffe ich, etwas über sie zu erfahren. Als sie das Fenster schließt, weiß ich, dass ich dran bin.

Ein Kommentar

  1. Karla_Sophia Karla_Sophia

    „Sie sieht so normal aus.“

    Schönes Vorurteil, dass Leute mit einem beliebigen Attriut irgendwie anders auszusehen hätten.

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