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Spiegel-Lesen

Du kaufst dir doch kein iPhone, sondern ein Android, weil das System offen ist.
Und dann nimmst Du weniger Waschmittel, weil die Wäsche ja auch gar nicht so richtig schmutzig wird.
Dann fängst Du an mit Drehtabak, weil das viel echter schmeckt, als Gekaufte.
Du fährst Fahrrad und nicht Bahn, denn das geht in der Stadt viel schneller.
Im Görli wird man auch braun, sagst Du und Surfen in Marokko ist für Spießer.
Second-hand ist cool und originale Chucks sinds nicht.
Dass deine Mitbewohner in den großen Zimmern ständig laut ficken, ist kein Argument mehr gegen eine WG, denn Du magst es, wenn was los ist.
Nach dem Bauen bist Du nicht der, der haut, weil Du nichts dabei hast von dem,
was man zum Bauen braucht, denn das ist ja schädlich, okay, einmal ziehen wird schon gehen.
Wedding ist dein neues Neukölln.
OBEY ist Kommerz.
Drinks schmuggelst Du ins Kater Holzig, weil das ne mega witzige challenge ist.
Du bist ne Jute und your other bag is Chanel.
Hast nur noch Wasser in der Club Mate Flasche, denn … Zucken mit den Schultern und ein Lächeln.
Nimmst eine Pappstiege, weil Plastiktüten die Umwelt verpesten.
Bist nicht verschwenderisch, entscheidest global, ganzheitlich, nachhaltig.
Stimmst für das bedingungslose Grundeinkommen, denn nur dann kann sich der Mensch frei entfalten.
Widersprichst nicht mehr reflexhaft, wenn dich einer auf was einlädt, weil Widersprechen unhöflich ist.
Und beim Spiegel-Lesen im Supermarkt wird dir plötzlich klar, dass du nicht Künstler in Berlin, sondern arm geworden bist.

5 Kommentare

  1. Wer Wer

    Interessanter Text mit gutem Schluss.

  2. Hm… gefällt mir. Gedanken dazu: ich erkenne mich wieder, allerdings nichmal in berlin, und nicht weil ich versuche, Künstlerin zu sein, sondern als Studentin in einer anderen kleineren deutschen Großstadt. Ist einfach so passiert.
    Auf der anderen Seite ist hipster sein oft gar nicht so günstig: nachhaltige entscheidungen, bio-essen usw. können ganz schön ins Geld gehn.
    Wenig Geld haben auf der einen Seite ist natürlich scheiße und es ist ein seltsamer Schritt, sich so etwas einzugestehen. Auf der anderen Seite ist es gut, nachhaltig und rücksichtsvoll zu leben! Auch, wenn Mensch evtl. iwann wieder genug Geld hat, um es zu verschwenden.

  3. Wasser in der Mate Wasser in der Mate

    Wer trinkt denn im Club ab Nachmittag was anderes als Wasser?

  4. Christoph Knappe Christoph Knappe

    Lieber Wer, herzlichen Dank für das Lob.

    Sunny Lemon, es ist schön, dass Du dich wieder erkennst. Mich zu erkennen macht mir an Literatur oft am meisten Spaß. Es sind einige der wiedergegebenen Beobachtungen auch solche, die ich an mir selbst gemacht habe. Das Eingestehen! Darauf kams mir an und darauf, dass viele Menschen, das nicht tun, weil das nicht zum Lifestyle passt.

    Wasser in der Mate, das sind die, die bis Montag durchhalten.

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