Skip to content

Tina

Die Eheleute Detlef und Anne wollten zusammen mit ihrer Tochter Tina in den Sommerurlaub fahren. Da traf es sich gut, dass es im Reisebüro ein Sonderangebot gab: 50% für Familien. Familien im Sinne der Anzeige seien aber nur solche, die zwei Kinder haben, erläuterte die Mitarbeiterin. Aber das war kein Problem. Denn die Mitarbeiterin und Anne kannten sich aus der Kindheit, die sie gemeinsam in Spandau verbrachten, wo sich diese unglückliche Geschichte zutrug. Anne schlug vor, einfach ein zweites Kind in das Buchungsformular aufzunehmen: Paul, männlich, sieben Jahre alt. Die Mitarbeiterin nickte. Beide lachten.

*

Beim Check-In gaben Detlef und Anne an, dass Paul krank und bei der Oma geblieben sei. Anne war etwas mulmig.
Als sie wieder nach Hause zurückkamen stand das Jugendamt vor der Tür. Man habe einen Hinweis erhalten. Wo Paul sei, wollte die Frau wissen und wo er geboren wurde. Denn im Geburtenregister sei er nicht zu finden. Und Detlef und Anne waren unsicher, was zu sagen war, aber sie versicherten der Frau, dass es Paul gut gehe und die Frau notierte das und ging, denn sie hatte noch viele andere Fälle.
Als Paul auf das Gymnasium hätte gehen müssen, kam ein Brief. Detlef war in der Zwischenzeit zum Richter auf Lebenszeit ernannt worden. Anne hatte eine feste Stelle im Bezirksamt, Tina stand kurz vor dem Abitur. Der Brief kam von der GEZ. Ob wegen Paul, der nun Jugendlicher ist, weitere gebührenpflichtige Geräte hinzugekommen wären. Das wollte sich Detlef nicht gefallen lassen und deshalb schrieb er der GEZ und erklärte, dass es Paul gar nicht gab. Anne sah aus dem Fenster.

*

Wo ihr Bruder Paul sei, fragte der Kommissar mit Nachdruck in der Stimme, als Tina ihm die Tür öffnete. Welcher Bruder und dass sie das nicht wisse, antwortete Tina. Dass sie ihm alles sagen könne und es okay sei, erklärte dann der Kommissar. Da begann Tina zu weinen und hörte nicht mehr auf, bis Detlef aus dem Gericht kam. Und auch Detlef weinte daraufhin und als er Anne den Grund dafür nannte, wurde Anne schwindelig.
Am Sonnabend darauf kam der Staatsanwalt. Totschlag, Kindesentführung u.a. stand auf dem Zettel. Herr Richter, Sie wissen selbst am besten, dass wir bei dieser Verdachtslage gezwungen sind, zu ermitteln. Und Detlef schrie durch den Flur. Dass Paul nie da gewesen, dass das alles Quatsch sei, dass es Paul nicht gebe und Paul nur eine fixe Idee seiner Frau gewesen sei. Da schmunzelte Anne und summte ein Lied.
„Erinnerst Du dich?“, Anne griff nach Detlefs Hand. „Das mochte Paul am liebsten.“

Kommentiere als erster

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.