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Zurückgeblieben

Ich komme nie nach Hause. Denn ich bin von dort nie weggegangen. Auf dem Land, das habe ich von Bekannten gehört, auf dem Land, da lacht man über Menschen wie mich. Ich habe nie die Welt gesehen. Ich kenne nur den Ort, aus dem ich komme. Ich bin nie draußen gewesen, nie um-, nie ein-, nie ausgezogen. Ich bin nie auf dem Weg nach Hause aus einer Regionalbahn gestiegen und ich habe nie an einem Bahnübergang gewartet, an den ich auch denke, wenn ich mich an die Kindheit erinnere. Ich habe niemandem je Rechenschaft darüber abgelegt, warum ich irgendwann weg bin, kenne keinen, der mir sagt, dass ich älter aussehe, als früher und ich verabschiede mich von niemandem bis nächstes Jahr.

Ich wohnte mal in der Wilhelm-Pieck-Straße und nun, seit kurz nach der Wende, in der Torstraße. Und ich fühle mich zurückgeblieben. Jedes Jahr. Wenn die Bekannten aus der Arbeit und aus dem Park und aus dem Café und aus dem Yogakurs und aus dem Späti und aus dem Ausland sich eine Woche später über die leeren Parkplätze hier und all das austauschen, was sie zwischen den Jahren dort, zu Hause, erlebt haben. Wenn sie kurz vor Silvester, denn dann sind sie alle wieder da, lachen und schimpfen und nebenbei von der Welt erzählen und gemeinsam, darauf kommts an, gemeinsam feststellen, dass es nun auch wieder gut ist und auch wieder reicht und dass es schön ist, wieder hier, wieder zurück, wieder in Berlin zu sein, in diesem Moment fühle ich mich zurückgeblieben. Denn ich bin der, der in der Zwischenzeit hier blieb. Mitten in Berlin. Wartend, nur einen Moment. Bis ich für alle wieder der bin, der von hier kommt. Für mindestens ein Jahr.

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