Veröffentlichungen

Prosa

  • 47 Minuten, 60 Grad, 1200 Umdrehungen, Erzählung, Literaturzeitschrift manuskripte, Graz, März 2022
  • Je nachdem, wessen Stelle man meint, Erzählung in Anthologie des Literaturmagazins Cognac & Biskotten, Innsbruck, Mai 2021
  • Blaue Wolken, Erzählung im Freitext der Literaturzeitschrift Mosaik, Dezember 2020
  • Nesrin Brinkmann, Erzählung; Kölner Literaturzeitschrift, Ausgabe 5, Köln, 2020
  • True Love, Erzählung, Dichtungsring, Ausgabe 40, Bonn, Juli 2020, S. 88 – 91
  • Die schwarzen Löcher gegenüber, Kurzprosa im Freitext der Literaturzeitschrift Mosaik, Salzburg, Juni 2020
  • Endrunde Walter Kempowski Literaturpreis 2019 mit True Love, Erzählung
  • Dass es okay ist, Erzählung; Kölner Literaturzeitschrift, Ausgabe 2, Köln, November 2018; zudem gelesen von Ulrike Kühn bei books without covers, Berlin Juli 2018 (hier anhören)
  • karneades.exe, Erzählung; Kölner Literaturzeitschrift, Ausgabe 1, Köln, Mai 2018, S. 6 – 7
  • Wie eine Wespe, Erzählung; Literaturzeitschrift Mosaik, Ausgabe 24, Salzburg, November 2017, zugleich 1. Platz bei *Konzept:Feuerpudel* im Haus der Sinne Berlin, März 2017
  • Bugwelle, Der Anfang von sehr Vielem, Auszüge; Literaturzeitschrift manuskripte, Ausgabe 217, Graz 2017, S. 55 – 60
  • Wenn ein Plan funktioniert, Kurzprosa im Freitext der Literaturzeitschrift Mosaik, Salzburg September 2017
  • Terror Template; Literaturzeitschrift Prisma, Ausgabe 5, Göttingen 2017, zugleich 3. Platz bei *Konzept:Feuerpudel* in der Lettrétage – das Literaturhaus in Berlin Kreuzberg, September 2016
  • Bis zu diesem Tag, Kurzgeschichte; Literaturzeitschrift Haller, Ausgabe 13, Monschau 2016, S. 39 – 51
  • Karambolage, Erzählung; Literaturzeitschrift Haller, Ausgabe 10, Monschau 2014, S. 70 – 78
  • Kurzstrecke, Erzählung; szenisch gelesen am Theater Bielefeld, März 2012

Varia

Jura

  • Self-Sovereign Identity und Identitätsprüfung nach dem GwG, BKR 2022, S. 87 – 96
  • Sprachgesteuerte Robo Advisor, Kapitel in Linardatos, Handbuch Robo Advice, C. H. Beck Verlag, Januar 2020
  • Agile Anwälte, Legal Tribune Online, 28. November 2017 (gemeinsam mit Kevin Weyand)
  • Fondsverwahrung mittels Blockchain, Berliner Briefe zum Kapitalmarktrecht, 04/2017, S. 2 – 17 (gemeinsam mit Lars Röh, Christoph Jacobs – hier lesen)
  • Datenschutzrechtliche Vorgaben des EuGH für Big Data und Direktmarketing, ITRB 2/2017, S. 39 – 42 (gemeinsam mit Christoph Jacobs)
  • Blockchain und Smart Contracts: Zivil- und aufsichtsrechtliche Bedingungen, ITRB 2017, S. 10 – 15 (gemeinsam mit Christoph Jacobs)
  • Robo Advisor – Anforderungen an die digitale Kapitalanlage und Vermögensverwaltung, WM Zeitschrift für Wirtschafts- und Bankrecht 2016, S. 1966 – 1973 (gemeinsam mit Robert Oppenheim); auch veröffentlicht in: Berliner Briefe zum Kapitalmarktrecht, 04/2017, S. 18 – 33 (hier lesen)
  • Digitaler Nachlass, zugleich Anmerkung zu LG Berlin, Urteil vom 17. Dezember 2015, 20 O 172/15, Berliner Anwaltsblatt 2016, Heft 1-2, S. 22 – 24 (gemeinsam mit Claudia Schulze)
  • Kapitel Crowdfinanzierung, E-Commerce, Mobile Payment, Datenschutz in: AHK Brasilien (Hrsg.), Assim se faz Start-ups na Alemanha, 1. Aufl. 2015
  • Bankgeheimnis und effektiver Schutz von IP-Rechten, Deutscher AnwaltSpiegel 19/2015 (gemeinsam mit Christoph Jacobs)
  • Makler und Verbraucher im Internet, NJW 2015, S. 193 – 197 (gemeinsam mit Martin Werneburg)
  • Kleinanlegerschutz und Crowdinvestments, Venture Capital Magazin, Dezember 2014, S. 38
  • Datenschutzrechtliche Verantwortlichkeit in sozialen Netzwerken, ITRB 2014, S. 278 – 281 (gemeinsam mit David Krebs)
  • Treu und Glauben und Effizienz – Das Effizienzprinzip als Mittel zur Konkretisierung zivilrechtlicher Generalklauseln, Duncker & Humblot, Berlin 2013, 247 Seiten
  • Impressumspflichten in sozialen Netzwerken, ZJS 2013, S. 141 – 147
  • Zur effizienzorientierten Kontrolle von AGB nach § 307 Abs. 1 S. 1 BGB, Kreutz/Renftle/Faber u.a. (Hrsg.), Realitäten des Zivilrechts – Grenzen des Zivilrechts, Jahrbuch Junger Zivilrechtswissenschaftler, Boorberg, 2012, S. 51 – 68
  • Cloud Computing und Recht, AnwBl. 2012, S. 646 (gemeinsam mit Markus Timm)

Stell Dir vor, ich würde Dich jetzt zeichnen

Stell Dir vor, ich würde Dich jetzt zeichnen, ein Blatt nehmen, einen Stift, das Blatt vor mich legen, angeschrägt, sodass Du es nicht siehst, Dich ansehen, so lange, wie man braucht, um auf den ersten Strich zu kommen, Mut zu fassen, sich zu trauen, das Blatt zu berühren, mit der Spitze, denn es hat auch ohne Strich einen Wert für sich, rein weiß, unangetastet, man muss schon was können, damit das nicht schlechter wird, aber ich kann das. Habe Dich jetzt lang genug angesehen, setze den Stift an, sehe nochmal auf, und die Linien ziehen sich über das Blatt, Du fragst Dich, was da entsteht, ich sehe wieder auf, sehe Dich an, verfolge die Linien, ziehe weitere, eine Überlegung, Blick hoch zu Dir, stimmt, doch richtig, wieder runter, weiter, mit Dir im Kopf, Kontrolle, weiter, Kontrolle, weiter. Dann setze ich ab. Rücke zurück. Blick auf das Blatt, zu Dir, auf und ab. Aber ich drehe es nicht um. Du wirst es nicht zu sehen bekommen. Vertrau mir. Es ist schön.

Tonspur

  • Richtig streiten – Umgang mit Anweisungen der Datenschutzbehörde nach Art. 58 Abs. 1 lit. a DSGVO, Jahreskongress Datenschutz, 7. Dezember 2021, Potsdam
  • Über Souveränitätskonzepte im Internet, Neue Werte Podcast, Dezember 2021
  • Discussant of Financial Innovation, Payment Choice and Cash Demand (Martin Brown u.a.), MaCCI Law & Economics Conference on Competition and the Regulation of New Business Models in Finance, November 2021, ZEW, Mannheim 
  • Über Selbstzensur im Internet, Theater Total Podcast des Theater Bielefeld, Juni 2021
  • Aktuelle Datenschutzfragen aus der Banken-Praxis, Jahreskongress Datenschutz, 7. Dezember 2020, Internet
  • Aktuelle Datenschutzfragen aus der FinTech-Praxis, Round Table Datenschutz, 8. Juni 2020, Internet
  • Bezahlen mit Daten, Fachtagung Bankrecht Digital, 4. Mai 2020, Internet
  • Lesung u.a., Audrey’s Text-, Lebens- und Zukunftsservice, 3. Mai 2020, Internet
  • Lesung, Instagram von Gleiswildnis, 8. April 2020, Internet
  • Lesung, Lettretage, 6. März 2020, Berlin
  • Daten als vertragliche Gegenleistung, Jahreskongress Datenschutz, 2. Dezember 2019, Potsdam
  • Bezahlen mit Daten, Internetfachtagung, 29. Oktober 2019, Potsdam
  • Lesung, Literaturclub, 10. Dezember 2018, Köln
  • Sprachgesteuerte Robo Advisor, Kurzvortrag iRd. Autorentreffens für das Handbuch Robo Advice, 10. Dezember 2018, Mannheim 
  • DSGVO – Praktische Fälle, Dritter Berliner Branchentreff Literatur, 1. Dezember 2018, Haus der Kulturen der Welt, Berlin
  • Data Analytics, Jahreskongress Datenschutz, 7. November 2018, Potsdam
  • Introduction to ROFIEG, ESBG, 23. Oktober 2018, Brüssel
  • Regulatorische Herausforderungen für Finanzinnovation, September 2018, Berlin
  • Threads to financial innovation, Öffentliche europäische Institution, 28. September 2018, Frankfurt
  • DSGVO – Grundlagen, Anwendungsfälle, offene Flanken: Lettrétage, Juni 2018, Berlin
  • Blockchain und Smart Contracts in der Anwaltspraxis: 4. Deutscher IT-Rechtstag am 28. April 2017, Berlin
  • Mit Daten bezahlen, Daten: Vom Problem zum Produkt (gem. mit Martin Werneburg), 27. April 2017, Berlin
  • Rechtliche Hinweise für die Nutzung von Blockchains: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (gem. mit Björn Moßdorf), Blockchain-Forum am 30. März 2017, Frankfurt
  • Digitaler Nachlass: Berliner Anwaltsverein, 1. März 2017, Berlin (Folie „Digitaler Nachlass“ hier downloaden)
  • Blockchain – Technologie und zukünftige Anwendungsfälle (gem. mit Katarina Adam): Banking on Blockchain?, 24. November 2016, Berlin (Folie und Kurzvideo hier ansehen)
  • Targeting von „Bankkunden“ und Crowdinvestoren: Fintech statt Filiale, Bye bye banks?, 15. Oktober 2016, Berlin (Folie und Kurzvideo hier ansehen)
  • Lesung, Narcos – Netflix, Erzählung; 1. Platz Lesebühne Berlin, Februar 2016
  • Lesung, Eine halbe Nummer, Erzählung; 1. Platz Lesebühne Berlin, November 2015
  • Lesung, Zack zack, Erzählung; 1. Platz Lesebühne Berlin, Juni 2015
  • Lesung, Zum Tode von, Erzählung; 1. Platz Lesebühne Berlin, März 2015
  • Lesung, Tina, Kurzgeschichte; 1. Platz Lesebühne Berlin, August 2014
  • Lesung, Meine Freundin die Fliege, Kurzgeschichte; 1. Platz Lesebühne Berlin, August 2013

4 Zeichen für das Älterwerden

Ein Zeichen dafür, älter geworden zu sein, ist, dass Du die Verpackung des Probe-Duschbads aus der Zeitschrift schon vor der Dusche aufmachst, wenn die Hände noch trocken sind, weil Du schon weißt, dass Du sie in der Dusche, mit nassen Händen, nicht aufbekommst. Ein anderes Zeichen dafür, älter geworden zu sein, ist, dass Du kein Wasser mehr aus Waschlappen saugst. Den Haken am Tankhahn einrasten, bis der Tank voll ist, ist ebenfalls deutlich. Neulich hat einer von einer Party im 90Grad gesprochen. Punkt Punkt Punkt.

2 Thesen: Kritik des letzten Satzes von „Walter Nowak bleibt liegen“ von Julia Wolf

Normalerweise geht es ja immer um den ersten Satz, der alles eröffnet, der nicht falsch sein soll, sonst liest keiner weiter, ist alles versaut, vornherein, sagt in Gesprächen über den ersten Satz auch immer einer und dass die ganze Mühe umsonst ist, ist die Angst. Aber noch nie hat einer an den letzten Satz gedacht, also natürlich doch, aber nicht in dem Modus, in dem man an den ersten denkt, nicht in der Form der totalen Fokussierung, nicht im Sinne einer Ausstrahlung von einem Punkt, der eigentlich immer ein Start- und nie ein Schlusspunkt ist, auf alles.

Eine Klammer bilden oder einen Kreis schließen

Aber Walter Nowak zwingt dazu, an den letzten Satz zu denken, nachdem er seinen gesamten Hundertachtundfünfzigseiten-Stream offengelegt hat und dem dann einen letzten Absatz, der eigentlich ein Satz ist, nur durch Punkte gegliedert, hintanstellt, als sollte der eine Klammer bilden oder einen Kreis schließen, als würde er, Walter, ganz am Ende dem Leser nicht mehr, was er hundertachtundfünfzig Seiten lang durchhält, zutrauen, zu verstehen und deshalb erklären müssen, womit der Leser bis dahin, bis kurz vor Schluss, allein gelassen wurde.

These 1: Den Leser retten

Der letzte Satz zerstört nicht alles, macht die Illusion nicht kaputt, es ist ja nie eine und Du weißt das, die andauernden News zu, Walter, im Facebook-Thread, Longlist, sagen ja ständig, dass es ein Buch ist, ein Roman, Fiktion. Aber wenn Du drin bist, die Stufen der Treppe auch Dir entgegenkommen (S. 139), wenn Du drin bist, tripp trapp, und auf das Ende zusteuerst und schon weißt, bald ist es vorbei, bald bist Du wieder raus aus dem Buch, weil es ein Ende findet, es rückt näher in der rechten Hand, wenn Du drin bist, dann willst Du nicht auch noch rausgeworfen werden, von dem Buch, wie mit einem Tritt versehen, Sieh hin, Leser, lies diesen letzten Satz, ich bin ein Buch, falls Du es nicht wusstest. Aber soll der letzte Satz trotzdem genau das machen? Ja, das ist die erste These, das ist die Funktion, die diese letzte Seite hat. Den Leser retten, aus seinem, Walter, aus dem Kopf des anderen raus in den eigenen zurückholen. Wenn er das soll, dieser letzte Satz, das kann er.

These 2: An die Größe des Textes zurückholen

Noch deutlicher Achso sagen würde man, wenn einer sagte, dass der letzte Satz erst den Kontrast herstellt. Wie an die Sonne im Sommer gewöhnt man sich an alles Gute ja viel zu schnell und nennt es normal, behandelt es so, würdigt es nicht mehr. Eine Fahrt in der U-Bahn im Sommer, Gänsehaut, nur ein bißchen kalt, das hilft, den Sommer wieder herbeizusehnen, das Licht, lässt die Sonne umso wärmer strahlen, sagt Dir, dass es eben nicht normal ist, dass alles gut ist. Und dieser Satz, nicht meiner, Walter, der letzte Satz in diesem Buch macht klar, dass Du, Leser, die Gewöhnung nicht verhindert hast und holt Dich wie die Kälte im Schacht in den Sommer, an die Größe des Textes zurück, den Du einen Satz vor dem letzten schon zu Ende gelesen hast.

Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen, 158 Seiten (und ein Satz), Frankfurter Verlagsanstalt 2017

Wir waren in den Wolken und darüber

Der Bauer wurde uns beschrieben als Mann mit lila Lada und einem Ohrring mit Dreieck drin. Aber das wäre nicht nötig gewesen, denn er war der einzige, der am Bahnhof stand. Der Bahnhof lag in der Mitte eines Tals im Glarus. Glarus ist eines der drei Kantone der Schweiz, die die schweizerische Tourismusbehörde in dem dicken Band über die Must-Sees der Schweiz unerwähnt lies. Die Strommasten mussten vor ein paar Jahren im Tal abgebaut und in den Hang zwischen die engen Serpentinen gestellt werden. Wegen des Elektrosmoks. Der Bauer fuhr uns den Berg hoch bis zu dem Ort, ab dem man nur noch laufen konnte. Das Handy hatte schon weiter unten keinen Empfang mehr. Wie ruft man einen Arzt hier herauf? Jemand müsste runtergehen. Ab hier, sagte der Bauer, habe man die Straße nicht mehr weiter bauen können. Vielleicht schon, aber das hätte sich nicht rentiert. Kühe standen dort. Wir verabschiedeten uns.

Für das letzte Stück bis zur Alphütte hinauf braucht man 45 Minuten, wenn man sich auskennt. Die Hütte wurde mit dem Rücken zum Berg vor einem aus der Ebene herausragenden Fels errichtet. An der Seite wird sie von meterdicken Wänden aus Stein gestützt, damit sie im Winter nicht vom Schnee zerdrückt wird. Im Winter ist keiner da. Im Ich-frage-Dich-ihr-sagt-nichts-und-ich-gebe-die-Antwort-selbst-Modus gab Rüdiger, der im Sommer hier oben arbeitete, Auskunft. Rüdiger sprach wenig. Man fängt hier oben irgendwann an, weniger zu sprechen. Bei mir ging das los in dem Moment, als mir klar wurde, dass es nicht schlimm ist, dass kein Arzt es in angemessen kurzer Zeit hier herauf schaffen kann. Man überlebt die Dinge doch im Wesentlichen immer. Von rechts nach links lief vor der Hütte ein Bach nach unten. Viele dieser Bäche liefen beim Aufstieg über unseren Weg. Einer der Arme, aus denen sich der Bach speiste, drang seit irgendwann durch die steinerne Rückwand der Hütte in den hinteren Raum und irgendwo an dessen Seite wieder nach draußen. Seitdem wird der hintere Raum als Kühlraum für die Lebensmittel benutzt. Dort stand auch ein badewannengroßer Bottich aus Kupfer, in dem früher, als die Kühe noch gemolken wurden, Käse gemacht wurde. Warum Kupfer?, fragte Rüdiger ohne dass wir etwas sagen sollten. Weil da nichts anklebt, antwortete er. In dem Raum vorn in der Hütte stand der Ofen. Dort wurde gegessen, gesprochen und geschlafen. Im unteren Stock des Doppelstockbettes braucht man eine Decke mehr als oben. Zwischen dem vorderen Raum und dem hinteren, durch den das Wasser floss, war die Hütte an den Seiten offen, sodass von der einen Seite zur anderen die Wolken durch die Hütte hindurch zogen. Wir waren in den Wolken und darüber. Zwischen den Räumen lagerte das Holz. Daneben stand der Fressnapf von Pepe, dem Kater, der der vorherigen Saisonkraft gehörte. Sie musste plötzlich weg wegen eines Todesfalles. Pepe war unterwegs, als sie ging und er überlebte die Zwischenzeit bis zu Rüdigers Ankunft.

Rüdiger gab uns Schuhe, die man einfetten musste. Die Frösche waren so langsam, dass man sie in die Hand nehmen konnte. Als wir von der Hütte aus noch weiter aufstiegen, nahmen wir kein Wasser mit, sondern tranken aus Bächen. Der Ofengeruch unserer Kleidung überdeckte bei stehendem Wind den der Wiesen. Beim Blaubeerenpflücken roch man es auch. Der Nebel, zu dem eine Wolke wird, wenn man in ihr steht, hielt unsere Haare nass. Das Salz, das auf die großen Steine geworfen wird, damit es die Kühe ablecken können, wurde von Rüdiger in einer roten Esprit-Tüte transportiert. Der Käse kam von der Nachbaralp. Die Salami, das Weißbrot und die Fleischwurst brachte der Bauer mit dem dreieckigen Ohrring im lila Lada alle zwei Wochen aus dem Supermarkt zu dem Ende der Straße. Bio-Müll?, fragte Rüdiger. Was ihr Bio-Müll nennt, antwortete er, das kommt bei uns in den Bach. Mitte September, wenn abgezäunt wird und die Kühe dem Bauer talabwärts folgend die Alp verlassen, wird der Restmüll mit dem Hubschrauber abgeholt. Am Mittwoch gibt es immer einen Sammelflug, an dem man sich beteiligen kann. Da kommt man dann bei 30 bis 40 Franken pro Flug raus. Das kann man schon machen. Das geht aber nur für Transport, nicht für Menschen. So einen Extraflug wie mit der abgestürzten Kuh im Juli macht die Versicherung. Sonst wäre das nicht wirtschaftlich.

Kritik (Nuance): Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt (Peter Stamm)

Dreimal auf hundertfünfzig Seiten gucken Menschen erwartungsvoll. Aber das ist eine andere Geschichte. Ganz oft dachte ich, was soll das. Und auf den letzten zehn Seiten macht es endlich Klick und das neue Buch von Peter Stamm schlägt zu.

Wenn die Geschichte eines anderen sich mit der Story des eigenen Lebens vermischt. Wenn in der Erinnerung beide zusammen fallen. Wenn du sie schilderst, die Erinnerung, die dein oder ein Leben eines anderen treffen könnte, wenn du die Erinnerung schilderst, aus der Erinnerung berichtest, und nicht ganz klar ist, wessen Erinnerung das ist. Du bist sicher, es ist deine. Und irgendwann ist fast nichts mehr da von dem Wissen darüber, woher das, was du geworden ist, eigentlich kommt. Nur ein Gefühl, das, wenn überhaupt, gerade noch ein Zucken in deinem Gesicht auslöst. Wie eine leichte Bodenwelle auf einer Landstraße unter der die Wurzel eines Baumes liegt, an dem du schon vorbei bist.

So gesehen wie ein Mittagsschlaf: Bolognese im Bonfini

Gegessenes Nichts, nicht im Sinne von belanglos, sondern im Sinne von ich-weiß-nicht-mehr, wir haben viel geredet, mein Gegenüber und ich, aber nicht so viel, dass ich mir diese Lücke in der Erinnerung erklären kann. Die Lücke ist auch nicht vollständig, an den Geschmack des Parmesans erinnere ich mich, der schmeckte wie der von Rewe, das ist was Gutes (wie Salami bei Kaisers), an das Aussehen erinnere ich mich auch, kleinere Fleischklumpen in rot, auch wichtig, weil die meine Grundsorge vor jeder unbekannten Bolognese, nur Italo-Soljanka zu bekommen, auf den ersten Blick ausräumten. Auch die Temperatur spüre ich noch, hinten links am Gaumen, und der Rest, na klar, der liegt im Magen, nicht zu schwer, denn zu viel war es nicht. Allein der Geschmack der Bolognese. Der ist verloren gegangen zwischen Wie-geht-es-Deiner-Familie und dem Wer-hat-den-besseren-Physiotherapeuten-Battle. Lag das an ihr? Ist es eine gute Eigenschaft, weder erinnerbar schlecht, noch erinnerbar gut zu sein? So gesehen war sie wie ein Mittagsschlaf, von dem man häufig auch nur das Ergebnis kennt. Man selbst in besser als davor. EUR 6,50 inklusive Entspannung im Bonfini in der Chausseestraße.

 

Kritik: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch (Michelle Steinbeck)

Nur zwei Halbsätze zu viel hat das Buch, auf Seite 28 stehen sie hintereinander nur von einem Semikolon getrennt.

Man muss jederzeit konzentriert sein, sonst verliert man sich, nicht so, wie man sich durch einen Text verlieren soll, man verliert sich nicht in dem Text, sondern man verliert den Text, doch jederzeit konzentriert gelingt mir nicht, ich bin endlich krank genug, um tagsüber zu Hause sein zu müssen, liegen zu können, so, wie man eben liest, abgesehen von krank. Und deshalb, wegen krank, das ist das einzige, muss ich hier und da zurück und finde Sätze, an denen ich ohne Konzentration schon vorbei gelesen hatte.

Ich wollte ans Ende noch die Bemerkung setzen „Aber!“. Aber muss sie denn wirklich jedes Eszett durch ein Doppel-S ersetzen? Das ist wie konsequent klein schreiben. Drückt entweder etwas aus, das nicht relevant ist oder drückt aus, es nicht zu können. Aber dann ist mir aufgefallen, dass das nichts mit dem Buch zu tun hat. So wenig, dass sich da offenbar keiner wegen gestritten hat. Guter Verlag.

Zusammengenäht wie ein Road Movie

Das Buch ist Bilder, zusammengenäht wie ein Road Movie durch ein Ziel, von dem von Anfang an klar ist, dass es vielleicht nicht da ist, durch einen Koffer und was in ihm ist und tritt und ruhig gehalten wird auf dem Weg irgendwohin, durch jedes der Bilder sticht dieses Ziel sich durch, im Kreis bis an den Anfang, zur Unklarheit zurück.

Nur zwei Halbsätze zu viel hat das Buch, auf Seite 28 stehen sie hintereinander nur von einem Semikolon getrennt.

Buff. Und dann sitzt sie plötzlich neben einer Künstlerin ohne Kunst und sie fangen an zu erzählen und es ist wie durchatmen, alles anders, der Ton wird weich, ein Bild, ein Manuskriptteil, zu dem sie den Übergang nicht hinbekommen hat, ein Bild, durch das der rote Faden nicht sticht, und der Koffer und was in ihm war und trat und ruhig gehalten wurde ist da schon eine Weile weg.

Staunen und Scham zugleich

Die andere spricht es aus, von verloren spricht sie und dich überkommt so eine Ahnung, wofür das alles steht, wofür ein Koffer, den eine mit sich rumträgt und in dem es tritt und den sie verliert steht und es ist wie Staunen und Scham zugleich, dass dir das nicht vorher klar war. Zum Glück geht Lesen allein, denkst du und schämst dich schon wieder, schämst dich dafür, dass es dir zuerst darum geht, beim Danebenliegen, dabei, was wichtig ist, zu übersehen, unentdeckt zu bleiben. Du korrigierst dich, denkst wieder an das, wofür der Koffer steht, nicht für was Gutes, und aus dir käme die Träne, wenn Du dürftest, aber du wirst nicht gelassen, nicht allein, nicht von der Erzählerin, denn sie will weiter, will, dass Du weitergehst, wie sie in diesem Moment, dem einen, in dem sie sich falsch entschieden hat.

 

Freund Blase

Paul: Und das da, das ist der Pippi.
Luca-Friedrich: Nein, das heißt Penis.
Paul: Und das da, das ist die Mumu.
Luca-Friedrich: Nein, das heißt Scheide.
Paul: Und wie heißt dann Nase?
Die Mama von Paul: Halt den Rand, Freund Blase, ick hab jesagt du sollst die Mohrrüben aufessen, damit du richté kieckn kannst.

Terror Template

(An die Redaktion: Bitte zur Effizienzsteigerung für Nachrichten in Sachen Terror das folgende Formular verwendenDanke! i.A. Verlagsleitung)

Terror in [ . . . ]*

Zahl der Toten bei Anschlag steigt auf […]*

Die jüngste Terrorattacke war eine der schwersten seit [Unzutreffendes bitte streichen]* Tagen // Wochen // Monaten // Jahren. Noch immer finden Helfer Leichen in den Trümmern.

Bei einem Bombenanschlag in der [ . . . ]*ischen Stadt [ . . . ]* sind mindestens [ . . . ]* Menschen getötet worden. Mehr als [ . . . ]* Menschen wurden verletzt, einige davon schwer. Das teilte das [ . . . ]*ische [ . . . ]*ministerium mit. [Unzutreffendes bitte streichen]* „Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Deutsche betroffen sind“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Berlin. Das Amt arbeite gemeinsam mit den zuständigen [ . . . ]*ischen Behörden „mit Hochdruck“ an der weiteren Klärung. // Auch [ . . . ]* Deutsche werden unter den Opfern vermutet, teilte das Auswärtige Amt in einer Erklärung mit. Es ist der bislang blutigste Anschlag in [ . . . ]* seit [Unzutreffendes bitte streichen]*  Tagen // Wochen // Monaten // Jahren.

Bei dem Anschlag [Unzutreffendes bitte streichen]* war am [ . . . ]* eine Autobombe explodiert // sprengte sich ein Attentäter in die Luft. Unter den Opfern waren auch viele Frauen und Kinder. Die Detonation und ein anschließendes Feuer zerstörten mehrere Gebäude fast vollständig. Eine Frau erzählte, sie habe sich auf den Boden geworfen, als sie die Explosion gehört habe. „Alle sind weggerannt. Überall lagen Körperteile. Alles war voller Blut.“ Die Polizei sperrte den Anschlagsort weiträumig ab. Fotos zeigten ein Bild der Verwüstung. Auf einem bei Twitter veröffentlichten Foto war ein auf dem Boden liegendes Schnellfeuergewehr zu sehen.

Die [Unzutreffendes bitte streichen]* Terrormiliz [ . . . ]* // Gruppierung [ . . . ]* // von der [ . . . ]*ischen Regierung als terroristische Gruppe eingestufte [ . . . ]* bekannte sich in einer Erklärung zu dem Attentat, wie die [Unzutreffendes bitte streichen]* auf die Beobachtung von Extremistenaktivitäten im Internet spezialisierte Webseite [ . . . ]* // den Hintermännern nahestehende Nachrichtenagentur [ . . . ]* berichtete.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Opfern des Anschlags ihre Anteilnahme ausgesprochen. Sie sei erschüttert über „diese neuen und hinterhältigen Akte des Terrorismus“, sagte Merkel am Rande eines Treffens in Brüssel. Gleichzeitig solidarisierte sich die Bundeskanzlerin mit  [ . . . ]*: „Ich möchte dem ganzen  [ . . . ]*ischen Volk von hier aus sagen, dass wir uns im Kampf gegen den Terrorismus vereint sehen und uns gegenseitig unterstützen werden.“ Auch Außenminister  [ . . . ]* zeigte sich entsetzt. Am Rande einer Parteiveranstaltung sagte er: „Wir stehen an der Seite der  [ . . . ]*.“

Auch die Regierung der Vereinigten Staaten verurteilte den Terrorangriff. „Unser tiefstes Mitgefühl gilt den Familien und Angehörigen der Getöteten, und wir wünschen den Verletzten eine baldige Genesung“, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, [ . . . ]*, in einer Mitteilung. Die Vereinigten Staaten stünden fest an der Seite der [ . . . ]*. Man werde den Kampf gegen die terroristische Bedrohung fortsetzen. Das amerikanische Außenministerium sprach von einem „Massenmord“ an Unschuldigen und sagte den Hintermännern der Täter den Kampf an. Die USA setzten weiter alles daran, „die Welt im Kampf gegen das Böse zu vereinen“, den Terroristen die Zufluchtsorte zu nehmen und ihre globalen Netzwerke zu zerstören, sagte Ministeriumssprecher [ . . . ]*.

Rettungshelfer erklärten, noch immer würden Leichenteile unter den Trümmern gefunden. Vor den Krankenhäusern in [ . . . ]* warteten zahlreiche Angehörige, um Informationen über Vermisste zu bekommen.

Der [ . . . ]*ische Ministerpräsident [ . . . ]* verkündete nach dem Anschlag eine [ . . . ]*tägige Staatstrauer. Er ordnete zudem neue Sicherheitsmaßnahmen an.

[Name des Autors]*

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Der Text hat im September 2016 bei *Konzept:Feuerpudel* in der Lettrétage – das Literaturhaus in Berlin Kreuzberg den 3. Platz gemacht. Er erschien in der Literaturzeitschrift Prisma, Ausgabe 5, Göttingen 2017, und wurde bei Fixpoetry eingeordnet.

Die Stadt, die langsam Schatten auf sich wirft

Ich kann Dinge unmittelbar. Ich kann mich auf ein Fensterbrett setzen mit einem Bier und einer Zigarette und dabei rausgucken, in den Himmel, wenn er orange, weiß, gelb, blau, grau changierend ist, ich komme nicht rein, gucke durch das Fenster und sage, ja, man müsste das viel öfter machen, man kriegt das gar nicht so mit, man müsste sich viel mehr Zeit nehmen, man verliert den Blick dafür. Ich mache das oft, ich kriege das mit, jedes Mal, ich habe die Zeit, denn alles andere außer Ich ist egal und ich habe den Blick, nicht changierend, sondern geradeaus aus dem Fenster heraus blicke ich in den Himmel zurück. Unter die Wolke, unter der noch eine kleine hängt, in die Sonne, deren Licht die Wolken vor ihr versengt, auf die Stadt, die langsam Schatten auf sich wirft. Herab. Einfach so. Ohne zu denken, man müsste mal.

Eigentlich ist es rausgeschmissenes Geld für den Preis

Eigentlich ist es rausgeschmissenes Geld für den Preis. Astrein, rief Andi. Räum Deine Plünnen da weg, schimpfte Susanne. Was ist das für eine Menkenke, fasste Oma zusammen und schlug die Hände über dem Kopf wieder auseinander. Die Upside steht nicht für die Downside. Schwimmbad vollständig ausgebrannt stand auf dem Titelblatt und alle schwiegen. Früher, das war die Zeit, als sich die Frauen das Parfüm noch mit dem Finger hinter das Ohr schmierten. Bogdan versuchte, seine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. Sch‘ leg mein Eid ab. Sollen wir das als Geständnis werten, fuhr der Späti-Verkäufer dazwischen. Wer den Memory-Effekt als Argument benutzt, ist mindestens 30.

Das ist eine Ja-Nein-Frage

Rot ist abhängig von Wolken. Jedenfalls den Sonnenuntergang betreffend. Ich werde eine Verteilersteckdose erfinden, bei der der Schalter nicht an dem Ende ist, an dem das Kabel reinkommt. Es gibt Wechsel, auf die kann man sich verlassen. So wie den der über dem Apothekenschaufenster wachenden Thermometeranzeige mit der Uhranzeige. Ist Überwachung eigentlich schlecht? Das ist eine Ja-Nein-Frage aber keiner beantwortet sie mit Ja oder Nein. Literatur ist die Möglichkeit, Sprachlosigkeit loszuwerden. Eigentlich ist es rausgeschmissenes Geld für diesen Preis. Was die Hamburger an Effizienzgewinnen gutmachen, indem sie „sich“ nicht mehr „an“ etwas erinnern, sondern nur noch etwas erinnern, das schmeißen sie im hohen Bogen zum Fenster wieder raus, wenn sie mit „da nicht für“ Verwirrung stiften, anstatt einfach „Bitte“ zu sagen.

Sklavenhandel 2.0

Der Freund von Max und Louise hatte zu seinem Geburtstag eingeladen und die Getränke wurden knapp, denn es kamen auch die, die nur auf Vielleicht gedrückt hatten. Max und Louise waren schon früh da und mit ihrem Platz zwischen Garderobe und Wohnzimmer zufrieden. Dass man sich das mal klar machen müsse, sagte Max nur halblaut und wies Richtung Wohnzimmer, dass man das echt mal checken muss, dass über all diese Leute hier vollständig ausgewertete Profile bei Apple und Google und so liegen. Er zeigte auf Louises iPhone. Hier! Und dass mit all diesen Profilen Kohle gemacht wird. Aber keiner macht sich das bewusst. Die Leute sagen einfach ja, ich hab ja das und das davon und sehen gar nicht, welchen Preis sie zahlen. Ihre Identität! Max hob die Stimme und den Zeigefinger. Es geht um nicht weniger als einen selbst. Sag ich mal. Die Leute verschenken ihr Ich an die Konzerne. Das ist Sklavenhandel 2.0, Du bist die Ware, die Du hergibst, nicht mal verkaufst, sondern verschenkst. Und anders als die Afrikaner früher werden die digitalen Sklaven noch nicht einmal gezwungen, sich den Amerikanern zu unterwerfen. Willst Du noch ein Bier, rief der Freund von Max und Louise von hinten. Max nickte erleichtert. Ein Glück, dass noch was da ist. Ob Roger noch komme, fragte Louise und Max zuckte mit den Schultern. Kein Plan, ich warte schon die ganze Zeit auf die blauen Häkchen aber er scheint keinen Empfang zu haben. Aber so richtig wichtig sei ihm Rogers Anwesenheit auch nicht. Wer sich so doof anstellt. Versetz Dich mal in die Lage seiner Freundin, Max hob die Stimme wieder an. Da ahnst Du nichts Böses und dann grinst Dich dein Freund auf Tinder an. Wie dumm muss man sein, sich mit dem original Facebook-Profil anzumelden. Ok ich muss. Max wischte die Erinnerung auf seinem Handy zur Seite und gab Louise einen Drücker. Meine Sleep Cycle App sagt, dass ich die längste Tiefschlafphase habe, wenn ich vor zwei im Bett bin und weniger als drei Bier trinke. Schlaf ist mir wichtig. Louise nickte und schaute Max an. Mir auch. Man muss schlafen, bevor man aufwachen kann.

Kausalitäten II

Kreise können nicht schief hängen, rief Mike und schlug die Nägel in die Küchenwand, zwischen denen die Topfdeckel hängen sollten. Goethe hat nie den Literaturnobelpreis bekommen und in Köln ist es zur selben Zeit dunkler als in Berlin. Wenn man sie anstarrt, fragen Barfrauen häufiger als andere, was man will.
Sag ihm, ob ich nach vorne oder hinten kommen soll.

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Kausalitäten I

Skulptur aus stehenden Kindern

Und dann bist Du plötzlich der Täter. Stehst vor einer Skulptur aus stehenden Kindern. Also sagt man Dir. Aus sechs Kindern, die mit dem Rücken zu Dir mit ausgestreckten Armen an einer Wand stehen. Erkennst Du. Und Du begreifst: Du stehst gar nicht vor, sondern hinter den Kindern, Du bist der Polizist, der auch mit ausgestreckten Armen dasteht. Aber Deine Arme werden schwer von der Waffe, die sie runter ziehen und Deine Finger werden taub, von den Drohungen, die Du rufst. Du zielst auf die Kinder und sie zittern und noch ein letztes Mal für heute kommst Du raus aus dem Moment, denkst kurz an die, die von der Skulptur aus stehenden Kindern und von eindrucksvoll und so sprachen und fragst Dich, was geht mit so einem Mann, der ich gerade bin, was muss passieren, dass der so etwas machen kann, die Kinder schauen Dich nicht an aber Du ihnen in den Rücken und Du assoziierst sie mit Symptomen, warum der Mann bei denen ansetzt, fragst Du dich, wenn doch die ganze Welt von der Bekämpfung von Ursachen spricht und Du erkennst, dass nur Du, der Polizist, der Kreisausbrecher sein kannst: Die Kinder sind zu jung, das, was man System nennt, ist zu diffus, nur Du allein kannst … was machen? Was ist dieses Ausbrechen, von dem alle immer reden? Und dann lässt Dich das, was die anderen Skulptur aus stehenden Kindern nennen, da stehen und nach der Lösung für ein Problem suchen, das Du noch nicht mal richtig fassen kannst und Du erkennst, dass Du nicht von der Skulptur aus stehenden Kindern mal eben für den Moment zu dem Mann gemacht wurdest, der mit der Waffe auf Symptome zielt, sondern dass Du irgendwie seit immer schon dieser Mann bist, und nie ausbrichst, sondern Dich weiterdrehst, wie das Proseccochen in Deinem Kopf, noch eins bitte, und dass Du, seit alles sich irgendwie in den immer selben Bahnen zu drehen begann, wartest, bis Dich was raushaut, rausbricht aus dem Kreis, aber Du drehst dich nur schneller im Kreis, das ist das Glück, dass die nächste Proseccorunde Dir beschert aber nichts haut Dich raus, Du hoffst noch, noch ein Glas, aber es geht schief. Wie bei jedem Dschum. Du machst den Polnischen und stehst wenig später ganz klar da. Vor Dir nur noch die Straße, gerade, auf die sich die gesamte Vernissage verengt, wenn Du erkennst, dass die Straße in beiden Richtungen nicht vor einer Wand endet. Wie Du. Sondern offen ist. Wie das, was gerade mit Dir gemacht wurde. Nicht von einer Skulptur, die irgendwie steht. Sondern von großer Kunst. Die dich bewegt.

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Hier gibt es ein Bild der Skulptur. Daten zur Ausstellungseröffnung: Iris Kettner – Inecht | 11. September 2014 | 19.00 Uhr | Haus am Lützowplatz

Klar wie Weinkritik: Bolognese im Istoria

Jimmi – nennen wir ihn mal so, denn wir kennen seinen Namen nicht – Jimmi war zu Scherzen aufgelegt. Und das war cool. Denn obwohl Jimmi allen Grund gehabt hätte, um schlechte Laune zu haben (drei seiner Mitarbeiter kamen an diesem Sonntagnachmittag nicht und Jimmi musste den ganzen Laden alleine schmeißen), war das Gegenteil der Fall und mein Kumpel und ich waren nach unserem Besuch im Istoria am Kollwitzplatz besser drauf, als vorher.

Aber die gute Laune lag nicht nur an Jimmi. Und sie hatte auch nicht allein damit zu tun, dass dieser Nachmittag in dieser Zwischenzeit zwischen Sommer und Herbst lag, in der alles mal so und mal so und man selbst so-na-so-halt ist, NEIN: Es lag an dieser Bolognese! Wie die war? Diese Bolognese rangierte am oberen Ende ihrer Möglichkeiten! Haha. Ist natürlich Quatsch. Also: So über Essen zu sprechen ist Quatsch. Jedenfalls dachten mein Kumpel und ich das, als er eine Weinkritik zitierte und wir uns vorstellten, was man sich darunter vorstellen soll. Doch dann kam die Einsicht: Denn auf welche andere Weise soll man sonst sagen, dass diese Bolognese so toll ist, dass Du die ganz Zeit nur whow und mmmh und oooh im Mund denkst (ja, dort!) aber am Ende doch nicht so einhundertprozent überzeugt bist. Ja, dachten mein Kumpel und ich: Wie der Weintyp. Deshalb: Unbedingt hingehen, wer eine richtig gute Bolognese will und keine Angst vor Original-BB (Berliner Bedienung) hat. Fruchtig, ohne fleischig zu sein und dabei nicht zu tomatig (und trotzdem roter als der Iro von dem Typen, der da um die Ecke wohnt). Krisselig war das Fleisch auch noch ganz besonders  (das ist was Gutes und man sieht es auf dem Bild). 6,80 Euro ist ein guter Preis für die Gegend. Achso: Pfefferminze on top? An Basilikum-Mangel kanns nicht gelegen haben, denn mein Kumpel hatte genug davon auf seinen Gnocchi (Jimmi so: Gnotschi). Ziemlich fresher Style, könnte man sagen. Oder so. Ist aber auch egal, das ganze Gerede, denn: einfach essen. Ist nämlich unbedingt empfehlenswert.

Die digitale Gleichgültigkeit

Was legitimiert einen Datenschutz, für den sich niemand interessiert?

(Erschienen in der brand eins)

Der NSA-Skandal hat nicht nur unser Bewusstsein für die Gegner geschärft, er wirft auch ein neues Licht auf unsere eigene Rolle im Umgang mit Daten. Seit wir wissen, dass die NSA Back-ups unserer Festplatten bereithält, unsere E-Mails mitliest und unsere Telefonate mithört, sind zwei gegenläufige Bewegun- gen zu beobachten: Auf der einen Seite werden die politischen Anstrengungen zur Ausweitung des Datenschutzes stärker – auf der anderen wird immer offenkundiger, dass sich die Mehrheit der Internetnutzer für das Schicksal ihrer Daten noch immer kaum interessiert.

Keine Demonstrationen, kein Aufschrei, nicht mal Online- Petitionen wurden bekannt, nachdem Snowden und Co. ihre Erkenntnisse darüber veröffentlichten, dass so eine Art Surf-Stasi von Hawaii aus das gesamte Internet überwacht.

Sascha Lobo schloss von der eigenen Kränkung durch die NSA auf die Kränkung der gesamten Menschheit. Alles klar, könnte man denken. Aber wovon, wenn nicht von sich selbst, soll man sonst auf andere Menschen schließen? Mal ehrlich: Selbst wenn man sich vor Augen hält, dass aus jedem Smartphone ein vollständiges Profil seines Benutzers über Bewegung, Beziehun- gen und Bildung ausgelesen werden kann – würde man (also Sie!) es deshalb jetzt ausschalten und für immer ausgeschaltet lassen? Jeder hat ja schon mal erlebt, wie das Störgefühl abklingt, wenn man etwa nicht mehr daran denkt, dass das iPhone ständig an Apple sendet, wo man ist. Oder dass am Rand eines Nachrichten- portals für Schuhe geworben wird, die im Onlineshop zuvor ge- sucht wurden. Oder dass E-Mails auf privaten Konten auch auf Servern in den USA liegen, während Datenschützer längst wissen, dass das Safe-Harbor-Abkommen über die Einhaltung von Daten- schutzstandards Unsinn ist. Es interessiert niemanden. Aber wa- rum ist das so? Weil wir keine Folgen spüren.

Die Gefahr ist so abstrakt, dass sie uns keine Angst macht. Wurde sie greifbarer, seit wir wissen, dass die NSA alles über- wacht? Gibt es sogar schon einen Schaden? Ja, sagen diejenigen, deren Verhalten sich nach der Aufdeckung verändert hat. Nein, sagen dagegen jene, die personalisierte Werbung am Web-Seiten- rand zwar komisch finden, viel weiter aber mit der Systemkritik nicht kommen. Das sind die Gleichgültigen, deren Standpunkt bisher keinerlei Gewicht in der Datenschutzdiskussion hat. Und
sie sind, wie jede Spontanumfrage zeigt, in der absoluten Mehr- heit.

Bei Lichte betrachtet wird klar, dass die Gleichgültigkeit die- ser Mehrheit nicht das gesamte Netz trifft. Denn dieses Netz, von dem seine Kritiker so aufgeregt reden, gibt es nicht. Das Netz ist das Resultat der Entscheidungen, die darin getroffen werden. Je- der von uns nutzt das Netz, wie er mag, zum Schreiben, Lesen oder Kaufen. Die NSA hat sich entschieden, es auch zum Mit- schreiben, Mitlesen und Ausspähen zu nutzen. Alle Kritik, alle Verbesserung, jede Beobachtung „des Netzes“ muss hier anset- zen, bei den Entscheidungen, die über die Art seiner Nutzung getroffen werden. Damit gemeint ist der Unterschied zwischen Knast und Kreditkarte. Amazon, Google und Facebook können mit ihren Daten über mich schlimmstenfalls eines tun: mir etwas verkaufen. Die NSA und der BND können mich dagegen meiner gesamten Freiheit berauben – um diesen Unterschied muss es bei jeder Regulierungsdebatte gehen.

Sicher, der Staat muss seine Bürger schützen. Aber darf er sie auch dort bevormunden, wo ihnen die Sammlung ihrer Daten egal ist? Anders als bei staatlicher Bespitzelung ist die Gleichgül- tigkeit des Bürgers im Privaten frei wählbar und nicht nur Resul- tat von Machtlosigkeit.

Diese Selbstverständlichkeit, selbstbestimmt mit Daten umzu- gehen, entgeht vielen der heutigen Entscheidungsträger. Sie sind Menschen, die das Digitale noch als virtuelle Realität kennenge- lernt haben. Und sie übersehen, dass die Generation nach ihnen das Virtuelle dieser Realität einfach gestrichen hat. Das aber macht diese Menschen nicht zu Betreuungsfällen – man kann auch bewusst gleichgültig mit Daten im Netz umgehen. Man kann bewusst in einem Netzwerk unterwegs sein, von dem jeder weiß, dass es auch dazu dient, andere zu beobachten. Und man kann es auch normal finden, in dem Bewusstsein zu kommuni- zieren, dass alles sichtbar wird und abrufbar bleibt.

Dass die Generation nach den Schöpfern des Internets keine Scheinwelt mehr im Netz aufbaut, sondern mit den Vor- und Nachteilen leben will, das ist das Neue, das Unbefangene, das Gleichgültige und zugleich Wahre am Umgang mit den Möglich- keiten des Netzes heutzutage. Vor diesem Willen hat der Daten- schutz-Paternalismus zu weichen, denn auch seine letzte Verteidi- gungslinie, die jungen Leute wüssten nicht, was sie tun, bricht ein, wenn man ihre Selbstbestimmtheit anerkennt. Der offene Umgang mit Daten im Internet ist nicht zwangsläufig das Resultat fehlen- den Verständnisses. Er kann auch ein erstes Ergebnis der Entwick- lung dessen sein, was wir seit erst 20 Jahren Netz nennen.

Entwicklungen bergen Risiken. Aber der Staat hat noch nie versucht, alle denkbaren Risiken von seinen Bürgern fernzuhal- ten. Sonst wäre auch Autofahren verboten.

No diversity: Bolognese im Vapiano

Bolognese hat nun mal nichts mit Diversity zu tun. Quatsch sind deshalb rohe Karottenstifte, die kurz vorm Abpfiff noch in die Pfanne geworfen werden.

Denn rohe Karottenstifte sind eben roh und damit anders als der Rest dessen, was man im Mund hat und dadurch fallen sie eben einfach negativ auf. Frische? Mal was anderes? Keine Ahnung, bei mir kam die Message nicht an. Nur pseudogesundes Knacken.

Viele komische Menschen sagen über Systemgastronomie ja viele komische Sachen. Ich dagegen gehöre zu den Menschen, die auch heute nicht leugnen, dass das Coolste am Geburtstag als Kind immer war, dass man zu McDonalds durfte. Und deshalb habe ich auch die Bolognese bei Vapiano ausprobiert. Rechtfertigung Ende. So. Jedenfalls war das am Potsdamer Platz in Berlin (wo auch die U2 abfährt). Obwohl die Örtlichkeit, genau wie der Rechtsanwalt, der in der Schlange hinter mir stand und ins Handy brüllte, dass er gleich in den Call muss, ja eigentlich keine Rolle spielt, denn: richtig, in der Systemgastronomie ist alles austauschbar.

Ergebnis: gut, viel und mittelmäßig teuer. Als der Mann hinter dem Tresen die Nudelsorte, deren Namen ich nicht mehr weiß, aus der Papiertüte in das Kochsieb schütte (das Sieb erinnerte als einziges an McDonalds), schoss reflexhaft aus mir heraus die Frage nach weiterem Brot. Aber ich hatte mich geirrt, denn am Ende war ich total voll. Die Bolognesesoße war fein (wir reden von der Konsistenz) und krisselig, so wie das cool ist und auch nicht zu tomatig, also insgesamt total richtig nur: viel zu wenig. Schaut mal auf das Foto. Sieht da einer rot? Ja, schon. Aber eben nicht genug. Ein schöner Schwung extra hat dem Ganzen gefehlt, um spitze zu sein.

Sieben und ein paar zerquetschte Euro für die insgesamt gute Bolognese minus ewiges Anstehen (Mittagszeit) minus Ölflecken und andere Reste auf dem Tisch sind dann aber nur mittelmäßig. Ingesamt: Vor zwölf und nach zwei absolut empfehlenswert. Nur vorher laut ohne Möhren rufen.