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Kategorie: about:Berlin

3 Reasons Why VCs Should Be Banned From Startup Panel Discussions

1. Get more efficient talks

VCs focus on one point: the fact that the business model needs to be profitable. „Is it scalable?“ Everybody has heard this question before and seen how it quashes interesting discussions. The point is clear and understood well. Repeating it on a panel is not efficient or productive to discussions.

2. Preserve the sophistication of debates

I don’t invest in good ideas. I invest when there’s a chance on the market.“ Umm. Yes. VCs frequently offend founders by interrupting sophisticated conversations and by imposing a more “realistic” lens. But: This is not how ideas are created. If you enter a conversation with a fixed view (which is the case for VCs since profit is a rule and not a principle that can be balanced with other principles), then you are wrong in a debate.

3. Avoid submission of founders

Have you ever seen a group of young founders submissively listening to a VC? It’s a little bit like the Stanford prison experiment. Whenever a person is given power over people, they’ll use it. But VCs hide an important truth that gets lost with their façade: it’s not you applying for their money. It’s them applying for your shares. Investing is a (pretty old) business model. Every investor needs good figures on his own balance sheet too. That is why they need to find good founders. Speaking of startups as “targets” implies, the VC is the powerful bird of prey seeking a little grey mouse. But it is the other way around: founders should see themselves as Juliets while VCs are the Romeos that should not say too much stupid stuff under the balcony.

Get connected nevertheless!

Making panel discussions better without VCs doesn’t mean founders shouldn’t talk to VCs at all. Founders don’t get money because they send a perfectly designed pitch deck to some email@vc-address. I haven’t met anybody yet who received funding without more or less having been part of the investors network before. That is the No. 1 step before showing figures. Getting to know someone works best at eye level. Founders should focus on that. It’s beneficial for both. Founders and VCs.

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Die Stadt, die langsam Schatten auf sich wirft

Ich kann Dinge unmittelbar. Ich kann mich auf ein Fensterbrett setzen mit einem Bier und einer Zigarette und dabei rausgucken, in den Himmel, wenn er orange, weiß, gelb, blau, grau changierend ist, ich komme nicht rein, gucke durch das Fenster und sage, ja, man müsste das viel öfter machen, man kriegt das gar nicht so mit, man müsste sich viel mehr Zeit nehmen, man verliert den Blick dafür. Ich mache das oft, ich kriege das mit, jedes Mal, ich habe die Zeit, denn alles andere außer Ich ist egal und ich habe den Blick, nicht changierend, sondern geradeaus aus dem Fenster heraus blicke ich in den Himmel zurück. Unter die Wolke, unter der noch eine kleine hängt, in die Sonne, deren Licht die Wolken vor ihr versengt, auf die Stadt, die langsam Schatten auf sich wirft. Herab. Einfach so. Ohne zu denken, man müsste mal.

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Sklavenhandel 2.0

Der Freund von Max und Louise hatte zu seinem Geburtstag eingeladen und die Getränke wurden knapp, denn es kamen auch die, die nur auf Vielleicht gedrückt hatten. Max und Louise waren schon früh da und mit ihrem Platz zwischen Garderobe und Wohnzimmer zufrieden. Dass man sich das mal klar machen müsse, sagte Max nur halblaut und wies Richtung Wohnzimmer, dass man das echt mal checken muss, dass über all diese Leute hier vollständig ausgewertete Profile bei Apple und Google und so liegen. Er zeigte auf Louises iPhone. Hier! Und dass mit all diesen Profilen Kohle gemacht wird. Aber keiner macht sich das bewusst. Die Leute sagen einfach ja, ich hab ja das und das davon und sehen gar nicht, welchen Preis sie zahlen. Ihre Identität! Max hob die Stimme und den Zeigefinger. Es geht um nicht weniger als einen selbst. Sag ich mal. Die Leute verschenken ihr Ich an die Konzerne. Das ist Sklavenhandel 2.0, Du bist die Ware, die Du hergibst, nicht mal verkaufst, sondern verschenkst. Und anders als die Afrikaner früher werden die digitalen Sklaven noch nicht einmal gezwungen, sich den Amerikanern zu unterwerfen. Willst Du noch ein Bier, rief der Freund von Max und Louise von hinten. Max nickte erleichtert. Ein Glück, dass noch was da ist. Ob Roger noch komme, fragte Louise und Max zuckte mit den Schultern. Kein Plan, ich warte schon die ganze Zeit auf die blauen Häkchen aber er scheint keinen Empfang zu haben. Aber so richtig wichtig sei ihm Rogers Anwesenheit auch nicht. Wer sich so doof anstellt. Versetz Dich mal in die Lage seiner Freundin, Max hob die Stimme wieder an. Da ahnst Du nichts Böses und dann grinst Dich dein Freund auf Tinder an. Wie dumm muss man sein, sich mit dem original Facebook-Profil anzumelden. Ok ich muss. Max wischte die Erinnerung auf seinem Handy zur Seite und gab Louise einen Drücker. Meine Sleep Cycle App sagt, dass ich die längste Tiefschlafphase habe, wenn ich vor zwei im Bett bin und weniger als drei Bier trinke. Schlaf ist mir wichtig. Louise nickte und schaute Max an. Mir auch. Man muss schlafen, bevor man aufwachen kann.

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An alle da draußen – oder: Die Abwesenheit der Zugezogenen führt zu hygienischen Missständen in der Berliner Gastronomie

Jetzt ist auch wieder gut. Den Bloggerinnen fällt keine neue Variante mehr ein, mit der sie die vielen freien Parkplätze pointiert, ein bisschen frech und ohne versteckte Fremdenhassterminologie für ihre Komme-von-hier-wo-Du-hingezogen-bist-Profilierungs-Posts fruchtbar machen können (dass man zur Weihnachtszeit in Berlin ungeahndet queer-parken kann, hat komischerweise noch keiner formuliert aber das hat sich mit diesem Klammerzusatz jetzt auch erledigt).

Sicher: Es ist schön, eure Heimat auf Instagram mittlerweile auch sehen zu können und nicht wie früher, sozusagen damals, sozusagen von kurz nach dem Krieg bis letztes Jahr ungefähr nicht nur aus kryptischen Anleihen zu Dingen, die man hier nicht kennt, aus euren Facebook-Posts und Tweets herauslesen zu müssen. Im Bild ganz vorn: Münster (wie groß ist das bitte und trifft mein digital gewonnener Eindruck zu, dass im Wesentlichen jeder Zugezogene von dort hierher zog?), Biberach ok, Bonn ja gut, Eglisau in der Schweiz war auch dabei und besonders schön; allgemein viele Ort auf „-au“; ein bisschen Thüringen aber relativ wenig. Besonders prägnant (im Sinne von bedeutungsschwanger): je präsenter das Wort „Berlin“ im Username, desto größer die Distanz zwischen Standort des Users und Stadt an Weihnachten.

Jedenfalls bzw. however, wie wir ab nächste Woche wiedervereint sagen: Bevor wir jetzt die Frage aufwerfen, ob die Teilnehmerzahl der Berliner Pegida-Demonstration (fünf) auch was mit eurer Abwesenheit zu tun hat (ich halte das nicht für wahrscheinlich), sollten wir klären, warum sich die Wiederkehr lohnt: Es ist gerade relativ mild und ruhig. Sozusagen schön. Die Wiederkehr wäre zudem ein Akt der Fürsorge: Denn die supply chain stockt. Denkt doch mal nach: Man kann überhaupt keinen Döner mehr essen ohne euch (weil die Spieße genauso dick sind wie immer aber länger drehen müssen, um alle zu werden). Die Abwesenheit der Zugezogenen führt zu hygienischen Missständen in der Berliner Gastronomie. Gastronomie-Astronomie, Raum-Zeit-Kontinuum-mäßig wird klar: Es ist Zeit! Es gibt Raum. Und zwar nicht nur zum Parken. Wenn die Schranken schließen vor den Bahnübergängen eurer Hauptstraßen, wenn es heißt, Achtung, Tür schließt (sagt die Regionalbahn das auch?), dann: einsteigen bitte!

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Ich komme eben nicht aus Neukölln

Ich höre selten zu. Das ist sozusagen immer nur solange der Fall, wie die Dinge was mit mir zu tun haben und das ist selten bei den Dingen, von denen die Leute erzählen der Fall, denn die Leute reden ja im Wesentlichen von sich. Das wissen die Zuhörer am besten, sie sind die, die Fragen stellen, was man ja nur kann, wenn man weiß, worum es geht, also nicht per se, aber damit es gute Fragen werden, Fragen, über die die Leute später sagen, Mann, der kann gut zuhören, damit es solche Fragen werden, muss man schon ziemlich gut zuhören aber ich komme eben nicht aus Neukölln. Ich kann aber nicht nur im Gespräch wenig fragen, sondern kann auch nichts sagen, wenn mich einer fragt, wie ich den Text finde und das Lied auf Englisch ist. Denn aus England komme ich schon gar nicht. Ich verstehe zwar Englisch aber keine englischen Lieder, die gehen so durch, wie wenn einer nicht von mir spricht. Ist ja auch nicht meine Sprache aber das ist glaube ich nicht der Grund. Diese Sprache, in der ich überwiegend, also auslandsaaufenthaltabhängig, nicht denke, sondern, wenn überhaupt, dann mal spreche, wirkt im englischen Lied nur wie ein Zusatzgedudel, als Extraklimbim quasi, das also wie gesagt nur so durchgeht wie die Leute, die im Laufen von sich sprechen und im Café, aber nicht wie Sprache als Zusatz zum Ton, wie wenn ich singe. Also könnte man sagen. Aber ich kann dann ja nichts sagen, sondern immer bloß die Schulter zucken, wenn es um Text in englischen Liedern und die anderen Dinge, von denen ich nicht viel verstehe und vor allem nicht um mich geht.

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Skulptur aus stehenden Kindern

Und dann bist Du plötzlich der Täter. Stehst vor einer Skulptur aus stehenden Kindern. Also sagt man Dir. Aus sechs Kindern, die mit dem Rücken zu Dir mit ausgestreckten Armen an einer Wand stehen. Erkennst Du. Und Du begreifst: Du stehst gar nicht vor, sondern hinter den Kindern, Du bist der Polizist, der auch mit ausgestreckten Armen dasteht. Aber Deine Arme werden schwer von der Waffe, die sie runter ziehen und Deine Finger werden taub, von den Drohungen, die Du rufst. Du zielst auf die Kinder und sie zittern und noch ein letztes Mal für heute kommst Du raus aus dem Moment, denkst kurz an die, die von der Skulptur aus stehenden Kindern und von eindrucksvoll und so sprachen und fragst Dich, was geht mit so einem Mann, der ich gerade bin, was muss passieren, dass der so etwas machen kann, die Kinder schauen Dich nicht an aber Du ihnen in den Rücken und Du assoziierst sie mit Symptomen, warum der Mann bei denen ansetzt, fragst Du dich, wenn doch die ganze Welt von der Bekämpfung von Ursachen spricht und Du erkennst, dass nur Du, der Polizist, der Kreisausbrecher sein kannst: Die Kinder sind zu jung, das, was man System nennt, ist zu diffus, nur Du allein kannst … was machen? Was ist dieses Ausbrechen, von dem alle immer reden? Und dann lässt Dich das, was die anderen Skulptur aus stehenden Kindern nennen, da stehen und nach der Lösung für ein Problem suchen, das Du noch nicht mal richtig fassen kannst und Du erkennst, dass Du nicht von der Skulptur aus stehenden Kindern mal eben für den Moment zu dem Mann gemacht wurdest, der mit der Waffe auf Symptome zielt, sondern dass Du irgendwie seit immer schon dieser Mann bist, und nie ausbrichst, sondern Dich weiterdrehst, wie das Proseccochen in Deinem Kopf, noch eins bitte, und dass Du, seit alles sich irgendwie in den immer selben Bahnen zu drehen begann, wartest, bis Dich was raushaut, rausbricht aus dem Kreis, aber Du drehst dich nur schneller im Kreis, das ist das Glück, dass die nächste Proseccorunde Dir beschert aber nichts haut Dich raus, Du hoffst noch, noch ein Glas, aber es geht schief. Wie bei jedem Dschum. Du machst den Polnischen und stehst wenig später ganz klar da. Vor Dir nur noch die Straße, gerade, auf die sich die gesamte Vernissage verengt, wenn Du erkennst, dass die Straße in beiden Richtungen nicht vor einer Wand endet. Wie Du. Sondern offen ist. Wie das, was gerade mit Dir gemacht wurde. Nicht von einer Skulptur, die irgendwie steht. Sondern von großer Kunst. Die dich bewegt.

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Hinweise: Hier gibt es ein Bild der Skulptur. Daten zur Ausstellungseröffnung: Iris Kettner – Inecht | 11. September 2014 | 19.00 Uhr | Haus am Lützowplatz

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Dass sie das fragen müsse

Dass sie das fragen müsse, hat die Ärztin gesagt und dass sie damit nichts sagen wolle und man das jetzt auch noch gar nicht könne, weil erstmal abzuwarten sei. Wie das und das andere zu verstehen war, fragten wir uns danach. Und ob wir die richtige Antwort gaben. Dann drangen wir nach draußen, vor die Tür auf den Flur, wo keine anderen Besucher waren und Du nicht neben uns lagst wie ein Gegenstand, wie ein Objekt, über das man so verhandelt. Meine Kleine, hab ich Dich am Ende genannt, bevor ich ging. Ich kam noch mal rein, etwas war noch nicht fertig, noch nicht gesagt, noch nicht getan und dann streichelte ich Deine Schläfe und küsste sie dreimal. Ich nahm Deine Hand, als sie am Lacken zog und Deine Finger schlossen sich für ein paar Momente um meinen, ich verstand das als Zeichen von Dir an mich, nein, ich fragte mich, ob ich es als ein Zeichen von Dir an mich verstehen durfte und ich sah Dich an und Deine Augen sahen in die Richtung, aus der der Schlag kam, das sei normal, sagte die Ärztin vorhin, ich hörte Dich atmen, das klang ganz normal und dann piepste das Gerät wieder und dann verstummte es wieder, ich sagte nicht mehr als Tschüß, meine Kleine und dann wollte ich nicht, dass es endgültig klingt, also verabschiedete ich mich auf Morgen und merkte schon, dass ich morgen nicht kann und fügte an, vielleicht auch bis übermorgen und dass ich alles probieren will, was möglich ist, um zu kommen, das werde ich auch, ich versprach es Dir und mir ob es ein Zeichen von Dir an mich war, ich weiß es nicht und das ist auch nicht egal, auch dann nicht, wenn alle behaupten, Du bekämst eh nichts mehr mit, selbst wenn es so wäre, bin ich doch nicht nur für mich da, nein auch für Dich, so wie Du es damals warst, als ich vier, fünf, sechs, sieben Jahre alt war.

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Agavendicksaft

„Mama, ich hab Hunger.“
„Finja, magst Du dem Luca von Deiner Reiswaffel abgeben?“
„Die zwei sind so süß zusammen.“
„Total!“
„Mama, ich mag noch bieler.“
„Dass der Luca das B so mit dem V vertauscht, das finde ich irgendwie … total spannend.“
„Ich hab gelesen, das ist wohl typisch.“
„Aha, interessant. Whow, schau mal da links das Feld. Das sieht ja wahnsinn aus. Fast wie ein Desktophintergrund.“
„Whow! Unser Wochenende auf dem Reiterhof fand ich btw echt megaschön.“
„Ja, ne? Und fast drei Tage komplett offline. Das denkt man echt nicht mehr heute, dass sowas noch geht.“
„Total. Stell Dir vor, was die Leute aus der Kita denken, wenn die bei Whatsapp sehen: zuletzt online Freitag 17:30.“
„Stimmt, witzig. Du, sag mal magst Du dann über die Schönhauser Allee fahren? Die Finja und ich, wir brauchen noch Agavendicksaft.“
„Klar, aber wollt ihr den Luca mit rein nehmen? Dann würde ich kurz eine rauchen.“

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Zurückgeblieben

Ich komme nie nach Hause. Denn ich bin von dort nie weggegangen. Auf dem Land, das habe ich von Bekannten gehört, auf dem Land, da lacht man über Menschen wie mich. Ich habe nie die Welt gesehen. Ich kenne nur den Ort, aus dem ich komme. Ich bin nie draußen gewesen, nie um-, nie ein-, nie ausgezogen. Ich bin nie auf dem Weg nach Hause aus einer Regionalbahn gestiegen und ich habe nie an einem Bahnübergang gewartet, an den ich auch denke, wenn ich mich an die Kindheit erinnere. Ich habe niemandem je Rechenschaft darüber abgelegt, warum ich irgendwann weg bin, kenne keinen, der mir sagt, dass ich älter aussehe, als früher und ich verabschiede mich von niemandem bis nächstes Jahr.

Ich wohnte mal in der Wilhelm-Pieck-Straße und nun, seit kurz nach der Wende, in der Torstraße. Und ich fühle mich zurückgeblieben. Jedes Jahr. Wenn die Bekannten aus der Arbeit und aus dem Park und aus dem Café und aus dem Yogakurs und aus dem Späti und aus dem Ausland sich eine Woche später über die leeren Parkplätze hier und all das austauschen, was sie zwischen den Jahren dort, zu Hause, erlebt haben. Wenn sie kurz vor Silvester, denn dann sind sie alle wieder da, lachen und schimpfen und nebenbei von der Welt erzählen und gemeinsam, darauf kommts an, gemeinsam feststellen, dass es nun auch wieder gut ist und auch wieder reicht und dass es schön ist, wieder hier, wieder zurück, wieder in Berlin zu sein, in diesem Moment fühle ich mich zurückgeblieben. Denn ich bin der, der in der Zwischenzeit hier blieb. Mitten in Berlin. Wartend, nur einen Moment. Bis ich für alle wieder der bin, der von hier kommt. Für mindestens ein Jahr.

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Jesko ist

Jesko ist einer dieser Menschen, die sich über die ständige Verwendung des Wortes Manufaktur aufregen. Jesko mag Männer nicht, die der vermeintlichen Klasse wegen Zigarillos rauchen anstatt Zigaretten. Jesko mag es auch nicht, selbst die Rolles eines sogenannten echten Mannes zu übernehmen. Denn das bedeutet, dass er nur auf der Seite der Badewanne mit dem Metallding sitzen kann, sobald er in einer festen Beziehung ist. Jesko stellt den Wecker so, dass die einzelnen Zahlen in der Quersumme sieben ergeben aber das ist keineswegs ein Zwang, würde er sagen, würde ihn jemand danach fragen, sieben ist vielmehr nur eine harmonische Zahl. Manchmal kann sich Jesko nur noch an die Eselsbrücke erinnern aber nicht mehr an das, woran sie ihn erinnern soll. Jesko gibt immer alles und nie auf. Jesko ist auch schwul. Aber das ist für ihn kein Thema.

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Grillwalker am Alex explodiert

Tommi brauchte eine Story. Ohne Story keine Reportage. Ohne Reportage kein Platz an der Axel-Springer-Akademie. „Eine dunkle, bitte.“ Seit Tagen stand Tommi am Alex, stopfte Bratwürste in sich hinein und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts. In ganz Berlin nicht. Und die Bewerbungsfrist lief. „Kann ich lieber das andere Brötchen?“ Die Geschichte musste Lokalkolorit haben. Das war Tommis Riesenvorteil gegenüber den unzähligen anderen Bewerbern. Den musste er ausschöpfen. „Noch ein bisschen mehr Senf, bitte.“ Es war seine Stadt. Er wurde in Berlin geboren. Er kannte die Ecken und Winkel. Er hatte Zugang zu den wirklich wichtigen Geschichten. Undercover die Probleme kleiner Leute aufdecken wie Peter Zwegert. Oder Günther Wallraff. Das ist es doch, dachte Tommi. „Sag mal,“ Tommi hob die Stimme wieder an, „ist das nicht super heiß da den ganzen Tag mit dem Grill vorm Bauch und der Gasflasche auf dem Rücken?“ Der Grillwalker zuckte mit den Schultern. Man dürfe eben nicht in der prallen Sonne stehen.

Am nächsten Tag stand Tommi selbst auf dem Alex mit einem Grill vor dem Bauch und einer Gasflasche auf dem Rücken. Es könnte doch sein, dachte Tommi, dass alle Grillwalker auf dem Alex in Wahrheit investigative Journalisten sind. Man sieht doch, wie sie durch die Gegend starren und auf eine Geschichte warten. Tommi trat in den Schatten. Grillwalker am Alex explodiert, die Überschrift stand. Unachtsamkeit, ultraorthodox. Bis auf ein U enthielt die Überschrift bereits alle Vokale. Tommis Suche nach einer sprachlich ausgewogenen Ursache war beschränkt.
„Pass uff.“ Tommi spürte einen festen Griff auf seiner Schulter. „Hör zu, Zarter. Das ist ne ziemlich unsichere Gegend hier. Und Sicherheit kostet. Stunde ein Pfund.“ Ein Pfund? Tommi verstand nicht. „Zwanzig Euro, Du Spezialist. Spezialtarif, weilde neu bist. Ick komm in vier Stunden wieder. Dann krieg ick von dir hundert Steine.“ Hundert? „Wegen Aufnahmegebühr. Und jetzt Attacke. Sonst knallts.“

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Der Publizist Chris Wolf war von dieser Geschichte inspiriert und hat aus ihr ein schönes Bild gemacht. (Dankeschön!)

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Teil einer Kategorie

Wann kennt man jemanden nicht mehr? Es gab eine Zeit, da kannte uns niemand so gut wie wir. Wir waren mal ein Paar, liefen fast jede Nacht zusammen die Schönhauser runter. Oft war einer von uns, mal Du, mal ich, so besoffen, dass der andere ihn  halten musste. Wir arbeiteten von mittags bis nachts an unserem Traum. Und dann hast Du diese Kopfentscheidung getroffen, so hast Du sie damals genannt. Einen Monat lang hatte ich Bauchschmerzen, wenn ich an Dich dachte, dann traf ich meinen Mann.

Und irgendwann begann ich, von Dir zu lesen. Erst Berliner Woche dann Tagesspiegel dann Tagesschau. Schauspieler des Jahres. Bekannt dafür, seine Rollen umzuschreiben.

Einmal fragte mein Mann, ob wir in einen Deiner Filme gehen. Er mag den Hauptdarsteller, findet den irgendwie cool. Im Friedrichstadt Palast war neulich eine Premiere und Du liefst über den roten Teppich und ich auf der anderen Straßenseite von der Arbeit nach Hause. Ich wohne immer noch hier. Du mal hier mal da, steht auf Wikipedia. Wie würdest Du mich finden, wenn Du das wolltest? Und warum stellen sich alle Fragen nur in Deine Richtung? Nur-ich-und-Du, nie Du-und-ich.

Ich denke an Dich als entgangene Chance. Wenn man nicht mehr zusammen ist und vom anderen nichts mehr hört, dann vergisst man auch die Eventualitäten. Aber das erlaubst Du mir nicht, wenn Du mich von dem Poster über dem Bett meiner Tochter aus ansiehst. Die Zeit in Berlin habe Dich geprägt, zitiert Dich Spiegel Online. „Damals ist viel Wichtiges passiert.“ Viel Wichtiges. Zum ersten Mal bin ich Teil einer Kategorie. Damals. Sprichst schon von mir aus dem Danach. Würde das auch gerne können. Ab wann kennt man jemanden nicht mehr?

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High Heels und glänzende Leggings

Halb sieben aufstehen. Ich denke mir immer was dabei, wenn ich mich morgens anziehe. Das hängt natürlich von der Stimmung ab. Und oft spüre ich diese latente Morgengeilheit. Und dann will ich, dass man das sieht, erkennt, sich seinen Teil über mich denkt. Halb acht nackt, und dann glänzende Leggings und High Heels, yeah, und ich schaue die Typen an und erst eine Sekunde zu spät wieder an ihnen vorbei. Und dann wird die Frau vor dem Büro von der Straßenbahn überfahren. Und dann stehst Du da. Weißt nicht wohin, kannst nicht zurück, zitterst am Tisch und verdrückst die Tränen vor den Kollegen nicht, lässt sie raus, aus Dir heraus, von innen kommen sie, aus dem Inneren, fallen auf das Äußere, fallen drauf, prallen von der Leggings ab, von der Leggings und ihrem Glanz, der halb neun mit Dir nichts mehr zu tun hat.

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Bettenturm

Die Klingel des Aufzugs macht keinen Klang. Einen Ton schon. Aber der ist so hell, dass er eher ein Leuchten ist.

Ich bin seit fast fünf Jahren im Bettenturm der Charité. Ich laufe viel, denn zwischen der Information und der Lieferantenauffahrt gibt es keinen Aufzug. Nur eine halbe Treppe nach unten.

Ich wasche mir oft die Hände. Denn mir kommt hier mit der Zeit alles immer schmutziger vor. Keinen Türgriff kann ich anfassen ohne Ekel. Und wenn ich mal auf die Publikumstoilette gehe, weil unsere wieder kaputt ist, dann spüle ich die Pisse der Besucher aus dem Pinkelbecken, damit sich meine eigene nicht mit ihr vermischt.

Unsere Intensivstationen sind nicht nach Krankheiten sortiert. – Falsch: Nicht unsere. Es sind die Intensivstationen der Charité, die nicht nach Krankheiten sortiert sind. Immer wieder mache ich diesen Fehler. Und manchmal, wenn ich mit dem Gefühl, kein externer Dienstleister zu sein, sondern dazu zugehören, den Satz wie aus der Pistole auf einen Besucher abschieße, dann lachen die umstehenden Ärzte und Schwestern mich aus. Nicht laut. Aber ich sehe es um den Mund.

Vorhin nickte der Bezirksleiter Nord-Ost mir vom Aufzug aus zu, bevor er nach oben fuhr. Unser Auftrag wurde neu ausgeschrieben. Ob Securitas ihn noch mal bekommt ist unklar. Aber in einem Technikpark in Weißensee ist eine Nachtschicht frei geworden.

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Clärchens Ballhaus (H 4)

Heimkehr
in fünf Szenen.

< Personen

FRANZ
ANDRES
HANDWERKSBURSCH
CHINUKKIN
LOCKIGE FRAU
BLACKY-OLLE
MILF >*

* Personenverzeichnis vom Herausgeber. Der Dramentext folgt der letzten überlieferten Handschrift H 4. Namen sowie Figurenbezeichnungen wurden nach Maßgabe von H 4 vereinheitlicht. Veröffentlichung des fragmentarisch gebliebenen Manuskripts auf Anregung Georg Böhms:

***

1. Szene

Der Zapfenstreich geht vorbei, Andres voran.

ANDRES. Siehst Du die Chinukkin dahinten? Auf 17:00 Uhr. (…) Von mir aus gesehen. Alter. Nicht 19, sondern 17, Junge.
FRANZ (nach einer Pause). Krass. Optik Alter.
ANDRES (geheimnisvoll). Hammer Fahrgestell. Wie bei Youporn.
FRANZ. Ich sag dir, die Asia-Weiber gehen richtig ab.
(Arbeitslücke von ein bis zwei Leerzeilen)
HANDWERKSBURSCH. Aber da weißt Du auch nicht, was Du dir einfängst.

2. Szene

Buden. Lichter. Volk.

HANDWERKSBURSCH (starrt in die Gegend). Alter, die mit den Locken dahinten.
ANDRES. Lecker, Orient-Style.
FRANZ. Alter, vergiss es Mann. (Ihn ansehend mit Ausdruck.) Wer hat schon Bock auf Achsel.
HANDWERKSBURSCH. Was?
FRANZ (keck). Na wegen Jungfrau bei der Hochzeit.

3. Szene

Es kommen Leute.

FRANZ. Guck mal da, die Blacky-Olle.
HANDWERKSBURSCH (tritt vor ihn). Das ist ein Arsch.
ANDRES. Und wie die tanzen kann.
HANDWERKSBURSCH. Ja aber Du musst sehen: Die hatte definitiv schon mal einen Schwarzen.
ANDRES (verschüchtert). Stimmt.
FRANZ (verstimmt). Definitiv gesperrt, die Alte.

4. Szene

Wirtshaus.
Die Fenster offen, Tanz.
Bänke vor dem Haus.

HANDWERKSBURSCH. Ey, die Milf da hat mich gerade krass angestarrt.
FRANZ. Ist die geil. (Mit Würde.) Solche Weiber gibt’s nur in Clärchens Ballhaus, sagt auch mein Cousin.
ANDRES. Ja Mann. Aber sie ist deutsch.
HANDWERKSBURSCH (pfiffig). Milfs sind immer deutsch.
FRANZ (fährt fort). Dafür schieben sie dir direkt den Finger rein.
ANDRES. Bist Du schwul im Gesicht?

5. Szene

Nacht.

HANDWERKSBURSCH. Das Wichtigste bei den Weibern ist, dass sie mir nicht auf die Air Max treten.
ANDRES (nach einer Pause). Ja Mann, Tanzfläche ist mir auch zu gefährlich.
HANDWERKSBURSCH. Was sagt die Uhr?
FRANZ (Zieht großartig und gemessen eine Uhr aus der Tasche). Dreiviertel. Ich hab krass Hunger.
ANDRES. Lass mal zu McDonalds, die Weiber sind eh scheiße (ab).

 

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Schweinemensa

„Ich habe mit ihm geschlafen.“
„Was, bist Du jetzt schwul oder was?“, meine Freunde lachten und ich erklärte:
„Es heißt das Mädchen, also habe ich mit ihm geschlafen.“

*

Wenn ich vor meinen Kommilitonen von der Fachschaft Germanistik der HU die Gespräche mit meinen Freunden von zu Hause nachspreche, dann sage ich oft, dass die meisten meiner Freunde sicher nicht mehr meine Freunde werden würden, wenn ich sie heute kennenlernte.

Ich benutze diesen Gedanken seit Jahren in Gesprächen, um zugleich von meinen Wurzeln in Zwickau und meinem aktuellen Stand zu erzählen. Und meine Kommilitonen verstehen das. Wir reden dann über die Entwicklung von Menschen und von dem guten Gefühl, das einem die alten Freunde immer noch vermitteln, wenn man sie sieht. Rückkoppelung. Bodenhaftung. Dass man sich bei ihnen wohlfühlt, nicht viel reden und argumentieren muss, sondern auch mal nur fernsehen kann oder kiffen. Dass man ihnen die Doofheit verzeiht und sie einem die oberlehrerhafte Agitation. Dass es gut ist, alte Freunde nicht zu verleugnen und zu ihnen zu stehen.

Aber das tue ich gar nicht. Was wir bei alledem übersehen ist, wie illoyal ich bin. Als ich neulich mal wieder in der Schweinemensa sitzend kokettierte, dass meine alten Freunden heute alle nicht mehr meine Freunde werden würden, fiel es mir auf.

Wir analysierten: Indem ich so etwas sage, stehe ich nicht zu ihnen, sondern erkläre, dass sie stehengeblieben sind und dass nur ich mich weiter entwickelte. Schlimmer noch: ich stelle es auch als einen Akt meiner Großherzigkeit, meiner Toleranz und meiner Offenheit dar, dass wir immer noch befreundet sind. Dass ich mich vor den Kommilitonen schäme für die Freunde, schlug Lena von der Fachschaft Psychologie als Begründung vor und sie hat Recht, es ist wahr. Warum ich die Freunde nicht einfach unerwähnt lasse, fragte Lena. Aber so edel bin ich nicht, gestand ich. Ich schlage zugleich Profit für mich aus dem Zufall, die Freunde zu kennen. Ich rücke sie immer wieder neben mich und in ein schlechtes Licht, nur um mich, meinen Gang nach Berlin und den Aufstieg zu den coolen Menschen noch deutlicher strahlen zu lassen. Und Lena übersetzte: Ich schiebe mich damit nach außen, aus dem Kreis meiner alten Freunde heraus auf die Metaebene unserer gemeinsamen Zeit.

Dass ich mich nicht mehr ihr Freund nennen darf, seit ich nicht mehr unter ihnen bin, sondern nur noch daneben, dass ich nicht mehr wiederkommen darf, habe ich bei meinem letzten Besuch in Zwickau erklärt. Mann was laberst Du und: wer baut, der haut, hat mich Danny dann belehrt.

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Ex-Berliner (Darum)

Wie lange ich weg sein würde, hatte Max mich am Flughafen Tegel gefragt und ich konnte nur lächeln, nicht nach außen, so dass er es sah, sondern nur nach innen, sodass ihn mein Blick in Ruhe lies in dem Glauben, wir hätten uns in den letzten vier Jahren kennengelernt. Es war der falsche Weg, der nach Deutschland, das ist mir heute klar, aber was ist der richtige? Der zurück nach Astana? Ich war zwei Jahre lang die Vorsitzende der Informatik-Fachschaft an der TU-Berlin. Einmal war mein Gesicht sogar auf dem Titel unseres Unimagazins. Knallrote Lippen und Regelstudienzeit, das gefiel den Verantwortlichen. Meine Freunde und ich, wir tranken Vodka im Puro, kauften Kettchen auf dem Kudamm, standen, rauchten saufend, laut und tanzend und dann verliebten wir uns. Max und ich. Oder so. Einmal im Jahr zum Ausländeramt, einmal im Jahr sagen, dass wir auch vorhaben, zu heiraten, einmal im Jahr ach, sie können aber gut Deutsch, einmal im Jahr Danke-sagen und durchatmen, noch mal verlängert, einmal im Jahr kein Rausschmiss. Und dann bin ich doch gegangen. Zwei Jahre ist das her und in Kasachstan, da machen wir keine langen und kleinen Schritte wie die Deutschen mit Abitur, Studium, erste Liebe, Job, zweite Liebe, zweiter Job und so weiter, nein, in Kasachstan sind die Schritte groß und kurz, Heirat, Baby. Ich hatte Jurij noch als Kind auf einer Hochzeit kennengelernt.
Wie lange ich weg sein würde, wollte er damals am Flughafen in Almaty wissen und als ich zurückkam, sah er immer noch ganz okay aus und seiner Familie, der geht es gut und ich bin auch in dem Alter, also finde ich, und dass er seine Eltern zu uns geholt hat, damit ich tagsüber nicht allein bin, hat er sicher gut gemeint und das Kopftuch, das trage ich nicht, um mich vor anderen Männern zu verstecken, sondern darum, weil wir das hier so machen.
Von der Pergola Richtung Feld kann ich es sehen, das Schütteln der Köpfe meiner Freunde in Berlin, wenn sie von meinem Leben hier erfahren würden und das Schütteln der Köpfe meiner Freunde hier in Kasachstan, wenn sie von der Zeit in Berlin wüssten. Aber was weder die Deutschen noch die Kasachen beim Schütteln ihrer Köpfe sehen, das bin ich.
Wie lange ich weg sein würde, habe ich mich gestern Nacht gefragt. Wohin noch mal zurück?

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Fussi, Schlesi, Görli, Kotti, Taxi

Also: ich hab den ganzen Tag gepennt. Und abends war ich erst beim Fußballtraining in Spandau und wusste schon, dass ich deshalb zu dem Geburtstag von Thao am Schlesi nicht pünktlich kommen würde aber ich war echt lange nicht mehr beim Fussi und ich wollte Präsenz zeigen, das Problem war nur, dass ich vorher noch eine Seite ausdrucken musste aber beim Drucker war der Druckschlitten blockiert, sodass ich am Ende erst halb acht beim Training war. Aber war alles okay und Rashid hat mich danach mit zum S-Bahnhof genommen und die S-Bahn kam auch gleich, zehn nach zehn war ich bei Thao in der Bar und Hakim sprach mich mit Namen an, ich kannte ihn noch aus der C-Jugend, also: er war damals B-Jugend und gehörte zu den Großen, ich hätte nie gedacht, dass der sich an mich erinnert, ihm gehört jetzt die Bar, ich war so von Spandau nach Kreuzberg? und er so ja, wegen Geld. Ich kannte auf dem Geburtstag dann eigentlich keinen weiter, da waren nur Kiffer mit breitem Grinsen, sone Leute, die so wackeln, wenn sie lachen und die die Schultern dabei hochziehen, mit solchen Leuten kann man ja nicht reden, obwohl das zu wissen natürlich das Gute ist an denen, denn bei anderen Gesprächen bleibt das ja manchmal stundenlang verborgen, dass sie umsonst sind. Ein Mädel mit abrasierten Haaren war ganz geil, die hat mich die ganze Zeit angeguckt aber ich wollte halt auch echt nicht so einen intense talk und was anderes wäre bei der nicht drin gewesen, also bin ich nach ein paar Zigaretten und zwei Bier kurz vor zwölf weiter. Von den fünf Leuten, denen ich geschrieben hatte, antwortete nur Manon, sie war in einer Bar am Görli, also ging ich die Skalitzer runter und dann guck ich in sone Tür rein von sonem Club und da seh ich plötzlich Joao, den hatte ich seit Jahren nicht gesehen und ich ging so rein und war so Hey Joao und dann dreht sich der Typ neben ihm um und das war Holger und ich kam gar nicht klar, die beiden haben gerade ein Brett an die Wand geschraubt und dann sagte Holger, dass das sein neuer Club ist und Joao die Tür macht, dann führte mich Holger noch rum, gab mir ein Bier, das aus Bayern kam, und dann rauchten wir noch, es war gerade halb eins und als wir uns über Körperspannung und Bänderrisse unterhielten rief Manon an und warf mir vor, dass man ja wohl keine dreiviertel Stunde vom Schlesi zum Görli bräuchte, also ging ich weiter und dann hingen wir da in dieser Bar am Görli ab aber die haben bald zugemacht, die lesbische Freundin von Manon war auch da, die ist ganz nett aber die hat nicht besonders viel mit mir geredet. Ich hatte auf Rosi’s dann keinen Bock mehr und dann ging ich zur Sparkasse am Kotti vor, wollte Geld holen fürs Taxi aber dann fiel mir vor dem Automaten stehend ein, dass Isaak neulich sagte, dass er jetzt in einer WG am Kotti wohnt und dann rief ich ihn an und die Bude war genau gegenüber von der Sparkasse, ein Junkie lag auf der Treppe zum ersten Stock und drinnen war der Teppich rausgerissen, Nektarios, den ich vorher noch nicht kannte, fing irgendwann an mit seinem Akkordeon und der Bruder von Isaak, also der kleine, spielte Oboe dazu, Isaak kam am Ende mit Gitarre und Gesang und die anderen und ich, wir schlossen den Kreis um die Kugellampe und ohne Kiffen kommst Du aus soner Nummer ja nie raus und Isaak so: you were here last night, you were driving circles around me und auf einmal funktionierte das nicht mehr mit dem Ablenken und sie war doch wieder da, die Erinnerung an Özlem und ihre behinderten fake-Argumente gestern Nacht und dann war ich froh, dass das Taxigeld schon im Portemonnaie war, hab auf 14 Euro aufgerundet, weil Ümmet siebzig gefahren ist.

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Startup-Amt

„Herr Kaminski, bitte.“ Kaminski war aufgeregt. Nach dem Umzug von Köpenick nach Mitte wechselte die zuständige Arbeitsagentur und mit ihr die zuständige Sachbearbeiterin.
„Tach-schön.“ Kaminski trat ein.
„Guten Morgen, Herr Kaminski, setzen Sie sich.“ Die Sachbearbeiterin schien Kaminski wohlgesonnen. „Herr Kaminski, mein Kompliment zunächst. Nicht viele Langzeitarbeitslose trauen sich, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ich habe ihren Brief erhalten. Erzählen Sie mal.“
Kaminski räusperte sich. „Also. Ich habe nach der Schule eine Ausbildung zum Elektriker gemacht. Dit war noch zu DDR-Zeiten. Aber da gibt’s heutzutage keine Anstellung mehr. Und da habick mir jetzt jedacht, nimmste dein Schicksal selbst in die Hand und machst dich selbstständé, wa. Ick sag ma Elektroinstallation oder sowat.“
Die Sachbearbeiterin lächelte. „Verstehe, Herr Kaminski. Sie wollen ein Tech-Startup gründen.“
„Ein wat?“
„Da sind Sie bei uns genau an der richtigen Adresse, Herr Kaminski. Die Arbeitsagentur-Berlin-Mitte ist auf Startups spezialisiert.“
Kaminski nickte.
„Also!“ Euphorisch band sich die Sachbearbeiterin die Haare zusammen. Sie nahm ein Blatt zur Hand. „Schauen Sie mich an.“ Die Sachbearbeiterin fokussierte Kaminski. „Scharf?“ Kaminski stockte. „Ich frage nur. Unsere Gutscheine für Hornbrillen sind fast alle. Die gehen unter den Gründern weg wie warme Semmeln.“
Kaminski flüsterte. „Ne danke, allet scharf.“
Die Sachbearbeiterin lehnte sich nach hinten zum Regal. „Hier, Karo-Pullis hat man nie genug.“ Kaminski steckte den Pulli in seinen Eastpak.
„Herr Kaminski, haben Sie sich schon eine Social-Media-Strategie überlegt?“
„Eine Strategie?“
„Ja, Facebook, Twitter. Sind Sie schon dabei?“
„Also …“ Kaminski verschob sein Gewicht von der rechten auf die linke Pobacke. „Waren da auch Formulare in dem Ständer?”
Die Sachbearbeiterin verdrehte die Augen. „Herr Kaminski, ich sehe schon, da fangen wir ganz von vorne an. Aber keine Sorge …“ Sie lächelte mütterlich. „Dafür heißt das ja Startup.“ Kaminski lächelte zurück. „Gleich morgen beginnt unser A1-Kurs WordPress-Bloggen für Late-Adopters.“
„Für wat?“
„Für Sie!“
„Dit is aber nett!“
„Gern, Herr Kaminski. Willkommen in Mitte!“

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