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Kategorie: Blog-Prosa

Laufsocke

„Laufsocke!“, Marcel schrie über den Platz. Die Gruppe, die gerade aus der Fortress Map kam, hatte er schon seit dem Morgen auf dem Kieker. Mit einer Bundeswehrgeste versammelte der Anführer der Gruppe die Mitglieder um sich und ließ sie die Schutzhülle über den Lauf ziehen. Der Anführer nickte Marcel zu und Marcel lächelte, aber nicht ohne seine Erleichterung verbergen zu können.

„So, ick entscheide hier über richtig und falsch, vastehta?“ Die Gruppe, der Marcel gerade die Einweisung gab, war zum Junggesellenabschied im Paintball Park. „Juet, kriegen wa trotzdem hin.“, sagte Marcel. „Dit mit der Laufsocke is die zweite Regel. Sehik euch wie ihr ohne aus der Map kommt, ich sae euch, es gibt nur eine Verwarnung. Danach is die Ecke ab.“ Marcel zeigte ein Exemplar der lilafarbenen Verwarnkarte hoch, an deren vier Ecken jeweils rot 5 Euro stand. „Wenna die nicht unbeschädigt abgebt später– wissta selber. Und die dahinten“, Marcel zeigte auf die Gruppe aus der Fortress Map, „die haik jetzt erstma uffn Kieka. Nich dassa mich falsch versteht, wir wollen uns an euan Fehlern auch nicht bereichern. Wir spenden dit. Ick will nur, dassa sicher seid.“

„So, dit hier is keen Gewähr. Das ist der Markierer. Dit is dit Modell Combat. Einsteigervariante. Wenn es losgehen soll, ist hier die Sicherung, sehta, wenn ick dit drücke, is rot. Wissta, steht für Gefahr. Deshalb außerhalb der Map immer Laufsocke. So. Dit ist der Abzug, hier oben dit is der Kopper, wie ein Magazin quasi, da kommen die Paintballs rein. – Wer markiert zum ersten Mal heute?“ Bis auf einen hob die gesamte Gruppe die Hand. „Ok, wichtig, Rückstoß brauchta keine Angst haben. Hat dit Gerät nicht. Ist ja ken Gewehr. Is sowieso so: Wir sind hier nicht im Krieg, verstanden Männer? Gibt immer wieder so Experten. Kriegsverherrlichung und so, da distanzieren wir uns von. Dit ist Sport.“

„Und was war die erste Regel?“ Marcel guckte den Hemdträger enttäuscht an. Keine Gruppe kommt ohne einen, der sich aufspielt aus. Da lachten die Teilnehmer. Hinter Marcel nahm ein dem Gesicht nach etwa Sechzehnjähriger seinen Scharfschützen-Tarnanzug aus dem Kofferraum und zog sich an. „Damit müssta rechnen“, sagte Marcel. Deshalb Regel Nummer eins. In den Maps immer dit Visir aufm Kopf und wennik aufm Kopf sage, ne, Herr Schlauschlau“, Marcel guckt den Hemdträger an, „dann meine ick vor dem Gesicht. Nicht locker hierso aufm Kopf, ick sae nur Augenlicht. Dit ist für den een oder anderen ja, na wissta.“

Hinter Marcel ging der Sechzehnjährige in die vom Wind leise raschelnden Laub-Imitate seines Anzugs gehüllt auf die Woodland Map zu.

„Ey aber Sven“, Marcel rief ihm hinterher. „Nicht wieder…“, Sven hob den Lauf seines Markierers, um Ja zu sagen. Marcel wandte sich zur Gruppe vor ihm zurück. „Noch Fragen?“

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Kritik: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch (Michelle Steinbeck)

Nur zwei Halbsätze zu viel hat das Buch, auf Seite 28 stehen sie hintereinander nur von einem Semikolon getrennt.

Man muss jederzeit konzentriert sein, sonst verliert man sich, nicht so, wie man sich durch einen Text verlieren soll, man verliert sich nicht in dem Text, sondern man verliert den Text, doch jederzeit konzentriert gelingt mir nicht, ich bin endlich krank genug, um tagsüber zu Hause sein zu müssen, liegen zu können, so, wie man eben liest, abgesehen von krank. Und deshalb, wegen krank, das ist das einzige, muss ich hier und da zurück und finde Sätze, an denen ich ohne Konzentration schon vorbei gelesen hatte.

Ich wollte ans Ende noch die Bemerkung setzen „Aber!“. Aber muss sie denn wirklich jedes Eszett durch ein Doppel-S ersetzen? Das ist wie konsequent klein schreiben. Drückt entweder etwas aus, das nicht relevant ist oder drückt aus, es nicht zu können. Aber dann ist mir aufgefallen, dass das nichts mit dem Buch zu tun hat. So wenig, dass sich da offenbar keiner wegen gestritten hat. Guter Verlag.

Zusammengenäht wie ein Road Movie

Das Buch ist Bilder, zusammengenäht wie ein Road Movie durch ein Ziel, von dem von Anfang an klar ist, dass es vielleicht nicht da ist, durch einen Koffer und was in ihm ist und tritt und ruhig gehalten wird auf dem Weg irgendwohin, durch jedes der Bilder sticht dieses Ziel sich durch, im Kreis bis an den Anfang, zur Unklarheit zurück.

Nur zwei Halbsätze zu viel hat das Buch, auf Seite 28 stehen sie hintereinander nur von einem Semikolon getrennt.

Buff. Und dann sitzt sie plötzlich neben einer Künstlerin ohne Kunst und sie fangen an zu erzählen und es ist wie durchatmen, alles anders, der Ton wird weich, ein Bild, ein Manuskriptteil, zu dem sie den Übergang nicht hinbekommen hat, ein Bild, durch das der rote Faden nicht sticht, und der Koffer und was in ihm war und trat und ruhig gehalten wurde ist da schon eine Weile weg.

Staunen und Scham zugleich

Die andere spricht es aus, von verloren spricht sie und dich überkommt so eine Ahnung, wofür das alles steht, wofür ein Koffer, den eine mit sich rumträgt und in dem es tritt und den sie verliert steht und es ist wie Staunen und Scham zugleich, dass dir das nicht vorher klar war. Zum Glück geht Lesen allein, denkst du und schämst dich schon wieder, schämst dich dafür, dass es dir zuerst darum geht, beim Danebenliegen, dabei, was wichtig ist, zu übersehen, unentdeckt zu bleiben. Du korrigierst dich, denkst wieder an das, wofür der Koffer steht, nicht für was Gutes, und aus dir käme die Träne, wenn Du dürftest, aber du wirst nicht gelassen, nicht allein, nicht von der Erzählerin, denn sie will weiter, will, dass Du weitergehst, wie sie in diesem Moment, dem einen, in dem sie sich falsch entschieden hat.

 

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Portrait: Kai

Er sah mich an, als sitze ich auf seinem Platz. Dann setzte er sich doch. Kai biss von der hinteren Seite ab, denn das Fleischpad hatte sich bei den ersten zwei Bissen hinten durch die Hälften geschoben. In seinen Händen sah der Cheeseburger winzig aus und die folgenden auch. Kai nahm die Kaufland Cola aus der Bundeswehrtasche. Er war so groß, dass der Geruch aus seinen alten Nike Schuhen auf dem Weg bis zu seiner Nase verflogen, jedenfalls so dünn geworden sein muss, dass er ihn nicht mehr störte. Kai nahm seinen Kopf in beide Hände und drehte ihn, einmal links, einmal rechts, das Kinn leicht nach oben. Dabei sah er mich an. Auf Kais T-Shirt war ein Star Wars Kämpfer. Kai spielte auf der gesamten Fahrt zwischen Erfurt und Halle auf seinem iPhone 6 Plus ein Spiel, das machte, dass Kais Kopf wippte. Als jemand anderes unsicher war, ob er auf einem reservierten Platz sitzt, sagte Kai, der Zug hält zwischendurch ja nicht an und lächelte mit einer Tendenz von besserwisserisch weg hin zu lieb. Man hat so ein Bild von Kai, wenn man ihn so sieht. Nur ob es das richtige ist, weiß man nicht. Und mit man meint man ich.

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Wir wollten eigentlich nur ein Zeichen setzen

Nur weil Smith aus Altersgründen ausgeschieden ist und ich jetzt hier schön seine Vertretung machen darf, bis die Nachfolge geregelt ist. Der feine Herr Cameron macht vorne einen auf staatstragend und wir aus der Regierungsverwaltung sollen den Antrag formulieren. Wenn wir wenigstens einen Vordruck hätten.

Wir müssen das jetzt umsetzen, obwohl wir das eigentlich gar nicht wollen. Stellen sie sich das doch mal vor. Ich sitze hier und soll den Antrag für den Austritt aus der EU schreiben und will das doch gar nicht. Wie wenn man seinen Hund einschläfern soll, weil einer sagt, man muss.

Ich meine ja, okay, ich habe auch für den Brexit gestimmt. Das haben meine Freunde auch so gemacht. Aber wir wollten eigentlich nur ein Zeichen setzen, letzte Woche, als noch alles okay war. Dass die Herren Politiker da oben auch mal was ändern. Was weiß ich denn, was die EU macht und was nicht. Sieht doch jeder, dass alles ganz okay ist. Ich wollte eben nur, dass die nicht denken, sie können sich mit uns alles erlauben.

Es kann doch nicht sein, dass man was machen muss, was man nicht will. Also vor allem nicht mit solchen Folgen. Mein Schwager aus Deutschland hat im Familien-Chat auf Whatsapp geschrieben, dass er genau aus diesem Grund aus der DDR geflohen sei.

Ich habe mir zwei Lösungen überlegt. Erstens, wir Briten könnten doch sagen, dass wir das nicht mehr wollen. Bei 64 Millionen Einwohnern müssten das 32 Millionen und einer machen, das ist ein Kraftakt, okay, aber angesichts der Angst, die jetzt alle haben, wäre das sicher machbar. Meine Neffe aus Frankreich sagt, das Ergebnis der Wahl hat einen Krieg verhindert. Die ganzen Populisten würden in Europa nur Zulauf haben, weil es den Menschen zu gut gehe. Wenn sie mehr Angst hätten, wie nach einem Krieg, würden sie wieder für die Einheit sein und für ausgewogene Meinungen. Soweit dürften wir ja wohl sein.

Zweitens, die Wahlstimme anfechten weil sie jetzt doch nicht 350 Millionen Euro die Woche in unser Gesundheitssystem einzahlen, so wie das auf dem Bus stand. Ist doch Betrug. Oder? Aber ist meine Beteiligung an dem Referendum ein Vertrag zwischen mir und den Populisten, den ich wegen Betrugs überhaupt anfechten kann? Das wusste mein Neffe aus Frankreich nicht. Mein Schwager aus Deutschland hat gesagt, er würde seine Mitarbeiter das mal prüfen lassen aber das könne dauern. Wir sollen dass dann gemeinsam besprechen, wenn er meinen Neffen nächsten Monat in Frankreich besucht. Aber nur per Skype. Falls die EU-Roaming Verordnung für mich dann nicht mehr gilt. Und dann schickte er noch eine Whatsapp. Wenn ich fliehen müsste, könne ich bei ihm unterkommen.

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Narcos – Netflix

Es war an einem Morgen. Ich weiß nicht mehr genau wann. Ich wollte eigentlich nur eine Folge zum Frühstück gucken. Alle sprachen davon. Nachdem ich das Frühstück gegessen hatte, blieb ich sitzen. Die ersten zwei, drei Folgen, vielleicht waren es auch fünf, waren eigentlich langweilig. Ich war jedes Mal kurz davor aufzuhören. Ich verstand nicht, was alle daran fanden. Irgendwann am Nachmittag ließ der Mittagshunger nach. Ich hatte nicht vergessen, dass ich eigentlich den Tag nutzen, dieses Buch lesen wollte. Aber das kam mir so unwichtig vor, wenn ich anstelle dessen doch die Hintergründe des Drogenkrieges um Pablo Escobar verstehen konnte.

Am Ende jeder Folge gab mir Netflix automatisch die nächste. Ich begriff, dass die Untertitel, wenn die Schauspieler Spanisch sprachen, nur dazu dienten, meinen Blick geradeaus zu zwingen, mich nicht abschalten zu lassen, gedanklich, kein Blick links oder rechts. Aber es war mir egal. Nur weil Dich einer verarscht, bedeutet das doch nicht, dass Du sein Zeug automatisch nicht mehr wollen darfst. Ist doch nichts dabei. Wenn man das selbst entscheidet.
Als es draußen dunkel wurde, fühlte sich mein Bauch flach an. Ein bißchen Abnehmen schadet nicht, dachte ich. Und dann waren die Folgen alle, die Staffel vorbei, nichts mehr übrig. Ich durchsuchte das Folgenarchiv, nichts, auf Wikipedia stand, dass es nur eine Staffel gibt. Das war definitiv. Der Fernseher blieb schwarz.
„Akkustand niedrig – In Stromsparmodus wechseln?“, meine Hand zitterte. Unterzuckerung. Das Handy ging aus, als ich gerade einen der pinkfarbenen Foodora-Fahrer auf den Weg zu mir schicken wollte. Alles schwarz. Ich schlief. Alles schwarz.
Heute würde ich so etwas nicht mehr machen. Aber wenn mich einer fragt, sage ich, dass es eine Zeit gab, in der das halt so war. Wir haben viel ausprobiert. Und ich bin dankbar für die Erfahrung.

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Der Text hat im Februar hier gewonnen (sagte jedenfalls Diether, ich konnte nämlich nicht kommen).

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Ein guter Kontakt

Ja, ich habe auch keinen richtigen Bock auf ihn. Ich meine, wie er manchmal labert, so geschwollen und er hat jetzt das und das und er kennt den und den und wenn Du irgendwas sagst, dann ist das bei ihm auf jeden Fall krasser. Aber er ist halt ein guter Kontakt. Das ist was anderes. Und man muss auch immer sehen mit der Zukunft. Ich meine, Du weißt nie, wann man da mal anruft, weißt Du? Man sieht sich halt immer zweimal im Leben und da ist das halt gut, wenn das nicht das erste Mal ist. Verstehst Du? So kaltakquise-mäßig. Und nein, ich finde nicht, dass das richtig ist, dass man immer nur mit Freunden abhängen sollte. Also klar, er ist ein Spast. Aber wenn man immer nur macht, was man für richtig hält, dann weiß man am Ende auch nicht, wo man steht. Verstehst Du? Man muss sich doch irgendwie absichern. So networkmäßig. Also netzwerken. Aber jetzt auch nicht so im Sinne dieser Löcher im Netz, durch die die kleinen Dinge immer durchfallen, sondern so wie die Schnüre, Stärke durch Knoten oder sowas. Sowas schützt ja auch, wenn man mal auf der schiefen Bahn nicht so hundertprozent performt und dafür muss man eben auch mal in den saueren Apfel beißen. So im übertragenen Sinne. Ich meine, es geht doch nur darum, mal ein Bier mit ihm zu trinken. Das ist doch nicht so, dass man sich da gleich total verleugnet. Das finde ich ein bißchen zu heavy, wenn man das so sieht.

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Die Stadt, die langsam Schatten auf sich wirft

Ich kann Dinge unmittelbar. Ich kann mich auf ein Fensterbrett setzen mit einem Bier und einer Zigarette und dabei rausgucken, in den Himmel, wenn er orange, weiß, gelb, blau, grau changierend ist, ich komme nicht rein, gucke durch das Fenster und sage, ja, man müsste das viel öfter machen, man kriegt das gar nicht so mit, man müsste sich viel mehr Zeit nehmen, man verliert den Blick dafür. Ich mache das oft, ich kriege das mit, jedes Mal, ich habe die Zeit, denn alles andere außer Ich ist egal und ich habe den Blick, nicht changierend, sondern geradeaus aus dem Fenster heraus blicke ich in den Himmel zurück. Unter die Wolke, unter der noch eine kleine hängt, in die Sonne, deren Licht die Wolken vor ihr versengt, auf die Stadt, die langsam Schatten auf sich wirft. Herab. Einfach so. Ohne zu denken, man müsste mal.

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Auf Keinsten

Maximal zwei Finger breit ist das am hinteren Ende und nach vorne hin wird es immer dünner, spitzer sozusagen, und ist dann ganz vorn so richtig spitz. Und so als Dreieck aus dem Laib heraus legen die das Stück Käse in die Folie und schweißen das dicht. Und so kommt es dann ab in die Theke und ich frag mich, wieso. Das ganze Internet spricht von user experience aber die Käseindustrie sagt einfach ne, auf keinsten. Deutschland erhebe Dich, will man rufen wie es neulich bei der Maut, beim Mindestlohn und bei der Rundfunkgebühr gerufen wurde, ob dafür oder dagegen, das weiß ich jetzt nicht mehr so genau aber das ist auch egal, denn die Kernfrage lautet: Wie soll man von diesem Dreieck eine Scheibe abkriegen? Mein Denken ist scheibenmäßig, also Käse betreffend, Brötchen, Butter, was drauf. Ende der Durchsage. Aber wie soll ich denn von diesem Dreieck eine Scheibe abkriegen. Man nennt das Salami-Taktik, sie machen uns nach und nach mürbe aber die da oben backen keine kleinen Brötchen, nein, mal sehen, was sie als nächstes zusammenwürfeln, Feta-Käse statt Drachme, Sie sagen es, Herr Kommissar, aber auch in Bayern trinkt man jetzt Bier nicht mehr aus blauen Kisten, sondern Sternburg, die innerdeutsche Warenverkehrsfreiheit machts möglich. Prost. Mahlzeit. It’s cosmic, ruft Ötti der Elefant aus dem Ötztal über die verschneite Grenze und das ist nicht das erste Mal.

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Urlaubssoziologie (mega meta)

Man geht dann zu so einem Bäcker und bestellt sich so ein kleines süßes Teil, das sucht man sich aus so einer Auslage aus und dazu einen Espresso. Wobei man in Italien dazu ja caffé sagt. So essen die dort Frühstück. Und man gewöhnt sich daran und man ist dann auch wirklich bis zum Mittag satt. Und dann versteht man das auch, dieses Quirlige der Italiener. Wenn man nicht gleich am Morgen so schwer isst, wie wir Deutschen, dann ist das natürlich klar.

In Lissabon dagegen nennen sie den Espresso Bica. Es gibt kleine Shops, in denen es nur das gibt. Sie trinken den dort ganztags, also etwa wenn sie mit einer Sache fertig sind oder zwischen zwei Sachen, etwa im Einkaufszentrum auf dem Weg von einem Sportgeschäft in ein Elektronikgeschäft. Wenn man so viel Kaffee trinkt, schläft man natürlich schlechter und dann erklären sich natürlich auch die Tränensäcke, die den Portugiesen dann abends in dem Fischrestaurant immer traurig aussehen lassen, wenn er Fado hört.

Der Deutsche neigt nach seinem Urlaub gerne zum Schluss von seinem Eindruck auf das große Ganze. Nicht selten gleicht das einer soziologischen Studie. Dass er auch die Zeit hat, kausale Zusammenhänge zwischen seinen Beobachtungen und den Eigenschaften des jeweiligen Volkes herzustellen, liegt sicher daran, dass es in Deutschland viel kälter ist als in dem Urlaubsland und daran, dass der Deutsche dann auch wieder viel mehr drinnen ist.

Oh stopp. Das ist doch … whow mega meta. Aber egal. Philosophie ist dieses Jahrhundert ja eh Sache der Franzosen.

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Aufsteigende Scham im Bart

Ich hatte gewissermaßen unsystematisch abgebissen. Das heißt, also ich hatte zwar schon ein System. Meine Bisse waren immer gleich groß. Aber ich habe mich eben irgendwie verschätzt was die Gesamtgröße des McRib angeht und deshalb war das Stück, das nach dem vorletzten Bissen noch in meiner Hand war, größer, als die Bisse davor – aber auch jetzt nicht doppelt so groß, also so groß wie zwei Bisse, sodass man einfach wieder hätte teilen können, sondern so dazwischen. Und ich dachte, also bevor ich ein Risiko eingehe und das in die Hose geht mit der Soße, wenn die da so raus tropft aus dem letzten Bißchen, das dann ja nur noch in meiner Hand übergeblieben wäre, also bevor das in die Hose geht mit der Soße und ich dann mit dem Zitronentuch so mega-unsouverän zwischen den Fingern rumrubbeln muss, dachte ich, mache ich lieber Klarschiff und nehme alles auf einmal in den Mund. Wenn man mehr im Mund hat, schmeckt man ja auch besser. Und es ist ohnehin ja auch immer ganz schön, wenn man dann später noch was von diesem Geschmack hat. Da stecken ja auch Designer dahinter, hinter diesem Geschmack, Geschmacksdesigner und das ist ja nicht per se schlecht, nur weil das McDonalds ist, also das fände ich zu pauschal. Also ich dachte jedenfalls, ich mach klar Schiff mit diesem etwas zu großen Stück, sauber rein und weg naja und dann ist diese Sache passiert. Sie schaute schnell weg. So als wollte sie die Scham, die augenblicklich aus meinem Bart heraus in mir aufstieg, noch verhindern. Meine Wangen wurden rot von dem Zitronentuch und das hielt eine Weile an. Ob sie das nächste Mal wieder mit zu I love Engtanz kommt, konnte sie noch nicht sagen. Dann kam ihr Taxi zufällig vorbei. Auf jeden Fall hat sie gewunken. Sag ich mal so.

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Über-Schönheit

Sie war so schön, dass man ihre Schönheit nicht unbefangen genießen konnte, sondern angestrengt Makel suchte, Mitleid in sich zu erzwingen versuchte, weil das doch schlimm sein muss, wenn andere immer nur auf das Äußere achten, Neid in sich aufkommen spürte, weil die sich ja alles erlauben kann und auf niemanden Rücksicht nehmen muss, an ihrem gleichgültigen Blick kann man es doch sehen, der ist der Beweis dafür, schön, ja, aber in Wahrheit doch nur die Fassade vor innerer Hässlichkeit. So steht man dann da. Und staunt. Über sich und die Mechanismen des Schutzes, die sich einrichten, von alleine in einem, wenn man sich verteidigen will gegen das, was nicht aufkommen soll. Und Du nimmst die Arme hoch, in Abwehrhaltung. Aber da hats schon Peng gemacht und gekracht, wie bei einem Profikiller, zwei Schuss, einer in Deinen Kopf, einer in Deine Brust.

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Das Fenster stand auf Kipp und das Handy auf laut

Die Tagung begann am nächsten Morgen kurz after eight: Das aktuell stärkste Oxymoron sei Minzschokolade. Ich war so ummm. Während Schokolade Dich noch warm wie eine selbstgestrickte Decke einhüllt, begrifflich und assoziativ, bläst Dir Minze durch die Maschen doch kühlen Wind auf die Haut wie Thymian-Mirte-Balsam bei Erkältung. Dann schließt Du das Fenster über der Prenzlauer Allee. Es stand auf Kipp und das Handy auf laut. Jetzt ist Windstille. Aber wie gesagt.

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Konfekt hat nichts mit Konfektionsgröße zu tun

Sie schaute schnell weg. So als wollte sie die Scham, die augenblicklich in mir aufstieg, noch verhindern. Ich wischte mir die Knoblauchsoße aus dem Bart. Cuvée heißt Mischung auf kultiviert, dachte ich über das, was ihre Freundin zu ihr sagte, und nahm mir noch eine Serviette.

Ich hielt an zwei Motels in dieser Nacht und erinnere mich nur an das, in dem ich abgelehnt wurde. Wenn ich in Tunesien Asyl beantrage, gibt mir auch keiner ein Hotelzimmer, sagte der von sich selbst sogenannte Portier noch und irgendwas anderes, das auch Teil der Entschuldigung war.

Konfekt hat nichts mit Konfektionsgröße zu tun, also genauso wenig, wie der Schokofleck auf der Bluse mit dem Sofa zu tun hat. Hätte der Fleck was mit dem Sofa zu tun, wäre er nicht auf der Bluse, sondern am Po. DAS GEHT ALSO GAR NICHT! Dieser hier, sehen Sie hin, rief Miss Marple und wies in ihren Ausschnitt, ist Ausfluss eines heruntergefallenen Schokospuckefadens.

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5 Gründe, warum das Lesen von Literatur-Blogs zu besseren Orgasmen führt

Sorry. Es ging nur darum, die These zu verifizieren, dass „5-Gründe-warum-Überschriften“ zu mehr Klicks führen.

Falls Du sauer bist, klick fünf mal auf den pinkfarbenen „Random Post anzeigen“-Button. Das Gefühl danach ist dann immerhin so diffus-internet-was-wollte-ich-eigentlich-gerade-mäßig-okay.

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Eigentlich ist es rausgeschmissenes Geld für den Preis

Eigentlich ist es rausgeschmissenes Geld für den Preis. Astrein, rief Andi. Räum Deine Plünnen da weg, schmipfte Susanne. Was ist das für eine Menkenke, fasste Oma zusammen und schlug die Hände über dem Kopf wieder auseinander. Die Upside steht nicht für die Downside. Schwimmbad vollständig ausgebrannt stand auf dem Titelblatt und alle schwiegen. Früher, das war die Zeit, als sich die Frauen das Parfüm noch mit dem Finger hinter das Ohr schmierten. Bogdan versuchte, seine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. Sch‘ leg mein Eid ab. Sollen wir das als Geständnis werten, fuhr der Späti-Verkäufer dazwischen. Wer den Memory-Effekt als Argument benutzt, ist mindestens 30.

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Magen-Darm oder Die Tage des Mannes

Rot ist abhängig von Wolken. Jedenfalls den Sonnenuntergang betreffend. Ich werde eine Verteilersteckdose erfinden, bei der der Schalter nicht an dem Ende ist, an dem das Kabel reinkommt. Es gibt Wechsel, auf die kann man sich verlassen. So wie den der über dem Apothekenschaufenster wachenden Thermometeranzeige mit der Uhranzeige. Ist Überwachung eigentlich schlecht? Das ist eine Ja-Nein-Frage aber keiner beantwortet sie mit Ja oder Nein. Literatur ist die Möglichkeit, Sprachlosigkeit loszuwerden. Eigentlich ist es rausgeschmissenes Geld für diesen Preis. Was die Hamburger an Effizienzgewinnen gutmachen, indem sie „sich“ nicht mehr „an“ etwas erinnern, sondern nur noch etwas erinnern, das schmeißen sie im hohen Bogen zum Fenster wieder raus, wenn sie mit „da nicht für“ Verwirrung stiften, anstatt einfach „Bitte“ zu sagen.

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Wir waren in den Wolken und darüber

Der Bauer wurde uns beschrieben als Mann mit lila Lada und einem Ohrring mit Dreieck drin. Aber das wäre nicht nötig gewesen, denn er war der einzige, der am Bahnhof stand. Der Bahnhof lag in der Mitte eines Tals im Glarus. Glarus ist eines der drei Kantone der Schweiz, die die schweizerische Tourismusbehörde in dem dicken Band über die Must-Sees der Schweiz unerwähnt lies. Die Strommasten mussten vor ein paar Jahren im Tal abgebaut und in den Hang zwischen die engen Serpentinen gestellt werden. Wegen des Elektrosmoks. Der Bauer fuhr uns den Berg hoch bis zu dem Ort, ab dem man nur noch laufen konnte. Das Handy hatte schon weiter unten keinen Empfang mehr. Wie ruft man einen Arzt hier herauf? Jemand müsste runtergehen. Ab hier, sagte der Bauer, habe man die Straße nicht mehr weiter bauen können. Vielleicht schon, aber das hätte sich nicht rentiert. Kühe standen dort. Wir verabschiedeten uns.

Für das letzte Stück bis zur Alphütte hinauf braucht man 45 Minuten, wenn man sich auskennt. Die Hütte wurde mit dem Rücken zum Berg vor einem aus der Ebene herausragenden Fels errichtet. An der Seite wird sie von meterdicken Wänden aus Stein gestützt, damit sie im Winter nicht vom Schnee zerdrückt wird. Im Winter ist keiner da. Im Ich-frage-Dich-ihr-sagt-nichts-und-ich-gebe-die-Antwort-selbst-Modus gab Rüdiger, der im Sommer hier oben arbeitete, Auskunft. Rüdiger sprach wenig. Man fängt hier oben irgendwann an, weniger zu sprechen. Bei mir ging das los in dem Moment, als mir klar wurde, dass es nicht schlimm ist, dass kein Arzt es in angemessen kurzer Zeit hier herauf schaffen kann. Man überlebt die Dinge doch im Wesentlichen immer. Von rechts nach links lief vor der Hütte ein Bach nach unten. Viele dieser Bäche liefen beim Aufstieg über unseren Weg. Einer der Arme, aus denen sich der Bach speiste, drang seit irgendwann durch die steinerne Rückwand der Hütte in den hinteren Raum und irgendwo an dessen Seite wieder nach draußen. Seitdem wird der hintere Raum als Kühlraum für die Lebensmittel benutzt. Dort stand auch ein badewannengroßer Bottich aus Kupfer, in dem früher, als die Kühe noch gemolken wurden, Käse gemacht wurde. Warum Kupfer?, fragte Rüdiger ohne dass wir etwas sagen sollten. Weil da nichts anklebt, antwortete er. In dem Raum vorn in der Hütte stand der Ofen. Dort wurde gegessen, gesprochen und geschlafen. Im unteren Stock des Doppelstockbettes braucht man eine Decke mehr als oben. Zwischen dem vorderen Raum und dem hinteren, durch den das Wasser floss, war die Hütte an den Seiten offen, sodass von der einen Seite zur anderen die Wolken durch die Hütte hindurch zogen. Wir waren in den Wolken und darüber. Zwischen den Räumen lagerte das Holz. Daneben stand der Fressnapf von Pepe, dem Kater, der der vorherigen Saisonkraft gehörte. Sie musste plötzlich weg wegen eines Todesfalles. Pepe war unterwegs, als sie ging und er überlebte die Zwischenzeit bis zu Rüdigers Ankunft.

Rüdiger gab uns Schuhe, die man einfetten musste. Die Frösche waren so langsam, dass man sie in die Hand nehmen konnte. Als wir von der Hütte aus noch weiter aufstiegen, nahmen wir kein Wasser mit, sondern tranken aus Bächen. Der Ofengeruch unserer Kleidung überdeckte bei stehendem Wind den der Wiesen. Beim Blaubeerenpflücken roch man es auch. Der Nebel, zu dem eine Wolke wird, wenn man in ihr steht, hielt unsere Haare nass. Das Salz, das auf die großen Steine geworfen wird, damit es die Kühe ablecken können, wurde von Rüdiger in einer roten Esprit-Tüte transportiert. Der Käse kam von der Nachbaralp. Die Salami, das Weißbrot und die Fleischwurst brachte der Bauer mit dem dreieckigen Ohrring im lila Lada alle zwei Wochen aus dem Supermarkt zu dem Ende der Straße. Bio-Müll?, fragte Rüdiger. Was ihr Bio-Müll nennt, antwortete er, das kommt bei uns in den Bach. Mitte September, wenn abgezäunt wird und die Kühe dem Bauer talabwärts folgend die Alp verlassen, wird der Restmüll mit dem Hubschrauber abgeholt. Am Mittwoch gibt es immer einen Sammelflug, an dem man sich beteiligen kann. Da kommt man dann bei 30 bis 40 Franken pro Flug raus. Das kann man schon machen. Das geht aber nur für Transport, nicht für Menschen. So einen Extraflug wie mit der abgestürzten Kuh im Juli macht die Versicherung. Sonst wäre das nicht wirtschaftlich.

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