Skip to content

Kategorie: < 2 Min.

Laufsocke

„Laufsocke!“, Marcel schrie über den Platz. Die Gruppe, die gerade aus der Fortress Map kam, hatte er schon seit dem Morgen auf dem Kieker. Mit einer Bundeswehrgeste versammelte der Anführer der Gruppe die Mitglieder um sich und ließ sie die Schutzhülle über den Lauf ziehen. Der Anführer nickte Marcel zu und Marcel lächelte, aber nicht ohne seine Erleichterung verbergen zu können.

„So, ick entscheide hier über richtig und falsch, vastehta?“ Die Gruppe, der Marcel gerade die Einweisung gab, war zum Junggesellenabschied im Paintball Park. „Juet, kriegen wa trotzdem hin.“, sagte Marcel. „Dit mit der Laufsocke is die zweite Regel. Sehik euch wie ihr ohne aus der Map kommt, ich sae euch, es gibt nur eine Verwarnung. Danach is die Ecke ab.“ Marcel zeigte ein Exemplar der lilafarbenen Verwarnkarte hoch, an deren vier Ecken jeweils rot 5 Euro stand. „Wenna die nicht unbeschädigt abgebt später– wissta selber. Und die dahinten“, Marcel zeigte auf die Gruppe aus der Fortress Map, „die haik jetzt erstma uffn Kieka. Nich dassa mich falsch versteht, wir wollen uns an euan Fehlern auch nicht bereichern. Wir spenden dit. Ick will nur, dassa sicher seid.“

„So, dit hier is keen Gewähr. Das ist der Markierer. Dit is dit Modell Combat. Einsteigervariante. Wenn es losgehen soll, ist hier die Sicherung, sehta, wenn ick dit drücke, is rot. Wissta, steht für Gefahr. Deshalb außerhalb der Map immer Laufsocke. So. Dit ist der Abzug, hier oben dit is der Kopper, wie ein Magazin quasi, da kommen die Paintballs rein. – Wer markiert zum ersten Mal heute?“ Bis auf einen hob die gesamte Gruppe die Hand. „Ok, wichtig, Rückstoß brauchta keine Angst haben. Hat dit Gerät nicht. Ist ja ken Gewehr. Is sowieso so: Wir sind hier nicht im Krieg, verstanden Männer? Gibt immer wieder so Experten. Kriegsverherrlichung und so, da distanzieren wir uns von. Dit ist Sport.“

„Und was war die erste Regel?“ Marcel guckte den Hemdträger enttäuscht an. Keine Gruppe kommt ohne einen, der sich aufspielt aus. Da lachten die Teilnehmer. Hinter Marcel nahm ein dem Gesicht nach etwa Sechzehnjähriger seinen Scharfschützen-Tarnanzug aus dem Kofferraum und zog sich an. „Damit müssta rechnen“, sagte Marcel. Deshalb Regel Nummer eins. In den Maps immer dit Visir aufm Kopf und wennik aufm Kopf sage, ne, Herr Schlauschlau“, Marcel guckt den Hemdträger an, „dann meine ick vor dem Gesicht. Nicht locker hierso aufm Kopf, ick sae nur Augenlicht. Dit ist für den een oder anderen ja, na wissta.“

Hinter Marcel ging der Sechzehnjährige in die vom Wind leise raschelnden Laub-Imitate seines Anzugs gehüllt auf die Woodland Map zu.

„Ey aber Sven“, Marcel rief ihm hinterher. „Nicht wieder…“, Sven hob den Lauf seines Markierers, um Ja zu sagen. Marcel wandte sich zur Gruppe vor ihm zurück. „Noch Fragen?“

Kommentieren

Kritik: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch (Michelle Steinbeck)

Nur zwei Halbsätze zu viel hat das Buch, auf Seite 28 stehen sie hintereinander nur von einem Semikolon getrennt.

Man muss jederzeit konzentriert sein, sonst verliert man sich, nicht so, wie man sich durch einen Text verlieren soll, man verliert sich nicht in dem Text, sondern man verliert den Text, doch jederzeit konzentriert gelingt mir nicht, ich bin endlich krank genug, um tagsüber zu Hause sein zu müssen, liegen zu können, so, wie man eben liest, abgesehen von krank. Und deshalb, wegen krank, das ist das einzige, muss ich hier und da zurück und finde Sätze, an denen ich ohne Konzentration schon vorbei gelesen hatte.

Ich wollte ans Ende noch die Bemerkung setzen „Aber!“. Aber muss sie denn wirklich jedes Eszett durch ein Doppel-S ersetzen? Das ist wie konsequent klein schreiben. Drückt entweder etwas aus, das nicht relevant ist oder drückt aus, es nicht zu können. Aber dann ist mir aufgefallen, dass das nichts mit dem Buch zu tun hat. So wenig, dass sich da offenbar keiner wegen gestritten hat. Guter Verlag.

Zusammengenäht wie ein Road Movie

Das Buch ist Bilder, zusammengenäht wie ein Road Movie durch ein Ziel, von dem von Anfang an klar ist, dass es vielleicht nicht da ist, durch einen Koffer und was in ihm ist und tritt und ruhig gehalten wird auf dem Weg irgendwohin, durch jedes der Bilder sticht dieses Ziel sich durch, im Kreis bis an den Anfang, zur Unklarheit zurück.

Nur zwei Halbsätze zu viel hat das Buch, auf Seite 28 stehen sie hintereinander nur von einem Semikolon getrennt.

Buff. Und dann sitzt sie plötzlich neben einer Künstlerin ohne Kunst und sie fangen an zu erzählen und es ist wie durchatmen, alles anders, der Ton wird weich, ein Bild, ein Manuskriptteil, zu dem sie den Übergang nicht hinbekommen hat, ein Bild, durch das der rote Faden nicht sticht, und der Koffer und was in ihm war und trat und ruhig gehalten wurde ist da schon eine Weile weg.

Staunen und Scham zugleich

Die andere spricht es aus, von verloren spricht sie und dich überkommt so eine Ahnung, wofür das alles steht, wofür ein Koffer, den eine mit sich rumträgt und in dem es tritt und den sie verliert steht und es ist wie Staunen und Scham zugleich, dass dir das nicht vorher klar war. Zum Glück geht Lesen allein, denkst du und schämst dich schon wieder, schämst dich dafür, dass es dir zuerst darum geht, beim Danebenliegen, dabei, was wichtig ist, zu übersehen, unentdeckt zu bleiben. Du korrigierst dich, denkst wieder an das, wofür der Koffer steht, nicht für was Gutes, und aus dir käme die Träne, wenn Du dürftest, aber du wirst nicht gelassen, nicht allein, nicht von der Erzählerin, denn sie will weiter, will, dass Du weitergehst, wie sie in diesem Moment, dem einen, in dem sie sich falsch entschieden hat.

 

Kommentieren

Wir wollten eigentlich nur ein Zeichen setzen

Nur weil Smith aus Altersgründen ausgeschieden ist und ich jetzt hier schön seine Vertretung machen darf, bis die Nachfolge geregelt ist. Der feine Herr Cameron macht vorne einen auf staatstragend und wir aus der Regierungsverwaltung sollen den Antrag formulieren. Wenn wir wenigstens einen Vordruck hätten.

Wir müssen das jetzt umsetzen, obwohl wir das eigentlich gar nicht wollen. Stellen sie sich das doch mal vor. Ich sitze hier und soll den Antrag für den Austritt aus der EU schreiben und will das doch gar nicht. Wie wenn man seinen Hund einschläfern soll, weil einer sagt, man muss.

Ich meine ja, okay, ich habe auch für den Brexit gestimmt. Das haben meine Freunde auch so gemacht. Aber wir wollten eigentlich nur ein Zeichen setzen, letzte Woche, als noch alles okay war. Dass die Herren Politiker da oben auch mal was ändern. Was weiß ich denn, was die EU macht und was nicht. Sieht doch jeder, dass alles ganz okay ist. Ich wollte eben nur, dass die nicht denken, sie können sich mit uns alles erlauben.

Es kann doch nicht sein, dass man was machen muss, was man nicht will. Also vor allem nicht mit solchen Folgen. Mein Schwager aus Deutschland hat im Familien-Chat auf Whatsapp geschrieben, dass er genau aus diesem Grund aus der DDR geflohen sei.

Ich habe mir zwei Lösungen überlegt. Erstens, wir Briten könnten doch sagen, dass wir das nicht mehr wollen. Bei 64 Millionen Einwohnern müssten das 32 Millionen und einer machen, das ist ein Kraftakt, okay, aber angesichts der Angst, die jetzt alle haben, wäre das sicher machbar. Meine Neffe aus Frankreich sagt, das Ergebnis der Wahl hat einen Krieg verhindert. Die ganzen Populisten würden in Europa nur Zulauf haben, weil es den Menschen zu gut gehe. Wenn sie mehr Angst hätten, wie nach einem Krieg, würden sie wieder für die Einheit sein und für ausgewogene Meinungen. Soweit dürften wir ja wohl sein.

Zweitens, die Wahlstimme anfechten weil sie jetzt doch nicht 350 Millionen Euro die Woche in unser Gesundheitssystem einzahlen, so wie das auf dem Bus stand. Ist doch Betrug. Oder? Aber ist meine Beteiligung an dem Referendum ein Vertrag zwischen mir und den Populisten, den ich wegen Betrugs überhaupt anfechten kann? Das wusste mein Neffe aus Frankreich nicht. Mein Schwager aus Deutschland hat gesagt, er würde seine Mitarbeiter das mal prüfen lassen aber das könne dauern. Wir sollen dass dann gemeinsam besprechen, wenn er meinen Neffen nächsten Monat in Frankreich besucht. Aber nur per Skype. Falls die EU-Roaming Verordnung für mich dann nicht mehr gilt. Und dann schickte er noch eine Whatsapp. Wenn ich fliehen müsste, könne ich bei ihm unterkommen.

Kommentieren

4 negative Folgen des Brexit für Start-ups

Zur größten ABM-Maßnahme in der Geschichte der Europäischen Anwaltschaft

1. Keine Übermittlung von Daten ohne Einwilligung

Daten von Kunden werden derzeit in massivem Umfang nach Großbritannien übermittelt. Hintergrund ist, dass eine Vielzahl von Tool-Anbietern dort ihren Sitz oder jedenfalls ihre Server haben.

Die Übermittlung der Daten an diese Anbieter ist bislang ohne Einwilligung der betroffenen Kunden möglich, wenn ein Vertrag über die Auftragsdatenverarbeitung mit dem Anbieter besteht (§ 11 BDSG). Ein solcher Vertrag kann aber nur mit Anbietern geschlossen werden, die ihren Sitz im Europäischen Wirtschaftsraum haben (§ 3 Abs. 8, Satz 2 BDSG). Das Privileg der Auftragsdatenverarbeitung dürfte nach dem Brexit für Großbritannien und die dort ansässigen Anbieter nicht mehr gelten und eine entsprechende Neuorientierung erforderlich werden.

2. Keine Arbeitnehmerfreizügigkeit

In einem Mitgliedsstaat der EU muss jeder Unionsbürger unter den gleichen Bedingungen arbeiten dürfen, wie ein Bürger dieses Staates (Art. 45 AEUV). Das stellt sicher, dass ihr derzeit unproblematisch in britischen Start-ups arbeiten könnt und Britten ohne Umwege in Deutschland arbeiten können. Auch das ist nach dem Brexit infrage gestellt.

3. Hohe Kosten mangels einheitlichen Verbraucherschutzes

Entscheidend für die meisten Start-ups ist der Massenmarkt und in dessen Zentrum steht der Verbraucher. Auch deshalb gibt es in der EU ein einheitliches Verbraucherschutzrecht, das dafür sorgt, dass Unternehmer in jedem Mitgliedstaat vergleichbare Vorgaben zu erfüllen haben. Das senkt Beratungs- und Implementierungskosten für Start-ups massiv, denn es macht die Risiken, die sich auf dem jeweiligen Markt ergeben, kalkulierbar.

Der britische Markt ist riesig und deshalb interessant für jedes Start-up, das auf Masse angewiesen ist. Start-ups, die hier angreifen wollen, müssen nach dem Brexit voraussichtlich ganz eigene Regularien einhalten, ohne sich an europäischen Vorgaben orientieren zu können. Das ist machbar. Aber teuer.

4. Speziell Fintechs: Kein europäischer Pass

Fintech-Geschäftsmodelle sind häufig reguliert. Um es regulierten Unternehmen zu ersparen, in jedem Land, in dem sie Kunden ansprechen, eine Erlaubnis für ihre Tätigkeit beantragen zu müssen, wurde der Europäische Pass eingeführt.

Danach gilt: Wer in einem europäischen Mitgliedstaat von einer Regulierungsbehörde eine Erlaubnis erhalten hat, kann auf der Grundlage dieser Erlaubnis auch in den übrigen EU/EWR-Staaten tätig werden. Großbritannien ist für Deutsche Fintechs einer der entscheidenden Märkte. Nach dem Brexit wird ihnen der Europäische Pass hier nichts mehr nützen und ein eigenes Genehmigungsverfahren bei der britischen Finanzaufsicht (FCA) erforderlich werden.

Umgekehrt gilt: Start-ups dürften mit ihrer britischen Genehmigung im Rest Europas voraussichtlich nichts mehr anfangen können (siehe zu Fintechs und Brexit auch den Bank Blog).

Fazit

Anwälte dürften europaweit in Hochstimmung sein. Denn der Brexit als wohl größte ABM-Maßnahme in der Geschichte der europäischen Anwaltschaft sichert Ihnen Beratungsbedarf für eine Dekade. Das Austrittsverfahren, das sich nach Art. 50 EU-Vertrag richtet, dürfte mehrere Jahre in Anspruch nehmen, in denen neben der vorgenannten Punkten unzählige weitere Fragen diskutiert werden. Ob das zur Folge hat, dass Unternehmer, die europäische Märkte im Blick haben, die Rechnung fortan ohne Großbritannien machen müssen, bleibt abzuwarten.

===

Hinweis: Unser Aufsatz Robo Advisor – Anforderungen an die digitale Kapitalanlage und Vermögensverwaltung erscheint im Oktober 2016 in der WM Zeitschrift für Wirtschafts- und Bankrecht  (gemeinsam mit Robert Oppenheim).

Edit: t3n erklärt, was gut ist am Brexit für deutsche Start-ups.

Kommentieren

Narcos – Netflix

Es war an einem Morgen. Ich weiß nicht mehr genau wann. Ich wollte eigentlich nur eine Folge zum Frühstück gucken. Alle sprachen davon. Nachdem ich das Frühstück gegessen hatte, blieb ich sitzen. Die ersten zwei, drei Folgen, vielleicht waren es auch fünf, waren eigentlich langweilig. Ich war jedes Mal kurz davor aufzuhören. Ich verstand nicht, was alle daran fanden. Irgendwann am Nachmittag ließ der Mittagshunger nach. Ich hatte nicht vergessen, dass ich eigentlich den Tag nutzen, dieses Buch lesen wollte. Aber das kam mir so unwichtig vor, wenn ich anstelle dessen doch die Hintergründe des Drogenkrieges um Pablo Escobar verstehen konnte.

Am Ende jeder Folge gab mir Netflix automatisch die nächste. Ich begriff, dass die Untertitel, wenn die Schauspieler Spanisch sprachen, nur dazu dienten, meinen Blick geradeaus zu zwingen, mich nicht abschalten zu lassen, gedanklich, kein Blick links oder rechts. Aber es war mir egal. Nur weil Dich einer verarscht, bedeutet das doch nicht, dass Du sein Zeug automatisch nicht mehr wollen darfst. Ist doch nichts dabei. Wenn man das selbst entscheidet.
Als es draußen dunkel wurde, fühlte sich mein Bauch flach an. Ein bißchen Abnehmen schadet nicht, dachte ich. Und dann waren die Folgen alle, die Staffel vorbei, nichts mehr übrig. Ich durchsuchte das Folgenarchiv, nichts, auf Wikipedia stand, dass es nur eine Staffel gibt. Das war definitiv. Der Fernseher blieb schwarz.
„Akkustand niedrig – In Stromsparmodus wechseln?“, meine Hand zitterte. Unterzuckerung. Das Handy ging aus, als ich gerade einen der pinkfarbenen Foodora-Fahrer auf den Weg zu mir schicken wollte. Alles schwarz. Ich schlief. Alles schwarz.
Heute würde ich so etwas nicht mehr machen. Aber wenn mich einer fragt, sage ich, dass es eine Zeit gab, in der das halt so war. Wir haben viel ausprobiert. Und ich bin dankbar für die Erfahrung.

===

Der Text hat im Februar hier gewonnen (sagte jedenfalls Diether, ich konnte nämlich nicht kommen).

Kommentieren

Aufsteigende Scham im Bart

Ich hatte gewissermaßen unsystematisch abgebissen. Das heißt, also ich hatte zwar schon ein System. Meine Bisse waren immer gleich groß. Aber ich habe mich eben irgendwie verschätzt was die Gesamtgröße des McRib angeht und deshalb war das Stück, das nach dem vorletzten Bissen noch in meiner Hand war, größer, als die Bisse davor – aber auch jetzt nicht doppelt so groß, also so groß wie zwei Bisse, sodass man einfach wieder hätte teilen können, sondern so dazwischen. Und ich dachte, also bevor ich ein Risiko eingehe und das in die Hose geht mit der Soße, wenn die da so raus tropft aus dem letzten Bißchen, das dann ja nur noch in meiner Hand übergeblieben wäre, also bevor das in die Hose geht mit der Soße und ich dann mit dem Zitronentuch so mega-unsouverän zwischen den Fingern rumrubbeln muss, dachte ich, mache ich lieber Klarschiff und nehme alles auf einmal in den Mund. Wenn man mehr im Mund hat, schmeckt man ja auch besser. Und es ist ohnehin ja auch immer ganz schön, wenn man dann später noch was von diesem Geschmack hat. Da stecken ja auch Designer dahinter, hinter diesem Geschmack, Geschmacksdesigner und das ist ja nicht per se schlecht, nur weil das McDonalds ist, also das fände ich zu pauschal. Also ich dachte jedenfalls, ich mach klar Schiff mit diesem etwas zu großen Stück, sauber rein und weg naja und dann ist diese Sache passiert. Sie schaute schnell weg. So als wollte sie die Scham, die augenblicklich aus meinem Bart heraus in mir aufstieg, noch verhindern. Meine Wangen wurden rot von dem Zitronentuch und das hielt eine Weile an. Ob sie das nächste Mal wieder mit zu I love Engtanz kommt, konnte sie noch nicht sagen. Dann kam ihr Taxi zufällig vorbei. Auf jeden Fall hat sie gewunken. Sag ich mal so.

Kommentieren

Wir waren in den Wolken und darüber

Der Bauer wurde uns beschrieben als Mann mit lila Lada und einem Ohrring mit Dreieck drin. Aber das wäre nicht nötig gewesen, denn er war der einzige, der am Bahnhof stand. Der Bahnhof lag in der Mitte eines Tals im Glarus. Glarus ist eines der drei Kantone der Schweiz, die die schweizerische Tourismusbehörde in dem dicken Band über die Must-Sees der Schweiz unerwähnt lies. Die Strommasten mussten vor ein paar Jahren im Tal abgebaut und in den Hang zwischen die engen Serpentinen gestellt werden. Wegen des Elektrosmoks. Der Bauer fuhr uns den Berg hoch bis zu dem Ort, ab dem man nur noch laufen konnte. Das Handy hatte schon weiter unten keinen Empfang mehr. Wie ruft man einen Arzt hier herauf? Jemand müsste runtergehen. Ab hier, sagte der Bauer, habe man die Straße nicht mehr weiter bauen können. Vielleicht schon, aber das hätte sich nicht rentiert. Kühe standen dort. Wir verabschiedeten uns.

Für das letzte Stück bis zur Alphütte hinauf braucht man 45 Minuten, wenn man sich auskennt. Die Hütte wurde mit dem Rücken zum Berg vor einem aus der Ebene herausragenden Fels errichtet. An der Seite wird sie von meterdicken Wänden aus Stein gestützt, damit sie im Winter nicht vom Schnee zerdrückt wird. Im Winter ist keiner da. Im Ich-frage-Dich-ihr-sagt-nichts-und-ich-gebe-die-Antwort-selbst-Modus gab Rüdiger, der im Sommer hier oben arbeitete, Auskunft. Rüdiger sprach wenig. Man fängt hier oben irgendwann an, weniger zu sprechen. Bei mir ging das los in dem Moment, als mir klar wurde, dass es nicht schlimm ist, dass kein Arzt es in angemessen kurzer Zeit hier herauf schaffen kann. Man überlebt die Dinge doch im Wesentlichen immer. Von rechts nach links lief vor der Hütte ein Bach nach unten. Viele dieser Bäche liefen beim Aufstieg über unseren Weg. Einer der Arme, aus denen sich der Bach speiste, drang seit irgendwann durch die steinerne Rückwand der Hütte in den hinteren Raum und irgendwo an dessen Seite wieder nach draußen. Seitdem wird der hintere Raum als Kühlraum für die Lebensmittel benutzt. Dort stand auch ein badewannengroßer Bottich aus Kupfer, in dem früher, als die Kühe noch gemolken wurden, Käse gemacht wurde. Warum Kupfer?, fragte Rüdiger ohne dass wir etwas sagen sollten. Weil da nichts anklebt, antwortete er. In dem Raum vorn in der Hütte stand der Ofen. Dort wurde gegessen, gesprochen und geschlafen. Im unteren Stock des Doppelstockbettes braucht man eine Decke mehr als oben. Zwischen dem vorderen Raum und dem hinteren, durch den das Wasser floss, war die Hütte an den Seiten offen, sodass von der einen Seite zur anderen die Wolken durch die Hütte hindurch zogen. Wir waren in den Wolken und darüber. Zwischen den Räumen lagerte das Holz. Daneben stand der Fressnapf von Pepe, dem Kater, der der vorherigen Saisonkraft gehörte. Sie musste plötzlich weg wegen eines Todesfalles. Pepe war unterwegs, als sie ging und er überlebte die Zwischenzeit bis zu Rüdigers Ankunft.

Rüdiger gab uns Schuhe, die man einfetten musste. Die Frösche waren so langsam, dass man sie in die Hand nehmen konnte. Als wir von der Hütte aus noch weiter aufstiegen, nahmen wir kein Wasser mit, sondern tranken aus Bächen. Der Ofengeruch unserer Kleidung überdeckte bei stehendem Wind den der Wiesen. Beim Blaubeerenpflücken roch man es auch. Der Nebel, zu dem eine Wolke wird, wenn man in ihr steht, hielt unsere Haare nass. Das Salz, das auf die großen Steine geworfen wird, damit es die Kühe ablecken können, wurde von Rüdiger in einer roten Esprit-Tüte transportiert. Der Käse kam von der Nachbaralp. Die Salami, das Weißbrot und die Fleischwurst brachte der Bauer mit dem dreieckigen Ohrring im lila Lada alle zwei Wochen aus dem Supermarkt zu dem Ende der Straße. Bio-Müll?, fragte Rüdiger. Was ihr Bio-Müll nennt, antwortete er, das kommt bei uns in den Bach. Mitte September, wenn abgezäunt wird und die Kühe dem Bauer talabwärts folgend die Alp verlassen, wird der Restmüll mit dem Hubschrauber abgeholt. Am Mittwoch gibt es immer einen Sammelflug, an dem man sich beteiligen kann. Da kommt man dann bei 30 bis 40 Franken pro Flug raus. Das kann man schon machen. Das geht aber nur für Transport, nicht für Menschen. So einen Extraflug wie mit der abgestürzten Kuh im Juli macht die Versicherung. Sonst wäre das nicht wirtschaftlich.

Kommentieren

An alle da draußen – oder: Die Abwesenheit der Zugezogenen führt zu hygienischen Missständen in der Berliner Gastronomie

Jetzt ist auch wieder gut. Den Bloggerinnen fällt keine neue Variante mehr ein, mit der sie die vielen freien Parkplätze pointiert, ein bisschen frech und ohne versteckte Fremdenhassterminologie für ihre Komme-von-hier-wo-Du-hingezogen-bist-Profilierungs-Posts fruchtbar machen können (dass man zur Weihnachtszeit in Berlin ungeahndet queer-parken kann, hat komischerweise noch keiner formuliert aber das hat sich mit diesem Klammerzusatz jetzt auch erledigt).

Sicher: Es ist schön, eure Heimat auf Instagram mittlerweile auch sehen zu können und nicht wie früher, sozusagen damals, sozusagen von kurz nach dem Krieg bis letztes Jahr ungefähr nicht nur aus kryptischen Anleihen zu Dingen, die man hier nicht kennt, aus euren Facebook-Posts und Tweets herauslesen zu müssen. Im Bild ganz vorn: Münster (wie groß ist das bitte und trifft mein digital gewonnener Eindruck zu, dass im Wesentlichen jeder Zugezogene von dort hierher zog?), Biberach ok, Bonn ja gut, Eglisau in der Schweiz war auch dabei und besonders schön; allgemein viele Ort auf „-au“; ein bisschen Thüringen aber relativ wenig. Besonders prägnant (im Sinne von bedeutungsschwanger): je präsenter das Wort „Berlin“ im Username, desto größer die Distanz zwischen Standort des Users und Stadt an Weihnachten.

Jedenfalls bzw. however, wie wir ab nächste Woche wiedervereint sagen: Bevor wir jetzt die Frage aufwerfen, ob die Teilnehmerzahl der Berliner Pegida-Demonstration (fünf) auch was mit eurer Abwesenheit zu tun hat (ich halte das nicht für wahrscheinlich), sollten wir klären, warum sich die Wiederkehr lohnt: Es ist gerade relativ mild und ruhig. Sozusagen schön. Die Wiederkehr wäre zudem ein Akt der Fürsorge: Denn die supply chain stockt. Denkt doch mal nach: Man kann überhaupt keinen Döner mehr essen ohne euch (weil die Spieße genauso dick sind wie immer aber länger drehen müssen, um alle zu werden). Die Abwesenheit der Zugezogenen führt zu hygienischen Missständen in der Berliner Gastronomie. Gastronomie-Astronomie, Raum-Zeit-Kontinuum-mäßig wird klar: Es ist Zeit! Es gibt Raum. Und zwar nicht nur zum Parken. Wenn die Schranken schließen vor den Bahnübergängen eurer Hauptstraßen, wenn es heißt, Achtung, Tür schließt (sagt die Regionalbahn das auch?), dann: einsteigen bitte!

Kommentieren

Skulptur aus stehenden Kindern

Und dann bist Du plötzlich der Täter. Stehst vor einer Skulptur aus stehenden Kindern. Also sagt man Dir. Aus sechs Kindern, die mit dem Rücken zu Dir mit ausgestreckten Armen an einer Wand stehen. Erkennst Du. Und Du begreifst: Du stehst gar nicht vor, sondern hinter den Kindern, Du bist der Polizist, der auch mit ausgestreckten Armen dasteht. Aber Deine Arme werden schwer von der Waffe, die sie runter ziehen und Deine Finger werden taub, von den Drohungen, die Du rufst. Du zielst auf die Kinder und sie zittern und noch ein letztes Mal für heute kommst Du raus aus dem Moment, denkst kurz an die, die von der Skulptur aus stehenden Kindern und von eindrucksvoll und so sprachen und fragst Dich, was geht mit so einem Mann, der ich gerade bin, was muss passieren, dass der so etwas machen kann, die Kinder schauen Dich nicht an aber Du ihnen in den Rücken und Du assoziierst sie mit Symptomen, warum der Mann bei denen ansetzt, fragst Du dich, wenn doch die ganze Welt von der Bekämpfung von Ursachen spricht und Du erkennst, dass nur Du, der Polizist, der Kreisausbrecher sein kannst: Die Kinder sind zu jung, das, was man System nennt, ist zu diffus, nur Du allein kannst … was machen? Was ist dieses Ausbrechen, von dem alle immer reden? Und dann lässt Dich das, was die anderen Skulptur aus stehenden Kindern nennen, da stehen und nach der Lösung für ein Problem suchen, das Du noch nicht mal richtig fassen kannst und Du erkennst, dass Du nicht von der Skulptur aus stehenden Kindern mal eben für den Moment zu dem Mann gemacht wurdest, der mit der Waffe auf Symptome zielt, sondern dass Du irgendwie seit immer schon dieser Mann bist, und nie ausbrichst, sondern Dich weiterdrehst, wie das Proseccochen in Deinem Kopf, noch eins bitte, und dass Du, seit alles sich irgendwie in den immer selben Bahnen zu drehen begann, wartest, bis Dich was raushaut, rausbricht aus dem Kreis, aber Du drehst dich nur schneller im Kreis, das ist das Glück, dass die nächste Proseccorunde Dir beschert aber nichts haut Dich raus, Du hoffst noch, noch ein Glas, aber es geht schief. Wie bei jedem Dschum. Du machst den Polnischen und stehst wenig später ganz klar da. Vor Dir nur noch die Straße, gerade, auf die sich die gesamte Vernissage verengt, wenn Du erkennst, dass die Straße in beiden Richtungen nicht vor einer Wand endet. Wie Du. Sondern offen ist. Wie das, was gerade mit Dir gemacht wurde. Nicht von einer Skulptur, die irgendwie steht. Sondern von großer Kunst. Die dich bewegt.

===

Hinweise: Hier gibt es ein Bild der Skulptur. Daten zur Ausstellungseröffnung: Iris Kettner – Inecht | 11. September 2014 | 19.00 Uhr | Haus am Lützowplatz

Kommentieren

Notiz vom 12. September

Er hat einfach weiter gesprochen. Ich verstand kein Wort von dem, was er in einer Mischung aus 90% Polnisch, 8% Spanisch und 2% Englisch erzählte. Aber er erzählte, 20 Minuten lang, ab und zu warf seine Frau ein englisches oder spanisches Wort ein und so redeten wir immer fort, ich nur Ja und Nicken und I understand und er, bin ich mir am Ende ziemlich sicher, erzählte von der Arbeit, von seiner Küche und dem Essen, von seinem Sohn, der zwei Schürfwunden am Kopf hat und im Krankenhaus ist wegen eines Sturzes in der U-Bahn und vom Krieg und der Narbe unter dem alten BWM-Basecap auf seinem Kopf, die daher rührt und ich fragte nicht ihn, sondern nur mich, warum er so frei weiter plapperte, obwohl ich doch nicht erst nach zwanzig Minuten oder immer mal wieder zwischen durch, sondern von Anfang an die ganze Zeit nichts verstand und verstand ja doch ab und zu was und schüttelte er mir die Hand und gratulierte, als ich lawyer antwortete und wir lachten beide, viel, auch seine Frau manchmal mit, denn man muss ja einfach lachen, wenn einer lacht. Seit 44 sind sie in Amerika und dann kam der Bus. Und dann waren sie weg. Deshalb standen wir auch noch 18 Minuten weiter zusammen unter dem Dach, als der Regen vor 20 Minuten schon nach zwei Minuten wieder aufhörte und ich nur glaubte, dass es keinen Grund gab, jedenfalls nicht mein Verstehen, um hier weiter neben mir zu verharren , Rolltasche und Tüten in der Hand, der Bus lies die Seite hinunter und die zwei waren weg, nur ein ok, kein bye bye, kein Lächeln, zwei Rücken, die von Rolltasche und Tüte vor sich her in den Bus geschoben wurden, eine schöne Erinnerung.

Kommentieren

Dass sie das fragen müsse

Dass sie das fragen müsse, hat die Ärztin gesagt und dass sie damit nichts sagen wolle und man das jetzt auch noch gar nicht könne, weil erstmal abzuwarten sei. Wie das und das andere zu verstehen war, fragten wir uns danach. Und ob wir die richtige Antwort gaben. Dann drangen wir nach draußen, vor die Tür auf den Flur, wo keine anderen Besucher waren und Du nicht neben uns lagst wie ein Gegenstand, wie ein Objekt, über das man so verhandelt. Meine Kleine, hab ich Dich am Ende genannt, bevor ich ging. Ich kam noch mal rein, etwas war noch nicht fertig, noch nicht gesagt, noch nicht getan und dann streichelte ich Deine Schläfe und küsste sie dreimal. Ich nahm Deine Hand, als sie am Lacken zog und Deine Finger schlossen sich für ein paar Momente um meinen, ich verstand das als Zeichen von Dir an mich, nein, ich fragte mich, ob ich es als ein Zeichen von Dir an mich verstehen durfte und ich sah Dich an und Deine Augen sahen in die Richtung, aus der der Schlag kam, das sei normal, sagte die Ärztin vorhin, ich hörte Dich atmen, das klang ganz normal und dann piepste das Gerät wieder und dann verstummte es wieder, ich sagte nicht mehr als Tschüß, meine Kleine und dann wollte ich nicht, dass es endgültig klingt, also verabschiedete ich mich auf Morgen und merkte schon, dass ich morgen nicht kann und fügte an, vielleicht auch bis übermorgen und dass ich alles probieren will, was möglich ist, um zu kommen, das werde ich auch, ich versprach es Dir und mir ob es ein Zeichen von Dir an mich war, ich weiß es nicht und das ist auch nicht egal, auch dann nicht, wenn alle behaupten, Du bekämst eh nichts mehr mit, selbst wenn es so wäre, bin ich doch nicht nur für mich da, nein auch für Dich, so wie Du es damals warst, als ich vier, fünf, sechs, sieben Jahre alt war.

Kommentieren

Sie sieht so normal aus

Gastbeitrag von meinem guten Freund Carl Winter

Wie jeden Dienstag bin ich auf dem Weg in die Praxis. Die Eingangstür befindet sich gegenüber einer Bushaltestelle und immer, wenn ich die Klingel drücke statt den Schlüssel zu zücken, komme ich mir entlarvt vor. Für die Zeit, in der ich warte bis der Summer ertönt, blinkt ein riesiges Leuchtschild über meinem Kopf: sie hat einen Knall.

Die Praxis liegt in der zweiten Etage in dem Altbauhaus. Das Licht im Hausflur funktioniert bis zur ersten Etage nicht. Es kommt mir vor, als wiese das auf meine Absicht, zu verschleiern, wohin ich muss, erst Recht hin. Ich fühle mich ertappt: erst hierhin zu müssen, dann es verschleiern zu wollen.

Im Flur stehen zwei Stühle und vergilbte Magazine der Süddeutschen Zeitung hängen in einem Drahtgestell an der Wand. Meine Vorgängerin wäscht sich gerade die Hände. Oder die Tränen aus dem Gesicht. Sie kommt aus dem Bad und wir begrüßen uns freundlich. Dabei schauen wir uns kurz in die Augen, um die Gründe für das hiesige Zusammentreffen zu finden. Sie sieht so normal aus. Dann geht sie und ich bin allein in dem Flur, gehe ins Bad, um mir eines der Taschentücher aus dem Zahnputzbecher zu nehmen und in meinen Ärmel zu stecken. Das ist meine Vorbereitung auf den Termin.

Dann setze ich mich auf den Stuhl und ziehe ein Magazin aus dem Drahtgestell. Das Papier ist schon matt, porös und hat die Spannkraft verloren. Ich blättere die gebogenen Seiten um, konzentriere mich aber auf die Geräusche aus dem Zimmer. Sie fasst nun vermutlich die Stunde meiner Vorgängerin zusammen. Mit jedem Geräusch hoffe ich, etwas über sie zu erfahren. Als sie das Fenster schließt, weiß ich, dass ich dran bin.

1 Kommentar

Grillwalker am Alex explodiert

Tommi brauchte eine Story. Ohne Story keine Reportage. Ohne Reportage kein Platz an der Axel-Springer-Akademie. „Eine dunkle, bitte.“ Seit Tagen stand Tommi am Alex, stopfte Bratwürste in sich hinein und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts. In ganz Berlin nicht. Und die Bewerbungsfrist lief. „Kann ich lieber das andere Brötchen?“ Die Geschichte musste Lokalkolorit haben. Das war Tommis Riesenvorteil gegenüber den unzähligen anderen Bewerbern. Den musste er ausschöpfen. „Noch ein bisschen mehr Senf, bitte.“ Es war seine Stadt. Er wurde in Berlin geboren. Er kannte die Ecken und Winkel. Er hatte Zugang zu den wirklich wichtigen Geschichten. Undercover die Probleme kleiner Leute aufdecken wie Peter Zwegert. Oder Günther Wallraff. Das ist es doch, dachte Tommi. „Sag mal,“ Tommi hob die Stimme wieder an, „ist das nicht super heiß da den ganzen Tag mit dem Grill vorm Bauch und der Gasflasche auf dem Rücken?“ Der Grillwalker zuckte mit den Schultern. Man dürfe eben nicht in der prallen Sonne stehen.

Am nächsten Tag stand Tommi selbst auf dem Alex mit einem Grill vor dem Bauch und einer Gasflasche auf dem Rücken. Es könnte doch sein, dachte Tommi, dass alle Grillwalker auf dem Alex in Wahrheit investigative Journalisten sind. Man sieht doch, wie sie durch die Gegend starren und auf eine Geschichte warten. Tommi trat in den Schatten. Grillwalker am Alex explodiert, die Überschrift stand. Unachtsamkeit, ultraorthodox. Bis auf ein U enthielt die Überschrift bereits alle Vokale. Tommis Suche nach einer sprachlich ausgewogenen Ursache war beschränkt.
„Pass uff.“ Tommi spürte einen festen Griff auf seiner Schulter. „Hör zu, Zarter. Das ist ne ziemlich unsichere Gegend hier. Und Sicherheit kostet. Stunde ein Pfund.“ Ein Pfund? Tommi verstand nicht. „Zwanzig Euro, Du Spezialist. Spezialtarif, weilde neu bist. Ick komm in vier Stunden wieder. Dann krieg ick von dir hundert Steine.“ Hundert? „Wegen Aufnahmegebühr. Und jetzt Attacke. Sonst knallts.“

==========

Der Publizist Chris Wolf war von dieser Geschichte inspiriert und hat aus ihr ein schönes Bild gemacht. (Dankeschön!)

Kommentieren

Teil einer Kategorie

Wann kennt man jemanden nicht mehr? Es gab eine Zeit, da kannte uns niemand so gut wie wir. Wir waren mal ein Paar, liefen fast jede Nacht zusammen die Schönhauser runter. Oft war einer von uns, mal Du, mal ich, so besoffen, dass der andere ihn  halten musste. Wir arbeiteten von mittags bis nachts an unserem Traum. Und dann hast Du diese Kopfentscheidung getroffen, so hast Du sie damals genannt. Einen Monat lang hatte ich Bauchschmerzen, wenn ich an Dich dachte, dann traf ich meinen Mann.

Und irgendwann begann ich, von Dir zu lesen. Erst Berliner Woche dann Tagesspiegel dann Tagesschau. Schauspieler des Jahres. Bekannt dafür, seine Rollen umzuschreiben.

Einmal fragte mein Mann, ob wir in einen Deiner Filme gehen. Er mag den Hauptdarsteller, findet den irgendwie cool. Im Friedrichstadt Palast war neulich eine Premiere und Du liefst über den roten Teppich und ich auf der anderen Straßenseite von der Arbeit nach Hause. Ich wohne immer noch hier. Du mal hier mal da, steht auf Wikipedia. Wie würdest Du mich finden, wenn Du das wolltest? Und warum stellen sich alle Fragen nur in Deine Richtung? Nur-ich-und-Du, nie Du-und-ich.

Ich denke an Dich als entgangene Chance. Wenn man nicht mehr zusammen ist und vom anderen nichts mehr hört, dann vergisst man auch die Eventualitäten. Aber das erlaubst Du mir nicht, wenn Du mich von dem Poster über dem Bett meiner Tochter aus ansiehst. Die Zeit in Berlin habe Dich geprägt, zitiert Dich Spiegel Online. „Damals ist viel Wichtiges passiert.“ Viel Wichtiges. Zum ersten Mal bin ich Teil einer Kategorie. Damals. Sprichst schon von mir aus dem Danach. Würde das auch gerne können. Ab wann kennt man jemanden nicht mehr?

Kommentieren

Inselbewohner

Vom widersprüchlichen Umgang der Digital Natives mit den Late Adoptern

Eine seltsame Geschichte: Ein paar Menschen entdecken eine Insel. Bald sind sie sich sicher, dass ihr Umzug auf diese Insel ihre Leben schöner und besser gemacht hat. Deshalb rufen sie laut zum Festland rüber, dass alle Menschen von dort auf die Insel ziehen sollen. Die Menschen vom Festland zögern erst. Doch dann machen sie sich auf den Weg. Schon bald, in tiefen Gewässern, bringen Strömungen und Strudel sie aber in große Gefahr. Einige von ihnen gehen immer wieder unter und kommen nur mit größten Anstrengungen voran. Und jetzt kommt das Seltsame: Anstatt den Menschen zu helfen, das neue Land zu erreichen, stehen die Inselbewohner lachend am Strand und bewerfen sie mit Steinen.

Dass die Inselbewohner die Menschen vom Land dazu auffordern, ihnen nach zu ziehen, um sie bei dem Versuch sodann im Stich zu lassen, ist widersprüchlich. Dieses Verhalten ist jedoch gar nicht so selten. Es begegnet uns fast jeden Tag. Und zwar im Netz.

Es sind vor allem die Lobpreisungen der lauten Stimmen von dort, die immer öfter auch offline Gehör finden. Dieser Tage verkündet Sascha Lobo die Neuerfindung des Buches im Internet. Wenn es nach Apple ginge, würden alle Kinder mit Podcasts unterrichtet. Und die Macher sozialer Netzwerke wie Facebook oder Elitepartner fordern uns auf, alles Zwischenmenschliche in Kabelschächte zu verlegen.

All diesen Ansätzen ist eines gemein, nämlich der Aufruf, von offline Richtung online zu wechseln. Übertragen auf die seltsame Geschichte von oben könnte man sagen, die Anführer der Inselbewohner stehen schon am Rand des Netzes und rufen laut aus ihm heraus: Kommt alle rein!

In der seltsamen Geschichte ging es damit weiter, dass die Menschen vom Land diesem Aufruf folgten. Und das lässt sich außerhalb der Geschichte ebenfalls beobachten. Auch in Zeitungen aus Papier wird über Sascha Lobos digitale Bücher berichtet. Die ersten Lehrer beginnen damit, ihre Kinder an iPads zu unterrichten. Die Digitalisierung schreitet voran. Und die Anführer der Landbewohner verhindern sie nicht, sondern fördern sie. Angela Merkel hat, als Chefin der Landbewohner, dabei im vergangenen Sommer vor den Gefahren gewarnt, die auf dem Weg ins Neuland lauern. Anfang Oktober hatte nun auch der Tatort, ein Gradmesser für die auf dem Land relevanter werdenden Themen, das Netz zum Gegenstand. Dass er vielen Menschen das Thema näherbrachte, die bislang kaum etwas davon wussten, belegt bereits die hohe Einschaltquote. Schließlich haben sogar Offline-Ikonen wie Rainer Brüderle klassische Stammtischtätigkeiten wie den Wahlkampf auf Facebook-Profile ausgelagert.

Aber wie reagiert das Netz darauf, dass die Menschen von draußen sich nun auf den Weg in es hinein machen? Richtig, man erinnere sich nur an die Inselbewohner von oben: Angela Merkel erntete aus allen Ecken nur Hohn und Spott. Dass sie noch nicht angekommen war, dass sie die Sprache der Inselbewohner noch nicht perfekt sprach, dass sie noch kein Digital Native war, sondern als Late Adopter offenbar als nicht integrierbar gelten musste, genügte, um an der Pforte abgewiesen zu werden. Den Tatort-Machern ging es nicht besser. Auch sie ernteten nur Häme für all die kleinen und, glaubte man den Netzbewohnern, unverzeihlichen Fehler. Der Wahlverlierer Rainer Brüderle sah sich schließlich gezwungen, ganz umzukehren auf seinem Weg zur Insel. Er löschte sein Profil, als der Spott strafrechtlich relevant wurde.

Es scheint einen Freibrief auf der Insel zu geben: Wer nicht von Anfang an dabei war, über den darf gelacht, der darf mit Steinen beworfen werden. Dass sein Versuch der Annäherung Kraft kostet und mit den Hürden und Fehlern, die jeder Wechsel birgt, verbunden ist, wird nicht gewürdigt. Wer mit einer Sache neu anfängt, der kann sie nicht so gut wie einer, der sie schon ewig macht. Dies zu ignorieren und sich inzestuös gegen alle Neuankömmlinge zu stellen, ist en vogue und – so scheint es – ein probates Mittel der Inselbewohner, sich ihrer selbst, der eigenen Web-Credibility und der Coolness ihrer Idee zu versichern. Dabei widerspricht dem missionarischen Aufruf aus den eigenen Reihen nichts mehr, als das.

Kommentieren

Clärchens Ballhaus (H 4)

Heimkehr
in fünf Szenen.

< Personen

FRANZ
ANDRES
HANDWERKSBURSCH
CHINUKKIN
LOCKIGE FRAU
BLACKY-OLLE
MILF >*

* Personenverzeichnis vom Herausgeber. Der Dramentext folgt der letzten überlieferten Handschrift H 4. Namen sowie Figurenbezeichnungen wurden nach Maßgabe von H 4 vereinheitlicht. Veröffentlichung des fragmentarisch gebliebenen Manuskripts auf Anregung Georg Böhms:

***

1. Szene

Der Zapfenstreich geht vorbei, Andres voran.

ANDRES. Siehst Du die Chinukkin dahinten? Auf 17:00 Uhr. (…) Von mir aus gesehen. Alter. Nicht 19, sondern 17, Junge.
FRANZ (nach einer Pause). Krass. Optik Alter.
ANDRES (geheimnisvoll). Hammer Fahrgestell. Wie bei Youporn.
FRANZ. Ich sag dir, die Asia-Weiber gehen richtig ab.
(Arbeitslücke von ein bis zwei Leerzeilen)
HANDWERKSBURSCH. Aber da weißt Du auch nicht, was Du dir einfängst.

2. Szene

Buden. Lichter. Volk.

HANDWERKSBURSCH (starrt in die Gegend). Alter, die mit den Locken dahinten.
ANDRES. Lecker, Orient-Style.
FRANZ. Alter, vergiss es Mann. (Ihn ansehend mit Ausdruck.) Wer hat schon Bock auf Achsel.
HANDWERKSBURSCH. Was?
FRANZ (keck). Na wegen Jungfrau bei der Hochzeit.

3. Szene

Es kommen Leute.

FRANZ. Guck mal da, die Blacky-Olle.
HANDWERKSBURSCH (tritt vor ihn). Das ist ein Arsch.
ANDRES. Und wie die tanzen kann.
HANDWERKSBURSCH. Ja aber Du musst sehen: Die hatte definitiv schon mal einen Schwarzen.
ANDRES (verschüchtert). Stimmt.
FRANZ (verstimmt). Definitiv gesperrt, die Alte.

4. Szene

Wirtshaus.
Die Fenster offen, Tanz.
Bänke vor dem Haus.

HANDWERKSBURSCH. Ey, die Milf da hat mich gerade krass angestarrt.
FRANZ. Ist die geil. (Mit Würde.) Solche Weiber gibt’s nur in Clärchens Ballhaus, sagt auch mein Cousin.
ANDRES. Ja Mann. Aber sie ist deutsch.
HANDWERKSBURSCH (pfiffig). Milfs sind immer deutsch.
FRANZ (fährt fort). Dafür schieben sie dir direkt den Finger rein.
ANDRES. Bist Du schwul im Gesicht?

5. Szene

Nacht.

HANDWERKSBURSCH. Das Wichtigste bei den Weibern ist, dass sie mir nicht auf die Air Max treten.
ANDRES (nach einer Pause). Ja Mann, Tanzfläche ist mir auch zu gefährlich.
HANDWERKSBURSCH. Was sagt die Uhr?
FRANZ (Zieht großartig und gemessen eine Uhr aus der Tasche). Dreiviertel. Ich hab krass Hunger.
ANDRES. Lass mal zu McDonalds, die Weiber sind eh scheiße (ab).

 

1 Kommentar

Maximal Mokka

„Schultze, ich brauche zehn heiße Frauen.“
„Herr Ministerialdirigent, Verzeihung, ich fürchte, ich verstehe nicht.“
„Was gibt’s da nicht zu verstehen, Schultze? Besorgen Sie mir einfach zehn heiße Frauen auf mein Zimmer. Blond, braun, rot, schwarz, stopp: vergessen Sie braun. Ich brauche je dreimal schwarz, rot und blond. Neun müssen reichen.“
„Aber Herr Ministerialdirigent. Morgen ist doch der Pressetermin im Adlon. Da müssen Sie fit sein.“
„Wieso aber, Schultze? Also machen Sie einfach dreimal schwarz, dreimal rot und dreimal blond. Hebt den Finger und macht eine Pause. Aber machen Sie bei den Schwarzen nicht so richtig schwarz. Also Hautmäßig. Maximal Mokka, so dass man die Schrift noch lesen kann.“
„Herr Ministerialdirigent …“ Wird unterbrochen.
„Was denn noch, Sie Idiot?“
„Verzeihung, welche Schrift?“
„Keine Ahnung, Schultze. Denken Sie sich was aus. Fuck Politics oder so, Free Tiere, No Atomstrom. Gucken Sie einfach in unser Wahlprogramm, Mann, und schreiben Sie das Gegenteil!“
„Ich verstehe. Aber, Herr Ministerialdirigent, der Pressetermin, Sie müssen fit sein morgen, denken Sie doch an Ihre Kandidatur.“
„Schultze, kümmern Sie sich einfach um die Frauen.“
„Sehr wohl, Herr Ministerialdirigent. Zu wann darf ich die Damen denn auf ihr Zimmer bestellen?“
„Was ist denn das für eine Frage, Schultze. Sobald die Kameras laufen, Sie Idiot!“
„Herr Ministerialdirigent, aber wenn die Videos an die Öffentlichkeit geraten …“ Wird unterbrochen.
„Sind Sie bescheuert, Schultze? Darum geht es doch. Kennen Sie einen Mann mit Macht, der im letzten Jahr nicht von Frauen mit Sprüchen überfallen wurde? Putin, Berlusconi, Strauss-Kahn. Alle haben diese Frauen. Das ist sowas wie ein Markenzeichen. Ein Code. Wir müssen diese Sache mit den Frauen auch machen.“
„Herr Ministerialdirigent …“ Wird unterbrochen.
„Schultze, sobald die Weiber ins Bild rennen, weiß der Wähler, der Typ in der Mitte hat Macht, der ist ein Macher. Sie Idiot. Das ist Psychologie!“

Kommentieren

Schweinemensa

„Ich habe mit ihm geschlafen.“
„Was, bist Du jetzt schwul oder was?“, meine Freunde lachten und ich erklärte:
„Es heißt das Mädchen, also habe ich mit ihm geschlafen.“

*

Wenn ich vor meinen Kommilitonen von der Fachschaft Germanistik der HU die Gespräche mit meinen Freunden von zu Hause nachspreche, dann sage ich oft, dass die meisten meiner Freunde sicher nicht mehr meine Freunde werden würden, wenn ich sie heute kennenlernte.

Ich benutze diesen Gedanken seit Jahren in Gesprächen, um zugleich von meinen Wurzeln in Zwickau und meinem aktuellen Stand zu erzählen. Und meine Kommilitonen verstehen das. Wir reden dann über die Entwicklung von Menschen und von dem guten Gefühl, das einem die alten Freunde immer noch vermitteln, wenn man sie sieht. Rückkoppelung. Bodenhaftung. Dass man sich bei ihnen wohlfühlt, nicht viel reden und argumentieren muss, sondern auch mal nur fernsehen kann oder kiffen. Dass man ihnen die Doofheit verzeiht und sie einem die oberlehrerhafte Agitation. Dass es gut ist, alte Freunde nicht zu verleugnen und zu ihnen zu stehen.

Aber das tue ich gar nicht. Was wir bei alledem übersehen ist, wie illoyal ich bin. Als ich neulich mal wieder in der Schweinemensa sitzend kokettierte, dass meine alten Freunden heute alle nicht mehr meine Freunde werden würden, fiel es mir auf.

Wir analysierten: Indem ich so etwas sage, stehe ich nicht zu ihnen, sondern erkläre, dass sie stehengeblieben sind und dass nur ich mich weiter entwickelte. Schlimmer noch: ich stelle es auch als einen Akt meiner Großherzigkeit, meiner Toleranz und meiner Offenheit dar, dass wir immer noch befreundet sind. Dass ich mich vor den Kommilitonen schäme für die Freunde, schlug Lena von der Fachschaft Psychologie als Begründung vor und sie hat Recht, es ist wahr. Warum ich die Freunde nicht einfach unerwähnt lasse, fragte Lena. Aber so edel bin ich nicht, gestand ich. Ich schlage zugleich Profit für mich aus dem Zufall, die Freunde zu kennen. Ich rücke sie immer wieder neben mich und in ein schlechtes Licht, nur um mich, meinen Gang nach Berlin und den Aufstieg zu den coolen Menschen noch deutlicher strahlen zu lassen. Und Lena übersetzte: Ich schiebe mich damit nach außen, aus dem Kreis meiner alten Freunde heraus auf die Metaebene unserer gemeinsamen Zeit.

Dass ich mich nicht mehr ihr Freund nennen darf, seit ich nicht mehr unter ihnen bin, sondern nur noch daneben, dass ich nicht mehr wiederkommen darf, habe ich bei meinem letzten Besuch in Zwickau erklärt. Mann was laberst Du und: wer baut, der haut, hat mich Danny dann belehrt.

Kommentieren

Autor gesucht Ausrufezeichen

Ich brauche eure Hilfe! Dieses Blog wird heute ein Jahr alt und zum Jubiläum soll kein Text von mir hier stehen, sondern einer, der seit über einem Jahr in meiner Küche hängt. Ich habe den Text in einer Disko gefunden, die sich in einer flachen Platte hinter dem Rathaus Mitte befindet und an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Der Text hing schwarz und in Times New Roman gedruckt auf einem weißen A4 Blatt an einer braunen Wand in der Nähe der Toilette (der Rest der Erinnerung ist noch diffuser). Ich machte ihn ab und nahm ihn mit und ich hoffe, mit seiner Veröffentlichung hier an den Autor zu kommen, nicht, um sein Freund zu werden oder über Seelenverwandtschaft oder anderen Quatsch zu reden, sondern um das zu machen, worauf es in Literatur ankommt, das, was mir auf diesem Blog im vergangenen Jahr ab und zu passiert ist und mich jedes Mal lächeln machte, das, was mein Schreibgrund ist, ich will: den Autor wissen lassen, dass sein Text krass cool ist und dass ich diesen Text mindestens einmal in der Woche lese, meistens beim Rauchen, und dass ich immer etwas anderes darin finde, weil der Text nicht viel vor-, sondern Raum gibt, dass er zwar nicht von mir ist aber es mir vorkommt, als sei er über mich. Hier ist er, der Text:

 

rumkurven

unerlöst schneller
drehe ich im kreis

falle atemlos zurück
und überrunde mich selbst

wie lange steht die zeit schon still?
weiterrasend

warte ich darauf,
dass es mich endlich aus der kurve trägt

 

Ps.: Ich dachte bis vorgestern, dass das Jahr 56 Kalenderwochen hat. Hat es aber nicht. Es sind nur 52. Ich habe da was verpeilt und das hängt mit einer Eselbrücke zusammen: Ich merke mir schon seit der Kindheit, dass das Jahr 365 Tage hat, indem ich mich daran erinnere, dass der Fernsehturm in Berlin 356 Meter hoch ist. Die letzte Zahl stimmt heute nicht mehr, weil die Antenne verlängert wurde aber dass man die letzten zwei Ziffern vertauschen muss, hat immer ausgereicht, um jedenfalls die Zahl der Tage im Jahr zu behalten. Jedenfalls schloss ich dann, ich weiß nicht wie und seit wann, hiervon auch darauf, dass das Jahr 56 Wochen hat. Erst als ich vorgestern einem Freund davon erzählte, wurde das Missverständnis aufgeklärt. Dieser Dieses-Blog-wird-ein-Jahr-alt-Jubiläumstext kommt deshalb exakt vier Wochen zu spät, sorry, Prost nachträglich, und jetzt: bitte helft mir, ruft einmal laut zum Mithelfen auf und teilt das auf allen möglichen Wegen, damit der Autor von rumkurven endlich an sein Lob kommt. Zur Not noch zwei-, dreimal lesen. Tausend Dank!

Kommentieren

Ex-Berliner (Darum)

Wie lange ich weg sein würde, hatte Max mich am Flughafen Tegel gefragt und ich konnte nur lächeln, nicht nach außen, so dass er es sah, sondern nur nach innen, sodass ihn mein Blick in Ruhe lies in dem Glauben, wir hätten uns in den letzten vier Jahren kennengelernt. Es war der falsche Weg, der nach Deutschland, das ist mir heute klar, aber was ist der richtige? Der zurück nach Astana? Ich war zwei Jahre lang die Vorsitzende der Informatik-Fachschaft an der TU-Berlin. Einmal war mein Gesicht sogar auf dem Titel unseres Unimagazins. Knallrote Lippen und Regelstudienzeit, das gefiel den Verantwortlichen. Meine Freunde und ich, wir tranken Vodka im Puro, kauften Kettchen auf dem Kudamm, standen, rauchten saufend, laut und tanzend und dann verliebten wir uns. Max und ich. Oder so. Einmal im Jahr zum Ausländeramt, einmal im Jahr sagen, dass wir auch vorhaben, zu heiraten, einmal im Jahr ach, sie können aber gut Deutsch, einmal im Jahr Danke-sagen und durchatmen, noch mal verlängert, einmal im Jahr kein Rausschmiss. Und dann bin ich doch gegangen. Zwei Jahre ist das her und in Kasachstan, da machen wir keine langen und kleinen Schritte wie die Deutschen mit Abitur, Studium, erste Liebe, Job, zweite Liebe, zweiter Job und so weiter, nein, in Kasachstan sind die Schritte groß und kurz, Heirat, Baby. Ich hatte Jurij noch als Kind auf einer Hochzeit kennengelernt.
Wie lange ich weg sein würde, wollte er damals am Flughafen in Almaty wissen und als ich zurückkam, sah er immer noch ganz okay aus und seiner Familie, der geht es gut und ich bin auch in dem Alter, also finde ich, und dass er seine Eltern zu uns geholt hat, damit ich tagsüber nicht allein bin, hat er sicher gut gemeint und das Kopftuch, das trage ich nicht, um mich vor anderen Männern zu verstecken, sondern darum, weil wir das hier so machen.
Von der Pergola Richtung Feld kann ich es sehen, das Schütteln der Köpfe meiner Freunde in Berlin, wenn sie von meinem Leben hier erfahren würden und das Schütteln der Köpfe meiner Freunde hier in Kasachstan, wenn sie von der Zeit in Berlin wüssten. Aber was weder die Deutschen noch die Kasachen beim Schütteln ihrer Köpfe sehen, das bin ich.
Wie lange ich weg sein würde, habe ich mich gestern Nacht gefragt. Wohin noch mal zurück?

1 Kommentar