Lange-Hausstein

Kategorie< 5 Min.

Die digitale Gleichgültigkeit

Was legitimiert einen Datenschutz, für den sich niemand interessiert?

(Erschienen in der brand eins)

Der NSA-Skandal hat nicht nur unser Bewusstsein für die Gegner geschärft, er wirft auch ein neues Licht auf unsere eigene Rolle im Umgang mit Daten. Seit wir wissen, dass die NSA Back-ups unserer Festplatten bereithält, unsere E-Mails mitliest und unsere Telefonate mithört, sind zwei gegenläufige Bewegun- gen zu beobachten: Auf der einen Seite werden die politischen Anstrengungen zur Ausweitung des Datenschutzes stärker – auf der anderen wird immer offenkundiger, dass sich die Mehrheit der Internetnutzer für das Schicksal ihrer Daten noch immer kaum interessiert.

Keine Demonstrationen, kein Aufschrei, nicht mal Online- Petitionen wurden bekannt, nachdem Snowden und Co. ihre Erkenntnisse darüber veröffentlichten, dass so eine Art Surf-Stasi von Hawaii aus das gesamte Internet überwacht.

Sascha Lobo schloss von der eigenen Kränkung durch die NSA auf die Kränkung der gesamten Menschheit. Alles klar, könnte man denken. Aber wovon, wenn nicht von sich selbst, soll man sonst auf andere Menschen schließen? Mal ehrlich: Selbst wenn man sich vor Augen hält, dass aus jedem Smartphone ein vollständiges Profil seines Benutzers über Bewegung, Beziehun- gen und Bildung ausgelesen werden kann – würde man (also Sie!) es deshalb jetzt ausschalten und für immer ausgeschaltet lassen? Jeder hat ja schon mal erlebt, wie das Störgefühl abklingt, wenn man etwa nicht mehr daran denkt, dass das iPhone ständig an Apple sendet, wo man ist. Oder dass am Rand eines Nachrichten- portals für Schuhe geworben wird, die im Onlineshop zuvor ge- sucht wurden. Oder dass E-Mails auf privaten Konten auch auf Servern in den USA liegen, während Datenschützer längst wissen, dass das Safe-Harbor-Abkommen über die Einhaltung von Daten- schutzstandards Unsinn ist. Es interessiert niemanden. Aber wa- rum ist das so? Weil wir keine Folgen spüren.

Die Gefahr ist so abstrakt, dass sie uns keine Angst macht. Wurde sie greifbarer, seit wir wissen, dass die NSA alles über- wacht? Gibt es sogar schon einen Schaden? Ja, sagen diejenigen, deren Verhalten sich nach der Aufdeckung verändert hat. Nein, sagen dagegen jene, die personalisierte Werbung am Web-Seiten- rand zwar komisch finden, viel weiter aber mit der Systemkritik nicht kommen. Das sind die Gleichgültigen, deren Standpunkt bisher keinerlei Gewicht in der Datenschutzdiskussion hat. Und
sie sind, wie jede Spontanumfrage zeigt, in der absoluten Mehr- heit.

Bei Lichte betrachtet wird klar, dass die Gleichgültigkeit die- ser Mehrheit nicht das gesamte Netz trifft. Denn dieses Netz, von dem seine Kritiker so aufgeregt reden, gibt es nicht. Das Netz ist das Resultat der Entscheidungen, die darin getroffen werden. Je- der von uns nutzt das Netz, wie er mag, zum Schreiben, Lesen oder Kaufen. Die NSA hat sich entschieden, es auch zum Mit- schreiben, Mitlesen und Ausspähen zu nutzen. Alle Kritik, alle Verbesserung, jede Beobachtung „des Netzes“ muss hier anset- zen, bei den Entscheidungen, die über die Art seiner Nutzung getroffen werden. Damit gemeint ist der Unterschied zwischen Knast und Kreditkarte. Amazon, Google und Facebook können mit ihren Daten über mich schlimmstenfalls eines tun: mir etwas verkaufen. Die NSA und der BND können mich dagegen meiner gesamten Freiheit berauben – um diesen Unterschied muss es bei jeder Regulierungsdebatte gehen.

Sicher, der Staat muss seine Bürger schützen. Aber darf er sie auch dort bevormunden, wo ihnen die Sammlung ihrer Daten egal ist? Anders als bei staatlicher Bespitzelung ist die Gleichgül- tigkeit des Bürgers im Privaten frei wählbar und nicht nur Resul- tat von Machtlosigkeit.

Diese Selbstverständlichkeit, selbstbestimmt mit Daten umzu- gehen, entgeht vielen der heutigen Entscheidungsträger. Sie sind Menschen, die das Digitale noch als virtuelle Realität kennenge- lernt haben. Und sie übersehen, dass die Generation nach ihnen das Virtuelle dieser Realität einfach gestrichen hat. Das aber macht diese Menschen nicht zu Betreuungsfällen – man kann auch bewusst gleichgültig mit Daten im Netz umgehen. Man kann bewusst in einem Netzwerk unterwegs sein, von dem jeder weiß, dass es auch dazu dient, andere zu beobachten. Und man kann es auch normal finden, in dem Bewusstsein zu kommuni- zieren, dass alles sichtbar wird und abrufbar bleibt.

Dass die Generation nach den Schöpfern des Internets keine Scheinwelt mehr im Netz aufbaut, sondern mit den Vor- und Nachteilen leben will, das ist das Neue, das Unbefangene, das Gleichgültige und zugleich Wahre am Umgang mit den Möglich- keiten des Netzes heutzutage. Vor diesem Willen hat der Daten- schutz-Paternalismus zu weichen, denn auch seine letzte Verteidi- gungslinie, die jungen Leute wüssten nicht, was sie tun, bricht ein, wenn man ihre Selbstbestimmtheit anerkennt. Der offene Umgang mit Daten im Internet ist nicht zwangsläufig das Resultat fehlen- den Verständnisses. Er kann auch ein erstes Ergebnis der Entwick- lung dessen sein, was wir seit erst 20 Jahren Netz nennen.

Entwicklungen bergen Risiken. Aber der Staat hat noch nie versucht, alle denkbaren Risiken von seinen Bürgern fernzuhal- ten. Sonst wäre auch Autofahren verboten.

Case Study Unternehmensberatung, Schwerpunkt: Management Consulting

Der CEO nickte. Dass er sich von nun an nicht mehr Geschäftsführer nennen solle war ein Vorschlag, den er gerne annahm. Nur ein Idiot würde sich den gesellschaftlichen und globalen Entwicklungen verschließen, die ihm der Consultant gerade in einem eindeutigen Chart visualisiert hatte.

„Kommen wir zu den Rauchern: Durchschnittlich fünf Zigaretten pro Tag und Raucher a sieben Minuten zugrunde gelegt, kommen Sie mit der Zeit für das An- und das Ausziehen der Jacke, der Wartezeit für den Aufzug, einmal hoch und einmal runter, und der Gewöhnungsphase von mindestens einer Minute vor dem Computer bei nach unserer Erhebung 14 offiziellen Rauchern, wobei mit einer Dunkelziffer von wenigstens plus zwei Gelegenheitsrauchern zu rechnen ist, auf 196 Minuten zusätzlicher Pausen pro Tag, das sind 16,3 Arbeitsstunden pro Woche und das macht 13.067 verlorene Euro pro Monat. Und davon haben Sie nichts.“

Der CEO schärfte seinen Blick. Die Raucher waren ihm seit Langem ein Dorn im Auge.

„Unser Psychologe PD Dr. Pfeiffer, eine ausgewiesene Instanz auf seinem Gebiet, ist zudem der Auffassung, dass Ihr Controller, Herr Müller, mit der Leiterin der Poststelle, Frau Müller, in einem persönlichen Näheverhältnis steht.“

Der CEO nickte.

„Reden wir über Schultze. Sie erkennen die innere Opposition dieses Mitarbeiters zum Beispiel daran, dass er sein Pad immer in der Kaffeemaschine lässt. Sie müssen sich das übersetzen: Das bedeutet, dass es Schultze egal ist, wer nach ihm kommt und dass derjenige dann den Einschub von Schultzes Pad befreien, wenn das Pad eingetrocknet ist, gar laut ausklopfen muss, also gezwungen ist, Lärm zu machen und sich selbst in eine den anderen Mitarbeitern gegenüber wenigstens störende Position zu versetzen, all das, diese Selbst-Erniedrigung und die dabei empfundene Scham des Mitarbeiters nach sich, nimmt Schultze in Kauf. Sowas kriegen Sie mit Team-Building-Maßnahmen nicht mehr hin.“

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, ging es dem CEO durch den Kopf.

„Außerdem müssen Sie bei den Ossis aufpassen. Die sollten Sie auseinandersetzen. Die sind enorm anfällig für Grüppchenbildung, schon im Allgemeinen. Aber Ihre im Speziellen.“

„Ossis, verstehe.“ Der CEO notierte.

„Schließlich haben wir uns Ihre Weihnachtsfeiern angesehen. Der Standort Berlin ist der absolute USP für ihr Produkt. Dabei geht’s nicht um Berlin. Es geht um das, was die Menschen in der Welt unter Berlin verstehen, was sie damit verbinden, es geht um Träume, Ideen. Und das muss sich in der internen Mitarbeiterkommunikation abbilden. Da kann man nicht zum Bowling nach Rudow fahren. Sie brauchen Soho House, 40Seconds, Tempelhofer Flughafen.“

„Und die Kosten?“, der CEO rümpfte die Nase.

„Die Kosten dürfen da keine Rolle spielen. Wenn Sie das volle Markenpotential der Neuköllner Blutwurst als Lifestyle-Produkt ausschöpfen und monetarisieren wollen, dann dürfen Ihnen solche Fehler nicht mehr passieren!“

Tina

Die Eheleute Detlef und Anne wollten zusammen mit ihrer Tochter Tina in den Sommerurlaub fahren. Da traf es sich gut, dass es im Reisebüro ein Sonderangebot gab: 50% für Familien. Familien im Sinne der Anzeige seien aber nur solche, die zwei Kinder haben, erläuterte die Mitarbeiterin. Aber das war kein Problem. Denn die Mitarbeiterin und Anne kannten sich aus der Kindheit, die sie gemeinsam in Spandau verbrachten, wo sich diese unglückliche Geschichte zutrug. Anne schlug vor, einfach ein zweites Kind in das Buchungsformular aufzunehmen: Paul, männlich, sieben Jahre alt. Die Mitarbeiterin nickte. Beide lachten.

*

Beim Check-In gaben Detlef und Anne an, dass Paul krank und bei der Oma geblieben sei. Anne war etwas mulmig.
Als sie wieder nach Hause zurückkamen stand das Jugendamt vor der Tür. Man habe einen Hinweis erhalten. Wo Paul sei, wollte die Frau wissen und wo er geboren wurde. Denn im Geburtenregister sei er nicht zu finden. Und Detlef und Anne waren unsicher, was zu sagen war, aber sie versicherten der Frau, dass es Paul gut gehe und die Frau notierte das und ging, denn sie hatte noch viele andere Fälle.
Als Paul auf das Gymnasium hätte gehen müssen, kam ein Brief. Detlef war in der Zwischenzeit zum Richter auf Lebenszeit ernannt worden. Anne hatte eine feste Stelle im Bezirksamt, Tina stand kurz vor dem Abitur. Der Brief kam von der GEZ. Ob wegen Paul, der nun Jugendlicher ist, weitere gebührenpflichtige Geräte hinzugekommen wären. Das wollte sich Detlef nicht gefallen lassen und deshalb schrieb er der GEZ und erklärte, dass es Paul gar nicht gab. Anne sah aus dem Fenster.

*

Wo ihr Bruder Paul sei, fragte der Kommissar mit Nachdruck in der Stimme, als Tina ihm die Tür öffnete. Welcher Bruder und dass sie das nicht wisse, antwortete Tina. Dass sie ihm alles sagen könne und es okay sei, erklärte dann der Kommissar. Da begann Tina zu weinen und hörte nicht mehr auf, bis Detlef aus dem Gericht kam. Und auch Detlef weinte daraufhin und als er Anne den Grund dafür nannte, wurde Anne schwindelig.
Am Sonnabend darauf kam der Staatsanwalt. Totschlag, Kindesentführung u.a. stand auf dem Zettel. Herr Richter, Sie wissen selbst am besten, dass wir bei dieser Verdachtslage gezwungen sind, zu ermitteln. Und Detlef schrie durch den Flur. Dass Paul nie da gewesen, dass das alles Quatsch sei, dass es Paul nicht gebe und Paul nur eine fixe Idee seiner Frau gewesen sei. Da schmunzelte Anne und summte ein Lied.
„Erinnerst Du dich?“, Anne griff nach Detlefs Hand. „Das mochte Paul am liebsten.“

#Fressehalten

Neulich gab es die #Aufschrei-Debatte. Die nahm man hier und da zum Anlass, mal ganz grundsätzlich über das Verhältnis von Männern und Frauen nachzudenken. In ihrem Beitrag in der FAZ schloss die (total tolle) Publizistin und Moderatorin Tina Mendelsohn, dass es um nicht weniger gehe als „einen großen kulturellen Wandel, um ein zivilisatorisches Projekt“. Die SPD-Fraktion im Bundestag meint auf ihrer Facebook-Seite, „handfeste Konsequenzen“ haben nun zu folgen. Der Ex-Familienminister Heiner Geißler forderte bei Anne Will gar, „Männer müssen sich ändern“. Und etwas weniger fundamental fand die aktuelle Familienministerin Christina Schröder (CDU), sexuelle Belästigung solle unabhängig vom Einzelfall als Dauerthema diskutiert werden (Focus). Es genügt bereits, die Mindestforderung Schröders heranzuziehen, um zu erkennen: der #Aufschrei ist verhallt. Die TAZ fasst – einem Nachruf gleich – bereits die Bewältigungsmechanismen der verschiedenen Lager zusammen. Aber nicht nur in der Peripherie, nein, auch an der Quelle von #Aufschrei ist es ruhig geworden: Wer jetzt nach #Aufschrei bei Twitter sucht, erkennt auf den ersten Blick: es wird nur noch Spaß gemacht (Zitat: „Warum gibt es keine Gummibärchen-Schlumpfine? #Aufschrei #Diskriminierung“.

Nun: man könnte gegen die Relevanz dieser Beobachtung einwenden, dass Debatten nie weiter geführt werden, wenn die erste Aufregung zu Ende ist. Organspendenskandal. Noch im Bild? Machtergreifung-re-rewind von Putin. War da nicht was mit Verfassungsänderung? Dass Debatten wie diese nach nie mehr als ein paar Wochen enden, gehört wohl zur politischen Diskussionskultur dazu.

#Aufschrei aber unterschied sich von diesen Debatten. #Aufschrei waren Sprache und Lautsein nicht nur durch den Namen immanent. Es ging von Anfang an nicht nur darum, etwas vorübergehend anzuprangern. Es herrschte vielmehr schon nach Stunden in der politischen Öffentlichkeit und in der Presse ein Bewusstsein dafür vor, dass diskutiert und gehandelt werden müsse. Der #Aufschrei sollte, wie die Zitate zeigen, aus den Niederungen der Aufregung um Hotelbarsprüche emporgehoben werden, hinauf zu einem der edelsten unserer Grundsätze: dem von der Gleichbehandlung von Mann und Frau. Systematisch sollte von nun an über Gleichberechtigung gestritten werden und zwar so, dass sich was ändert.

Deshalb ist das Schweigen von Politik und Presse nach #Aufschrei besonders schamlos. Sie, die Helfer derjenigen, die sich auf Twitter offenbarten, sind wieder weg. Und die Lücke, die sie lassen, legt die Gleichgültigkeit der politischen Diskussion nach #Aufschrei umso deutlicher bloß. Fressehalten: geht gar nicht. Und wenns unbedingt sein muss, dann bitte konsequent von Anfang an. Anderenfalls: weitermachen.

„Kauft nicht beim Schwaben“

Fremdenhass-light: Wolfgang Thierse fordert die Selbstverleugnung von Zugezogenen in Berlin.

In einem Interview in der Berliner Morgenpost nennt Wolfgang Thierse das Zusammenleben mit zugezogenen Schwaben „strapaziös“. Er wünsche sich, so Thierse, „dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind – und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche“. Die Bevölkerung mit Menschen aus einer anderen Gegend sei die „schmerzliche Rückseite“ der Veränderung im Bezirk. Schrippen sollen wieder Schrippen heißen und nicht mehr Wecken und auf dem Pflaumenkuchen solle wieder Pflaumenkuchen stehen und nicht mehr Zwetschgendatschi. Ein offenbar unüberwindliches Bedürfnis Thierses wird dabei deutlich: Er scheint zu wollen, dass man so mit ihm redet, wie das in Berlin üblich ist. Kannste kriegen, Keule.

Hasskultur

Es gibt seit Jahren eine polemische Bewegung gegen die sogenannten Zugezogenen in Berlin, die sich Motiven bedient, die starke Anleihen bei fremdenfeindlichem Gedankengut nehmen. Die Süddeutsche hat diese Bewegung treffend als Hasskultur bezeichnet. Das Kampfwort lautet Gentrifizierung. Die Angst vor Überfremdung schwingt als Motiv überall mit. Selbst Parolen wie „Schwaben töten“ sind vielerorts zu finden. Unter einigen sogenannten Ur-Berlinern, insbesondere jenen aus dem Ostteil, zu denen ich mich in diesem Zusammenhang nur mit Scham zählen kann, ruft diese Entwicklung wenigstens ein verharmlosendes Lächeln, in vielen Fällen aber sogar pauschale Zustimmung hervor. Der Ur-Berliner, das ist immer wieder zu erkennen, geriert sich als Mitglied einer überlegenen Herrenrasse; er lässt seine Begleiter aus den entlegenen Winkeln des Landes gönnerisch strahlen in seinem Glanz; er gibt vor, wie „wir die Dinge sehen“: wie sie also zu sehen sind. „Witze“ wie der in der Überschrift wiedergegebene Satz „Kauft nicht beim Schwaben“, sorgen hinter vorgehaltener Hand auf Partys für Gelächter. Bei alledem ist die Etablierung der fremdenfeindlichen, teilweise sogar rassistischen Motive ganz und gar offenbar. Problematisiert wird das nicht.

Auf diesen Zug springt Thierse auf

Auf den Zug derer, die dieses Vokabular benutzen und in deren Handeln sich die genannten Motive spiegeln, springt Thierse auf, wenngleich seine Formulierungen harmlos anmuten, weil er sich scheinbar auf das Gut des Berliner Dialekts beschränkt. Das ist Fremdenhass-light, der hier präsentiert wird. Und zwar ohne Distanzierung von den gefährlichen Tendenzen, die mitschwingen. Und das ist – zurückhaltend formuliert – ungewöhnlich für einen Mann, der einen Schwerpunkt seines politischen Wirkens bei der Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit gesetzt hat. Thierse ist kein Rassist. Die Muster, die er für seine Äußerungen in Beschlag nimmt, sind aber keineswegs so harmlos wie der ihr Sprecher wahrgenommen wird. Sie sind gefährlich und altbekannt.

Weniger Rechte für die Neuen?

Thierse wohnte, so steht es in der Morgenpost, zu DDR-Zeiten schon im Prenzlauer Berg. Und diese Information scheint Thierses Wort, so breitet es sich im Leser aus, eine besondere Legitimation dafür zu verleihen, die Geschicke in seiner Hood zu bestimmen. Aber woher soll so eine Legitimation noch mal kommen? Dieses stärkere Recht desjenigen, der länger an einem Ort ist, als ein anderer? Warum darf sich der Alte dem Neuen gegenüber noch mal durchsetzen? Gibt es etwa, abgesehen von Nazis, jemanden in Deutschland, der meint, ein Ausländer müsse für einen Deutschen im Bus den Platz räumen, weil der Deutsche schließlich Wurzeln in der Region hat, die länger sind als die des Ausländers? Nein. Die Werteordnung, die sich die Menschen geben, die in Deutschland miteinander wohnen, kennt kein stärkeres Recht des Alteingesessenen gegenüber dem Neuankömmling. Es gibt auch keinen Konsens über Ausnahmen für bestimmte Gruppen. Nicht für Schwarze und nicht für Schwaben. Dieser Wertekonsens schließt es ein, dass Fremde ihre fremde Kultur pflegen können. Bei Asiaten, Arabern und Afrikanern ist das überall in Berlin etabliert und anerkannt. Warum sich Schwaben selbst verleugnen sollen, wird nirgendwo erklärt.

Entwicklung verweigern

Der Prenzlauer Berg (und zusammen mit ihm der Rest des Landes) hat sich entwickelt. Er ist nicht mehr der, der er mal war. Deshalb gelten auch die alten Regeln nicht mehr. Diese Entwicklung ist seit Jahren, das sagt Thierse selbst, an allen Ecken und Enden zu sehen. Warum aber soll man sich so einer Entwicklung verweigern? Was ist schlecht an Entwicklung und wie kann man fordern, die alten Regeln einer fast nicht mehr vorhandenen Minderheit gegenüber den Bedürfnissen der Neuen durchzusetzen? Was Thierse angeht, so lassen sich insbesondere diese zwei Vermutungen (!) anstellen:

Wahlkampf als Motiv

Die eine zielt ab auf den Bundestagswahlkampf, der längst begonnen hat. In einem Wahlkampf ist es immer gut, im Gespräch zu sein. Mit welcher Idee auch immer.

Dem ist voranzuschicken: Das deutsche Grundgesetz erlaubt es jedem, alles zu denken, was er will. Moralische Kategorien stehen dem ebenso nicht entgegen. Komplizierter wird es, wenn es zur Äußerung der Gedanken kommt. Denn dann müssen der Inhalt des Gesagten und der Zweck der Äußerung in die Bewertung einbezogen werden. Fremde und Fremdes nicht zu mögen, das kann niemandem abgesprochen werden. Aber Thierse ist eben nicht nur ein alter Pankower auf einer Couch, der denkt, sondern er ist auch ein Politiker, der sich öffentlich äußert.

Thierses Wahlkreis ist Pankow. Dort wird er nicht mehr selbst kandidieren. Stimmen brauchen auch sein Nachfolger und die Partei selbst aber dringend.
Ich bin in Pankow aufgewachsen. Der Bezirk Pankow ist seiner Fläche und seiner Einwohnerzahl nach wesentlich größer, als seine Bekanntheit. Abgesehen vom Ortskern von Pankow und dem Prenzlauer Berg (der wie Weißensee zu Pankow gehört), wohnen in diesem Bezirk viele Menschen, seit es sie gibt. Hier können öffentlich geäußerte Ressentiments gegen Fremde auf fruchtbaren Boden treffen. Ein Wahlkampfmanöver auf Kosten von Fremden? Das ist gefährlich. Und nicht zum ersten Mal da. Thierse stellte sich, träfe diese Vermutung zu, in eine Ecke, in die er nicht gehört.

Abschiednehmen, das fällt schwer

Die zweite Vermutung für den Grund der Äußerungen setzt an bei dem Mann, der sie gemacht hat. Die Entwicklung um sich herum, um seinen Kiez, wie die Neuen sagen, scheint Thierse nicht recht zu wollen. Und das ist verständlich: Entwicklung macht die Dinge anders, als sie früher mal waren. Das mitzuerleben und über sich ergehen zu lassen, kostet Kraft und verletzt Gefühle. Das kann das Denken kurz vergessen machen. Thierse würde vom Dönermann kaum fordern, den Döner in Gemüse-und-Fleisch-Brot-mit-Soße umzubenennen. Aber der Döner, der wie der Zwetschgendatschi von einem Mann zubereitet wird, der später nach Berlin kam, als Thierse, der Döner nun, der war nie Teil von Thierses Vergangenheit. Vielleicht fällt es Thierse deshalb nicht ein, seine Umbenennung zu fordern. Dass Wolfgang Thierse sich auf den Kottbusser Damm stellt und von dem Arabischen Brautmodenverkäufer fordert, er möge seine Werbung auf Deutsch und am besten mit Berliner Dialekt gestalten, erscheint genauso absurd. Warum soll das im Prenzlauer Berg aber mit der Schrippe funktionieren? Weil Schwaben keine schwarzen Locken haben, der Unterschied zum Kritiker deshalb nicht so deutlich ist, und er deshalb nicht auf den ersten Blick als reaktionärer Kauz erscheint?

Die Schrippe war Teil von Thierses Vergangenheit. Jetzt geht sie dahin. Und Abschiednehmen, das fällt schwer. Aber es muss sein. Das nennt man Entwicklung.

Nicht einer für alle

Thierse sorgt mit seinem Beitrag dafür, dass das Gedankengut einer kleinen Gruppe Verwirrter und historisch sowie politisch Ungebildeter allen Berlinern angedichtet wird. Er spricht aber nicht für alle. Eine Vielzahl von uns erfüllt das Gesagte mit Scham. Wir Berliner sind, wie jedes andere deutsche Völkchen auch, nicht von reiner Rasse. Wir sind Schwaben, Türken, Ossis, Wessis und so weiter. Wir haben keine gemeinsame Sprache, die uns einer vorgibt, sondern ein Sprache, die sich im Laufe der Zeit ändert, wie unsere Zusammensetzung das tut. Das wird jedem gewahr, der es einfach mal auf sich nimmt, mit der Straßenbahn M5 von der Endstation in Hohenschönhausen zur Endstation am Hackeschen Markt zu fahren oder mit der Ringbahn einmal im Kreis. Der Berliner ist schließlich kein besonderer Schlag Mensch. Die Menschen hier wollen nicht, dass einer für sie einen festen Sprachgebrauch festlegt. Sie wollen machen, was Menschen machen wollen. Egal, wer sie sind und woher sie kommen. Und einige von ihnen wollen jetzt eine Entschuldigung und eine Richtigstellung von dem, der meint, er könne über sie bestimmen.

Vielleicht ist das eine Sache, die man Thierse, der sich ums Berlinern bemüht, ins Gedächtnis zurückrufen muss: Die Dinge um Dich verändern sich, Keule. Und das ist, um mit einem neueren und schon wieder ausgelatschten Berliner Wort zu schließen, auch gut so.

(Hinweis: Knapp 150 Kommentare zu diesem Beitrag gibt es auf der Internetseite der Wochenzeitung der Freitag. Einige Anmerkungen der Kommentatoren haben Eingang in die hier gepostete Fassung gefunden.)

Beim besten Willen können wir Hitler nicht erkennen

Pixel einer Rede

I. Einführung

Peter Büchler pixelt Bilder.

Technisch gesprochen bedeutet das, dass er die Auflösung der Bilder verringert. Die Auflösung zu verringern bedeutet wiederum, dass von einer bestimmten Fläche nur die wichtigste, hier farbliche, Information verbleibt und die anderen Informationen ersatzlos weggelassen werden. Das noch scharf gestellte Auge des Beobachters muss erst verschwimmen, um zu erkennen, was war. Die beeindruckende Kunst von Peter Büchler ist hier zu sehen.

Auch das gesprochene Wort kann man pixeln. Und zwar indem man hervorstechende Informationen herauspräpariert und die übrigen weglässt.

Es folgt der Versuch der Pixelung der Eröffnungsrede, die auf der letzten Vernissage Peter Büchlers gehalten wurde. Ich nenne diesen Versuch Rede II. Die Rede im Ganzen zurückzubilden (oder sonst was in ihren Pixeln zu erkennen), ist freilich dem noch scharf gestellten Verstand des Lesers überlassen. Möge er verschwimmen.

II. Rede II

„Es entsteht ein untrennbares Amalgam.“ … „Das ist der Dialog aus Abstraktion und Realismus, den ich ansprechen möchte.“ … „Sie sehen hier eine vorgefundene Malerei.“ … „Konterkariert und ins Absurde geführt.“ … „Aus etwas Sichtbarem etwas Unsichtbares machen. Sodass partiell noch etwas sichtbar bleibt.“ … „Der Brautschleier, die arabische Burka sind Attribute einer individuellen Anonymisierung.“ … „Unser kollektives Bildergedächtnis wird angesprochen. Random Hitler. Der zufällige Hitler. Hitler wurde sozusagen in seine digitalen Bestandteile zerlegt. Beim besten Willen können wir Hitler nicht erkennen. Doch nicht Hitler, sondern dessen digital erzeugte Tarnung ist das eigentliche Motiv.“ Klingeln. „Gehen Sie ran.“ Lachen. „Unvergesslich möchte ich erinnern an den französischen Philosophen Maurice.“ … „Er öffnet ein weites Feld des Hineinsehens und der Spekulation.“ … „Dieses Statement war das Ende der Malerei.“ … „In diesem Sinne ist auch Peter Büchler ein Realist.“ … „Die Maskerade wird vorformuliert.“ … „Die digitalen Übermalungen sind keine Auslöschung.“ … „Denn bei aller stilistischen Attitüde spielt er mit unseren Sehgewohnheiten.“ … „Nach unseren modernen Regelurteilen könnte dieser digitale Schleier jederzeit wieder fallen.“ … „Sezanne aus Aix-en-Provence.“ … „Warum macht er Sichtbares unsichtbar. Es wird nicht direkt übermalt. Sondern sein digitales Abbild als Vorlage benutzt.“ … „Es zeigt eine Gruppe von fünf Oppositionellen.“ … „Nichts ist bei Dir wie es scheint und nur der Schein trügt nicht.“ Applaus. Applaus. Dann Schweigen. „Peter.“
„Ja.“
„Komm mal her.“
„Ja.“
„Toll.“

Untitled (unbenannte New Yorkerin)

Seltsam ist ein Wort für faule Menschen, also für Menschen, die sich nicht die Mühe machen wollen, zu beschreiben, was sie meinen. Ich wills genauer sagen. Mich zumindest herantasten. Es fühlt sich also nicht seltsam an, ohne Dich. Ich fühle mich aber auch nicht haltlos: ohne Dich. Aber das liegt nicht daran, dass ich nicht mal weiß, wer Du bist. Und das ist auch nicht das, was die faulen Menschen seltsam sagen ließe. Ich habe das schon ein paar mal erlebt, Halt zu haben, zwei-, dreimal und deshalb weiß ich schon, dass es ihn gibt, diesen Halt. Gerade den von Dir. Und das ohne schon zu wissen, wer Du bist. Dass es Dich gibt, ist doch klar, denn sonst könnte ich Dich ja nicht finden.

Ich will an die Ecke mit dem Haus mit der Spitze seit ich sie kenne. Treffen wir uns da? Heut in einem Jahr?

Das wird komisch für Dich sein.
Entschuldige.

Komisch ist auch ein Wort für faule Menschen. Und das bist Du nicht. Jedenfalls nicht denkfaul; nicht dass Du denkst, dass ich das sagen wollte. Ich will mich auch an dieses Gefühl, also das, was Du dann haben wirst, heranzutasten versuchen. Das Gefühl da an der Ecke, wenn wir uns zum ersten Mal sehen und ich Dir noch im Laufe des Tages sage, dass ich Dich vermisst habe. Wir werden drüber lachen.

Denn Du bist cool.

Und ich werds begreifen, werde mich meiner selbst mit einem Blick versichern, wenn ich mich sehe, in deinem Spiegel. Der Spiegel, vor dem Du stehst, wenn wir zum ersten Mal innehalten, uns zum ersten Mal umarmen, gleich nach dem Reinkommen durch Deine Wohnungstür. Ich werde das mit einem Blick auf mich begreifen, dass Du cool bist, gleich nachdem wir festgestellt haben werden, dass wir zum ersten Mal jemanden gefunden haben, der Verliebtsein am Anfang und Liebe im Laufe der Zeit auch nicht für zwei verschiedene Dinge hält. Obwohl das doppelt schwer sein wird in deiner Sprache, die dafür nur ein Wort kennt, kriegen wir das in einem Satz hin. Denn es ist klar, dass wir auch in dieser Angelegenheit dasselbe denken.

Aufgeregt, ja, das bin ich. Oder nein. Vorfreude trifft es besser. Denn die schließt meine Gewissheit ein. Sie ist das, was andere seltsam nennen würden.

Jetzt muss ich nur noch diese Zeit überbrücken. Und mir etwas einfallen lassen für die Kinder. Unsere Kinder, stell Dir vor, was die denken werden, wenn sie von diesem Gedanken erfahren. Wenn sie lesen, dass ihr Vater eine Frau, die er noch gar nicht kannte, dazu aufgefordert hat, an sie zu denken, obwohl sie noch nicht einmal da, noch nicht einmal auf der Welt waren und obwohl sie damit ja noch ein Schritt weiter weg von ihm, dem Vater, noch einen Schritt weiter weg von mir waren, als ihre Mutter, als Du es von mir bist, Du, die ich ein paar Zeilen weiter oben schon ansprach, Du, von der ich längst wusste im Zusammenhang mit dieser Ecke. Was werden sie denken und wie werden wir reagieren, wenn sie fragend gucken? Wir sind nicht faul, also lass uns eine Antwort finden. Was ist mit dieser: Es war eben nur dieser eine Schritt, den ihr damals weiter weg wart, als eure Mutter. Eure Geburt. Wie wollt ihr eure Geburt denn diesem Gedanken entgegen halten. Was ist denn gewisser? Und jetzt ab ins Bett.
Und Du: Bis gleich. Los komm nach nebenan.

Keine Interessen

Wenn ich doch nur keine Interessen hätte, dann könnte ich endlich Karriere machen. Eben so, wie meine Freunde es tun.

Meine Dissertation, die ich nur schreibe, um mich von x-beliebigen Bewerbern für eine x-beliebige Stelle abzuheben, meine Dissertation wäre längst fertig, wenn ich nicht ständig ein neues Dokument öffnen und die Gedanken, die mich umtreiben, notieren müsste. Denn eines meiner Interessen ist es ja, mich den Fragen über mich hinzugeben. Und das geht am besten aus dem Danach. Und um im Danach das Jetzt meiner selbst noch fassen zu können, muss ich jetzt, und zwar immer, wenn es jetzt ist, alles notieren, um es dann einer späteren Lektüre zugänglich zu machen, der dann die Auseinandersetzung folgt, die dann meinem Interesse dient: Mich selbst zu verstehen. Aber das dauert ja: stundenlang, tagelang, ein Leben lang, wer soll denn da noch promovieren?

Wenn ich keine Interessen hätte, dann könnte ich in dem Beruf, den ich später mal ausüben werde, viel erfolgreicher sein, ich könnte dann zum Beispiel einfach so abends ins Theater gehen und während des Stücks E-Mails auf dem Handy lesen und beantworten. Ich wüsste dann auch immer gleich bescheid, wenn mich einer braucht und könnte dann kurz rausgehen, um ihn anzurufen und neben der Lösung für sein Problem noch kurz erwähnen, dass ich im Theater bin. Das wirkt sich auf geschäftliche Beziehung ja durchaus nicht schlecht aus. Ich wüsste auch insgesamt öfter, dass mich jemand braucht, wenn ich keine Interessen hätte, denn mein Handy wäre öfter an, nein, es wäre immer an. Es läge neben meinem Teller, auf den man ja schaut, wenn man isst. Es läge neben dem Monitor, auf den man ja schaut, wenn man eine Excel-Tabelle erstellt. Es läge im Auto vor der Geschwindigkeitsanzeige und in der Nacht neben dem Bett. Ich könnte das Handy, wenn ich doch nur keine Interessen hätte, ständig sehen, könnte auf jedes Klingeln sofort reagieren, wenn ich es nicht ständig ausschalten müsste, etwa weil ich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen einen Spaziergang machen muss, um mir über etwas klar zu werden oder weil ich am Abend, weil ich sonst nicht einschlafen kann, noch etwas auseinandersetzen muss oder weil ich das Stück, das ich im Theater sehe, ganz und gar durchdringen will, weil ich wissen muss, was die Theatermenschen aus ihm gemacht haben, nachdem ich mir ja das-und-das dazu dachte.

Wenn ich keine Interessen hätte, dann könnte ich auch vielmehr mitreden. Denn ich könnte mich einfach über das informieren, worüber alle um mich herum immer reden. Das ist jedoch das, worüber mich zu informieren mir keine Zeit mehr bleibt. Weil ich doch Interessen habe und also lesen muss, was mich interessiert. Über die Liebe und das Theater redet ja aber keiner. Und die Textmassen, die es dazu gibt, die sind so groß, dass ich sie nicht schaffen und dann auch noch diese anderen Sachen lesen kann, die, über die man spricht. Schuldenkrise-Quatsch, Neues-Restaurant-Quatsch, App-Quatsch. Ich wäre voll dabei, wenn ich doch keine Interessen hätte.