Lange-Hausstein

KategorieMeinung

2 Thesen: Kritik des letzten Satzes von „Walter Nowak bleibt liegen“ von Julia Wolf

Normalerweise geht es ja immer um den ersten Satz, der alles eröffnet, der nicht falsch sein soll, sonst liest keiner weiter, ist alles versaut, vornherein, sagt in Gesprächen über den ersten Satz auch immer einer und dass die ganze Mühe umsonst ist, ist die Angst. Aber noch nie hat einer an den letzten Satz gedacht, also natürlich doch, aber nicht in dem Modus, in dem man an den ersten denkt, nicht in der Form der totalen Fokussierung, nicht im Sinne einer Ausstrahlung von einem Punkt, der eigentlich immer ein Start- und nie ein Schlusspunkt ist, auf alles.

Eine Klammer bilden oder einen Kreis schließen

Aber Walter Nowak zwingt dazu, an den letzten Satz zu denken, nachdem er seinen gesamten Hundertachtundfünfzigseiten-Stream offengelegt hat und dem dann einen letzten Absatz, der eigentlich ein Satz ist, nur durch Punkte gegliedert, hintanstellt, als sollte der eine Klammer bilden oder einen Kreis schließen, als würde er, Walter, ganz am Ende dem Leser nicht mehr, was er hundertachtundfünfzig Seiten lang durchhält, zutrauen, zu verstehen und deshalb erklären müssen, womit der Leser bis dahin, bis kurz vor Schluss, allein gelassen wurde.

These 1: Den Leser retten

Der letzte Satz zerstört nicht alles, macht die Illusion nicht kaputt, es ist ja nie eine und Du weißt das, die andauernden News zu, Walter, im Facebook-Thread, Longlist, sagen ja ständig, dass es ein Buch ist, ein Roman, Fiktion. Aber wenn Du drin bist, die Stufen der Treppe auch Dir entgegenkommen (S. 139), wenn Du drin bist, tripp trapp, und auf das Ende zusteuerst und schon weißt, bald ist es vorbei, bald bist Du wieder raus aus dem Buch, weil es ein Ende findet, es rückt näher in der rechten Hand, wenn Du drin bist, dann willst Du nicht auch noch rausgeworfen werden, von dem Buch, wie mit einem Tritt versehen, Sieh hin, Leser, lies diesen letzten Satz, ich bin ein Buch, falls Du es nicht wusstest. Aber soll der letzte Satz trotzdem genau das machen? Ja, das ist die erste These, das ist die Funktion, die diese letzte Seite hat. Den Leser retten, aus seinem, Walter, aus dem Kopf des anderen raus in den eigenen zurückholen. Wenn er das soll, dieser letzte Satz, das kann er.

These 2: An die Größe des Textes zurückholen

Noch deutlicher Achso sagen würde man, wenn einer sagte, dass der letzte Satz erst den Kontrast herstellt. Wie an die Sonne im Sommer gewöhnt man sich an alles Gute ja viel zu schnell und nennt es normal, behandelt es so, würdigt es nicht mehr. Eine Fahrt in der U-Bahn im Sommer, Gänsehaut, nur ein bißchen kalt, das hilft, den Sommer wieder herbeizusehnen, das Licht, lässt die Sonne umso wärmer strahlen, sagt Dir, dass es eben nicht normal ist, dass alles gut ist. Und dieser Satz, nicht meiner, Walter, der letzte Satz in diesem Buch macht klar, dass Du, Leser, die Gewöhnung nicht verhindert hast und holt Dich wie die Kälte im Schacht in den Sommer, an die Größe des Textes zurück, den Du einen Satz vor dem letzten schon zu Ende gelesen hast.

Julia Wolf, Walter Nowak bleibt liegen, 158 Seiten (und ein Satz), Frankfurter Verlagsanstalt 2017

Über-Schönheit

Sie war so schön, dass man ihre Schönheit nicht unbefangen genießen konnte, sondern angestrengt Makel suchte, Mitleid in sich zu erzwingen versuchte, weil das doch schlimm sein muss, wenn andere immer nur auf das Äußere achten, Neid in sich aufkommen spürte, weil die sich ja alles erlauben kann und auf niemanden Rücksicht nehmen muss, an ihrem gleichgültigen Blick kann man es doch sehen, der ist der Beweis dafür, schön, ja, aber in Wahrheit doch nur die Fassade vor innerer Hässlichkeit. So steht man dann da. Und staunt. Über sich und die Mechanismen des Schutzes, die sich einrichten, von alleine in einem, wenn man sich verteidigen will gegen das, was nicht aufkommen soll. Und Du nimmst die Arme hoch, in Abwehrhaltung. Aber da hats schon Peng gemacht und gekracht, wie bei einem Profikiller, zwei Schuss, einer in Deinen Kopf, einer in Deine Brust.

Kritik (Nuance): Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt (Peter Stamm)

Dreimal auf hundertfünfzig Seiten gucken Menschen erwartungsvoll. Aber das ist eine andere Geschichte. Ganz oft dachte ich, was soll das. Und auf den letzten zehn Seiten macht es endlich Klick und das neue Buch von Peter Stamm schlägt zu.

Wenn die Geschichte eines anderen sich mit der Story des eigenen Lebens vermischt. Wenn in der Erinnerung beide zusammen fallen. Wenn du sie schilderst, die Erinnerung, die dein oder ein Leben eines anderen treffen könnte, wenn du die Erinnerung schilderst, aus der Erinnerung berichtest, und nicht ganz klar ist, wessen Erinnerung das ist. Du bist sicher, es ist deine. Und irgendwann ist fast nichts mehr da von dem Wissen darüber, woher das, was du geworden ist, eigentlich kommt. Nur ein Gefühl, das, wenn überhaupt, gerade noch ein Zucken in deinem Gesicht auslöst. Wie eine leichte Bodenwelle auf einer Landstraße unter der die Wurzel eines Baumes liegt, an dem du schon vorbei bist.

Kritik: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch (Michelle Steinbeck)

Nur zwei Halbsätze zu viel hat das Buch, auf Seite 28 stehen sie hintereinander nur von einem Semikolon getrennt.

Man muss jederzeit konzentriert sein, sonst verliert man sich, nicht so, wie man sich durch einen Text verlieren soll, man verliert sich nicht in dem Text, sondern man verliert den Text, doch jederzeit konzentriert gelingt mir nicht, ich bin endlich krank genug, um tagsüber zu Hause sein zu müssen, liegen zu können, so, wie man eben liest, abgesehen von krank. Und deshalb, wegen krank, das ist das einzige, muss ich hier und da zurück und finde Sätze, an denen ich ohne Konzentration schon vorbei gelesen hatte.

Ich wollte ans Ende noch die Bemerkung setzen „Aber!“. Aber muss sie denn wirklich jedes Eszett durch ein Doppel-S ersetzen? Das ist wie konsequent klein schreiben. Drückt entweder etwas aus, das nicht relevant ist oder drückt aus, es nicht zu können. Aber dann ist mir aufgefallen, dass das nichts mit dem Buch zu tun hat. So wenig, dass sich da offenbar keiner wegen gestritten hat. Guter Verlag.

Zusammengenäht wie ein Road Movie

Das Buch ist Bilder, zusammengenäht wie ein Road Movie durch ein Ziel, von dem von Anfang an klar ist, dass es vielleicht nicht da ist, durch einen Koffer und was in ihm ist und tritt und ruhig gehalten wird auf dem Weg irgendwohin, durch jedes der Bilder sticht dieses Ziel sich durch, im Kreis bis an den Anfang, zur Unklarheit zurück.

Nur zwei Halbsätze zu viel hat das Buch, auf Seite 28 stehen sie hintereinander nur von einem Semikolon getrennt.

Buff. Und dann sitzt sie plötzlich neben einer Künstlerin ohne Kunst und sie fangen an zu erzählen und es ist wie durchatmen, alles anders, der Ton wird weich, ein Bild, ein Manuskriptteil, zu dem sie den Übergang nicht hinbekommen hat, ein Bild, durch das der rote Faden nicht sticht, und der Koffer und was in ihm war und trat und ruhig gehalten wurde ist da schon eine Weile weg.

Staunen und Scham zugleich

Die andere spricht es aus, von verloren spricht sie und dich überkommt so eine Ahnung, wofür das alles steht, wofür ein Koffer, den eine mit sich rumträgt und in dem es tritt und den sie verliert steht und es ist wie Staunen und Scham zugleich, dass dir das nicht vorher klar war. Zum Glück geht Lesen allein, denkst du und schämst dich schon wieder, schämst dich dafür, dass es dir zuerst darum geht, beim Danebenliegen, dabei, was wichtig ist, zu übersehen, unentdeckt zu bleiben. Du korrigierst dich, denkst wieder an das, wofür der Koffer steht, nicht für was Gutes, und aus dir käme die Träne, wenn Du dürftest, aber du wirst nicht gelassen, nicht allein, nicht von der Erzählerin, denn sie will weiter, will, dass Du weitergehst, wie sie in diesem Moment, dem einen, in dem sie sich falsch entschieden hat.

 

Terror Template

(An die Redaktion: Bitte zur Effizienzsteigerung für Nachrichten in Sachen Terror das folgende Formular verwendenDanke! i.A. Verlagsleitung)

Terror in [ . . . ]*

Zahl der Toten bei Anschlag steigt auf […]*

Die jüngste Terrorattacke war eine der schwersten seit [Unzutreffendes bitte streichen]* Tagen // Wochen // Monaten // Jahren. Noch immer finden Helfer Leichen in den Trümmern.

Bei einem Bombenanschlag in der [ . . . ]*ischen Stadt [ . . . ]* sind mindestens [ . . . ]* Menschen getötet worden. Mehr als [ . . . ]* Menschen wurden verletzt, einige davon schwer. Das teilte das [ . . . ]*ische [ . . . ]*ministerium mit. [Unzutreffendes bitte streichen]* „Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Deutsche betroffen sind“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Berlin. Das Amt arbeite gemeinsam mit den zuständigen [ . . . ]*ischen Behörden „mit Hochdruck“ an der weiteren Klärung. // Auch [ . . . ]* Deutsche werden unter den Opfern vermutet, teilte das Auswärtige Amt in einer Erklärung mit. Es ist der bislang blutigste Anschlag in [ . . . ]* seit [Unzutreffendes bitte streichen]*  Tagen // Wochen // Monaten // Jahren.

Bei dem Anschlag [Unzutreffendes bitte streichen]* war am [ . . . ]* eine Autobombe explodiert // sprengte sich ein Attentäter in die Luft. Unter den Opfern waren auch viele Frauen und Kinder. Die Detonation und ein anschließendes Feuer zerstörten mehrere Gebäude fast vollständig. Eine Frau erzählte, sie habe sich auf den Boden geworfen, als sie die Explosion gehört habe. „Alle sind weggerannt. Überall lagen Körperteile. Alles war voller Blut.“ Die Polizei sperrte den Anschlagsort weiträumig ab. Fotos zeigten ein Bild der Verwüstung. Auf einem bei Twitter veröffentlichten Foto war ein auf dem Boden liegendes Schnellfeuergewehr zu sehen.

Die [Unzutreffendes bitte streichen]* Terrormiliz [ . . . ]* // Gruppierung [ . . . ]* // von der [ . . . ]*ischen Regierung als terroristische Gruppe eingestufte [ . . . ]* bekannte sich in einer Erklärung zu dem Attentat, wie die [Unzutreffendes bitte streichen]* auf die Beobachtung von Extremistenaktivitäten im Internet spezialisierte Webseite [ . . . ]* // den Hintermännern nahestehende Nachrichtenagentur [ . . . ]* berichtete.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Opfern des Anschlags ihre Anteilnahme ausgesprochen. Sie sei erschüttert über „diese neuen und hinterhältigen Akte des Terrorismus“, sagte Merkel am Rande eines Treffens in Brüssel. Gleichzeitig solidarisierte sich die Bundeskanzlerin mit  [ . . . ]*: „Ich möchte dem ganzen  [ . . . ]*ischen Volk von hier aus sagen, dass wir uns im Kampf gegen den Terrorismus vereint sehen und uns gegenseitig unterstützen werden.“ Auch Außenminister  [ . . . ]* zeigte sich entsetzt. Am Rande einer Parteiveranstaltung sagte er: „Wir stehen an der Seite der  [ . . . ]*.“

Auch die Regierung der Vereinigten Staaten verurteilte den Terrorangriff. „Unser tiefstes Mitgefühl gilt den Familien und Angehörigen der Getöteten, und wir wünschen den Verletzten eine baldige Genesung“, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, [ . . . ]*, in einer Mitteilung. Die Vereinigten Staaten stünden fest an der Seite der [ . . . ]*. Man werde den Kampf gegen die terroristische Bedrohung fortsetzen. Das amerikanische Außenministerium sprach von einem „Massenmord“ an Unschuldigen und sagte den Hintermännern der Täter den Kampf an. Die USA setzten weiter alles daran, „die Welt im Kampf gegen das Böse zu vereinen“, den Terroristen die Zufluchtsorte zu nehmen und ihre globalen Netzwerke zu zerstören, sagte Ministeriumssprecher [ . . . ]*.

Rettungshelfer erklärten, noch immer würden Leichenteile unter den Trümmern gefunden. Vor den Krankenhäusern in [ . . . ]* warteten zahlreiche Angehörige, um Informationen über Vermisste zu bekommen.

Der [ . . . ]*ische Ministerpräsident [ . . . ]* verkündete nach dem Anschlag eine [ . . . ]*tägige Staatstrauer. Er ordnete zudem neue Sicherheitsmaßnahmen an.

[Name des Autors]*

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Der Text hat im September 2016 bei *Konzept:Feuerpudel* in der Lettrétage – das Literaturhaus in Berlin Kreuzberg den 3. Platz gemacht. Er erschien in der Literaturzeitschrift Prisma, Ausgabe 5, Göttingen 2017, und wurde bei Fixpoetry eingeordnet.

Auf Keinsten

Maximal zwei Finger breit ist das am hinteren Ende und nach vorne hin wird es immer dünner, spitzer sozusagen, und ist dann ganz vorn so richtig spitz. Und so als Dreieck aus dem Laib heraus legen die das Stück Käse in die Folie und schweißen das dicht. Und so kommt es dann ab in die Theke und ich frag mich, wieso. Das ganze Internet spricht von user experience aber die Käseindustrie sagt einfach ne, auf keinsten. Deutschland erhebe Dich, will man rufen wie es neulich bei der Maut, beim Mindestlohn und bei der Rundfunkgebühr gerufen wurde, ob dafür oder dagegen, das weiß ich jetzt nicht mehr so genau aber das ist auch egal, denn die Kernfrage lautet: Wie soll man von diesem Dreieck eine Scheibe abkriegen? Mein Denken ist scheibenmäßig, also Käse betreffend, Brötchen, Butter, was drauf. Ende der Durchsage. Aber wie soll ich denn von diesem Dreieck eine Scheibe abkriegen. Man nennt das Salami-Taktik, sie machen uns nach und nach mürbe aber die da oben backen keine kleinen Brötchen, nein, mal sehen, was sie als nächstes zusammenwürfeln, Feta-Käse statt Drachme, Sie sagen es, Herr Kommissar, aber auch in Bayern trinkt man jetzt Bier nicht mehr aus blauen Kisten, sondern Sternburg, die innerdeutsche Warenverkehrsfreiheit machts möglich. Prost. Mahlzeit. It’s cosmic, ruft Ötti der Elefant aus dem Ötztal über die verschneite Grenze und das ist nicht das erste Mal.

#Fressehalten

Neulich gab es die #Aufschrei-Debatte. Die nahm man hier und da zum Anlass, mal ganz grundsätzlich über das Verhältnis von Männern und Frauen nachzudenken. In ihrem Beitrag in der FAZ schloss die (total tolle) Publizistin und Moderatorin Tina Mendelsohn, dass es um nicht weniger gehe als „einen großen kulturellen Wandel, um ein zivilisatorisches Projekt“. Die SPD-Fraktion im Bundestag meint auf ihrer Facebook-Seite, „handfeste Konsequenzen“ haben nun zu folgen. Der Ex-Familienminister Heiner Geißler forderte bei Anne Will gar, „Männer müssen sich ändern“. Und etwas weniger fundamental fand die aktuelle Familienministerin Christina Schröder (CDU), sexuelle Belästigung solle unabhängig vom Einzelfall als Dauerthema diskutiert werden (Focus). Es genügt bereits, die Mindestforderung Schröders heranzuziehen, um zu erkennen: der #Aufschrei ist verhallt. Die TAZ fasst – einem Nachruf gleich – bereits die Bewältigungsmechanismen der verschiedenen Lager zusammen. Aber nicht nur in der Peripherie, nein, auch an der Quelle von #Aufschrei ist es ruhig geworden: Wer jetzt nach #Aufschrei bei Twitter sucht, erkennt auf den ersten Blick: es wird nur noch Spaß gemacht (Zitat: „Warum gibt es keine Gummibärchen-Schlumpfine? #Aufschrei #Diskriminierung“.

Nun: man könnte gegen die Relevanz dieser Beobachtung einwenden, dass Debatten nie weiter geführt werden, wenn die erste Aufregung zu Ende ist. Organspendenskandal. Noch im Bild? Machtergreifung-re-rewind von Putin. War da nicht was mit Verfassungsänderung? Dass Debatten wie diese nach nie mehr als ein paar Wochen enden, gehört wohl zur politischen Diskussionskultur dazu.

#Aufschrei aber unterschied sich von diesen Debatten. #Aufschrei waren Sprache und Lautsein nicht nur durch den Namen immanent. Es ging von Anfang an nicht nur darum, etwas vorübergehend anzuprangern. Es herrschte vielmehr schon nach Stunden in der politischen Öffentlichkeit und in der Presse ein Bewusstsein dafür vor, dass diskutiert und gehandelt werden müsse. Der #Aufschrei sollte, wie die Zitate zeigen, aus den Niederungen der Aufregung um Hotelbarsprüche emporgehoben werden, hinauf zu einem der edelsten unserer Grundsätze: dem von der Gleichbehandlung von Mann und Frau. Systematisch sollte von nun an über Gleichberechtigung gestritten werden und zwar so, dass sich was ändert.

Deshalb ist das Schweigen von Politik und Presse nach #Aufschrei besonders schamlos. Sie, die Helfer derjenigen, die sich auf Twitter offenbarten, sind wieder weg. Und die Lücke, die sie lassen, legt die Gleichgültigkeit der politischen Diskussion nach #Aufschrei umso deutlicher bloß. Fressehalten: geht gar nicht. Und wenns unbedingt sein muss, dann bitte konsequent von Anfang an. Anderenfalls: weitermachen.

„Kauft nicht beim Schwaben“

Fremdenhass-light: Wolfgang Thierse fordert die Selbstverleugnung von Zugezogenen in Berlin.

In einem Interview in der Berliner Morgenpost nennt Wolfgang Thierse das Zusammenleben mit zugezogenen Schwaben „strapaziös“. Er wünsche sich, so Thierse, „dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind – und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche“. Die Bevölkerung mit Menschen aus einer anderen Gegend sei die „schmerzliche Rückseite“ der Veränderung im Bezirk. Schrippen sollen wieder Schrippen heißen und nicht mehr Wecken und auf dem Pflaumenkuchen solle wieder Pflaumenkuchen stehen und nicht mehr Zwetschgendatschi. Ein offenbar unüberwindliches Bedürfnis Thierses wird dabei deutlich: Er scheint zu wollen, dass man so mit ihm redet, wie das in Berlin üblich ist. Kannste kriegen, Keule.

Hasskultur

Es gibt seit Jahren eine polemische Bewegung gegen die sogenannten Zugezogenen in Berlin, die sich Motiven bedient, die starke Anleihen bei fremdenfeindlichem Gedankengut nehmen. Die Süddeutsche hat diese Bewegung treffend als Hasskultur bezeichnet. Das Kampfwort lautet Gentrifizierung. Die Angst vor Überfremdung schwingt als Motiv überall mit. Selbst Parolen wie „Schwaben töten“ sind vielerorts zu finden. Unter einigen sogenannten Ur-Berlinern, insbesondere jenen aus dem Ostteil, zu denen ich mich in diesem Zusammenhang nur mit Scham zählen kann, ruft diese Entwicklung wenigstens ein verharmlosendes Lächeln, in vielen Fällen aber sogar pauschale Zustimmung hervor. Der Ur-Berliner, das ist immer wieder zu erkennen, geriert sich als Mitglied einer überlegenen Herrenrasse; er lässt seine Begleiter aus den entlegenen Winkeln des Landes gönnerisch strahlen in seinem Glanz; er gibt vor, wie „wir die Dinge sehen“: wie sie also zu sehen sind. „Witze“ wie der in der Überschrift wiedergegebene Satz „Kauft nicht beim Schwaben“, sorgen hinter vorgehaltener Hand auf Partys für Gelächter. Bei alledem ist die Etablierung der fremdenfeindlichen, teilweise sogar rassistischen Motive ganz und gar offenbar. Problematisiert wird das nicht.

Auf diesen Zug springt Thierse auf

Auf den Zug derer, die dieses Vokabular benutzen und in deren Handeln sich die genannten Motive spiegeln, springt Thierse auf, wenngleich seine Formulierungen harmlos anmuten, weil er sich scheinbar auf das Gut des Berliner Dialekts beschränkt. Das ist Fremdenhass-light, der hier präsentiert wird. Und zwar ohne Distanzierung von den gefährlichen Tendenzen, die mitschwingen. Und das ist – zurückhaltend formuliert – ungewöhnlich für einen Mann, der einen Schwerpunkt seines politischen Wirkens bei der Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit gesetzt hat. Thierse ist kein Rassist. Die Muster, die er für seine Äußerungen in Beschlag nimmt, sind aber keineswegs so harmlos wie der ihr Sprecher wahrgenommen wird. Sie sind gefährlich und altbekannt.

Weniger Rechte für die Neuen?

Thierse wohnte, so steht es in der Morgenpost, zu DDR-Zeiten schon im Prenzlauer Berg. Und diese Information scheint Thierses Wort, so breitet es sich im Leser aus, eine besondere Legitimation dafür zu verleihen, die Geschicke in seiner Hood zu bestimmen. Aber woher soll so eine Legitimation noch mal kommen? Dieses stärkere Recht desjenigen, der länger an einem Ort ist, als ein anderer? Warum darf sich der Alte dem Neuen gegenüber noch mal durchsetzen? Gibt es etwa, abgesehen von Nazis, jemanden in Deutschland, der meint, ein Ausländer müsse für einen Deutschen im Bus den Platz räumen, weil der Deutsche schließlich Wurzeln in der Region hat, die länger sind als die des Ausländers? Nein. Die Werteordnung, die sich die Menschen geben, die in Deutschland miteinander wohnen, kennt kein stärkeres Recht des Alteingesessenen gegenüber dem Neuankömmling. Es gibt auch keinen Konsens über Ausnahmen für bestimmte Gruppen. Nicht für Schwarze und nicht für Schwaben. Dieser Wertekonsens schließt es ein, dass Fremde ihre fremde Kultur pflegen können. Bei Asiaten, Arabern und Afrikanern ist das überall in Berlin etabliert und anerkannt. Warum sich Schwaben selbst verleugnen sollen, wird nirgendwo erklärt.

Entwicklung verweigern

Der Prenzlauer Berg (und zusammen mit ihm der Rest des Landes) hat sich entwickelt. Er ist nicht mehr der, der er mal war. Deshalb gelten auch die alten Regeln nicht mehr. Diese Entwicklung ist seit Jahren, das sagt Thierse selbst, an allen Ecken und Enden zu sehen. Warum aber soll man sich so einer Entwicklung verweigern? Was ist schlecht an Entwicklung und wie kann man fordern, die alten Regeln einer fast nicht mehr vorhandenen Minderheit gegenüber den Bedürfnissen der Neuen durchzusetzen? Was Thierse angeht, so lassen sich insbesondere diese zwei Vermutungen (!) anstellen:

Wahlkampf als Motiv

Die eine zielt ab auf den Bundestagswahlkampf, der längst begonnen hat. In einem Wahlkampf ist es immer gut, im Gespräch zu sein. Mit welcher Idee auch immer.

Dem ist voranzuschicken: Das deutsche Grundgesetz erlaubt es jedem, alles zu denken, was er will. Moralische Kategorien stehen dem ebenso nicht entgegen. Komplizierter wird es, wenn es zur Äußerung der Gedanken kommt. Denn dann müssen der Inhalt des Gesagten und der Zweck der Äußerung in die Bewertung einbezogen werden. Fremde und Fremdes nicht zu mögen, das kann niemandem abgesprochen werden. Aber Thierse ist eben nicht nur ein alter Pankower auf einer Couch, der denkt, sondern er ist auch ein Politiker, der sich öffentlich äußert.

Thierses Wahlkreis ist Pankow. Dort wird er nicht mehr selbst kandidieren. Stimmen brauchen auch sein Nachfolger und die Partei selbst aber dringend.
Ich bin in Pankow aufgewachsen. Der Bezirk Pankow ist seiner Fläche und seiner Einwohnerzahl nach wesentlich größer, als seine Bekanntheit. Abgesehen vom Ortskern von Pankow und dem Prenzlauer Berg (der wie Weißensee zu Pankow gehört), wohnen in diesem Bezirk viele Menschen, seit es sie gibt. Hier können öffentlich geäußerte Ressentiments gegen Fremde auf fruchtbaren Boden treffen. Ein Wahlkampfmanöver auf Kosten von Fremden? Das ist gefährlich. Und nicht zum ersten Mal da. Thierse stellte sich, träfe diese Vermutung zu, in eine Ecke, in die er nicht gehört.

Abschiednehmen, das fällt schwer

Die zweite Vermutung für den Grund der Äußerungen setzt an bei dem Mann, der sie gemacht hat. Die Entwicklung um sich herum, um seinen Kiez, wie die Neuen sagen, scheint Thierse nicht recht zu wollen. Und das ist verständlich: Entwicklung macht die Dinge anders, als sie früher mal waren. Das mitzuerleben und über sich ergehen zu lassen, kostet Kraft und verletzt Gefühle. Das kann das Denken kurz vergessen machen. Thierse würde vom Dönermann kaum fordern, den Döner in Gemüse-und-Fleisch-Brot-mit-Soße umzubenennen. Aber der Döner, der wie der Zwetschgendatschi von einem Mann zubereitet wird, der später nach Berlin kam, als Thierse, der Döner nun, der war nie Teil von Thierses Vergangenheit. Vielleicht fällt es Thierse deshalb nicht ein, seine Umbenennung zu fordern. Dass Wolfgang Thierse sich auf den Kottbusser Damm stellt und von dem Arabischen Brautmodenverkäufer fordert, er möge seine Werbung auf Deutsch und am besten mit Berliner Dialekt gestalten, erscheint genauso absurd. Warum soll das im Prenzlauer Berg aber mit der Schrippe funktionieren? Weil Schwaben keine schwarzen Locken haben, der Unterschied zum Kritiker deshalb nicht so deutlich ist, und er deshalb nicht auf den ersten Blick als reaktionärer Kauz erscheint?

Die Schrippe war Teil von Thierses Vergangenheit. Jetzt geht sie dahin. Und Abschiednehmen, das fällt schwer. Aber es muss sein. Das nennt man Entwicklung.

Nicht einer für alle

Thierse sorgt mit seinem Beitrag dafür, dass das Gedankengut einer kleinen Gruppe Verwirrter und historisch sowie politisch Ungebildeter allen Berlinern angedichtet wird. Er spricht aber nicht für alle. Eine Vielzahl von uns erfüllt das Gesagte mit Scham. Wir Berliner sind, wie jedes andere deutsche Völkchen auch, nicht von reiner Rasse. Wir sind Schwaben, Türken, Ossis, Wessis und so weiter. Wir haben keine gemeinsame Sprache, die uns einer vorgibt, sondern ein Sprache, die sich im Laufe der Zeit ändert, wie unsere Zusammensetzung das tut. Das wird jedem gewahr, der es einfach mal auf sich nimmt, mit der Straßenbahn M5 von der Endstation in Hohenschönhausen zur Endstation am Hackeschen Markt zu fahren oder mit der Ringbahn einmal im Kreis. Der Berliner ist schließlich kein besonderer Schlag Mensch. Die Menschen hier wollen nicht, dass einer für sie einen festen Sprachgebrauch festlegt. Sie wollen machen, was Menschen machen wollen. Egal, wer sie sind und woher sie kommen. Und einige von ihnen wollen jetzt eine Entschuldigung und eine Richtigstellung von dem, der meint, er könne über sie bestimmen.

Vielleicht ist das eine Sache, die man Thierse, der sich ums Berlinern bemüht, ins Gedächtnis zurückrufen muss: Die Dinge um Dich verändern sich, Keule. Und das ist, um mit einem neueren und schon wieder ausgelatschten Berliner Wort zu schließen, auch gut so.

(Hinweis: Knapp 150 Kommentare zu diesem Beitrag gibt es auf der Internetseite der Wochenzeitung der Freitag. Einige Anmerkungen der Kommentatoren haben Eingang in die hier gepostete Fassung gefunden.)

Kotze mag doch auch keiner

Ich habe doch so große Probleme mit dem Endzustand von Kunst. Denn das ist der, der mich am wenigsten interessiert. Ich finde nichts, was mich in einer Galerie interessiert, wenn da nichts passiert. Und die Bilder und Figuren, die tun ja nichts. Deshalb wurde ich erst kürzlich für einen Kunstbanausen gehalten, von einem, der sich auskannte, denn der hatte Kunst studiert und trug Lederschuhe. Der wusste Dies und mit Nachdruck dann auch noch Das über das Foto zu sagen, das da vor uns hing und ich fands so, wie man Dinge findet, wenn man die Schultern hochzieht und die Lippen zusammen und Luft hindurch presst. Dass man so einem wie mir auch keinen Vorwurf machen könnte, sagte er dann und führte als Beweis einen langen Blick auf meine Air Max an. – In der Galerie, da gibt’s keine gelben Schlieren an den Fingern und da gibt’s kein Schwindelgefühl von der Verdünnung, da gibt’s keine Bleichflecken auf dem T-Shirt vom Entwickler und keine Brandblasen von zu heißen Ausleuchtlampen. Es gibt keine Schnitte im Finger vom Schneiden durch das Papier und es gibt keine Berührungen der Ellenbogen und Hüften im Rotlicht, während das Foto nach und nach und oft dann zu schnell kommt. – Man kann den Endzustand von Kunst in der Galerie vielleicht nur mögen, wenn man nicht weiß, was alles vor ihm lag, wenn man nicht weiß, dass der Endzustand von Kunst in der Galerie gerade einmal Abfallprodukt ist von Nachmittagen, an denen die Sonne durch das Fenster auf die Leinwand scheint und man die Linie, die die Sonne auf der Leinwand zieht, mit einem Pinsel nachzuziehen versucht, um auch am Abend noch zu sehen, wo die Sonne mal war oder Abfallprodukt von Nächten, in denen sich Eiskristalle auf dem Skizzenblock bilden, mit dem man das Fenster abdichtet oder Abfallprodukt von Lieben, die einen um den Verstand gebracht hätten, wenn sie nicht auf ein Papier gekotzt worden wären. Kotze, Kotze mag doch auch keiner. Ich habe ein Problem mit dem Endzustand von Kunst.

Mit Zu ist Schluss

Vielleicht liegt es daran, ja das klingt doch ganz plausibel: Vielleicht liegt es daran, dass das Bild des Fotografen, also: die Fotografie, dass die Fotografie ein Teil eines Momentes ist. Sie ist der Moment; anders als ein gemaltes Bild immer und ein geschriebenes Bild in den allermeisten Fällen. Im Gegensatz zu diesen beiden nimmt die Fotografie den Moment nicht nur mit zu ihrem Betrachter. Sie kommt dem Moment im Vergleich zu Malen und Schreiben auch nicht nur näher. Und sie ist auch nicht nur am ehesten der Moment und zeigt ihn, den Moment, erst Recht auch nicht nur ohne Interpretation, nein: das alles genügt nicht, um das Besondere zu zeigen, vielmehr: die Fotografie eines Momentes ist Teil des Moments. Und zwar der Teil, der bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Sie ist echt. Die Fotografie. Er kann freilich auch inszenieren. Der Fotograf. Ja, er kann schminken und Licht machen und posieren lassen. Aber er kann ihn bei alledem nicht verhindern, den Moment, den Moment an sich. Das Künstliche und das Abbildende sind machtlos. Denn sie sind selbst Teil des Momentes, der eben bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Der Film des Fotografen ist anders als der des Malers und des Schreibers auch ganz und gar rückspulbar. Verfolgt man die einzelnen Schritte von dem an der Trockenleine hängenden Abzug des Moments zurück zu dem Moment, dann kommt man im Moment an. Ganz physisch. Beim gemalten und beim geschriebenen Bild kommt man indes sonst wo an: nämlich in vielen Momenten, die Maler und Schriftsteller im Bild zu Gleichzeitigkeiten kombinieren. Das Foto ist Teil eines einzelnen Moments.

Vielleicht liegt es daran. Schaffensmäßig ist das Foto im Verhältnis zum Fotografen stets unrein. Denn der Fotograf macht sein Bild – anders als Maler und Schreiber – nicht allein. Das Machtlose und die Unterwerfung unter den Zufall sind Beiwerk zum Bild, das nur Maler und Schreiber ausmerzen können. Zugegeben: es gibt vieles an einer Fotografie, das gar nicht zufällig ist oder momentmäßig-offen oder unplanbar. Der Fotograf weiß etwa ganz genau, wie lang er war, dieser Moment. Aber der Moment ist nicht nur die Zeit, in der Licht auf den Film fällt. Dem Technischen und dem unbewertet Abbildenden ist es auch egal, wie viel Wertung und Schischi im Abgebildeten stecken. Ein Moment schafft sich selbst, egal in wie viele Determinanten der Fotograf den Zufall zu zwingen versucht. Und das Instrument des Moments ist der Apparat. Denn der lässt nur eines zu, lässt nur Licht auf einen Film, mal kürzer und mal länger, mal durch ein größeres, mal durch ein kleineres Loch. Das allein lässt er den Fotografen bestimmen: die Öffnung eines Lochs und ihre Dauer. Mit Zu ist Schluss und es ist da; nicht im Sinne von eben geschaffen, sondern im Sinne von jetzt bleiben: das Bild und mit ihm der Teil des Moments, den Maler und Schreiber niemals schaffen können, weil nach dem Auge und vor dem Festhalten in der Erinnerung an den Moment erst noch das Gehirn kommt, ein Filter, der auf kein Objektiv passt.

Soziale Netzwerke: nur noch ein Ich; nicht mehr viele

Das Credo sei Du selbst, das in der analogen Welt schon schwer zu verwirklichen war, sieht sich im Internet herausgefordert.

Weil alle alles gleichzeitig von einem Menschen mitbekommen, ist der Mensch in dem, was er sendet, beschränkt. Denn er kann nur noch die Schnittmenge dessen senden, was allen verträglich ist. Dieses neue, vereinheitlichte Selbst ist deshalb zwangsläufig ein anderes, als das alte: Während das Selbst-Sein einmal bedeutete, hier so und da so zu sein, macht es die Beschränkung der Technik heute nötig, überall gleich zu sein. Sie macht es nötig, das Selbst auf ein einziges zu beschränken und ihm seine Zerklüftung zu nehmen. Das Selbst zu formen, je nach dem, wer vor einem steht, das war Wesensmerkmal von Kommunikation. Aber das ist es nicht mehr, seit der Mensch den physisch vorhandenen Raum zum Interagieren verlassen hat und in die virtuell genannte Realität überwechselte. Damit geht das Wichtigste am Selbst-Sein verloren: Das Anpassen ans fremde Umfeld, das Nicht-Selbst-Sein.