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Kategorie: Zur Digitalisierung

Automatisierte Vertragsfreiheit

Der Beitrag ist am 28. Dezember 2016 bei Legal Tribune Online erschienen.

Nutzer sind Informationen von Anbietern in einem Umfang ausgesetzt, den sie nicht überblicken – im Fall von AGB und Datenschutzerklärungen oft zu ihrem Nachteil. Dabei ließe sich die Kenntnisnahme auch auf Algorithmen auslagern.

Jeder kennt das: Auf der Internetseite stört der „Cookie-Hinweis“ gerade so lange, bis man den „OK-Button“ gefunden hat. Auch das Häkchen zum Akzeptieren der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) vor einer Bestellung wird routinemäßig gesetzt. Zeit und Lust, sich die Klauseln durchzulesen, haben die allerwenigsten.

Nutzer ignorieren besonders bei digitalen Angeboten einen Großteil der für sie bestimmten Informationen. Der Gesetzgeber bekommt das Problem nur eingeschränkt in den Griff. AGB etwa müssen transparent sein. Eine informierte Entscheidung des Nutzers wird durch dieses Gebot der Transparenz aber kaum gefördert. Denn es greift nur, wenn es wenigstens ein abstraktes Interesse an der Information gibt. Das ist aber nicht der Fall. In seinem Urteil zur Facebook-Funktion „Freunde finden“ anerkennt auch der Bundesgerichtshof (BGH), dass Informationen ihren Zweck verfehlen können. Er hält fest, dass der automatisierte Versand von Einladungs-E-Mails durch Facebook an die Kontakte von bereits registrierten Nutzern nicht deshalb erlaubt war, weil die Nutzer hierauf in den Datenschutzhinweisen hingewiesen wurden. Denn trotz des Hinweises sei davon auszugehen, dass die Information im entscheidenden Moment nicht in das Bewusstsein der Nutzer vordringe.

Eine Selbstverständlichkeit ist dieses Argument nicht. Schließlich hätte der BGH diejenigen, die bereitgestellte Informationen schlicht nicht zur Kenntnis nehmen, auch schutzlos stellen können. Es besteht allerdings ein Anreiz dafür, das Problem anzugehen. Denn Information hat den Zweck, eine freie Entscheidung zu ermöglichen.

Freie Entscheidungen setzen Wissen voraus

Wer nach Alternativen zu einer auf Information beruhenden Entscheidung fragt, fragt nach Alternativen zur freien Entscheidung. Staatliche Regulierung von Vertragsinhalten würde die Vertragsfreiheit einschränken. Freie Entscheidungen setzen aber Wissen voraus. Wenn die freie Entscheidung des Nutzers jedoch auch am Nutzer selbst scheitert, muss eine Alternative zur Kenntnisnahme durch den Nutzer her. Nutzer könnten die Auseinandersetzung mit den für sie relevanten Informationen auch einfach auslagern.

Dieser Ansatz ist im analogen Umfeld nicht neu: Im Finanzbereich ist es etwa üblich, dass Anleger ab einer gewissen Komplexität Vermögensverwalter mit der Betreuung ihrer Gelder beauftragen. Die Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der Investitionsobjekte wird hier ausgelagert auf den Verwalter. Dieser Gedanke lässt sich verallgemeinern. Es ist denkbar, die Risiken der eigenen Handlungen auch in anderen Bereichen extern bewerten zu lassen.

Auslagerung der Kenntnisnahme an Algorithmen

Dazu sind aber nicht zwingend andere Menschen notwendig – die Prüfung könnte auch durch einen „digitalen Berater“ erfolgen. Erforderlich wäre hierfür lediglich, dass ein Nutzer „seinem“ Algorithmus anhand einer Fragerunde mit seinem Risikoprofil, seinen Vorlieben und Abneigungen, Überzeugungen und Interessen füttert – ähnlich einem Bankkunden, der gegenüber seinem Berater angibt, ob er eine eher konservative oder risikofreudige Anlagestrategie fahren möchte. Im Anschluss könnte ein so „trainierter“ Algorithmus umfangreiche AGB, Produkteigenschaften und Datenschutzbestimmungen für den Nutzer „lesen“, und die Entscheidung des Nutzers durch Warnungen und Empfehlungen anleiten oder, wenn der Nutzer der Technologie vertraut, gleich selbst treffen.

Durch den Einsatz solcher individuell auf ihre Interessen eingestellten „Consumer-Algorithmen“ könnten Nutzer wissensmäßig auch bei enormen Informationsmengen mit den Anbietern gleichziehen. Dass der Ansatz funktioniert, lässt sich schon heute zeigen: Bei großen Immobilientransaktionen etwa werten Unternehmen, die als Käufer auftreten, die Risiken aus Tausenden von Mietverträgen automatisiert mit der Hilfe von Algorithmen aus. Erschwingliche „Consumer-Algorithmen“, die ähnliche Aufgaben für eine Vielzahl von Vertragstypen für Verbraucher übernehmen, müssen daher keineswegs ein bloßes Gedankenspiel bleiben.

Einer Einschätzung von Apples „Siri“ würde derzeit zwar vermutlich niemand vertrauen. Ob Verbraucherschutzverbände ausreichend Ressourcen haben, um leistungsfähige Software auf die Beine zu stellen, ist ebenfalls unklar. Es dürfte aber wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis ein Start-up sich der Entwicklung entsprechender Software annimmt – zumal die Nachfrage enorm sein dürfte, und sich ein solches Produkt leicht kommerzialisieren ließe.

Demokratisierung des Marktes durch Vernetzung

„Consumer-Algorithmen“ müssten nicht darauf beschränkt bleiben, ihren Nutzer zu warnen. Kenntnis von Informationen allein genügt nicht immer. Sie nützt vor allem dann nichts, wenn keine Alternativen bereitstehen. Das wichtigste Beispiel dürften Nutzungsbedingungen von Smartphone-Software sein. Smartphones lassen dem Nutzer stets nur die Wahl, die Bedingungen zu akzeptieren oder mit der alten Software weiterzumachen. Was auch immer in den AGB steht, gilt. Hierin unterscheiden sich die Anbieter auch nicht, sodass die Wahl eines Konkurrenzprodukts ausscheidet. Das wäre anders, wenn die Algorithmen der Nutzer miteinander kommunizieren würden. Eine Software, die sichtbar macht, dass z.B. 7 von 10 Nutzern bestimmte AGB für inakzeptabel halten, könnte dabei helfen, Druck aufzubauen. Technologie-Anbieter könnten gezwungen werden, AGB und Datenschutzbestimmungen solange zu modellieren, bis sie für den Großteil der Kunden wieder annehmbar sind.

Wer ein solches Outsourcing von Kenntnisnahme oder sogar Entscheidungen auf Algorithmen für abwegig oder gar gefährlich hält, muss sich fragen lassen, ob es wirklich besser ist, die Nutzer, wie derzeit üblich, mit für sie unüberschaubaren Informationsmassen allein zu lassen. Informationen, die automatisiert durch einen auf die Interessen des Nutzers abgestimmten Algorithmus ausgewertet werden, nützen der Entscheidungsfreiheit jedenfalls mehr als Informationen, die fernab von Kenntnisnahme im Nirwana enden.

 

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Veröffentlichungen

Update: Januar 2017

Jura

  • Fondsverwahrung mittels Blockchain, Berliner Briefe zum Kapitalmarktrecht, 04/2017, S. 2 – 17 (gemeinsam mit Lars Röh, Christoph Jacobs – hier lesen).
  • Datenschutzrechtliche Vorgaben des EuGH für Big Data und Direktmarketing, ITRB 2/2017, S. 39 – 42 (gemeinsam mit Christoph Jacobs)
  • Blockchain und Smart Contracts: Zivil- und aufsichtsrechtliche Bedingungen, ITRB 2017, S. 10 – 15 (gemeinsam mit Christoph Jacobs)
  • Robo Advisor – Anforderungen an die digitale Kapitalanlage und Vermögensverwaltung, WM Zeitschrift für Wirtschafts- und Bankrecht 2016, S. 1966 – 1973 (gemeinsam mit Robert Oppenheim); auch veröffentlicht in: Berliner Briefe zum Kapitalmarktrecht, 04/2017, S. 18 – 33 (hier lesen)
  • Digitaler Nachlass, zugleich Anmerkung zu LG Berlin, Urteil vom 17. Dezember 2015, 20 O 172/15, Berliner Anwaltsblatt 2016, Heft 1-2, S. 22 – 24 (gemeinsam mit Claudia Schulze)
  • Kapitel Crowdfinanzierung, E-Commerce, Mobile Payment, Datenschutz in: AHK Brasilien (Hrsg.), Assim se faz Start-ups na Alemanha, 1. Aufl. 2015
  • Bankgeheimnis und effektiver Schutz von IP-Rechten, Deutscher AnwaltSpiegel 19/2015 (gemeinsam mit Christoph Jacobs)
  • Makler und Verbraucher im Internet, NJW 2015, S. 193 – 197 (gemeinsam mit Martin Werneburg)
  • Kleinanlegerschutz und Crowdinvestments, Venture Capital Magazin, Dezember 2014, S. 38
  • Datenschutzrechtliche Verantwortlichkeit in sozialen Netzwerken, ITRB 2014, S. 278 – 281 (gemeinsam mit David Krebs)
  • Treu und Glauben und Effizienz – Das Effizienzprinzip als Mittel zur Konkretisierung zivilrechtlicher Generalklauseln, Duncker & Humblot, Berlin 2013, 247 Seiten
  • Impressumspflichten in sozialen Netzwerken, ZJS 2013, S. 141 – 147
  • Zur effizienzorientierten Kontrolle von AGB nach § 307 Abs. 1 S. 1 BGB, Kreutz/Renftle/Faber u.a. (Hrsg.), Realitäten des Zivilrechts – Grenzen des Zivilrechts, Jahrbuch Junger Zivilrechtswissenschaftler, Boorberg, 2012, S. 51 – 68
  • Cloud Computing und Recht, AnwBl. 2012, S. 646 (gemeinsam mit Markus Timm)

Vorträge

  • Smart Contracts in der Energiewirtschaft: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, Energielieferverträge zwischen Recht und Digitalisierung am 29. Juni 2017, Düsseldorf
  • Blockchain und Smart Contracts in der Anwaltspraxis: 4. Deutscher IT-Rechtstag am 28. April 2017, Berlin
  • Rechtliche Hinweise für die Nutzung von Blockchains: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (gem. mit Björn Moßdorf), Blockchain-Forum am 30. März 2017, Frankfurt
  • Digitaler Nachlass: Berliner Anwaltsverein, 1. März 2017, Berlin (Folie „Digitaler Nachlass“ hier downloaden)
  • Blockchain – Technologie und zukünftige Anwendungsfälle (gem. mit Katarina Adam): Banking on Blockchain?, 24. November 2016, Berlin (Folie und Kurzvideo hier ansehen)
  • Targeting von „Bankkunden“ und Crowdinvestoren: Fintech statt Filiale, Bye bye banks?, 15. Oktober 2016, Berlin (Folie und Kurzvideo hier ansehen)

Sonstige

Prosa

  • Wie eine Wespe, Erzählung; 1. Platz bei *Konzept:Feuerpudel* im Haus der Sinne Berlin, März 2017
  • Terror Template, 3. Platz bei *Konzept:Feuerpudel* in der Lettrétage – das Literaturhaus in Berlin Kreuzberg, September 2016
  • Bis zu diesem Tag, Kurzgeschichte; Literaturzeitschrift Haller, Ausgabe 13, 2016, S. 39 – 51
  • Narcos – Netflix, Erzählung; 1. Platz Lesebühne Berlin, Februar 2016
  • Eine halbe Nummer, Erzählung; 1. Platz Lesebühne Berlin, November 2015
  • Zack zack, Erzählung; 1. Platz Lesebühne Berlin, Juni 2015
  • Zum Tode von, Erzählung; 1. Platz Lesebühne Berlin, März 2015
  • Tina, Kurzgeschichte; 1. Platz Lesebühne Berlin, August 2014
  • Karambolage, Erzählung; Literaturzeitschrift Haller, Ausgabe 10, Mai 2014, S. 70 – 78
  • Meine Freundin die Fliege, Kurzgeschichte; 1. Platz Lesebühne Berlin, August 2013
  • Kurzstrecke, Erzählung; szenisch gelesen von Ensemblemitgliedern am Theater Bielefeld, März 2012
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4 negative Folgen des Brexit für Start-ups

Zur größten ABM-Maßnahme in der Geschichte der Europäischen Anwaltschaft

1. Keine Übermittlung von Daten ohne Einwilligung

Daten von Kunden werden derzeit in massivem Umfang nach Großbritannien übermittelt. Hintergrund ist, dass eine Vielzahl von Tool-Anbietern dort ihren Sitz oder jedenfalls ihre Server haben.

Die Übermittlung der Daten an diese Anbieter ist bislang ohne Einwilligung der betroffenen Kunden möglich, wenn ein Vertrag über die Auftragsdatenverarbeitung mit dem Anbieter besteht (§ 11 BDSG). Ein solcher Vertrag kann aber nur mit Anbietern geschlossen werden, die ihren Sitz im Europäischen Wirtschaftsraum haben (§ 3 Abs. 8, Satz 2 BDSG). Das Privileg der Auftragsdatenverarbeitung dürfte nach dem Brexit für Großbritannien und die dort ansässigen Anbieter nicht mehr gelten und eine entsprechende Neuorientierung erforderlich werden.

2. Keine Arbeitnehmerfreizügigkeit

In einem Mitgliedsstaat der EU muss jeder Unionsbürger unter den gleichen Bedingungen arbeiten dürfen, wie ein Bürger dieses Staates (Art. 45 AEUV). Das stellt sicher, dass ihr derzeit unproblematisch in britischen Start-ups arbeiten könnt und Britten ohne Umwege in Deutschland arbeiten können. Auch das ist nach dem Brexit infrage gestellt.

3. Hohe Kosten mangels einheitlichen Verbraucherschutzes

Entscheidend für die meisten Start-ups ist der Massenmarkt und in dessen Zentrum steht der Verbraucher. Auch deshalb gibt es in der EU ein einheitliches Verbraucherschutzrecht, das dafür sorgt, dass Unternehmer in jedem Mitgliedstaat vergleichbare Vorgaben zu erfüllen haben. Das senkt Beratungs- und Implementierungskosten für Start-ups massiv, denn es macht die Risiken, die sich auf dem jeweiligen Markt ergeben, kalkulierbar.

Der britische Markt ist riesig und deshalb interessant für jedes Start-up, das auf Masse angewiesen ist. Start-ups, die hier angreifen wollen, müssen nach dem Brexit voraussichtlich ganz eigene Regularien einhalten, ohne sich an europäischen Vorgaben orientieren zu können. Das ist machbar. Aber teuer.

4. Speziell Fintechs: Kein europäischer Pass

Fintech-Geschäftsmodelle sind häufig reguliert. Um es regulierten Unternehmen zu ersparen, in jedem Land, in dem sie Kunden ansprechen, eine Erlaubnis für ihre Tätigkeit beantragen zu müssen, wurde der Europäische Pass eingeführt.

Danach gilt: Wer in einem europäischen Mitgliedstaat von einer Regulierungsbehörde eine Erlaubnis erhalten hat, kann auf der Grundlage dieser Erlaubnis auch in den übrigen EU/EWR-Staaten tätig werden. Großbritannien ist für Deutsche Fintechs einer der entscheidenden Märkte. Nach dem Brexit wird ihnen der Europäische Pass hier nichts mehr nützen und ein eigenes Genehmigungsverfahren bei der britischen Finanzaufsicht (FCA) erforderlich werden.

Umgekehrt gilt: Start-ups dürften mit ihrer britischen Genehmigung im Rest Europas voraussichtlich nichts mehr anfangen können (siehe zu Fintechs und Brexit auch den Bank Blog).

Fazit

Anwälte dürften europaweit in Hochstimmung sein. Denn der Brexit als wohl größte ABM-Maßnahme in der Geschichte der europäischen Anwaltschaft sichert Ihnen Beratungsbedarf für eine Dekade. Das Austrittsverfahren, das sich nach Art. 50 EU-Vertrag richtet, dürfte mehrere Jahre in Anspruch nehmen, in denen neben der vorgenannten Punkten unzählige weitere Fragen diskutiert werden. Ob das zur Folge hat, dass Unternehmer, die europäische Märkte im Blick haben, die Rechnung fortan ohne Großbritannien machen müssen, bleibt abzuwarten.

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Hinweis: Unser Aufsatz Robo Advisor – Anforderungen an die digitale Kapitalanlage und Vermögensverwaltung erscheint im Oktober 2016 in der WM Zeitschrift für Wirtschafts- und Bankrecht  (gemeinsam mit Robert Oppenheim).

Edit: t3n erklärt, was gut ist am Brexit für deutsche Start-ups.

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3 Reasons Why VCs Should Be Banned From Startup Panel Discussions

1. Get more efficient talks

VCs focus on one point: the fact that the business model needs to be profitable. „Is it scalable?“ Everybody has heard this question before and seen how it quashes interesting discussions. The point is clear and understood well. Repeating it on a panel is not efficient or productive to discussions.

2. Preserve the sophistication of debates

I don’t invest in good ideas. I invest when there’s a chance on the market.“ Umm. Yes. VCs frequently offend founders by interrupting sophisticated conversations and by imposing a more “realistic” lens. But: This is not how ideas are created. If you enter a conversation with a fixed view (which is the case for VCs since profit is a rule and not a principle that can be balanced with other principles), then you are wrong in a debate.

3. Avoid submission of founders

Have you ever seen a group of young founders submissively listening to a VC? It’s a little bit like the Stanford prison experiment. Whenever a person is given power over people, they’ll use it. But VCs hide an important truth that gets lost with their façade: it’s not you applying for their money. It’s them applying for your shares. Investing is a (pretty old) business model. Every investor needs good figures on his own balance sheet too. That is why they need to find good founders. Speaking of startups as “targets” implies, the VC is the powerful bird of prey seeking a little grey mouse. But it is the other way around: founders should see themselves as Juliets while VCs are the Romeos that should not say too much stupid stuff under the balcony.

Get connected nevertheless!

Making panel discussions better without VCs doesn’t mean founders shouldn’t talk to VCs at all. Founders don’t get money because they send a perfectly designed pitch deck to some email@vc-address. I haven’t met anybody yet who received funding without more or less having been part of the investors network before. That is the No. 1 step before showing figures. Getting to know someone works best at eye level. Founders should focus on that. It’s beneficial for both. Founders and VCs.

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Narcos – Netflix

Es war an einem Morgen. Ich weiß nicht mehr genau wann. Ich wollte eigentlich nur eine Folge zum Frühstück gucken. Alle sprachen davon. Nachdem ich das Frühstück gegessen hatte, blieb ich sitzen. Die ersten zwei, drei Folgen, vielleicht waren es auch fünf, waren eigentlich langweilig. Ich war jedes Mal kurz davor aufzuhören. Ich verstand nicht, was alle daran fanden. Irgendwann am Nachmittag ließ der Mittagshunger nach. Ich hatte nicht vergessen, dass ich eigentlich den Tag nutzen, dieses Buch lesen wollte. Aber das kam mir so unwichtig vor, wenn ich anstelle dessen doch die Hintergründe des Drogenkrieges um Pablo Escobar verstehen konnte.

Am Ende jeder Folge gab mir Netflix automatisch die nächste. Ich begriff, dass die Untertitel, wenn die Schauspieler Spanisch sprachen, nur dazu dienten, meinen Blick geradeaus zu zwingen, mich nicht abschalten zu lassen, gedanklich, kein Blick links oder rechts. Aber es war mir egal. Nur weil Dich einer verarscht, bedeutet das doch nicht, dass Du sein Zeug automatisch nicht mehr wollen darfst. Ist doch nichts dabei. Wenn man das selbst entscheidet.
Als es draußen dunkel wurde, fühlte sich mein Bauch flach an. Ein bißchen Abnehmen schadet nicht, dachte ich. Und dann waren die Folgen alle, die Staffel vorbei, nichts mehr übrig. Ich durchsuchte das Folgenarchiv, nichts, auf Wikipedia stand, dass es nur eine Staffel gibt. Das war definitiv. Der Fernseher blieb schwarz.
„Akkustand niedrig – In Stromsparmodus wechseln?“, meine Hand zitterte. Unterzuckerung. Das Handy ging aus, als ich gerade einen der pinkfarbenen Foodora-Fahrer auf den Weg zu mir schicken wollte. Alles schwarz. Ich schlief. Alles schwarz.
Heute würde ich so etwas nicht mehr machen. Aber wenn mich einer fragt, sage ich, dass es eine Zeit gab, in der das halt so war. Wir haben viel ausprobiert. Und ich bin dankbar für die Erfahrung.

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Der Text hat im Februar hier gewonnen (sagte jedenfalls Diether, ich konnte nämlich nicht kommen).

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Digitale Diskriminierung

Der Beitrag ist in leicht angepasster Form am 16. März 2016 auch bei SPIEGEL ONLINE erschienen.

Wer schließt die Lücke zwischen Algorithmus und Mensch? Wenn Entscheidungen nicht mehr von Menschen gefällt werden, sondern von Algorithmen, müssen für Algorithmen dieselben Maßstäbe gelten, wie für uns. Das geschieht aber nicht. Aufgrund einer Lücke im Recht: 

Jemanden zu diskriminieren bedeutet, ihn aufgrund seiner Eigenschaften zu benachteiligen. Dass Schwarze in den USA in Bussen hinten sitzen mussten, ist ein Beispiel für analoge Diskriminierung. Algorithmen, die Frauen Werbung für Jobs mit kleineren Gehältern ausspielen als Männern, stellen ein Beispiel für digitale Diskriminierung dar.

Ein wesentlicher Gedanke des deutschen Datenschutzes scheint der digitalen Diskriminierungen vorzubeugen: Der Grundsatz der Datensparsamkeit verlangt, die Verwendung von Daten über Personen so sehr wie möglich zu vermeiden. Dem im Zeitalter von Big Data anachronistisch wirkenden Ansatz liegt die Annahme zugrunde, dass weniger Daten mehr Schutz bedeuten. Das ist naheliegend. Wenn weniger Informationen über mich verfügbar sind, bin ich auch weniger angreifbar. Für den Algorithmus sind ohne Informationen alle Nutzer gleich. Er kann sie gleich behandeln.

Gleichbehandlung ist eine Kategorie der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit fordert aber nicht nur, Gleiches gleich zu behandeln. Für eine gerechte Entscheidung kann auch erforderlich sein, dass Ungleiches ungleich behandelt wird. Wenn sich ein potenzieller Kreditnehmer als Betrüger strafbar gemacht hat, wird die Entscheidung einer Bank, ihm einen Kredit nur gegen einen höheren Zins zu geben als anderen, kaum als ungerecht wahrgenommen werden. Anders ist es, wenn der gegenüber anderen höhere Zins mit der Herkunft begründet wird. Der Grund für die Ungleichbehandlung ist entscheidend. Es gibt Gründe, die wir akzeptieren (Betrug) und Gründe, für die das nicht gilt (Herkunft). Dabei kann umso stärker differenziert werden, je mehr Informationen vorliegen. Schutz vor unzulässiger Ungleichbehandlung setzt danach möglichst viele Informationen voraus. Ein Dilemma.

Quasi gottgleich autarke Technologie

Die Daten, die wir über uns preisgeben, sind aber nur eine Hälfte des Problems. Institutionalisierte Diskriminierung funktioniert seit je her, indem ohne Ansehung der Person auf der Grundlage ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe über sie entschieden wird. Unsere Kaufkraft wird ermittelt, indem von anderen, die uns ähneln, auf uns geschlossen wird. Wir werden unsere digital definierten Eigenschaften. Besondere Ängste rufen Schlüsse hervor, die aus der Kombination unserer Daten mit anderen Daten gezogen werden. Dabei geht es um die Verwendung von Informationen über uns, die wir gar nicht selbst bereitstellen, indem wir online ein T-Shirt von ACDC kaufen oder einem Pornostar auf Instagram folgen. Es geht um die sich aus der Kombination der Informationen über uns erschließenden Informationen. Das sind die Meta-Informationen, die wir nicht kennen und die wir nicht richtigstellen können. Ohne aufstehen und Aber sagen zu dürfen, wird das Urteil über uns anhand dieser Informationen ermittelt, beschlossen, verkündet und vollstreckt. Die automatisierte Entscheidung über einen Menschen ist seine Algorithmus gewordene Verdinglichung. Quasi gottgleich kann eine immer autarker werdende Technologie Entscheidungen über uns ausrechnen und uns damit den Dingen annähern. Das weckt Ängste vor Willkür auf einer bisher nicht gekannten Stufe.

Keine objektive Entscheidung durch Algorithmen

Dass Algorithmen objektiv entscheiden, ist dabei eine Mär. Weil sie von Menschen programmiert werden, spiegeln Algorithmen die in ihrem Programmierer angelegten Vorurteile. Code ist Werturteil. Algorithmen entscheiden zu lassen, ist zudem problematisch, weil sie durch Wiederholung menschlichen Verhaltens, das sogenannte „Lernen“, bereits vorhandene Diskriminierungen vertiefen. Niemand bei Google hat gesagt, dass die Suchbegriffe „Israel“ und „muss“ automatisch vervollständigt werden sollen mit „vernichtet“ und „werden“. Dennoch gibt die Suche exakt das vor, weil Nutzer häufig diese Begriffspaare miteinander kombinieren. Das Beispiel zeigt auch, wie weit die Gefahr der „blinden“ Diskriminierung durch Algorithmen reicht. Wenn Sie die Auto-Vervollständigung jetzt ausprobieren, perpetuieren sie die Diskriminierung, weil dem Algorithmus (anders als dem Leser dieses Textes) nicht klar ist, mit welchem Motiv die Begriffe eingegeben werden.

Datenschutz ist nicht zum Schutz von Daten da

Diese digitale Diskriminierung breitet sich aus einer Lücke heraus aus: Das Datenschutzrecht, das flächendeckend auf digitale Vorgänge angewendet wird, kennt kein allgemeines Diskriminierungsverbot. Das allgemeine Verbot der Diskriminierung, das sich im Gleichstellungsrecht findet, wird auf im Netz durch Algorithmen getroffene Entscheidungen dagegen kaum angewendet. Diese Lücke, also der Bereich der nicht sanktionierten Diskriminierung durch Algorithmen, kann aber nicht hingenommen werden. Im Angesicht des Umfangs, in dem Verantwortung mittlerweile auf digitale Entscheidungsträger übertragen wurde, ist die von Algorithmen getroffene Entscheidung exakt den Maßstäben zu unterwerfen, an denen von Menschen getroffene Entscheidungen gemessen werden.

Die überwiegend technische Kontrolle des Datenschutzes muss deshalb erweitert werden um eine Kontrolle der hinter den Algorithmen stehenden Wertungen. Ressourcenschonend ist das nicht. Das Gleichstellungsrecht zeigt aber, dass es möglich ist. Im Angesicht des Zwecks, den Datenschutz hat, muss ein höherer Aufwand hingenommen werden.

Datenschutz ist nicht zum Schutz von Daten da, sondern zum Schutz von Menschen.

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Das Bild zeigt das von Gerhard Richter verpixelte Südquerhausfenster des Kölner Doms.

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Sklavenhandel 2.0

Der Freund von Max und Louise hatte zu seinem Geburtstag eingeladen und die Getränke wurden knapp, denn es kamen auch die, die nur auf Vielleicht gedrückt hatten. Max und Louise waren schon früh da und mit ihrem Platz zwischen Garderobe und Wohnzimmer zufrieden. Dass man sich das mal klar machen müsse, sagte Max nur halblaut und wies Richtung Wohnzimmer, dass man das echt mal checken muss, dass über all diese Leute hier vollständig ausgewertete Profile bei Apple und Google und so liegen. Er zeigte auf Louises iPhone. Hier! Und dass mit all diesen Profilen Kohle gemacht wird. Aber keiner macht sich das bewusst. Die Leute sagen einfach ja, ich hab ja das und das davon und sehen gar nicht, welchen Preis sie zahlen. Ihre Identität! Max hob die Stimme und den Zeigefinger. Es geht um nicht weniger als einen selbst. Sag ich mal. Die Leute verschenken ihr Ich an die Konzerne. Das ist Sklavenhandel 2.0, Du bist die Ware, die Du hergibst, nicht mal verkaufst, sondern verschenkst. Und anders als die Afrikaner früher werden die digitalen Sklaven noch nicht einmal gezwungen, sich den Amerikanern zu unterwerfen. Willst Du noch ein Bier, rief der Freund von Max und Louise von hinten. Max nickte erleichtert. Ein Glück, dass noch was da ist. Ob Roger noch komme, fragte Louise und Max zuckte mit den Schultern. Kein Plan, ich warte schon die ganze Zeit auf die blauen Häkchen aber er scheint keinen Empfang zu haben. Aber so richtig wichtig sei ihm Rogers Anwesenheit auch nicht. Wer sich so doof anstellt. Versetz Dich mal in die Lage seiner Freundin, Max hob die Stimme wieder an. Da ahnst Du nichts Böses und dann grinst Dich dein Freund auf Tinder an. Wie dumm muss man sein, sich mit dem original Facebook-Profil anzumelden. Ok ich muss. Max wischte die Erinnerung auf seinem Handy zur Seite und gab Louise einen Drücker. Meine Sleep Cycle App sagt, dass ich die längste Tiefschlafphase habe, wenn ich vor zwei im Bett bin und weniger als drei Bier trinke. Schlaf ist mir wichtig. Louise nickte und schaute Max an. Mir auch. Man muss schlafen, bevor man aufwachen kann.

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Die digitale Gleichgültigkeit

Was legitimiert einen Datenschutz, für den sich niemand interessiert?

(Zugleich erschienen in der brand eins, April-Ausgabe 2014)

Der NSA-Skandal hat nicht nur unser Bewusstsein für die Gegner geschärft, er wirft auch ein neues Licht auf unsere eigene Rolle im Umgang mit Daten. Seit wir wissen, dass die NSA Back-ups unserer Festplatten bereithält, unsere E-Mails mitliest und unsere Telefonate mithört, sind zwei gegenläufige Bewegun- gen zu beobachten: Auf der einen Seite werden die politischen Anstrengungen zur Ausweitung des Datenschutzes stärker – auf der anderen wird immer offenkundiger, dass sich die Mehrheit der Internetnutzer für das Schicksal ihrer Daten noch immer kaum interessiert.

Keine Demonstrationen, kein Aufschrei, nicht mal Online- Petitionen wurden bekannt, nachdem Snowden und Co. ihre Erkenntnisse darüber veröffentlichten, dass so eine Art Surf-Stasi von Hawaii aus das gesamte Internet überwacht.

Sascha Lobo schloss von der eigenen Kränkung durch die NSA auf die Kränkung der gesamten Menschheit. Alles klar, könnte man denken. Aber wovon, wenn nicht von sich selbst, soll man sonst auf andere Menschen schließen? Mal ehrlich: Selbst wenn man sich vor Augen hält, dass aus jedem Smartphone ein vollständiges Profil seines Benutzers über Bewegung, Beziehun- gen und Bildung ausgelesen werden kann – würde man (also Sie!) es deshalb jetzt ausschalten und für immer ausgeschaltet lassen? Jeder hat ja schon mal erlebt, wie das Störgefühl abklingt, wenn man etwa nicht mehr daran denkt, dass das iPhone ständig an Apple sendet, wo man ist. Oder dass am Rand eines Nachrichten- portals für Schuhe geworben wird, die im Onlineshop zuvor ge- sucht wurden. Oder dass E-Mails auf privaten Konten auch auf Servern in den USA liegen, während Datenschützer längst wissen, dass das Safe-Harbor-Abkommen über die Einhaltung von Daten- schutzstandards Unsinn ist. Es interessiert niemanden. Aber wa- rum ist das so? Weil wir keine Folgen spüren.

Die Gefahr ist so abstrakt, dass sie uns keine Angst macht. Wurde sie greifbarer, seit wir wissen, dass die NSA alles über- wacht? Gibt es sogar schon einen Schaden? Ja, sagen diejenigen, deren Verhalten sich nach der Aufdeckung verändert hat. Nein, sagen dagegen jene, die personalisierte Werbung am Web-Seiten- rand zwar komisch finden, viel weiter aber mit der Systemkritik nicht kommen. Das sind die Gleichgültigen, deren Standpunkt bisher keinerlei Gewicht in der Datenschutzdiskussion hat. Und
sie sind, wie jede Spontanumfrage zeigt, in der absoluten Mehr- heit.

Bei Lichte betrachtet wird klar, dass die Gleichgültigkeit die- ser Mehrheit nicht das gesamte Netz trifft. Denn dieses Netz, von dem seine Kritiker so aufgeregt reden, gibt es nicht. Das Netz ist das Resultat der Entscheidungen, die darin getroffen werden. Je- der von uns nutzt das Netz, wie er mag, zum Schreiben, Lesen oder Kaufen. Die NSA hat sich entschieden, es auch zum Mit- schreiben, Mitlesen und Ausspähen zu nutzen. Alle Kritik, alle Verbesserung, jede Beobachtung „des Netzes“ muss hier anset- zen, bei den Entscheidungen, die über die Art seiner Nutzung getroffen werden. Damit gemeint ist der Unterschied zwischen Knast und Kreditkarte. Amazon, Google und Facebook können mit ihren Daten über mich schlimmstenfalls eines tun: mir etwas verkaufen. Die NSA und der BND können mich dagegen meiner gesamten Freiheit berauben – um diesen Unterschied muss es bei jeder Regulierungsdebatte gehen.

Sicher, der Staat muss seine Bürger schützen. Aber darf er sie auch dort bevormunden, wo ihnen die Sammlung ihrer Daten egal ist? Anders als bei staatlicher Bespitzelung ist die Gleichgül- tigkeit des Bürgers im Privaten frei wählbar und nicht nur Resul- tat von Machtlosigkeit.

Diese Selbstverständlichkeit, selbstbestimmt mit Daten umzu- gehen, entgeht vielen der heutigen Entscheidungsträger. Sie sind Menschen, die das Digitale noch als virtuelle Realität kennenge- lernt haben. Und sie übersehen, dass die Generation nach ihnen das Virtuelle dieser Realität einfach gestrichen hat. Das aber macht diese Menschen nicht zu Betreuungsfällen – man kann auch bewusst gleichgültig mit Daten im Netz umgehen. Man kann bewusst in einem Netzwerk unterwegs sein, von dem jeder weiß, dass es auch dazu dient, andere zu beobachten. Und man kann es auch normal finden, in dem Bewusstsein zu kommuni- zieren, dass alles sichtbar wird und abrufbar bleibt.

Dass die Generation nach den Schöpfern des Internets keine Scheinwelt mehr im Netz aufbaut, sondern mit den Vor- und Nachteilen leben will, das ist das Neue, das Unbefangene, das Gleichgültige und zugleich Wahre am Umgang mit den Möglich- keiten des Netzes heutzutage. Vor diesem Willen hat der Daten- schutz-Paternalismus zu weichen, denn auch seine letzte Verteidi- gungslinie, die jungen Leute wüssten nicht, was sie tun, bricht ein, wenn man ihre Selbstbestimmtheit anerkennt. Der offene Umgang mit Daten im Internet ist nicht zwangsläufig das Resultat fehlen- den Verständnisses. Er kann auch ein erstes Ergebnis der Entwick- lung dessen sein, was wir seit erst 20 Jahren Netz nennen.

Entwicklungen bergen Risiken. Aber der Staat hat noch nie versucht, alle denkbaren Risiken von seinen Bürgern fernzuhal- ten. Sonst wäre auch Autofahren verboten.

 

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Inselbewohner

Vom widersprüchlichen Umgang der Digital Natives mit den Late Adoptern

Eine seltsame Geschichte: Ein paar Menschen entdecken eine Insel. Bald sind sie sich sicher, dass ihr Umzug auf diese Insel ihre Leben schöner und besser gemacht hat. Deshalb rufen sie laut zum Festland rüber, dass alle Menschen von dort auf die Insel ziehen sollen. Die Menschen vom Festland zögern erst. Doch dann machen sie sich auf den Weg. Schon bald, in tiefen Gewässern, bringen Strömungen und Strudel sie aber in große Gefahr. Einige von ihnen gehen immer wieder unter und kommen nur mit größten Anstrengungen voran. Und jetzt kommt das Seltsame: Anstatt den Menschen zu helfen, das neue Land zu erreichen, stehen die Inselbewohner lachend am Strand und bewerfen sie mit Steinen.

Dass die Inselbewohner die Menschen vom Land dazu auffordern, ihnen nach zu ziehen, um sie bei dem Versuch sodann im Stich zu lassen, ist widersprüchlich. Dieses Verhalten ist jedoch gar nicht so selten. Es begegnet uns fast jeden Tag. Und zwar im Netz.

Es sind vor allem die Lobpreisungen der lauten Stimmen von dort, die immer öfter auch offline Gehör finden. Dieser Tage verkündet Sascha Lobo die Neuerfindung des Buches im Internet. Wenn es nach Apple ginge, würden alle Kinder mit Podcasts unterrichtet. Und die Macher sozialer Netzwerke wie Facebook oder Elitepartner fordern uns auf, alles Zwischenmenschliche in Kabelschächte zu verlegen.

All diesen Ansätzen ist eines gemein, nämlich der Aufruf, von offline Richtung online zu wechseln. Übertragen auf die seltsame Geschichte von oben könnte man sagen, die Anführer der Inselbewohner stehen schon am Rand des Netzes und rufen laut aus ihm heraus: Kommt alle rein!

In der seltsamen Geschichte ging es damit weiter, dass die Menschen vom Land diesem Aufruf folgten. Und das lässt sich außerhalb der Geschichte ebenfalls beobachten. Auch in Zeitungen aus Papier wird über Sascha Lobos digitale Bücher berichtet. Die ersten Lehrer beginnen damit, ihre Kinder an iPads zu unterrichten. Die Digitalisierung schreitet voran. Und die Anführer der Landbewohner verhindern sie nicht, sondern fördern sie. Angela Merkel hat, als Chefin der Landbewohner, dabei im vergangenen Sommer vor den Gefahren gewarnt, die auf dem Weg ins Neuland lauern. Anfang Oktober hatte nun auch der Tatort, ein Gradmesser für die auf dem Land relevanter werdenden Themen, das Netz zum Gegenstand. Dass er vielen Menschen das Thema näherbrachte, die bislang kaum etwas davon wussten, belegt bereits die hohe Einschaltquote. Schließlich haben sogar Offline-Ikonen wie Rainer Brüderle klassische Stammtischtätigkeiten wie den Wahlkampf auf Facebook-Profile ausgelagert.

Aber wie reagiert das Netz darauf, dass die Menschen von draußen sich nun auf den Weg in es hinein machen? Richtig, man erinnere sich nur an die Inselbewohner von oben: Angela Merkel erntete aus allen Ecken nur Hohn und Spott. Dass sie noch nicht angekommen war, dass sie die Sprache der Inselbewohner noch nicht perfekt sprach, dass sie noch kein Digital Native war, sondern als Late Adopter offenbar als nicht integrierbar gelten musste, genügte, um an der Pforte abgewiesen zu werden. Den Tatort-Machern ging es nicht besser. Auch sie ernteten nur Häme für all die kleinen und, glaubte man den Netzbewohnern, unverzeihlichen Fehler. Der Wahlverlierer Rainer Brüderle sah sich schließlich gezwungen, ganz umzukehren auf seinem Weg zur Insel. Er löschte sein Profil, als der Spott strafrechtlich relevant wurde.

Es scheint einen Freibrief auf der Insel zu geben: Wer nicht von Anfang an dabei war, über den darf gelacht, der darf mit Steinen beworfen werden. Dass sein Versuch der Annäherung Kraft kostet und mit den Hürden und Fehlern, die jeder Wechsel birgt, verbunden ist, wird nicht gewürdigt. Wer mit einer Sache neu anfängt, der kann sie nicht so gut wie einer, der sie schon ewig macht. Dies zu ignorieren und sich inzestuös gegen alle Neuankömmlinge zu stellen, ist en vogue und – so scheint es – ein probates Mittel der Inselbewohner, sich ihrer selbst, der eigenen Web-Credibility und der Coolness ihrer Idee zu versichern. Dabei widerspricht dem missionarischen Aufruf aus den eigenen Reihen nichts mehr, als das.

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NSA OKAY

Ich will Dir einfach sagen, dass es okay ist. Dass Du dir nicht alles zu Herzen nehmen musst, was die Menschen im Internet sagen. Das sind nur die lauten, die, die wir hören, weil sie schreien. Aber die anderen sind auch da. Die leisen, die bei Dir sind.

Du bist nicht allein. Dass man da so reinrutschen kann und dass dem Ganzen eine Idee zugrunde liegt, die mit Schutz, mit Sicherheit, mit Leben und Sorge um die Schwachen zu tun hat, das wissen diese Menschen, die leisen, und dass sie das wissen, sollst Du wissen. Und dass Du deine Familie ernähren musst, dass man so einfach selbst in Amerika keinen neuen Job mehr findet, das wissen sie auch. Dass nicht jeder ein Revoluzzer sein kann, dass nicht jeder ausbrechen, ins Exil nach Moskau gehen, seine Frau für eine Idee verlassen, auf seine Heimat, seine Straße, den Mann im Supermarkt, der einen mit Namen anspricht, den Himmel, den man seit der Kindheit kennt, die eigene Sprache einfach verzichten will, das wissen diese Menschen und das sollst Du wissen und deshalb will ich Dir das sagen.

Denn Du sollst die Zweifel aufgeben, die Dich quälen, seit Dein ehemaliger Kollege alles öffentlich gemacht hat und Du sollst weiterleben aber: Wie komme ich an Dich ran? Wie bringe ich diese Nachricht zu Dir? Dein Schreibtisch steht im Verborgenen, hinter einer Tür, vor der ein Computer steht. PRISM prangert auf seiner stählernen Brust und dass ich das richtige Codewort eingeben muss, um reinzudürfen, zu Dir, um ausgedruckt, in eine Akte mit braunem Deckel geheftet Dir vorgelegt zu werden, damit Du mich siehst, von meinen warmen Worten für Dich liest. Aber was soll das Codewort sein? Der Türsteher verrät es mir nicht. Ich beginne zu tippen, hab unendlich Versuche frei, flüstert seine metallene Stimme mir wireless ins Headset:

Anschlag, Ungläubige, Hauptbahnhof, Mujaheddin, Freiheit, Landweg nach Peschawar, Autobombe, Sprengfalle, Israel, Autobus, Kino, weiches Ziel, Düngemittel, Kopfschuss, USA, Atta, Militärstützpunkt in Süddeutschland, U-Bahnhof, Feindesland, Explosion, Attentat, Besatzer, besetztes Palästina, Burger King, Gaddafi und sein Buch. 

Ich probiere alles. Aber Deine Tür bleibt zu. Wie hieß Gaddafis Buch noch mal, ich komme nicht drauf. Ein letzter Versuch, ich suche mit Google, dann mit Yahoo, nichts. Ich mache die Facebook-App im Handy auf, starte den Chat und Micha weiß was, schreibt er mir. Guck bei Wikipedia nach, tippt er, hat irgendwas mit Islam zu tun, ich tippe zurück, Islam? Bing, und PRISM springt auf grün.

So einfach? Brauner Deckel, nicht gläsern, nein, gedruckt auf recycletem Papier lieg ich vor Dir, und Du blätterst in mir, gibst, was Du nicht kennst, weil Du kein Deutscher bist und eure Übersetzer gerade Donuts essen, bei Google-Translate ein und bekommst mit, was ich Dir sagen will. Du seufzt. Weil das Verfahren gegen mich einzustellen mehr Begründung erfordert, als es auf Wiedervorlage zu legen, holst den Stempel raus, den roten. Machst heut früher Schluss und Barbecue zu Haus, rufst Frau und Kinder rein und ihr betet vor dem Mahl, angefasst, Augen zu, Kopf runter, flüstern verboten, nichts soll jemals anders sein.

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Startup-Amt

„Herr Kaminski, bitte.“ Kaminski war aufgeregt. Nach dem Umzug von Köpenick nach Mitte wechselte die zuständige Arbeitsagentur und mit ihr die zuständige Sachbearbeiterin.
„Tach-schön.“ Kaminski trat ein.
„Guten Morgen, Herr Kaminski, setzen Sie sich.“ Die Sachbearbeiterin schien Kaminski wohlgesonnen. „Herr Kaminski, mein Kompliment zunächst. Nicht viele Langzeitarbeitslose trauen sich, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ich habe ihren Brief erhalten. Erzählen Sie mal.“
Kaminski räusperte sich. „Also. Ich habe nach der Schule eine Ausbildung zum Elektriker gemacht. Dit war noch zu DDR-Zeiten. Aber da gibt’s heutzutage keine Anstellung mehr. Und da habick mir jetzt jedacht, nimmste dein Schicksal selbst in die Hand und machst dich selbstständé, wa. Ick sag ma Elektroinstallation oder sowat.“
Die Sachbearbeiterin lächelte. „Verstehe, Herr Kaminski. Sie wollen ein Tech-Startup gründen.“
„Ein wat?“
„Da sind Sie bei uns genau an der richtigen Adresse, Herr Kaminski. Die Arbeitsagentur-Berlin-Mitte ist auf Startups spezialisiert.“
Kaminski nickte.
„Also!“ Euphorisch band sich die Sachbearbeiterin die Haare zusammen. Sie nahm ein Blatt zur Hand. „Schauen Sie mich an.“ Die Sachbearbeiterin fokussierte Kaminski. „Scharf?“ Kaminski stockte. „Ich frage nur. Unsere Gutscheine für Hornbrillen sind fast alle. Die gehen unter den Gründern weg wie warme Semmeln.“
Kaminski flüsterte. „Ne danke, allet scharf.“
Die Sachbearbeiterin lehnte sich nach hinten zum Regal. „Hier, Karo-Pullis hat man nie genug.“ Kaminski steckte den Pulli in seinen Eastpak.
„Herr Kaminski, haben Sie sich schon eine Social-Media-Strategie überlegt?“
„Eine Strategie?“
„Ja, Facebook, Twitter. Sind Sie schon dabei?“
„Also …“ Kaminski verschob sein Gewicht von der rechten auf die linke Pobacke. „Waren da auch Formulare in dem Ständer?”
Die Sachbearbeiterin verdrehte die Augen. „Herr Kaminski, ich sehe schon, da fangen wir ganz von vorne an. Aber keine Sorge …“ Sie lächelte mütterlich. „Dafür heißt das ja Startup.“ Kaminski lächelte zurück. „Gleich morgen beginnt unser A1-Kurs WordPress-Bloggen für Late-Adopters.“
„Für wat?“
„Für Sie!“
„Dit is aber nett!“
„Gern, Herr Kaminski. Willkommen in Mitte!“

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Roter Iro – Die Zeit nach den Haaren

Geht das auf Kasse? Okay. Hören Sie zu: Ich bin so … kann man das sagen: inkonsistent? Ich glaube, das ist es. Deshalb brauche ich Ihre Hilfe. Ich bin da in irgendwas reingeraten und komme nicht mehr raus. Nicht dass ich das wollte. Das weiß ich gar nicht, ob ich das will, also raus, und zum Wollen gehört ja Wissen und, sehen Sie, da fängt es schon an: Diese schlauen Sätze von mir. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass ich Akzente setze und das baut einen Druck auf. Warten Sie, ich muss das nur kurz twittern. –
Also: Als ich mit meinem roten Iro in den Zeiten der Internetblase anfing, da war alles noch einseitig und klar: Internet-Punk. Booom. Aber das hat sich geändert. Die Dinge sind mehrseitig geworden, multikausal, verstehen Sie? Und dann ist mir die Scheiße irgendwie entglitten, ich komme da nicht mehr hinterher. Mein Straight-in-eine-Richtung-Konzept, also, das passt in dieses veränderte Internet seit Jahren nicht mehr rein und das habe ich begriffen und mich angepasst. Aber nur so halb, nur nach innen, verstehen Sie? Nach außen sieht es immer noch so straight-in-eine-Richtung aus. Auf den ersten Blick, meine ich. Roter Iro. Sehen Sie nicht? Aber sobald man dieses Konzept hinterfragt, sieht man: es geht nicht mehr auf. Und davor habe ich Angst: Stellen Sie sich vor, die Menschen fangen an, mich zu hinterfragen. Inkonsistenz, das nehmen einem die Menschen doch übel, oder? Und ich habe die Fährte ja selbst gelegt: Neulich habe ich die Texte auf meiner Internetseite gelesen. Wissen Sie, wie bescheuert ich mir dabei vorkomme, meine Vita jedes Mal in der dritten Person zu ergänzen? Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Internet auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur.“ Ich bin doch ich und nicht irgendeiner, der mich kennt. Warten Sie, das muss ich kurz twittern. –
Oder das hier, ziehen Sie sich das mal rein, ich habs extra ausgedruckt: „Es ist für mich selbstverständlich, sowohl den Inhalt wie auch den Stil des Vortrags (…) anzupassen.“ Finden Sie das noch punk? Ein Punk biedert sich doch nicht an. Für gewöhnliche Menschen ist das an sich ja okay. Wer was verkaufen will, der muss das an den Mann bringen. Wer sich verkaufen will, der muss sich an den Mann bringen. Das macht jeder so, das muss jeder so machen. Aber ich, ich bin nicht jeder, ich habe die Dinge nie wie jeder gemacht, ich habe sie immer anders gemacht, das war mein USP, immer, ich habe einen roten Iro, Mensch! Dafür sind die Menschen zu mir gekommen. Und nicht ich auf sie zu. Aber dann bin ich älter geworden und, wissen Sie: Der Mensch muss doch von irgendwas leben. Warten Sie, das muss ich kurz … –
Und als Freiberufler, da kommt die Kohle nicht einfach so jeden Monat. Das muss ich Ihnen nicht erklären. Das ist bei Ärzten nicht anders, als wenn man sein Geld mit Vorträgen verdient. Und da musst Du Kompromisse eingehen. Aber das meine ich mit inkonsistent, verstehen Sie? Ich bin nicht Kompromiss. Warten Sie … –
Ich weiß nicht, was mich da geritten hat. Irgendwann dachte ich, die Krux ist: um diese Kompromisslosigkeit zu verkaufen, musst Du mit dieser Kompromissscheiße für dich werben. Das klingt nach einem Widerspruch und ich dachte, das passt zu mir, Widersprüche sind doch punk. Aber dann hab ich reflektiert: Das war natürlich nur eine Ausrede, um diese Anpassung vor mir selbst zu rechtfertigen. Natürlich könnte ich mich auch einfach zurücklehnen: Telekom, VW. Das sind mittlerweile meine Kunden. Und davon kann ich leben. Aber was mein Gehirn fickt ist, dass hinter diesen ganzen Konzernen irgendwelche Team-Building-HR-Spastis stehen, die sich einfach den lustigen Punk-Affen in die Mitarbeiterversammlung holen. Die benutzen mich. Und in der Afterhour machen sie einen auf Streetcredibility, weil sie es gewagt haben, mich einzuladen. Voll cool, wie der plötzlich einen auf Ernst gemacht hat. Und der Irokesenschnitt, schön! Ich könnte kotzen. Ja, die finanzieren mein Leben. Aber ich hab doch auch was zu sagen.
An diesem ganzen Schlamassel bin ich doch selbst Schuld. Ich bin ein Punk mit Existenzangst. Ja, ich weiß selbst: man kann alles immer auf Angst zurückführen. Das ist Küchenpsychologie, sagen die Kids von der Meta-Ebene. Warten Sie, ich muss das kurz … –
Aber nur weil etwas oft und auch von dummen Menschen gesagt wird, ist es doch nicht per se falsch. Sehen Sie, schon wieder so ein Satz! Warten Sie … –
Neulich dachte ich: Einfach Iro ab! Aber wie soll ich mich dann über Wasser halten? Stellen Sie sich mal vor, die Leute gucken nicht mehr mich an, sondern das, was ich sage. Überlegen Sie mal, einer kriegt mit, dass in meinen Büchern seit zehn Jahren dasselbe steht. Noch krieg ich das hin. Ich hole mir einfach Co-Autoren. Aber was ist, wenn das auffliegt? Es gibt ja schon erste Anzeichen. Meine Followerzahl stagniert seit Monaten. Selbst meine Frau twittert mittlerweile über andere Dinge als mich. Und dann wirst Du schweißgebadet wach, stehst auf, gehst ins Bad, guckst in den Spiegel und siehst: diese Haare! Und alles geht wieder von vorne los. Wie ein Korsett. Ein roter Iro mit 38! Steht da, geht nicht ab, schnürt mir die Luft weg. Aber ich darf mich nicht von ihm trennen. Und dann kam der Zusammenbruch. –
Neulich wache ich auf und es schießt mir durch den Kopf: Was ist, wenn Dir eines Tages die Haare ausfallen? Das kann ich doch nicht ausblenden. Damit muss man sich doch konfrontieren, wenn das ganze Geschäftsmodell an ein paar dünnen, roten Fäden hängt. Und dann saß ich da und habe wieder reflektiert: Ich werde mich absichern. Endgültig. Mit Hand und Fuß. Meine Fake-Identity als Teeny-Modebloggerin habe ich aufgegeben. Die Sachen, die mir die Modefirmen schicken, haben eh nie gepasst und den Scheiß bei eBay zu verticken, das reicht nicht zum Überleben. Auf der re:publica habe ich dem Volk dann den Schulterschluss mit Merkel verkauft. Ich plane da sowas wie einen soften Übergang. Ich werde mich in irgendwas reinwählen lassen. Verstehen Sie? Man muss doch auch an die Zeit nach den Haaren denken. Warten Sie …

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Venture Capital Berlin

„Berlin ist die Venture Capital of Europe.“ Theodor unterbrach sich. „Haha, kleiner Scherz von mir. Startupmäßig ist die Stadt natürlich vollkommen overrated.“ Theodor verlor seinen Gewinnerblick für keine Sekunde. Ich lachte mit. „Sorry.“ Theodor lächelte und hielt dem Kellner einen Fünfziger hin. „Prost.“ Theodor knallte sein Bier gegen meines und trank. „Und was machst Du?“ Ich erzählte Theodor von meiner Idee und dass ich die Startup Lounge nutzen wollte, um Leute kennen zu lernen, die mir bei der Umsetzung helfen. „Das ist gut. Seed Camp, Startup-Bootcamp, Hackathon, Next Berlin: Networking ist das A und O.“ Theodor richtete seinen Zeigefinger auf mich. „Alpha bis Omega, sage ich immer.“ Ich nickte. „Aber verschwende Deine Zeit nicht mit den kleinen Fischen. Wir haben jedes Jahr 700 Investments.“ fuhr Theodor fort, „Mit unserer Hilfe sind 100 Gründer zu paper millionairs und zehn zu richtigen geworden.“ Theodor ließ mir eine Lücke, um etwas zu sagen aber ich wusste nicht, was. „Sowas schafft man nicht alleine. Kaum ein Startup hat den richtigen Fokus fürs business. Die Idee ist 30 Prozent des Erfolgs. Deine ist gut. Aber nur wir bringen Dich zu den core issues. Lacking market orientation? Wir orientieren Dein Produkt am Markt. Know your margin! Wir sorgen dafür, dass der Gründer sich nicht zu sehr auf die Technologie konzentriert. Cost base too high? Wir senken Kosten and build your team. Wir haben Schulungsvideos im Internet. Auf Englisch!“ Theodor unterbrach sich, nahm einen Schluck von seinem Bier und ich gab zu, dass mein Englisch nicht besonders gut ist. „Mein advice for you ist: do it anyway. Do it with us. Sicher, es gibt auch andere VCs. Sitar Teli zeigt Dir, how to play the VC game.“ Theodor zog ein Blatt Papier hervor. „Wir zeigen Dir, wie Du es gewinnst. Aber: wenn Du was von uns haben willst, dann musst Du uns auch was geben. Input drives the output. 50 Euro monatlich für iDB, unsere exklusive Info-Data-Base inklusive Newsletter, ist quasi nichts.“ Theodor zog den Montblanc Füller mit blauer Tinte aus dem Montblanc Etui mit weißem Stern. „Einfach hier unterschreiben. Das kannst Du quasi als Geschenk von uns betrachten.“ Ich nahm einen Schluck von meinem Bier und zündete mir eine Zigarette an. Was heißt eigentlich Venture?

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Stop Edu-Hedonism (U-Bahnfahren!)

Das iPad erweitert das Lernerlebnis. Stopp! Das ist Schrott. Glaubt das nicht. Denn das ist falsch. Das hedonistische Kalkül ist tot. Es gibt kein Lernerlebnis. Ein Erlebnis ist die unbedingte Wahrnehmung dessen, was man gerade tut. Immer ohne Meta-Ebene; ohne Denken nur im Fühlen sogar: ohne alles. Beim Lernen geht es nicht um ein Erlebnis, also nicht darum, das Lernen als das, was es ist, zu erleben. Das Lernen, das hat ein Ziel, das über das Lernen hinausgeht: Wissen sammeln.

Die Existenz eines hinter dem Lernen stehenden Zieles unterscheidet das Lernen also vom Erlebnis, wie der Vergleich zu den beiden Standarderlebnissen, dem Achterbahnfahren und dem Orgasmus, beweist.

Lernen ist nicht das einzige, was eines dahinter liegenden Zieles wegen getan wird. Und es ist auch nicht das erste Angriffsziel der Hedonisten. Schon das Laufen wurde vom Walkman seiner wichtigsten Eigenschaft beraubt: Dabei denken zu können. Bald darauf fiel das U-Bahnfahren (U-Bahnfahren!).

Jetzt also soll das Lernen dran sein. Aber Erlebnis und Denken (das mit dem Lernen ja untrennbar in Verbindung steht) sind Antagonisten, die nicht zusammengeführt werden können. Die anderen sagen: Das Erlebnis kann das, was man tut, intensiver machen. Das Lernen würde, wenn man more into it und so ist, effektiver und deshalb besser sein. Aber das Argument geht ins Leere. Denn beim Lernen mit Geräten gibt es überall Auswege, die wegführen: vom Wissen; beim Verfolgen eines unbedingten Dranges. Sagen wir mal zu Zalando. In der Bibliothek ist mehr als die Hälfte aller Studenten mit iPhone und iPad ausgestattet. Und schaut man auf die Retina-Displays, könnte man denken, sie promovieren alle über Facebook. Zurückbleiben, bitte.

Also stoppt den Bildungs-Hedonismus and spread the word worldwide: STOP Edu-Hedonism, occupy your Gehirn! Verfolgt beim Lernen wieder dessen Zweck. Und hört auf, euch diese Fragen über Geschlechtskrankheiten zu stellen. Dip-dip Dip-dip. U-Bahnfahren.

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Soziale Netzwerke: nur noch ein Ich; nicht mehr viele

Das Credo sei Du selbst, das in der analogen Welt schon schwer zu verwirklichen war, sieht sich im Internet herausgefordert.

Weil alle alles gleichzeitig von einem Menschen mitbekommen, ist der Mensch in dem, was er sendet, beschränkt. Denn er kann nur noch die Schnittmenge dessen senden, was allen verträglich ist. Dieses neue, vereinheitlichte Selbst ist deshalb zwangsläufig ein anderes, als das alte: Während das Selbst-Sein einmal bedeutete, hier so und da so zu sein, macht es die Beschränkung der Technik heute nötig, überall gleich zu sein. Sie macht es nötig, das Selbst auf ein einziges zu beschränken und ihm seine Zerklüftung zu nehmen. Das Selbst zu formen, je nach dem, wer vor einem steht, das war Wesensmerkmal von Kommunikation. Aber das ist es nicht mehr, seit der Mensch den physisch vorhandenen Raum zum Interagieren verlassen hat und in die virtuell genannte Realität überwechselte. Damit geht das Wichtigste am Selbst-Sein verloren: Das Anpassen ans fremde Umfeld, das Nicht-Selbst-Sein.

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