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Kategorie: Zur Kunst

Kritik: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch (Michelle Steinbeck)

Nur zwei Halbsätze zu viel hat das Buch, auf Seite 28 stehen sie hintereinander nur von einem Semikolon getrennt.

Man muss jederzeit konzentriert sein, sonst verliert man sich, nicht so, wie man sich durch einen Text verlieren soll, man verliert sich nicht in dem Text, sondern man verliert den Text, doch jederzeit konzentriert gelingt mir nicht, ich bin endlich krank genug, um tagsüber zu Hause sein zu müssen, liegen zu können, so, wie man eben liest, abgesehen von krank. Und deshalb, wegen krank, das ist das einzige, muss ich hier und da zurück und finde Sätze, an denen ich ohne Konzentration schon vorbei gelesen hatte.

Ich wollte ans Ende noch die Bemerkung setzen „Aber!“. Aber muss sie denn wirklich jedes Eszett durch ein Doppel-S ersetzen? Das ist wie konsequent klein schreiben. Drückt entweder etwas aus, das nicht relevant ist oder drückt aus, es nicht zu können. Aber dann ist mir aufgefallen, dass das nichts mit dem Buch zu tun hat. So wenig, dass sich da offenbar keiner wegen gestritten hat. Guter Verlag.

Zusammengenäht wie ein Road Movie

Das Buch ist Bilder, zusammengenäht wie ein Road Movie durch ein Ziel, von dem von Anfang an klar ist, dass es vielleicht nicht da ist, durch einen Koffer und was in ihm ist und tritt und ruhig gehalten wird auf dem Weg irgendwohin, durch jedes der Bilder sticht dieses Ziel sich durch, im Kreis bis an den Anfang, zur Unklarheit zurück.

Nur zwei Halbsätze zu viel hat das Buch, auf Seite 28 stehen sie hintereinander nur von einem Semikolon getrennt.

Buff. Und dann sitzt sie plötzlich neben einer Künstlerin ohne Kunst und sie fangen an zu erzählen und es ist wie durchatmen, alles anders, der Ton wird weich, ein Bild, ein Manuskriptteil, zu dem sie den Übergang nicht hinbekommen hat, ein Bild, durch das der rote Faden nicht sticht, und der Koffer und was in ihm war und trat und ruhig gehalten wurde ist da schon eine Weile weg.

Staunen und Scham zugleich

Die andere spricht es aus, von verloren spricht sie und dich überkommt so eine Ahnung, wofür das alles steht, wofür ein Koffer, den eine mit sich rumträgt und in dem es tritt und den sie verliert steht und es ist wie Staunen und Scham zugleich, dass dir das nicht vorher klar war. Zum Glück geht Lesen allein, denkst du und schämst dich schon wieder, schämst dich dafür, dass es dir zuerst darum geht, beim Danebenliegen, dabei, was wichtig ist, zu übersehen, unentdeckt zu bleiben. Du korrigierst dich, denkst wieder an das, wofür der Koffer steht, nicht für was Gutes, und aus dir käme die Träne, wenn Du dürftest, aber du wirst nicht gelassen, nicht allein, nicht von der Erzählerin, denn sie will weiter, will, dass Du weitergehst, wie sie in diesem Moment, dem einen, in dem sie sich falsch entschieden hat.

 

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Über-Schönheit

Sie war so schön, dass man ihre Schönheit nicht unbefangen genießen konnte, sondern angestrengt Makel suchte, Mitleid in sich zu erzwingen versuchte, weil das doch schlimm sein muss, wenn andere immer nur auf das Äußere achten, Neid in sich aufkommen spürte, weil die sich ja alles erlauben kann und auf niemanden Rücksicht nehmen muss, an ihrem gleichgültigen Blick kann man es doch sehen, der ist der Beweis dafür, schön, ja, aber in Wahrheit doch nur die Fassade vor innerer Hässlichkeit. So steht man dann da. Und staunt. Über sich und die Mechanismen des Schutzes, die sich einrichten, von alleine in einem, wenn man sich verteidigen will gegen das, was nicht aufkommen soll. Und Du nimmst die Arme hoch, in Abwehrhaltung. Aber da hats schon Peng gemacht und gekracht, wie bei einem Profikiller, zwei Schuss, einer in Deinen Kopf, einer in Deine Brust.

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Skulptur aus stehenden Kindern

Und dann bist Du plötzlich der Täter. Stehst vor einer Skulptur aus stehenden Kindern. Also sagt man Dir. Aus sechs Kindern, die mit dem Rücken zu Dir mit ausgestreckten Armen an einer Wand stehen. Erkennst Du. Und Du begreifst: Du stehst gar nicht vor, sondern hinter den Kindern, Du bist der Polizist, der auch mit ausgestreckten Armen dasteht. Aber Deine Arme werden schwer von der Waffe, die sie runter ziehen und Deine Finger werden taub, von den Drohungen, die Du rufst. Du zielst auf die Kinder und sie zittern und noch ein letztes Mal für heute kommst Du raus aus dem Moment, denkst kurz an die, die von der Skulptur aus stehenden Kindern und von eindrucksvoll und so sprachen und fragst Dich, was geht mit so einem Mann, der ich gerade bin, was muss passieren, dass der so etwas machen kann, die Kinder schauen Dich nicht an aber Du ihnen in den Rücken und Du assoziierst sie mit Symptomen, warum der Mann bei denen ansetzt, fragst Du dich, wenn doch die ganze Welt von der Bekämpfung von Ursachen spricht und Du erkennst, dass nur Du, der Polizist, der Kreisausbrecher sein kannst: Die Kinder sind zu jung, das, was man System nennt, ist zu diffus, nur Du allein kannst … was machen? Was ist dieses Ausbrechen, von dem alle immer reden? Und dann lässt Dich das, was die anderen Skulptur aus stehenden Kindern nennen, da stehen und nach der Lösung für ein Problem suchen, das Du noch nicht mal richtig fassen kannst und Du erkennst, dass Du nicht von der Skulptur aus stehenden Kindern mal eben für den Moment zu dem Mann gemacht wurdest, der mit der Waffe auf Symptome zielt, sondern dass Du irgendwie seit immer schon dieser Mann bist, und nie ausbrichst, sondern Dich weiterdrehst, wie das Proseccochen in Deinem Kopf, noch eins bitte, und dass Du, seit alles sich irgendwie in den immer selben Bahnen zu drehen begann, wartest, bis Dich was raushaut, rausbricht aus dem Kreis, aber Du drehst dich nur schneller im Kreis, das ist das Glück, dass die nächste Proseccorunde Dir beschert aber nichts haut Dich raus, Du hoffst noch, noch ein Glas, aber es geht schief. Wie bei jedem Dschum. Du machst den Polnischen und stehst wenig später ganz klar da. Vor Dir nur noch die Straße, gerade, auf die sich die gesamte Vernissage verengt, wenn Du erkennst, dass die Straße in beiden Richtungen nicht vor einer Wand endet. Wie Du. Sondern offen ist. Wie das, was gerade mit Dir gemacht wurde. Nicht von einer Skulptur, die irgendwie steht. Sondern von großer Kunst. Die dich bewegt.

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Hinweise: Hier gibt es ein Bild der Skulptur. Daten zur Ausstellungseröffnung: Iris Kettner – Inecht | 11. September 2014 | 19.00 Uhr | Haus am Lützowplatz

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Schlechte Art

Das war halt so, dass wir erst gesagt haben, ja, wir machen das. Und wir hatten auch nen Plan, also einen, der war vollständig und nicht nur so halb oder so, so waren wir nicht, denn wir wussten ja, davon gibt es genug. Und dann haben wir gesagt okay er macht die Beats und ich schreib die Texte und sie macht die Voice, so halt jeder entsprechend seiner Talente gemäß und sie hatte echt sone bitchy Art Mann das hätte bombe in jeden Video gepasst, naja und seine Beats waren genauso, also ich sag mal von dem her echt schon perfekt und es war jetzt auch nicht so, dass ich nichts schreiben könnte, ja, also ich hab ja gesagt, dass ich das mache und so und ich hätte es auch gemacht, nur ich sag mal auch, das geht halt am besten, also eigentlich nur, wenn die richtige Stimmung da ist, verstehst Du, so vom Mind her und ich sag mal wie sie schon immer geguckt hat, also allein, wenn sie auf Toilette war, sie hat sich aufgeführt, als wäre sie in einen Hotel naja und er, ich schwör, er war verliebt in sie, wie er ihr immer alles durchgehen also erlaubt hat, übertrieben behindert, wenn sie sagt Basecap sorum dann er macht sorum, verstehst Du, also echt so auf die schlechte Art.

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Leerstelle

(…)
Wenn Du nicht leer bist, sondern S-Bahn fährst, Kaffee trinkst, Dich aufregst und wieder runter kommst und dann schlafen gehst und darüber das Schreiben vergisst. Dann hast Du zwar viel gemacht aber bald ist das dann weg, denn man erinnert sich ja nicht mehr dran und eine Sache, an die man nicht mehr denkt: die war ja nie da. Ohne Ohr, das es hört, kein Geräusch. Ohne Mensch keine Welt. Ohne Bewusstsein kein Objekt. Könnte man denken. Dachten schon viele. Und die Dinge würde sagen: Fickt euch doch, ihr Philosophen, wir sind auch ohne Menschen da.

Aber die Dinge sagen ja nichts. Sondern überlassen die Deutung uns.

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Teil einer Kategorie

Wann kennt man jemanden nicht mehr? Es gab eine Zeit, da kannte uns niemand so gut wie wir. Wir waren mal ein Paar, liefen fast jede Nacht zusammen die Schönhauser runter. Oft war einer von uns, mal Du, mal ich, so besoffen, dass der andere ihn  halten musste. Wir arbeiteten von mittags bis nachts an unserem Traum. Und dann hast Du diese Kopfentscheidung getroffen, so hast Du sie damals genannt. Einen Monat lang hatte ich Bauchschmerzen, wenn ich an Dich dachte, dann traf ich meinen Mann.

Und irgendwann begann ich, von Dir zu lesen. Erst Berliner Woche dann Tagesspiegel dann Tagesschau. Schauspieler des Jahres. Bekannt dafür, seine Rollen umzuschreiben.

Einmal fragte mein Mann, ob wir in einen Deiner Filme gehen. Er mag den Hauptdarsteller, findet den irgendwie cool. Im Friedrichstadt Palast war neulich eine Premiere und Du liefst über den roten Teppich und ich auf der anderen Straßenseite von der Arbeit nach Hause. Ich wohne immer noch hier. Du mal hier mal da, steht auf Wikipedia. Wie würdest Du mich finden, wenn Du das wolltest? Und warum stellen sich alle Fragen nur in Deine Richtung? Nur-ich-und-Du, nie Du-und-ich.

Ich denke an Dich als entgangene Chance. Wenn man nicht mehr zusammen ist und vom anderen nichts mehr hört, dann vergisst man auch die Eventualitäten. Aber das erlaubst Du mir nicht, wenn Du mich von dem Poster über dem Bett meiner Tochter aus ansiehst. Die Zeit in Berlin habe Dich geprägt, zitiert Dich Spiegel Online. „Damals ist viel Wichtiges passiert.“ Viel Wichtiges. Zum ersten Mal bin ich Teil einer Kategorie. Damals. Sprichst schon von mir aus dem Danach. Würde das auch gerne können. Ab wann kennt man jemanden nicht mehr?

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Autor gesucht Ausrufezeichen

Ich brauche eure Hilfe! Dieses Blog wird heute ein Jahr alt und zum Jubiläum soll kein Text von mir hier stehen, sondern einer, der seit über einem Jahr in meiner Küche hängt. Ich habe den Text in einer Disko gefunden, die sich in einer flachen Platte hinter dem Rathaus Mitte befindet und an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Der Text hing schwarz und in Times New Roman gedruckt auf einem weißen A4 Blatt an einer braunen Wand in der Nähe der Toilette (der Rest der Erinnerung ist noch diffuser). Ich machte ihn ab und nahm ihn mit und ich hoffe, mit seiner Veröffentlichung hier an den Autor zu kommen, nicht, um sein Freund zu werden oder über Seelenverwandtschaft oder anderen Quatsch zu reden, sondern um das zu machen, worauf es in Literatur ankommt, das, was mir auf diesem Blog im vergangenen Jahr ab und zu passiert ist und mich jedes Mal lächeln machte, das, was mein Schreibgrund ist, ich will: den Autor wissen lassen, dass sein Text krass cool ist und dass ich diesen Text mindestens einmal in der Woche lese, meistens beim Rauchen, und dass ich immer etwas anderes darin finde, weil der Text nicht viel vor-, sondern Raum gibt, dass er zwar nicht von mir ist aber es mir vorkommt, als sei er über mich. Hier ist er, der Text:

 

rumkurven

unerlöst schneller
drehe ich im kreis

falle atemlos zurück
und überrunde mich selbst

wie lange steht die zeit schon still?
weiterrasend

warte ich darauf,
dass es mich endlich aus der kurve trägt

 

Ps.: Ich dachte bis vorgestern, dass das Jahr 56 Kalenderwochen hat. Hat es aber nicht. Es sind nur 52. Ich habe da was verpeilt und das hängt mit einer Eselbrücke zusammen: Ich merke mir schon seit der Kindheit, dass das Jahr 365 Tage hat, indem ich mich daran erinnere, dass der Fernsehturm in Berlin 356 Meter hoch ist. Die letzte Zahl stimmt heute nicht mehr, weil die Antenne verlängert wurde aber dass man die letzten zwei Ziffern vertauschen muss, hat immer ausgereicht, um jedenfalls die Zahl der Tage im Jahr zu behalten. Jedenfalls schloss ich dann, ich weiß nicht wie und seit wann, hiervon auch darauf, dass das Jahr 56 Wochen hat. Erst als ich vorgestern einem Freund davon erzählte, wurde das Missverständnis aufgeklärt. Dieser Dieses-Blog-wird-ein-Jahr-alt-Jubiläumstext kommt deshalb exakt vier Wochen zu spät, sorry, Prost nachträglich, und jetzt: bitte helft mir, ruft einmal laut zum Mithelfen auf und teilt das auf allen möglichen Wegen, damit der Autor von rumkurven endlich an sein Lob kommt. Zur Not noch zwei-, dreimal lesen. Tausend Dank!

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Und ich sehe den Toten beim Leben zu

Schauspielerin Hildegard Krekel an Krebs gestorben, las ich letzte Woche und las schon fast woanders weiter, weil ich nicht weiß, wer das ist, dachte ich, und sah dann noch im Augenwinkel Ein Herz und eine Seele da stehen, den Titel dieser Serie, die wir immer sahen, und dann kamen sie mit einem Schlag hervor, aus der Erinnerung, die Bilder von unserem Sofa in Karow, auf dem ich hockte, saß und lag, das Sofa, das erst ausgewechselt wurde, als ich nicht mehr mit meinen Eltern Fernsehen guckte und die Erinnerung wurde stärker: Diether-mit-H Krebs, an einem Krebsleiden gestorben, Krebs-Krebs, ha-ha, haben wir damals auf dem Basketballplatz in Lichtenberg gelacht, als wir noch nicht wussten, was man zu dem Gefühl, das man dann hat, sagt. Schwarz-weiß und später bunt und: Dann sehe ich den Toten beim Leben zu. Mit dem nächsten Blick in die Erinnerung. Sehe mich hocken, sitzen, liegen und zusehen, wie sie über Ekel Alfred lachen, über Ekel Alfred resignieren, über Ekel Alfred schimpfen, mit Ekel Alfred kochen, neben Ekel Alfred Fernsehen gucken und neben Ekel Alfred selbst auf Sofas sitzen, die Toten, schwarz-weiß, später bunt. Erinnerung. Und ich sehe sie leben. Und wie sie spielen. Fernseher an, Best-of-Ekel-Alfred, wieder mal dran, ein neuer Tod, ein neuer Anlass für den Sender, mir noch mehr Bilder von den Toten zu geben, als die Erinnerung das kann, ich gucke genau hin, sehe ein Schmunzeln, das nicht zum Spiel gehört, höre ein Stocken in der Stimme, das nicht rausgeschnitten wurde, sehe sie Fehler machen und lachen. Die Toten. Und dann les ich ihre Namen im Abspann. Von unten nach oben ziehen sie den Fernseher rauf, repeat, lese noch mal nach, die Toten, Wikipedia schreibt mit und nennt das Nekrolog, zählt sie auf, die Toten, schließt die Leben mit einem Bulletpoint ab, das Update schon bereit für den nächsten, wird online gestellt, sobald die Röhre ausgeht, bei Nacht. Und ich schalte wieder an und als wäre es jetzt, sehe ich den Toten noch einmal beim Leben zu aber dieses Gefühl, um das es geht, kommt nur bei denen, die nicht vom Tod überrascht wurden:

Sie spielen da, in den Filmen, alten Filmen, und sie spielen unbefangen von der Gefahr, die in ihnen schlummerte, damals schon, und ich sehe sie schmunzeln, stocken, Fehler machen in dem Schatten, den ihre Körper über sie legen, von Anfang an, der Schatten, den sie nicht sehen, wie man Wolken am Tag oft nicht sieht, weil es trotzdem hell ist und sehe sie nicht wissen, was ich weiß, wenn ich zugucke: Sie lauert in ihnen. Die lange schwere Krankheit ohne Komma getrennt. Nicht auf einmal vom Zufall als Unglück gebracht wird er plötzlich da sein, ihr Tod, nein, er wird aus ihnen kommen, von den Genen geschickt, und Du wirst fast verrückt, schwarz-weiß, dann bunt, spüre ich so etwas wie Schuld daran, sie nicht zu warnen vor dem, was kommt, vor dem, was jetzt gekommen war, spüre so etwas wie Schuld daran, sie nicht zu warnen vor ihren Körpern und der Gefahr, die in ihnen lauert, die Gefahr, die während sie schmunzeln, stocken, Fehler machen sich schon ausbreitet, spüre den Tod in ihrem Lachen, spüre ihn da lauern, mit einem Grinsen vom linken bis zum rechten Mundwinkel, bevor sie sich küssen, vor dem Schlafengehen. Wenn die Folge zu Ende ist.

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Update vom 27. Mai 2015: Und jetzt ist auch noch Ekel Alfreds Frau gestorben.

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Spiegel-Lesen

Du kaufst dir doch kein iPhone, sondern ein Android, weil das System offen ist.
Und dann nimmst Du weniger Waschmittel, weil die Wäsche ja auch gar nicht so richtig schmutzig wird.
Dann fängst Du an mit Drehtabak, weil das viel echter schmeckt, als Gekaufte.
Du fährst Fahrrad und nicht Bahn, denn das geht in der Stadt viel schneller.
Im Görli wird man auch braun, sagst Du und Surfen in Marokko ist für Spießer.
Second-hand ist cool und originale Chucks sinds nicht.
Dass deine Mitbewohner in den großen Zimmern ständig laut ficken, ist kein Argument mehr gegen eine WG, denn Du magst es, wenn was los ist.
Nach dem Bauen bist Du nicht der, der haut, weil Du nichts dabei hast von dem,
was man zum Bauen braucht, denn das ist ja schädlich, okay, einmal ziehen wird schon gehen.
Wedding ist dein neues Neukölln.
OBEY ist Kommerz.
Drinks schmuggelst Du ins Kater Holzig, weil das ne mega witzige challenge ist.
Du bist ne Jute und your other bag is Chanel.
Hast nur noch Wasser in der Club Mate Flasche, denn … Zucken mit den Schultern und ein Lächeln.
Nimmst eine Pappstiege, weil Plastiktüten die Umwelt verpesten.
Bist nicht verschwenderisch, entscheidest global, ganzheitlich, nachhaltig.
Stimmst für das bedingungslose Grundeinkommen, denn nur dann kann sich der Mensch frei entfalten.
Widersprichst nicht mehr reflexhaft, wenn dich einer auf was einlädt, weil Widersprechen unhöflich ist.
Und beim Spiegel-Lesen im Supermarkt wird dir plötzlich klar, dass du nicht Künstler in Berlin, sondern arm geworden bist.

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Manfred Krug

Und dann sprengt dieser Satz alles in deinem Kopf und es bleibt nur er zurück, weil er das ganze Hickhack zusammenfasst, auf einen Punkt bringt, den Punkt an seinem Ende, und weil Du nicht mehr die Fäden verlierst, wie das beim Denken im Zusammenhang mit Liebe ja immer so ist, nicht nach vorn und nicht zurückspringen musst, weil Du es gar nicht mehr kannst, sondern stehen bleibst, weil dieser Satz es dir endlich erlaubt, durchatmest, weil Du es nach Wochen zum ersten Mal darfst, lachen kannst, weil Du es zum ersten Mal kapierst. Das, was abgeht. Das mit Dir. Das, was der Satz einfach sagt. Das wird ganz schlimm für mich, wenn Du mich mal verlierst.

Und ich hab kapiert, dass ich es sein werde, der geht und der dir, wenn Du nach deiner Flucht vor mir irgendwann zurückkommst, die Tür nicht mehr aufmacht, sondern dahinter steht und weint. Ich hab es verstanden. Der Satz hat es mir erklärt, obwohl er da, wo ich ihn herhabe, gar nicht zu dem gehört, was gesagt werden sollte. Er steht für sich und steht für mich und sagt mir, dass ich es sein werde, der Dich versteht und der dann Schlüsse und dann den Schlussstrich zieht. Mein Schluss, das wirst Du dann sehen, wird endgültig sein, das erkennt der Satz auch, kann es mir immer wieder von ihm erklären lassen. Und Du wirst dir Schuld dafür geben und es mir schreiben und ich werde es lesen und meinen Satz und mich wird jeder deiner vielen Sätze bestätigen darin, dass ich nicht mehr zurückkann zu dir, weil Du mich kaputt machst, weil Du mich verloren hast. Du, deren Kinder ich mich schon Papa rufen hörte.

Danke für den Satz, Lisa Rank.

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Deutsche Bank Kunsthalle – Die Schlange und der rote Faden

Die Schlange war so lang, sie reichte bis zum Eingang. Die Schlange stand. Und in ihrer Mitte begann ein Gespräch über Kunst.

„Ist das Lady Gaga?“
„Ja, Acryl und Aquarellmix. Diese Technik habe ich selbst entwickelt.“
„Was machen die eigentlich mit unseren Bildern?“
„Die verkaufen die Bilder auf dem Schwarzmarkt. Und dann bringen sie das Geld zur Bank und die parkt das auf …, wie heißt das, na, hier, der Schäuble nennt das immer Schlupfloch.“
„Ja, ich weiß schon. Um rauszufinden, wo das Geld hinfließt, brauchst Du schon einen ganzen Geheimdienst.“
„Wie der BND hier vorne an der Chausseestraße.“
„Die sind ja immer noch nicht fertig, weil die Pläne geleakt wurden. Jetzt müssen die alles neu bauen.“
„So, wie beim Flughafen.“
„Genau. Desaster. Das muss man sich mal vorstellen. Da hängen ja auch Arbeitsplätze dran.“
„Ich war selber mal eine Weile lang arbeitslos.“
„Ein Bekannter von mir auch. Der musste dann zum Arbeitsamt nach Lichtenberg oder so. Das sah aus da, sagt er. Mit Paternoster und so. Direkt wie bei der Stasi. Und das hat man bei den Mitarbeitern auch gemerkt.“
„Mich haben die damals erst mal eine Stunde warten lassen.“
„Da können Sie sich sicher sein, da stecken noch ganz viele von der Stasi drin. Das sind genau diese Methoden. Aushungern lassen.“

Die Schlange bewegte sich ein Stück nach vorn.

„Der Fischer hat aber auch abgenommen.“
„Als der noch Außenminister war, hat der direkt bei mir im Kiez gewohnt. Der ist dann auch immer in meinem Supermarkt einkaufen gewesen. Der hat massiv abgebaut.“
„Naja, schlecht wird’s dem nicht gehen.“
„Wer sich einen Steuerberater leisten kann, dem geht’s nicht schlecht. Heutzutage. Deshalb geht’s den Banken ja auch so gut. Die haben da zig von. Außerdem haben die so viele Tochterfirmen oder wie das heißt in dem Jargon von den Unternehmern. Da sieht einer alleine gar nicht mehr durch. Verbrecher.“
„Ja, gut. Aber das ist auch deren Job. Wenn der Staat das nicht unterbindet, dann ist er ja schuld.“
„Wir sind der Staat.“
„Das sag ich auch.“
„Aber leider nicht der einzige. Amerika, China, Russland. Die haben ja alle auch Computer. Und die hacken sich da ein und dann holen sie sich die ganzen Daten raus.“
„Ja, und dann stellen sie Fahrzeuge her, die sehen aus, wie unsere. Die Chinesen!“
„Die Chinesen! Die muss man im Auge behalten. Amerika ist verschuldet, Europa ist verschuldet. Aber die Chinesen haben Geld. Und wer Geld hat, der kann bestimmen.“
„Bestimmen ist so scheiße. Deshalb hab ich mich als Fotograf selbstständig gemacht.“
„Was fotografieren Sie?“
„Ich mache Portraitfotografie, Werbung, Image, Schauspieler. Ich hab Christian Friedel fotografiert, den kennt man aus Das Weiße Band, aber auch viele, die sind noch nicht so bekannt. Ich bin auch erst so seit zwei, drei Jahren dabei. Schauspieler sind schwer.“
„Ich habe neulich gelesen, dass die Tochter von dem Joop jetzt auch Schauspielerin ist.“
„Der hat zwei.“
„Henriette.“
„Die ist ganz schlecht.“

Die Schlange bewegte sich ein Stück nach vorn.

„Aber die Florentine.“
„Die ist was Besonderes.“
„Bei diesem Vater.“
„Ich kenne den! Ein Freund von mir hat seine Wohnung gestaltet. Aber Joop ist ja nicht gut. Der hat halt eine gute PR-Strategie. Anders der Lagerfeld. Das Wunderkind.“
„Der ist doch gaga.“
„Dann haben er und die Aktion hier ja was gemeinsam.“

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Zum Türken

Komödie
in drei Aufzügen

In moderner Übersetzung
von Ch. Knappe

ERSTER AUFZUG

Mendelssohn-Bartholdy-Park

BÉLINE (tritt als letzte in den Waggon). Wo geht ihr jetzt, hey, wo geht ihr?
ANGÉLIQUE. Wo steigen wir jetzt aus?
LOUISON. Zoologischer.
CLÉANTE. Wo gehen wir dann?
BÉLINE. Ich geh schon Nollendorf.
ANGÉLIQUE. Wieso?
BÉLINE. Na ich geh zu den.
LOUISON (bewegt die Lippen, als spräche sie). Wieso?
BÉLINE. Na ich geh nicht zu den nach Haus, nur mit.
ANGÉLIQUE. Wer ist er überhaupt?
BÉLINE . Ist doch egal. (Béline steht auf.)
CLÉANTE. Geh ma, geh ma.
BÉLINE. Tschüß, wir sehen uns morgen. (ab.)
ANGÉLIQUE. Geh ma.
BÉLINE (ruft hinter der Szene). Laba.

ZWEITER AUFZUG

Nollendorfplatz

ANGÉLIQUE. Wo seid ihr morgen?
CLÉANTE. Ich geh Schule.
BÉLINE. Haha.
ANGÉLIQUE (blickt sie schmachtenden Auges an und sagt verständnisinnig zu ihr). Bist Du behindert? Morgen ist Opferfest.
BÉLINE. Nein Freitag.
ANGÉLIQUE. Nein Donnerstag.
CLÉANTE. Ist doch egal.
ANGÉLIQUE (spottet sie aus). Haha stimmt. Na geh ma. Bist eh kein Moslem.
CLÉANTE. Nein, dann komm ich nicht. Was soll ich alleine machen in Schule? (ab.)

DRITTER AUFZUG

Deutsche Oper

ANGÉLIQUE. Also sie ham so ein Haus, weißt Du? Und ich sag so zu mein Cousin, sie kann doch voll mit den Arbeiter dort rum machen, wenn er die Sachen nicht selbst installiert.
BÉLINE (unterbricht sie). Walla?
ANGÉLIQUE. Walla. Und sie ist sowieso komisch, guck, mit 20 will sie heiraten. (holt das Handy hervor.)
BÉLINE. Ja, wann willst Du sonst heiraten. Mit 32 oder was? (Geigenspiel ertönt.)
ANGÉLIQUE. Guck, sie macht voll Zigeunerhochzeit. (wischt von rechts nach links auf dem Touchdisplay.)
BÉLINE. Mach noch mal andere Foto.
ANGÉLIQUE (packt sie am Arm). Man ist sie hässlich.
BÉLINE. Ja aber Bildschirm ist auch schlecht. (Die Geigen spielen weiter.)
ANGÉLIQUE (höhnisch). Wo ist dein iPhone?
BÉLINE. Meiner? Is in Werkstatt, is hinten voll kaputt.
ANGÉLIQUE. Ich hab jetzt neuen. Aber ist alles auf Chinesisch, ey voll behindert.
BÉLINE (leise). Gehst Du einfach zum Türken. Er macht dir alles auf Deutsch.

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Das Arschloch mit Tiefsinn fisten

Ich bin ein Mädchen und ich wohne in Charlottenburg-Nord aber darauf kommt es nicht an, es kommt nie darauf an, wer Du bist, sondern auf das, was Du machst, sagen die, die solche Sachen über das Leben gerne sagen, denn sie stehen drauf, das Arschloch mit Tiefsinn zu fisten, sagen andere, aber auch auf die kommt es nicht an, das ist das Backend, die Rückseite, but I don’t give a shit, denn ich versende nur Postkarten und zwar an jeden, dessen Adresse ich bekomme und was anderes schreibe ich auch nicht drauf, nur die, die Adresse, und ich erzähle auch niemandem außer Dir, dass ich das tue aber auch das ist alles noch egal, die Vorderseite entscheidet, auf die kommt es an.

Denn auf die Vorderseite klebe ich postenkartengroß das Bild, das Google Street View anzeigt, wenn ich die Adresse des Adressaten eingebe, da wird dein Gehirn gefickt, wenn Du eine Postkarte mit deinem Haus drauf im Briefkasten findest und nicht weißt, wer sie geschrieben hat, wer sich da zu Dir in ein Verhältnis gesetzt hat; an Tresen von Bars und neben Lautsprechern von Clubs um den Savignyplatz herum hab ich das schon von vielen Leuten gehört, die kein anderes Thema mehr haben als dieses Projekt eines unbekannten Künstlers, also: hätte ich gehört, wenn ich nach 19:00 Uhr raus dürfte.

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Chrom-Schwarz

Es ist so geil, wenn Du am nächsten Tag mit dem Bus dran vorbei fährst. Dein Herz schlägt immer noch. Und Du bist der einzige, der einfach mal weiß, was da letzte Nacht abging. Das ist wie so eine Tatort-Tour durch LA. Nur dass Du der Täter bist.

Ob einer gut ist, erkennst Du beim Bomben. Wildstyle, Schnörkel, Schatten, Fadings, Highlight, Outline, Secondline, Thirdline, Fill-In mit vier Farben: Das kann jeder.

Aber Chrom-Schwarz, Mann, da musst Du Gefühl für haben. Proportionen entscheiden da über alles. Das ist noch mal was anderes. Unsere Maximen sind: Schnell, Effizient, Groß. SEG-Crew, Mann. Die Buchstaben sind nicht optimal, da musst Du was können. Das E in der Mitte, das ist hart, Du musst dem Balken einen Flow geben, damit er zu den anderen passt. Du musst immer in Balken denken. Balken sind alles. Maximal ein rotes Highlight kannst Du setzen.

Wir machen nur Straße. Das ist sone Typsache, ob Du eher Straße machst oder Trains. Für mich ist das nichts. Ein Throw-Up, wenn Du gerade am Aussteigen bist, okay. Aber kein komplettes Piece, Mann. T-to-B, E-to-E und so ist schon geil. Aber halben Tag fährt er und dann wird er gebufft. Auf der Straße hängt dein Piece manchmal Jahre. Jetzt nur Rooftops, so wie 1UP am Anfang oder INC früher, das ist auch nicht unser Ding. Da achten die normalen Menschen kaum drauf. Aber das ist nicht nur für Writer. Das ist Kunst Mann, jedes einzelne Tag. Egal, was die Nazis sagen.

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Beim besten Willen können wir Hitler nicht erkennen

Pixel einer Rede

I. Einführung

Peter Büchler pixelt Bilder.

Technisch gesprochen bedeutet das, dass er die Auflösung der Bilder verringert. Die Auflösung zu verringern bedeutet wiederum, dass von einer bestimmten Fläche nur die wichtigste, hier farbliche, Information verbleibt und die anderen Informationen ersatzlos weggelassen werden. Das noch scharf gestellte Auge des Beobachters muss erst verschwimmen, um zu erkennen, was war. Die beeindruckende Kunst von Peter Büchler ist hier zu sehen.

Auch das gesprochene Wort kann man pixeln. Und zwar indem man hervorstechende Informationen herauspräpariert und die übrigen weglässt.

Es folgt der Versuch der Pixelung der Eröffnungsrede, die auf der letzten Vernissage Peter Büchlers gehalten wurde. Ich nenne diesen Versuch Rede II. Die Rede im Ganzen zurückzubilden (oder sonst was in ihren Pixeln zu erkennen), ist freilich dem noch scharf gestellten Verstand des Lesers überlassen. Möge er verschwimmen.

II. Rede II

„Es entsteht ein untrennbares Amalgam.“ … „Das ist der Dialog aus Abstraktion und Realismus, den ich ansprechen möchte.“ … „Sie sehen hier eine vorgefundene Malerei.“ … „Konterkariert und ins Absurde geführt.“ … „Aus etwas Sichtbarem etwas Unsichtbares machen. Sodass partiell noch etwas sichtbar bleibt.“ … „Der Brautschleier, die arabische Burka sind Attribute einer individuellen Anonymisierung.“ … „Unser kollektives Bildergedächtnis wird angesprochen. Random Hitler. Der zufällige Hitler. Hitler wurde sozusagen in seine digitalen Bestandteile zerlegt. Beim besten Willen können wir Hitler nicht erkennen. Doch nicht Hitler, sondern dessen digital erzeugte Tarnung ist das eigentliche Motiv.“ Klingeln. „Gehen Sie ran.“ Lachen. „Unvergesslich möchte ich erinnern an den französischen Philosophen Maurice.“ … „Er öffnet ein weites Feld des Hineinsehens und der Spekulation.“ … „Dieses Statement war das Ende der Malerei.“ … „In diesem Sinne ist auch Peter Büchler ein Realist.“ … „Die Maskerade wird vorformuliert.“ … „Die digitalen Übermalungen sind keine Auslöschung.“ … „Denn bei aller stilistischen Attitüde spielt er mit unseren Sehgewohnheiten.“ … „Nach unseren modernen Regelurteilen könnte dieser digitale Schleier jederzeit wieder fallen.“ … „Sezanne aus Aix-en-Provence.“ … „Warum macht er Sichtbares unsichtbar. Es wird nicht direkt übermalt. Sondern sein digitales Abbild als Vorlage benutzt.“ … „Es zeigt eine Gruppe von fünf Oppositionellen.“ … „Nichts ist bei Dir wie es scheint und nur der Schein trügt nicht.“ Applaus. Applaus. Dann Schweigen. „Peter.“
„Ja.“
„Komm mal her.“
„Ja.“
„Toll.“

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Einfach so

Ich habe immer gesagt, ich will vom Schreiben leben können und dann haben sie irgendwann alle angefangen, mir zu gratulieren. Verlagsvertrag, ja das war schon was. Und dann der Vorschuss für das neue Buch. Dass ich es geschafft und mein Ziel erreicht habe, dass ich endlich angekommen sei, wo ich immer hin wollte, das bekam ich von nun an zu hören.
Leute: Wenn ihr wüsstet.

In Paris wollte ich schreiben und das tue ich jetzt ja auch. Und dass der Lektor mir eine Wohnung besorgt hat, die der Verlag bezahlt, ja, das ist eine glückliche Fügung. Und dass das Schreiben läuft und die Manuskripte fast unverändert bleiben, ja, ja, ja, ich sehe das doch auch.
Aber Leute: Wenn ihr wüsstet.

Das ist doch kein Leben. Was ist denn, wenn das morgen nicht mehr läuft, wenn nichts mehr aus mir kommt. Ich weiß doch nicht warum es geht, warum es funktioniert, kanns doch nicht ein- und ausschalten, vor allem nicht einschalten, wenns mal ausgeht. Was ist, wenn: Schreibblockade lebenslang? Wie lange werde ich dann hier wohnen, na? Drei Monate, ein Jahr?

Da kommt doch nichts zu mir wenn nichts mehr von mir kommt.

Es muss nachgelegt, es darf nicht aufgehört werden. Es gibt noch längst kein Werk, das mich von allein ernährt und ohne Nahrung kann doch keiner leben.

Leute: Nirgendwo bin ich. Das ist kein Ort, der einer ist. Und leben kann man nur an Orten. Da wo alle Menschen leben und eben: atmen. Aber ich bin nicht an einem Ort. Ich muss die Luft anhalten. Bin längst über der Zeit. Muss wieder zurück an diesen Ort, an dem ich als Kind schon einmal war. Muss zurück, um Sauerstoff zu bekommen, der da ist und der, ohne dass ich ihn mit der eigenen Hände Arbeit noch in meinen Mund schieben muss: bleibt. Nur so kann ein Leben vom Schreiben doch funktionieren. Das ist das, was ich Leben nenne: Atmen. Einfach so.

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Keine Interessen

Wenn ich doch nur keine Interessen hätte, dann könnte ich endlich Karriere machen. Eben so, wie meine Freunde es tun.

Meine Dissertation, die ich nur schreibe, um mich von x-beliebigen Bewerbern für eine x-beliebige Stelle abzuheben, meine Dissertation wäre längst fertig, wenn ich nicht ständig ein neues Dokument öffnen und die Gedanken, die mich umtreiben, notieren müsste. Denn eines meiner Interessen ist es ja, mich den Fragen über mich hinzugeben. Und das geht am besten aus dem Danach. Und um im Danach das Jetzt meiner selbst noch fassen zu können, muss ich jetzt, und zwar immer, wenn es jetzt ist, alles notieren, um es dann einer späteren Lektüre zugänglich zu machen, der dann die Auseinandersetzung folgt, die dann meinem Interesse dient: Mich selbst zu verstehen. Aber das dauert ja: stundenlang, tagelang, ein Leben lang, wer soll denn da noch promovieren?

Wenn ich keine Interessen hätte, dann könnte ich in dem Beruf, den ich später mal ausüben werde, viel erfolgreicher sein, ich könnte dann zum Beispiel einfach so abends ins Theater gehen und während des Stücks E-Mails auf dem Handy lesen und beantworten. Ich wüsste dann auch immer gleich bescheid, wenn mich einer braucht und könnte dann kurz rausgehen, um ihn anzurufen und neben der Lösung für sein Problem noch kurz erwähnen, dass ich im Theater bin. Das wirkt sich auf geschäftliche Beziehung ja durchaus nicht schlecht aus. Ich wüsste auch insgesamt öfter, dass mich jemand braucht, wenn ich keine Interessen hätte, denn mein Handy wäre öfter an, nein, es wäre immer an. Es läge neben meinem Teller, auf den man ja schaut, wenn man isst. Es läge neben dem Monitor, auf den man ja schaut, wenn man eine Excel-Tabelle erstellt. Es läge im Auto vor der Geschwindigkeitsanzeige und in der Nacht neben dem Bett. Ich könnte das Handy, wenn ich doch nur keine Interessen hätte, ständig sehen, könnte auf jedes Klingeln sofort reagieren, wenn ich es nicht ständig ausschalten müsste, etwa weil ich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen einen Spaziergang machen muss, um mir über etwas klar zu werden oder weil ich am Abend, weil ich sonst nicht einschlafen kann, noch etwas auseinandersetzen muss oder weil ich das Stück, das ich im Theater sehe, ganz und gar durchdringen will, weil ich wissen muss, was die Theatermenschen aus ihm gemacht haben, nachdem ich mir ja das-und-das dazu dachte.

Wenn ich keine Interessen hätte, dann könnte ich auch vielmehr mitreden. Denn ich könnte mich einfach über das informieren, worüber alle um mich herum immer reden. Das ist jedoch das, worüber mich zu informieren mir keine Zeit mehr bleibt. Weil ich doch Interessen habe und also lesen muss, was mich interessiert. Über die Liebe und das Theater redet ja aber keiner. Und die Textmassen, die es dazu gibt, die sind so groß, dass ich sie nicht schaffen und dann auch noch diese anderen Sachen lesen kann, die, über die man spricht. Schuldenkrise-Quatsch, Neues-Restaurant-Quatsch, App-Quatsch. Ich wäre voll dabei, wenn ich doch keine Interessen hätte.

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Kotze mag doch auch keiner

Ich habe doch so große Probleme mit dem Endzustand von Kunst. Denn das ist der, der mich am wenigsten interessiert. Ich finde nichts, was mich in einer Galerie interessiert, wenn da nichts passiert. Und die Bilder und Figuren, die tun ja nichts. Deshalb wurde ich erst kürzlich für einen Kunstbanausen gehalten, von einem, der sich auskannte, denn der hatte Kunst studiert und trug Lederschuhe. Der wusste Dies und mit Nachdruck dann auch noch Das über das Foto zu sagen, das da vor uns hing und ich fands so, wie man Dinge findet, wenn man die Schultern hochzieht und die Lippen zusammen und Luft hindurch presst. Dass man so einem wie mir auch keinen Vorwurf machen könnte, sagte er dann und führte als Beweis einen langen Blick auf meine Air Max an. – In der Galerie, da gibt’s keine gelben Schlieren an den Fingern und da gibt’s kein Schwindelgefühl von der Verdünnung, da gibt’s keine Bleichflecken auf dem T-Shirt vom Entwickler und keine Brandblasen von zu heißen Ausleuchtlampen. Es gibt keine Schnitte im Finger vom Schneiden durch das Papier und es gibt keine Berührungen der Ellenbogen und Hüften im Rotlicht, während das Foto nach und nach und oft dann zu schnell kommt. – Man kann den Endzustand von Kunst in der Galerie vielleicht nur mögen, wenn man nicht weiß, was alles vor ihm lag, wenn man nicht weiß, dass der Endzustand von Kunst in der Galerie gerade einmal Abfallprodukt ist von Nachmittagen, an denen die Sonne durch das Fenster auf die Leinwand scheint und man die Linie, die die Sonne auf der Leinwand zieht, mit einem Pinsel nachzuziehen versucht, um auch am Abend noch zu sehen, wo die Sonne mal war oder Abfallprodukt von Nächten, in denen sich Eiskristalle auf dem Skizzenblock bilden, mit dem man das Fenster abdichtet oder Abfallprodukt von Lieben, die einen um den Verstand gebracht hätten, wenn sie nicht auf ein Papier gekotzt worden wären. Kotze, Kotze mag doch auch keiner. Ich habe ein Problem mit dem Endzustand von Kunst.

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Mit Zu ist Schluss

Vielleicht liegt es daran, ja das klingt doch ganz plausibel: Vielleicht liegt es daran, dass das Bild des Fotografen, also: die Fotografie, dass die Fotografie ein Teil eines Momentes ist. Sie ist der Moment; anders als ein gemaltes Bild immer und ein geschriebenes Bild in den allermeisten Fällen. Im Gegensatz zu diesen beiden nimmt die Fotografie den Moment nicht nur mit zu ihrem Betrachter. Sie kommt dem Moment im Vergleich zu Malen und Schreiben auch nicht nur näher. Und sie ist auch nicht nur am ehesten der Moment und zeigt ihn, den Moment, erst Recht auch nicht nur ohne Interpretation, nein: das alles genügt nicht, um das Besondere zu zeigen, vielmehr: die Fotografie eines Momentes ist Teil des Moments. Und zwar der Teil, der bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Sie ist echt. Die Fotografie. Er kann freilich auch inszenieren. Der Fotograf. Ja, er kann schminken und Licht machen und posieren lassen. Aber er kann ihn bei alledem nicht verhindern, den Moment, den Moment an sich. Das Künstliche und das Abbildende sind machtlos. Denn sie sind selbst Teil des Momentes, der eben bleibt.

Vielleicht liegt es daran. Der Film des Fotografen ist anders als der des Malers und des Schreibers auch ganz und gar rückspulbar. Verfolgt man die einzelnen Schritte von dem an der Trockenleine hängenden Abzug des Moments zurück zu dem Moment, dann kommt man im Moment an. Ganz physisch. Beim gemalten und beim geschriebenen Bild kommt man indes sonst wo an: nämlich in vielen Momenten, die Maler und Schriftsteller im Bild zu Gleichzeitigkeiten kombinieren. Das Foto ist Teil eines einzelnen Moments.

Vielleicht liegt es daran. Schaffensmäßig ist das Foto im Verhältnis zum Fotografen stets unrein. Denn der Fotograf macht sein Bild – anders als Maler und Schreiber – nicht allein. Das Machtlose und die Unterwerfung unter den Zufall sind Beiwerk zum Bild, das nur Maler und Schreiber ausmerzen können. Zugegeben: es gibt vieles an einer Fotografie, das gar nicht zufällig ist oder momentmäßig-offen oder unplanbar. Der Fotograf weiß etwa ganz genau, wie lang er war, dieser Moment. Aber der Moment ist nicht nur die Zeit, in der Licht auf den Film fällt. Dem Technischen und dem unbewertet Abbildenden ist es auch egal, wie viel Wertung und Schischi im Abgebildeten stecken. Ein Moment schafft sich selbst, egal in wie viele Determinanten der Fotograf den Zufall zu zwingen versucht. Und das Instrument des Moments ist der Apparat. Denn der lässt nur eines zu, lässt nur Licht auf einen Film, mal kürzer und mal länger, mal durch ein größeres, mal durch ein kleineres Loch. Das allein lässt er den Fotografen bestimmen: die Öffnung eines Lochs und ihre Dauer. Mit Zu ist Schluss und es ist da; nicht im Sinne von eben geschaffen, sondern im Sinne von jetzt bleiben: das Bild und mit ihm der Teil des Moments, den Maler und Schreiber niemals schaffen können, weil nach dem Auge und vor dem Festhalten in der Erinnerung an den Moment erst noch das Gehirn kommt, ein Filter, der auf kein Objektiv passt.

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